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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-04-13 · 15 (13.4.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
15 (13.4.1923)
Date
1923-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die SejchästssteUe V. jahrl.W.5000.- Anzeigeu: Grundpreis für die 5'/, cm breite mm-Aeile W. 0.25, Jamilleuaureigeu M. 0.15. Bei Wieder» holuug Lrmäßiguug. Der Grundpreis wird mit der am Lrfcheiuuugslage gSltigeu SchWelzahl des Buch- . a e> Haudler-Börfeuvereius multipliziert, «w 6® <\T. 15 * <3gflttl, 13« <ipttl 1923 3« Die „Züdijch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wijjenlchaftliche Beilage' „Liberales Judentum- und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereiue-. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. 5, Mauerstraste 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. B.), Jeruruf: Amt Jeulrum 1S2. Auzeigeu-Ruuahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postfcheckkouto Berlin AW. 7 Ar.1570H-(Dereiuig«ug für da« liberale Judentum e.B). MiW brautfjtn mir libmles Juüentum? Religion ist ein Gebiet der menschlichen Kultur. Sie nimmt innerhalb dieser Kultur freilich einen der wichtigsten Plätze ein. Der einzelne Mensch kann ohne das irrationale niemals zu einer vollkommenen Erkenntnis des Weltbildes und des eigenen Ichs gelangen. Eine Ethik oder Moral, die nicht auf religiöser Grundlage beruht, vermag die Massen niemals innerlich zu erfassen, denn keiner ihrer Lätze wird unbestritten sein, der sein Dasein nicht an eine religiöse Stütze anlehnen kann. Aber weil die Religion ein Zweig der Menschheitskultur ist, muh sie auch in bezug auf ihre äußere Gestaltung, ihre Formen in den Kreis der menschlichen Kultur hineingestellt werden, muh sich darum den übrigen Zweigen vielfach anpassen und darf vor allem niemals den Zusammenhang mit ihnen verlieren. Die Menschheitskultur ist in ständigem Flusse begriffen. Lie ist zeitlich und örtlich überaus verschieden. Die heutige Kultur des deutschen Volkes, von der wir deutschen Juden uns innerlich abhängig fühlen und auf der wir geistig emporHewachsen sind, ist eine ganz andere akAz. B. die Kultur der mittelalterlichen Deutschen oder des heutigen russischen Volkes. Wir heutigen Juden sind aber — mögen einige unter uns auch ein nationales Londerdasein zu führen träumen — in kultureller Beziehung völlig in das Kulturleben der Länder, in denen wir wohnen, hineingewachsen. Wir deutschen Juden sind also innerlich so beschaffen, daß nur eine Religion auf uns einwirken kann, die ihre Formen und Mittel dem Kulturkreise des gegenwärtigen Deutschtums entlehnt. Während der religiöse Grundgedanke ein ewiger, unwandelbarer ist, müssen sich seine äußeren Formen in ständigem Flusse befinden und müssen auch in örtlicher Hinsicht in den verschiedenen Ländern höchst verschieden sein. Die geistigen Führer des Judentums haben in früheren Zeiten, als das Judentum noch feine volle, lebendige Kraft besah, sich fortzubilden und sich anzupassen, diese Wahrheit sehr wohl begriffen. Sie waren immer bemüht, die religiösen Formen so zu gestalten, daß ihnen die größtmögliche Kraft zur Erfassung der Gemüter der jeweiligen Bekenner des Judentums innewohnte. Herr Dr. Joseph Lehmann hat in seinem Pessach-Artikel in Rr. 13 dieses Blattes ein recht bezeichnendes Beispiel für dieses Bestreben unserer Vorväter, das Judentum lebendig zu erhallen, angeführt. Er hat darauf hingewiesen, dah in unserer Pessach-Haggada die einleitenden Gebete, die die Grundforderungen des Festes zum Ausdruck bringen, nicht in hebräischer, sondern in aramäischer Sprache, also in der Landessprache der Juden der