Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 23 (8.6.1923)
- Date
- 1923-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V WMMDW IMchliberaleZeiimu mm. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle'/«jährl.M.Z000.- Anzelgeu: Grundpreis für die 3*/a cm drei« rnm-Zelle M. 0.25, Jamilieuauzeigeu Al. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Erfcheiuuugslage gültigen Lchlüstelzahk des Buchm ob Hävdier-Börfenvereius muttiplizierl. bw tsa Die „Zudifch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Zudeutmu" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereme". Ar. 23 Berlin, S. Zum 1923 3. Jahrgang Redaktion uud Geschäftsstelle: BerUu W. 5, Mauerstraße 22 (Bereinigung für da« liberale Judentum e. B.), Fernruf: Amt Zentrum ISS. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. T Ar.) 37069 (Bereinigung für da» liberale Judentum e.B.). Zur Beachtung! Während der Sommerzeit wird die „Jüdisch-liberale Zeitung" mit Rücksicht auf die täglich wachsende Verteuerung von Papier- und Druckkosten in weiteren Zwischenräumen erscheinen. Die nächste Rümmer gelangt als Doppelnummer am 22. Juni in die Hände unserer Verlag und Schriftleilung. Liberale Predigt. Bon Rabbiner Dr. Gottschalk. Unter liberaler Predigt versteht man gewöhnlich die, die liberale Gedanken verkündet. Das ist gewiß richtig. Rur muß zugegeben werden, daß diese Verkündigung erst dann wahrhaft möglich ist, wenn die Gemeinde, sofern sie nicht einheitlich liberal ist, auch für die Anhänger der anderen Richtung einen Prediger besitzt und ein Gotteshaus. Zst das nicht der Fall, wird das Allgemeinreligiöse in den Vordergrund treten und das eigentlich Liberale im Hintergrund bleiben. <3f1 es aber der Fall; dann sollte ist der Gat auch die Kanzel die Pflegeställe der liberalen 2dee sein. Offen und unzweideutig sollten die entscheidenden Fragen: Gott, Schöpfung, Schicksal, Fortleben und Auferstehung, Beten, Offenbarung, Zeremonien behandelt werden. Daß die Form dieser Behandlung eine religiöse sein muß, vom Geiste der Duldsamkeit bestimmt, nicht aber vom Parteieifer diktiert, ist selbstverständlich. Das Bekenntnis: keinen Andersdenkenden verletzen zu wollen, aber um der Wahrheit willen nichts anderes sagen zu können, wird bei jedem nicht vom Parieihaß Verblendeten den 'Lindruck religiöser Wahrhaftigkeit Hervorrufen und ihn dadurch genau so zur Achtung nötigen — wie der liberale Prediger vor dem begeisterten Worte des orthodox Gesinnten immer selbstverständliche Achtung bezeigen wird. Verurteilung verdient auf allen Seilen immer nur eines: die etwa deutlich zu fühlende Absicht, die liberale Meinung nicht sagen zu wollen, aus Furcht, irgendwo anzustoßen. „Die Wahrheit ist das Siegel Gottes" — also sollte sie nicht weniger das Siegel seiner Boten sein — und sein dürfen. Wie sehr wir aber auch durch diesen Lindruck dem Ansehen des Liberalismus Abbruch tun und seine Stoßkraft schwächen müssen, braucht nur berührt zu werden. Trotzdem meine ich durchaus nicht, daß die liberale Predigt im offenen Verkünden liberaler Gedanken aufgehen soll. Ich meine es so wenig, daß ich eine Erweiterung des Themenbereichs nachdrücklichst fordere. Grade wenn man als Liberaler immer wieder betont, daß sich Gott überall offenbart, daß das Leben die Hauptsache und nicht der Brauch, daß das rechte tun erst der wahrhafte Gottesdienst ist, dann muß unsre Rede menschlicher werden und — im liefen Sinn des Wortes — weltlicher. Dann genügt es wirklich nicht mehr, den Wochenabfchnitt durch die