Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 22 (1.6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. FWchÄmckZritmz Redaktion und SejchLftssto^lle: Berlin W. S, Rlauerstraße 22 IBereiuignug für da« liberale Judentum e. B.), Zernrufr Amt Jeulrum ISL Aureigeu-Auuahme bei der Geschäftsstelle am Lrltyemnngs^age gurrigeu siy»uu>e»r»v» «««;* — . —. t Zämtliche Zahlungen: Poftfchelkkouto Berlin RW. 7 «, «- häudler-BSrfeuvereius multipliziert. m ta Ar. 22 * BeNM, 1. ZUM 192) » ). AahrgSUg Rr. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum e.B.). Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V4 jahtl.M.3000.- Anzeigeu: Grundpreis für die 3'/» cm breite mm-Zelle M. o.25, Familieuauzeigeu M. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der Die „Zridisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum- und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugeudvereiue". liberales Judentum Monatsschrift für die religiöse Erneuerung des Judentums Heraurgegeben vou der Bereinigung für das liberale Judentum E. D. unter der Schriftleiiuvg von vr. Eaefar Seligmanu» Rabbiner in Frankfurt am Main. _— _■■■ ■' — ' — — "> » ' ■■■■"■ -.— im — im .. L.L!_L_■-X-!' J-JS Ar. 4 Mai/Zum 5. Jahrgang Znhali: Zu Lteinthal's 100. Geburtstag, von Dir. Dr. Holzman. — Die zehn Gebote, von Rabbiner Dr. Fuchs. — Goethes Verhältnis zu religiösen Fragen und zur Bibel. — Aus der neuen religiösen und jüdischen Literatur, von Dr. L. Leligmann. Zu Steinrkai's lOO. Geburtstage. Von Dr. M. Holzman. H .(Hegmann, Hajim) Steinthal wurde am 1b. Mai 1823 in Grobzig (Anhalt) geboren und starb am 14. Mär; 1899 in Berlin als außerordentlicher Professor der Sprachwissenschaft. Am 16. Mai 1893, an seinem siebzigsten Geburtstage, erhielt er eine von Schülern, Milforschern und Verehrern Unterzeichnete Adresse, in der seine wissenschaftliche Lebensarbeit und seine Persönlichkeit gewürdigt waren. Die Träger der Unterzeichneten Namen waren Philosophen und Theologen, Philologen und Linguisten, Historiker und Ethnologen. Alle bekannten lich Steinthal zu Danke verpflichtet und wünschten, daß das jüngere Geschlecht zu ihm als seinem gestigen Führer aufschauen möge. Worin hatten Dank und Wunsch von Männern so verschiedener Forschungsgebiete ihren Grund? Gewöhnlich bezeichnet man Steintha! als Sprachforscher. Und in der Tat hat er, von der Kritik der epochemachenden sprachphilosophischen Werke Wilhelm von Humboldt's ausgehend, der Sprachwissenschaft neue Bahnen gebrochen, jener Wissenschaft, als deren Stolz er es wiederholt bezeichnete, daß sie in dem Zeitalter der Humanität wurzelt» eine Schwester Goethischer und Schillerscher Poesie sowie der höchsten philosophischen Spekulation ist. Tr hat den Sprachprozeß und dessen Ergebnisse, das Werden und Wesen der Sprache, einerseits im allgemeinen, ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit bei den verschiedenen Völkern, anderseits gerade in dieser Verschiedenheit erforscht und den grammatischen Bau verschiedener Sprachstämme meisterhaft charakterisiert. Seine Analgse aber der sprachlichen Phänomene führte ihn auf andre Wissensgebiete, die durch ihn eine bedeutende Förderung erfuhren, und so hat er sich als ein Philologe in dem umfassenden Sinne seines Lehrers August Böckh erwiesen, der die Philologie als die Erkenntnis der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, als die Wissenschaft von dem sich entwickelnden Geiste bezeichnet hat. Dadurch, daß Steinthal die Betrachtung der Sprache vom Boden der Logik und Metaphgfik auf den der Psychologie hinüberführte, die Sprache als ein psychisches Orgamtssrkannle, sprachliche Erscheinungen durch die psychologische Analyse aufhellte, kam er zur Erkenntnis wesentlicher psychischer Prozesse, die für die Psychologie an sich von Bedeutung wurde. Hier sei nur seine Theorie der Apperception (d. i. der Formung von Vorstellungen vermittelst eines vorhandenen öeeleninhalts) erwähnt, deren Bedeutung für das ganze Geistesleben er entwickelt hat. Er kam aber auch zu der Erkenntnis, daß die allgemeine