damaligen Zeit, abgefaßt sind. Unsere Orthodoxen aber beten sie heute noch aramäisch und würden es für ifine Entheiligung hallen, sie etwa in der heutigen Landessprache, also deutsch, zu beten. Dieses Beispiel zeigt uns so recht deutlich, wie der Geist des Judentums verloren gehen muß, wenn man sich nur äußerlich sklavisch an die hergebrachten Formen hält. Unsere Vorväter wollten, dah ein Teil der Gebete allen, auch den Kindern, verständlich sein sollte. Darum faßten ste sehr viele von ihnen in der Landessprache, also aramäisch, ab. Wenn wir aber heute, wo aramäisch längst nicht mehr unsere Landessprache ist, sie noch weiter aramäisch beten, so hallen wir uns wohl an die hergebrachte äußere Form, aber wir versündigen uns an dem Geist des Judentums, an der wirklichen Absicht unserer Väter, daß die Gebete jedermann verständlich bleiben müssen. Die Folgerungen, die wir hieraus zu ziehen haben, ßnd klar. Während unsere Orthodoxen und auch unsere Konservativen vielfach nur die Formen unserer Religion aufrecht erhallen, den ihnen innewohnenden Seist aber oft haben verloren, gehen lassen, kommt es dem liberalen Judentum nur darauf an, diesen ewigen, unverlierbaren Geist der jüdischen Religion in seiner Reinheit weiter zu bewahren. Wir sind uns bewußt, daß dazu dieser Geist vielfach in ganz anderen Formen bewahrt werden muß, als die sind, in denen er uns in den letzten Jahrhunderten überliefert wurde, und die ihn vielfach schon nicht mehr so rein und klar erhalten haben, wie er einst gegeben wurde. Die Geschichte selbst lehrt uns, dah die äußeren Formen der jüdischen Religion in biblischer Zeit ganz andere waren, als z. B. zur Zeit Jüdische Jugend gegen die Bolschewisten. Der Sonderberichterstatter des I. €. B. m Rußland meldet: Eine Gruppe jüdischer junger Leute hat in Krementschuk eine von der kommunistischen Jugend der Stadt veranstaltete antireligiöse Demonstration angegriffen und auseinandergesprengt. Die Demonstration richtete sich gegen das Passahfest, und ähnliche kommunistische Demonstrationen wurden auch in anderen Städten Rußlands ,veranstaltet. In Eharkow beschloß eine Versammlung der bolschewistischen Arbeiter und Studenten, die Enteignung der jüdischen Bethäuser und ihre Umwandlung in Arbeiterklubs zu fordern. In Moskau hat man den Juden die Enteignung der Moskauer Hauptfgnagoge angedroht, die vou den Kommunisten als „die letzte Festung des jüdischen. Klerikalismus" bezeichnet wird. Die kommunistische Presse Rußlands bekämpft auch sonst das Judentum mindestens ebenso scharf, wie alle anderen Religionen. Die „Prawda", das Hauptorgan der Sowjet-Regierung, schrieb in einem Leitartikel, der sich gegen den Protest der amerikanischen Reformrabbiner wegen des Bluturteils an dem Erzbischof beschäftigte: „Sowjet-Rußland wird darüber nicht in Verlegenheit kommen. Es wird auch die klerikalen (jüdischen) Vertreter der Banken Kuhn, Loeb u. Go., sowie der Rothschildbanken hängen lassen, falls es stch im Interests der Revolution als nötig erweisen sollte." Attentate gegen jüdische Häuser in Mainz. Frankfurt. (2. E. B.) In den letzten Tagen kamen hier recht eigentümliche Angriffe auf Eigentum und Wohnungen jüdischer Bürger vor. In der Nacht wurden die Bäume abgeholzt, Häusern die Fenster eingeschlagen, die Weinfässer angebohrt. In zwei Häusern wurden sogar Sprengbomben eingeschmuggelt. Ein Haus, das von einer jüdischen Familie bewohnt wird, wurde abgebrannt. In dem benachbarten Städtchen Grunzenhausen wurden auf dem jüdischen Friedhof die Gräber geschändet. Alle diese Taten werden auf die Treibereien einer Ausländerin Miß Ellens zurückgeführt, die aus Mexiko stammt und in Mainz eine maßlose