Lrklärungen der Weisen zu beleuchten, eine geistreiche „Lchrifterklärung" norzutragen, das Thema „Religion" und „Gott" rein theologisch immer wieder zu traktieren, jüdisch-politische Themata und den Antisemitismus und jetzt „Palästina" als nie versiegende Ltoffquellen immer wieder auszuschöpfen. Wir müssen uns entschließen, und wir dürfen die Kanzel nicht für zu schlecht oder zu heilig dafür hallen, einfach das ganze Leben unter den religiösen Gesichtspunkt zu stellen. Denn es gibt nichts Heiligeres als das Leben. Und das jüdische Licht muß alles beleuchten. Was ich selbst in den „Lebensworten" dargeboten habe, sind Versuche in dieser Richtung. Was dort über „Friedhof", „Enttäuschung", „Linsamkeit", „Liebe", „Sehnsucht", „Freundschaft", „Schwester", „Traum", „Schweigen" u. a. gesagt ist, will dieser Lrweiterung des religiösen Gesichtskreises durch die Predigt den Weg bahnen. Und eine neue Folge soll von Spiel, Kunst, Musik, Humor, Anfang-, Träne, Wehmut, Feinheit, Zufall, dem „letzten Wort" u. a. sprechen. Aber alles nicht bloß in Andeutungen, sondern in drei- Gegen die Friedhofslreunung. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde bat folgendes Schreiben an den Gemeindevorstand gerichtet: An den Vorstand der Indischen Gemeinde zu Berlin. Der Beschluß der Repräseutauteuversammluvg vom 19. April 1923, auf dem Friedhöfe in Weißensee ei» Feld abzugreuzen, auf welchem keine Afchenreste uud keine nicht-jüdischen Ehegatten bestattet werden dürfen, hat starke Beunruhigung bei einem großen Geile der Berliner Gemeiudemitglieder heroorgerufeu. Der Unterzeichnete „Liberale Verein", welcher in der Durchführung diefes Beschlusses eine schwere Gefahr für den religiöse» Zrieden in der Gemeinde erblickt, hat an seine Mitglieder eine Petition folgenden Inhalts versandt: „Die Unterzeichneten Mitglieder der jüdischen Gemeinde zn Berlin legen gegen den Beschluß der Repräseutautevversammlung vom 19. 4., betr. Abgrenzung eines Lxtrafeldes auf dem Friedhof, schärfste Verwahrung ein, da ihr jüdisches Empfinden durch diese Maßnahme gröblich verletzt wird." Auf diese Petition sind bis jetzt weit über 2000 Unterschriften eingelanfen» die größtenteils von Haushaltnngsvorständen und dev steverzahleoden männlichen Gcmeindemitgliedern unterschrieben worden stad. Weitere Unterschriften gehen täglich der Geschäftsstelle zv. Diesen ist zuzurechnen die große Anzahl von Ehefrauen und erwachsenen Hauskindern, welche die Petition nicht selbstständig unterschrieben haben, aber in der Siegel die Auffassung chres Ehemannes oder Baters teilen. Der Kreis der Protestierenden beschränkt fich nicht auf die Mitgüederzahl des Liberalen Vereins» welche 1100 betragt, solcher« auch viele Gemeiudemitglieder anderer religiöser Richtungen haben durch ihre Unterschrift unsere Stellungnahme gebilligt. Unter diesen Umständen tritt der Liberale Verein an den Vorstand der jüdischen Gemeinde zn Berlin mit der dringenden Bitte heran, die Zustimmung zur Durchführung des Beschlusses vom 19. April versagen zu wollen. Sollte der Beschluß zur Gat werden, so würde nicht nur zu den vielen Streitpunkten innerhalb der Gemeinde ein neuer gefügt werden, sondern das liberale Judentum Berlins würde darin eine Herausforderung und eine bewußte Kränkung feines religiösen Empfindens erblicken. Dies möge der Vorstand nuferer Gemeinde verhüten. Mit vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde za Berlin E. B. Die Madien in den preußischen Landesverband. Nachdem der Zeitpunkt der Anerkennung des preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden durch Staatsgesetz ins Ungewisse gerückt ist, hat die Leitung des Verbandes beschlossen, die erstmaligen Wahlen zur Verbandstagung von der staatlichen Genehmigung des Verbandes nicht weiter abhängig zu machen. Demzufolge sind für alle Zölle die Wahlen für den kommenden Herbst in Aussicht genommen. Die Entwicklung dce Ordens „Bne Britb“ in Deutschland. Wie der Großpräsident des Ordens Bno Brith in einer Sitzung des deutschen Generalkomitees milteilt, werden demnächst neue Logen des Ordens in den deutschen Städten Aachen. Bochum. Stettin, Köln und Münster gegründet werden. Die Freibriefe für die in Köln und Münster entstehenden neuen Logen sind bereits erteilt. falsche Gerüchte über Einstein. Gegenüber der Meldung eines Berliner Mittagblattes, daß Professor Einstein von seiner Stellung als Direktor des Berliner Kaiser Wilholm-Inslituls für Phgsik zurückgetreten sei und das auch seine Beziehungen zur Preußischen Akademie der Wissenschaften getrübt seien, läßt Professor Einstein durch die Presse erklären, daß diese Nachrichten völlig aus der Luft gegriffen feien. Er sei nach wie vor Direktor des Kaiser Wilhelm-Instituts für Phgsik und auch seine Beziehungen zur Akademie der Wissenschaften wären in bester Ordnung. Ein jüdischer Künstler in der preußischen Nationalgalerie. Die Nationalgalerie hat drei Gemälde des über die Grenzen Deutschlands „hinaus bekannten Malers Leffer llrg angekauft. Damit ist der. jüdische Künstler zum ersten Male in der preußischen Staatssammlung repräsentativ vertreten. Seit vielen Jahren bemühen sich Freunde Lesser Urgs, daß seine Werke zu einem Bestandteil der Nationalgalerie werden. Der Ebief-Kabbi von England über religiöse Verfolgungen in Rußland. Am 28. Mai sprach in einer unter dem Vorsitz Lord Burnhams stattgehabten Versammlung Hauptmann Mac Lullagh über seine Erfahrungen in Lowjetrußland. Lr führte aus, daß die religiösen Verfolgungen in Rußland nichts mit irgend einer Feindschaft zwischen Judentum und Lhristentum zu tun haben, sondern vielmehr als eine Aeußerung des atheistischen Bolschewismus in seinem Kampf gegen jede Offenbarungsreligion zu betrachten fei. In der auf das Referat folgenden Diskufston ergriff auch Oberrabbiner Dr. Hertz das Wort und wies darauf hin, daß die Juden in Rußland mehr als die übrigen Bewohner unter den religiösen Verfolgungen zu leiden haben. 1er Ausführung, als dem Ihemalifchen Gegenstand. Wochenabschnill und die Haftara — die auch viel mehr auszuschöpfen ist und nicht bloß Dekoration am Schluß sein sollte — können fast immer den Ausgangspunkt derartiger Betrachtungen bilden, den Unter- und Hintergrund liefern. Man redet eben durchaus noch nicht weltlich, wenn man „aktuell" spricht, d. h. die Predigt mit ein paar Schlagworten aus der Zeitung aufputzt oder die „neuesten" politischen Fragen behandelt. Man muß eintauchen in dieses brausende Leben, die feinsten Regungen der Seele belauschen und diese mit dem Licht der Religion beleuchten. Man darf nicht glauben, „modern" zu reden, wenn man ein Bild aus der neuen Technik verwendet — man darf überhaupt dieses „modern" nicht in flachem Sinne als Strebeziel auffassen: den ganzen Kulturmenschen gilt es zu Zacken und diese seine heutige Kultur in weitestem Ausmaße in der Predigt ausstrahlen Zu lassen. Wir können und dürfen nicht verlangen, daß der Besucher des Got-; teshaufes diese Kultur gleichsam im Borraum des Temj pels ablegt — wie feine Garderobe. Das gilt für den! Kultus und gilt