Psychologie (die Lehre vom Mechanismus der Vorstellungen, Gefühle und Triebe) einer Ergänzung durch die Völkerpsychologie (die Lehre vom geistigen Zusammenleben) bedarf, und lehrte uns, daß alles, was wir geschichtliches Leben nennen, ohne psychologische Deutung nicht von Grund aus verstanden werden kann. Nächst der Sprache hat Steinthal noch zwei Erzeugnisse des Volksgeistes eingehend behandelt, den Mythos und die Epik. Der Mythos umfahl nach ihm die gesamte (nicht nur die religiöse) Vorstellungswelt der Völker auf ihrer ersten Entwicklungsstufe. Hinsichtlich der epischen Frage war er davon überzeugt, daß eine Lösung derselben ohne Erkenntnis des Wesens und Lebens der Volksdichtung, und das heißt ohne Erkenntnis des Bewußtseins der dichtenden Gemeinschaft, unmöglich ist. Er hat gezeigt (was Kulturmenschen anschaulich zu machen nicht leicht ist), wie der Geist der Gesamtheit dichtet, der doch nur in dem Einzelnen Wirklichkeit hat. m M Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands. Wir bitten die Herren Kollegen, den Zahresbeitrag pro 1923 mit mindestens Mark ISS.—, sowie die etwa noch rückständigen Beiträge aus ftüheren Zähren (für 1922: 10 Mark, 1921:5 Mark) auf das Postscheckkonto des Kollegen Bogelsteiu (Breslau 42 738) oder an den Schlesischen Bankverein, Depositenkasse A in Breslau, auf das Konto der Vereinigung der liberalen Nabbiner Deutschlands umgehend einzuzahlen bezw. zu überweisen. Der Borstand: Seligmann Vogelstein mm Die erwähnten Forschungsgebiete, denen Steinthal eine Mihe grundlegender Schriften und viele bedeutsame Abhandlungen gewidmet hat, bildeten den Znhalt auch der Vorlesungen, die er an der Berliner Universität von 1849 bis 1852 und von 1856 (die Zwischenzeit hatte er in Paris und London mit dem Studium des Ehinesischen und der afrikanischen Sprachen zugebracht) bis Dezember 1862 als Privatdozent, sodann als außerordentlicher Professor gehalten hat. Vom Sommer 1872 ab lehrte er auch an der damals eröffneten Hochschule für die Wissenschaft des Sudentums. Hier las er besonders über Ethik, Religionsphilosophie und einzelne biblische Bücher. Sein Vortrag war äußerlich nicht anziehend. Oefters lösten sich die Worte nur langsam von den Lippen des tiefen Denkers. So blieben ihm nur wahre Zünger der Wissenschaft treu („kein Brotstudent und kein Examen- Sorger"). Wie nachhaltig er aber auf solche wirkte, bezeugt z. B. Gustav Glogau, ehemals Ordinarius der Philosophie in Kiel, der den Tag, an dem er.Steinthal zum ersten Mal hörte, als seinen geistigen Geburtstag bezeichnet hat. Auch andre Hörer erfuhren vou dem verehrten Lehrer Anregungen, die auf ihr Sein, ihr Denken und Wollen einen fegensvollen Einfluß ausübten. Denn feine Vorlesungen lehrten sie nicht nur philosophisch denken, das geschichtliche Leben psychologisch-historisch betrachten; sie wirkten auch dadurch, daß in ihnen wie in seinen Schriften die Totalität seines Wesens zum Ausdruck kam, neben der Tiefe und Schärfe seines Geistes und der Weite seines Blickes das Gelragensein von den sittlichen Zdeen, die ihm wahre Mächte waren, und der Glan; der Humanität. Diese seine Eigenschaften treten am vollkommensten in seiner „Ethik" und den Abhandlungen und Vorträgen zutage, die er unter dem Titel: „Zu Bibel und Religionsphilosophie" veröffentlicht hat. Sm Vorwort zur Ethik, die er „ein Kind des Schmerzes" nannte, erklärte er, diese werde hoffentlich sein „Herz kindlich erhallen, doch frei von jeder Bitterkeit gegen die Menschen oder das Schicksal" — von denen er wahrlich viel Bitternis erfahren hatte —, wie bis dahin „soll auch ferner kein Tropfen Gift" in sein Blut kommen. Sie werde ihn „mit Kraft und Hoffnung erfüllen zuni Ertragen und zum Wirken, zu Kampf und ^zu Liebe". Und in einem der letzten Abschnitte sagte er: ^«Auch ich wüßte, wenn es hier darauf ankäme, eine Variation des nie verstummenden Liedes vom unsäglichen Schmerz und nie versiegenden Kummer der Menschheit und des Menschen anzustimmen . . . Nicht Freude macht das Leben wert und würdig, und Schmerz nicht unwert und unwürdig; Wert