antisemitisch-nationalistische Propaganda betreibt. Me Juden und das römische Recht. Die deutschvölkische Presse führt seit einiger Jeit einen Feldzug gegen das geltende Straf- und Jivilrecht, das sie als „römischjüdisches" bezeichnet. Sie fordert dessen Ersetzung durch ein deutsches Recht. Auch mehrere deutschvölkische Wanderredner Hallen ihre antisemitischen Vorträge unter dem Titel „Deutsches oder römisch-jüdisches Recht?" Tatsächlich besteht zwischen römischein Recht und Judentum keinerlei Zusammenhang. Das alte römische Recht ist sogar vielfach zu Ungunsten der Juden gestaltet und angewendet worden. Auch von deutschen Juristen jüdischen Bekenntnisses oder jüdischer Abstammung ist vielfach ein Ersatz der veralteten Grundsätze des römischen Rechts durch ein modernes deutsches Recht verlangt worden. Es liegt also keinerlei sachliche Veranlassung vor, mit dieser Forderung antisemitische Verhetzungen zu verbinden. Normaler Verlauf der Studenleuemschreibmrgeu ln Men. Wien. Die Inskriptionen an der Wiener Universität für das Sommersemester sind in voller Ordnung verlaufen. Den Ankündigungen, daß die deutsch-arische Studentenschaft dar Universttätsgebäude zu blockieren und die jüdischen Studenten zu den Inskriptionen nicht zulasseu werde, sind keine Taten gefolgt. Der Streik iu der Wiener Kultusgemelude. Der Streik der Angesleltten der Wiener Kultusgemeinde ist kurz vor den Pestachfeiertagen beendet worden. Die Vermittlung des sozialistischen Bürgermeisters Reumann wurde nicht angenommen. Es wurde vielmehr zwischen dem Gemeindevorstand und den Angestellten direkt verhandelt. Der Oberrabbiner Dr. Ehajes hatte sich den Streikenden nicht angeschlosten. Er konnte nur th den ersten Streiktagen seine Amtsräume nicht betreten, die infolge des Streiks geschlossen waren. Der Orientalist Elermout Gauueau gestorben. Paris. (2. E. B.) Der bedeutende Orientalist und Archäologe Professor am Eollege de France Eharles Tlermont SannMu ist hier im Alter von 77 Jahren gestorben. Der große Gelehrte hat an den Ausgrabungen in Palästina und anderer» Ländssrn des Orients oft hervorragenden Anteil genommen. 2m Jahre 1870 publizierte er als erster den Text der von dem deutschen Missionar Klein aufgefundenen Inschrift der Königs Mefa von Moab, des ältesten erhaltenem Dokuments in hebräischer Sprache und Schrift. Der Denkstein der Mesa berichtet vou dem Siege des Königs der Moabiter über König Joram von Israel (9. Jahrhundert vor Ehristi) und steht mit dem biblischen Bericht (2. Kön. Z ff.) durchaus im Einklang. Was England iu Palästina erstrebt. Aus Wirtfchaftskreisen wird dem 2. T. B. milgeteilt: Während im letzten Friedensjahr die Einfuhr Deutschlands und Oesterreichs nach Palästina mit 15 Prozent die englische Einfuhr, die nur 14 Prozent betrug, überstieg, hatten im Jahre 1921 Deutschland und Oesterreich nur noch & Prozent Anteil an der Einfuhr Palästinas, wogegen nicht weniger als 30 Prozent der Einfuhr aus Sroß-Britannien stammten. In den ersten sieben Monaten des Jahres 1922 ist die Einfuhr Deutschlands und Oesterreichs freilich wieder auf 13 Prozent gestiegen, während die englische auf 28 Prozent zurllckgegangen ist. Sie istaber immer noch mehr als doppelt so groß wie die deutsche und österreichische zusammen und auch doppelt so groß, wie sie vor dem Zerlege war. der Ealmuds oder zur Blütezeit der spanisch-jüdischen Philosophie oder gar zur Zeit des Schulchan aruch. Die orthodoxen Juden wissen das auch sehr wohl. Aber sie wollen, daß diese Entwicklung nun mit dem Schulchan aruch auf einmal abgeschlossen sein soll, daß von dessen Abfassung an die Formen auf einmal erstarren und stch nicht mehr der lebendigen Entwicklung