für die Predigt. Und darum noch eine j dritte Forderung. j „Wer von uns ist imstande, immer Neues zu sagen?" fragte ein sehr geschätzter Prediger einmal. Lr hat recht. Aber das können wir doch: auch oft Be-' handelles durch neue Lichter in eine neue Beleuchtung j zu rücken, und nicht zuletzt durch neue Zitate. — Ls ] war mir immer unfaßbar, daß aus dem reichen Schatz unseres Schrifttums fast immer nur Bibel und Agada j verwendet werden. Alles, was nachher geschrieben wurde, scheint für die Kanzel unbrauchbar: unsere Philosophie, unsere Dichtungen, unsere Geschichtswerke, unsere Memoiren! Und ich denke, nicht bloß an die alle j Zeit — ich denke durchaus auch an die neue und neueste, j denke an unsere eigenen Tage! Was hier an r e - i ligiösen Büchern erscheint, was den jüdischen , j Menschen in uns stärken soll, — ist das denn nur für I den Vortragssaal da? Oder darf man das nur in Zeitungen lesen? Und alles, was jüdisches Lebe« heißt, und besonders religiös-jüdisches Leben — darf j das unsere Predigt gar nicht beleben? Hat nur die ' j Vergangenheit hier immer recht und aus der Gegenj wart nur Palästina? Aber freilich — Bücher 1 itet genügen noch nicht. Wir müssen die Quellen selbst sprechen lassen. Ganz ungemein belebt das die Rede! Hier haben wir eben die moderne Aga da. Nicht daß ich die alte etwa verachte oder in meinen Reden verschweige — aber der Lebende hat doch vor allem recht. Auch hier darf kein Protzen mit dem „Mo- I dernen", sondern der tiesinnere Drang nur maßgebend sein, die Religion der Väter zu einer Religion der Lnkel werden zu lassen. Den Pulsschlag Gottes sollen sie im Pulsschlag der Gegenwart fühlen. Sch sprach bisher nur von jüdischen Schriften, öch meine aber nichtjüdische genau so. Wer mit uns auf dem Standpunkt steht, daß Religion der Wesenskern des jüdischen Menschen, daß dieser Mensch aber gerade deshalb gar nicht genug Religion in sich aufnehmen kann, und wer auch deshalb gerade darnach strebt, jüdische und weltliche Kultur zu vereinen — der wird auch die Stimmen nichtjüdischer Frommer aus alter wie aus der neuesten Zeit von unseren Kanzeln vernehmen lassen. Alles, was unser religiöses Bewußtsein stärkt, stärkt gleich zeitig unser jüdisches und gibt ihm immer erneute Daseinsberechtigung. Was darum nichtjüdische Philosophen, Künstler, Dichter und Schriftsteller an allgemein-religiösen Schätzen zutage gefördert — alles ist von uns zu verwerten. Tut man das aber und zitieren wir alles, dann feien wir schließlich auch darin liberal, unsere Quellen und Autoren mit Namen zu nennen, und machen wir uns von der ärgerlichen Sitte frei, immer nur im Halbdunkel von allem zu sprechen, „ön einem Buche steht" — „ein Denker sagt." Man erwidere nicht» was liegt daran, und man verweise nicht auf den genius loci. „Wer von seinem Nächsten einen Buchstaben lernt, muß ihn in Lhren Hallen" — ist alljüdische Weisheit. Gilt sie nicht heute noch? Und halten wir die * Werke eines Frommen — eines jüdischen oder nichtj jüdischen — für wertvoll genug, im Tempel genannt zu s werden — weshalb dann nicht auch seinen Namen?! Und alles, was wir sagen, wird durch den Hinweis auf den Verfasser so viel lebensvoller und nicht selten beweiskräftiger. Was aber den genius loci betrifft, jo mag ihn ja scheuen, wer durchaus will, öch meine aber, daß es schließlich doch immer der Prediger ist, der diesen genius loci bestimmt.! Von allem aber, was wir zitieren können, sind u n -! sere eigenen Lrlebnisse, die Lrlebnisse des Zugeudvereius-Anzeigeu letzte Sette,