und Würde erhält es allein im Dienste des Zntelligiblen . . . Auch das zufällige Uebel dient dem Reiche des Zntelligiblen, indem es die Kräfte reizt und stärkt, mit denen die Vernunft zu arbeiten hat. So heißt es in dem Religionsbuche: „Gott schafft das Wohl und das Wehe", beides soll den Menschen zum Guten führen." Das Reich des Zntelligiblen aber, dessen Element der selbstbewußte freie Geist ist, bilden „alle Gebilde, Einrichtungen des Wohlwollens und des Rechts, alle Erkenntnisse der Wissenschaft, alle Anstauungen der Kunst, alle Formen des menschlichen Fleißes, alle Erfindungen zur Hebung menschlichen Daseins, welche das Menschengeschlecht im Laufe seines Lebens erzeugt hat und erzeugen wird. . . Dieses Reich... ist die objektive Sittlichkeit ... Sn diesem Reiche leben und weben, in ihm genießen und schaffen, es fördern und mehren, ist der letzte Sinn der Sittlichkeit. Sn dieses Reich. . . soll der Einzelgeist sich hineinsetzen durch seine sittliche Tätigkeit." Eine hohe Bedeutung in diesem Reiche des Sntelligiblen schrieb Steinthal dem Sudentum zu, das der Menschheit die Lehre von dem einen, geistigen Gotte und damit den Gedanken der Einheit des Menschengeschlechts gebracht hat, dem die Propheten entstammen, jene „Männer, welche in Zeiten rohester Gewalt mit unerschütterlicher Gewißheit die vollkommene Herrschaft einer sittlichen Wellordnung verkündeten." Se eindringender seine Erkenntnis der Bedeutung des Sudentums für die Entwicklung der Menschheit wurde, desto tiefer begründet wurde die seit seiner Kindheit in ihm wurzelnde Liebe zum Sudentum. Sene Erkenntnis und diese Liebe trieben ihn, sich in die Bibel, mit der er sich schon als Philologe beschäftigte, immer mehr zu versenken, um sie vermittelst methodischer Deutung zu verstehen und sie andre verstehen zu lehren. Als Philologe und Psychologe hatte Steinthal die Theorie der Snterpretation studiert, jener wissenschaftlichen Funktion, ohne die wir uns nach ihm die Geschichte der Menschheit, den Begriff der Humanität nicht denken könnten. Sm Dienste der Snterpretation aber stand ihm dis Kritik. Als ein Meister dieser Funktion, die bei ihm wie jede wahre Kritik aufbaut und weiter führt, geradezu schöpferisch ist, hatte er sich bei seiner Kritik Wilhelm von Humboldt's bewährt. Und wie den Süngling und den Mann die Liebe zu Humboldt zur Kritik an Humboldt, so trieb den Mann und den Greis die Liebe zur Bibel zur Kritik an der Bibel. Sa, hier galt ihm die Kritik als hohe religiöse Pflicht. Die von ihm ergründete Theorie der Snterpretation aber hat er mit geradezu kongenialem Geiste auf die Erschließung des Geistes der Bibel angewendet und zur Darlegung ihrer ästhetischen und religiös-ethischen Hoheit benutzt. (Vgl. die oben genannten köstlichen Sammlungen zu Bibel und Religionsphilosophie, Berlin 1890 und 1895.) Aus der Erkenntnis der Bedeutung des Sudentums und aus der Liebe zu ihm erwuchs Steinthal auch das heiße Verlangen, die Sudenheit von jedem Fehler frei zu sehen, die stete Forderung sittlichen Lebenswandels „im Lichte des ewigen Sudentums". Sn der Auserwähltheit sah er die Mahnung, „uns jederzeit die Kluft vorzuhalten, die unsere Wirklichkeit von der idealen Aufgabe der Sittlichkeit trennt"; in ihr müßten wir einen besonderen Antrieb finden „im Geiste der Propheten zu denken, nach ihrem Herzen zu fühlen, nach ihren Worten zu handeln". Gegen die Verabsäumung dieser Pflicht wandte sich Steinthal mit prophetischem Zornmut. Er trat gegen die Sünglinge und Sungfrauen auf, denen es an Gottesfurcht und Pflichtgefühl, an dem Bewußtsein von der Pflicht der Arbeit, der Entsagung, der Aufopferung gebricht. Und „von Scham übergossen und zerknirscht" wie Esra, wandte er sich gegen die Eltern, die das köstliche Erbe der Väter, „das Buch, das wir der Welt gegeben haben, das die Welt schon zweimal verjüngt hat", ihren Kindern nicht übermitteln. (Vgl.: Ueber Süden und Sudentum, Berlin 1906.) Aber alle Pflichtvergelsenheit von jung und alt konnte seinen Glauben an die Zukunft des Sudentums _Jugendverelus-Auzeigeu 90F letzte Sette.