der gesamten übrigen Kultur anpassen sollen. Zu dieser Anschauung steht das liberale Judentum in schärfstem Gegensatz. Es will vor allem den Geist des Judentums lebendig erhallen. Es will, daß dieser Geist wieder die Gemüter aller Bekenner des Judentums zu erfassen vermag, daß er vor allem auch die Jugend sowie diejenigen jüdischen Kreise - sie sind nicht nur in den Reihen der Liberalen zu findenl —, die sich nur noch äußerlich, infolge eines „Mißgeschicks der Geburt", als Juden bekennen, wieder geistig zu beeinflussen vermag. Wir sind überzeugt, daß, wenn dieses Ziel erreicht werden soll, das Judentum manche seiner herkömmlichen Formen abstreifen und neue sich bilden muß. Aber das Judentum ist für uns viel mehr als die Summe seiner äußeren Formen. Darum sind wir überzeugt, daß durch ein Zerbrechen und Umgießen der Formen, die nicht mehr unserer sonstigen Kultur angepaßt sind, die wir daher als unzeitgemäß empfinden, die uns nichts mehr lagen, der innere Wahrheitsgehalt der jüdischen Religion der — wenn auch vielfach unbewußt oder durch äußerlichen Formelkram verschüttet —, in uns allen pulst, nur gestärkt und belebt werden kann. Wenn wir liberalen Juden so eine Neugestaltung der religiösen Formen des Judentums erstreben, so sind wir uns dabei sehr wohl bewußt, daß jede Religion, wie überhaupt jede geistige Wahrheit, die die Massen ergreifen und geistig beherrschen soll, äußerer Formen bedarf. Die jüdische Religion kann und darf sich nicht mit dem Schattendasein eines philosophischen Gedankens begnügen. Es ist aber vielfach leichter, die alten Formen zu zerschlagen, als neue Formen zu schaffen, in denen der Geist rein und wirkungsfähig bleibt. Das liberale Judentum hat darum nicht bloß die Aufgabe, mit deren Erfüllung man sich bisher vielfach begnügt hat, die alten, erstarrten Formen abzustreifen. Wichtiger noch ist d i e, n e u e zeitgemäße Formen für den ewigen Wahrheitsgehalt unserer Religion zu schaffen. In der Gebeibuchfrage z. B. soll sich deshalb unsere Tätigkeit bei weitem nicht darin erschöpfen, Gebete zu^ streichen, die einem anderen, in uns nicht mehr lebendigen Kulturkreis entstammen. Gewiß, die Gebeiformen des traditionellen Judentums sind im Laufe der Jahrhunderte so reichhaltig geworden, daß auch nach dem Streichen noch genug übrig bliebe. Aber das liberale Judentum darf dennoch niemals bei der Negation, bei der Reinigung stehen bleiben. Der jüdische Geist ist auch auf religiösem Gebiet noch immer reich und lebendig genug, um stch neue, unserer heutigen Kultur. entstammende und darum uns innerlich ergreifende Formen zu bilden. Nu/ wenn wir diese Ueberzeugung von der inneren Lebenskraft des deutschen Judentums und unserer jüdischen Religion haben, sind wir wahrhaft liberale Juden. Dieser jüdische Liberalismus ist wahrhaftig etwas anderes als Lauheit, Indifferentismus und unfruchtbare Negation. Wenn wir an die lebendige Zukunft der jüdischen Religion und damit auch des Judentums — denn uns ist das Judentum in erster Linie Religion — innerlich glauben, müssen wir auch von der Notwendigkeit, diesem lebendigen Geist ein neues Haus zu bauen, aufs tiefste überzeugt fein. Indem wir liberalen Juden beten:„Baue wieder auf den Tempel Zion", meinen wir nicht ein totes Haus in einem fernen, fremden Lande, sondern das lebendige Gotteshaus einer Religion, die auch in allen ihren äußeren Formen wieder ganz zu unserem Herzen und zu unserem Geist spricht. Um die jüdische Religion in den deutsche« Juden der Gegenwart lebendig zu erhallen oder wieder lebendig zu machen, brauchen wir liberales Judentum. Zugendvereius-Anzeigeu SM" letzte Sette.

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