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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-01-19 · 3 (19.1.1923) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
3 (19.1.1923)
Date
1923-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Die Geschichte der jüdische« Resormbeweguug im Urteil eines Führende«. Bon Rabbiner Dr. Dienemann-Offenbach a. M. Die Geschichte des Judentums seit seiner Berührung mit den Kulturen des Abendlandes insbesondere aber seine Geschichte im 19. Jahrhundert bewegt sich stets um Zwei große Hauptfragen. Die eine ist die nach den Schicksalen der Glaubensgemeinschaft, in welcher sozialen und politischen Lage sich der Bekenner des Judentums als Einzelne und Gesamtheit befunden haben, welche Erlebnisse über sie kamen. Die andere Frage lautet: Was haben die äuden einer bestimmten Epoche getan, um das von den Vätern ererbte geistige Gut zu erhallen, zu festigen und zu mehren, was haben sie getan um dem Judentum inmitten sich ändernder Kulturen, mitten in dem Wechsel der allgemeinen wissenschaftlichen und philosophischen Anschauungen, unter allen Veränderungen der wirtschaftlichen Gtruktur sein Lebensrecht als Mittelpunkt des Leelenlebens und die geistige Führung zu sichern? Die beiden Fragen können nicht getrennt werden, zum mindesten kann die zweite allein nicht erörtert werden, denn ihre Beantwortung ist abhängig von dem Eingehen auf das, was die erste Frage umschreibt, immerhin kann man bei der Darstellung der jüdischen Geschichte das eine oder das andere mehr im Auge haben, das eine oder das andere zum Ausgangspunkt nehmen. .Das eben erschienene Buch*) des geistigen Führers des gegenwärtigen religiösen Liberalismus im Judentum will eine Antwort geben auf die Frage, in welcher Weise die Zuden des 19. Jahrhunderts ihre Pflicht die Erhaltung des Judentums gerecht worden sind, und es findet ihre Pflichterfüllung in der inneren und äußeren Umgestaltung des Judentums, seines Lehrinhaltes und seiner religiösen Handlung, in dem, was man landläufig die Reform nennt. Natürlich kann man dabei nicht nur die Reform schildern, sondern muß auf die Auseinandersetzung der Reformer mit den Verfechtern des Bestehenden und auf die der Orthodoxie mit der Neform eingehen. Go wird eine Geschichte der jüdischen Reformbewegung zugleich zu einem'Abriß der Geistesgesrhichte der Zuden im 19. Jahrhundert. Das ist denn auch öeligmanns Buch, und daß es das ist, ist besonders rühmlich hervorzuheben, denn das besagt, daß, obgleich es Schilderung einer Partei ist und aus dem Bewußtsein der Zugehörigkeit zu der Partei und der Führerschaft in ihr geschrieben ist, es doch objektiver ist und den Vertretern der anderen Richtungen und der verschiedenen Strömungen im Liberalismus selbst durchaus gerecht wird. Auf den Gegensatz zweier Strömungen führt Seligmann allen Wandel und Wechsel in der jüdischen Geschichte von jeher und bis auf den heutigen Eag zurück, auf den Gegensatz von Universalismus und Partikularismus. Universalismus ist die Sehnsucht, alle irgendwie gearteten Schranken der Gemeinschaftsbildung hinwegzuräumen und das rein Menschliche, als einzig Berechtigtes und Herrschendes anzuerkennen, Partikularismus der grundlegende Erieb der Unterhaltung, der zur Abschließung drängt. Sind sie harmonisch vereint und ausbalanziert, dann bilden sie das Schöpferische, das in aller Entwicklung lebendig ist, aus ihrem Wechsel werden alle Veränderungen im religiösen Bewußtsein geboren; wird eines von ihm allein oder zu stark betont, dann beschließt entweder das Gemeinschaftsbildende, oder es entartet in der ünzurht der Abgeschlossenheit. Auf diesen Gegensatz führt Seligmann auch die verschiedene Einstellung zurück, die sich in Liberalismus oder *) öoligmann, Geschichte der jüdischen Reformdewegung. »3. iWinff» manu-Berlag, Frankfurt a. M. 1922. (189 5.) Orthodoxie zur Geltung bringt. Es kann fraglich sein, ob man damit wirklich restlos die Verschiedenheiten der Stellungnahme und die inneren seelischen Vorgänge erklären kann, aber es ist jedenfalls ein sehr fruchtbarer Gedanke von Seligmann, die Differenzen zwischen Liberalismus und Orthodoxie und innerhalb des Liberalismus selbst in diesen Gegensatz einzuspannen. Mit jedem Punkte, von dem aus man mit einem Scheinwerfer die Landschaft neu beleuchtet, gewinnt sie einen neuen Reiz. Und die Durchführung des Gedankens im Einzelnen ist höchst reizvoll und gelungen. Wenn aber weder Universalismus noch Partikularismus allein das Judentum erhalten können, wenn es Aufgabe ist, sie immer wieder aus allen Verschiebungen ins Gleichgewicht zu heben, was befähigt dazu, sie ins Gleichgewicht zu bringen, was muß man in die Wagschale werfen, die zu hoch gestiegen ist, um das Judentum zu retten? Das einzig Erhallende und Regulierende ist: der Wille zum Judentum. Er ist der Geburtshelfer )n allen Gedanken und Erscheinungsformen, in deren Wandel und Gestaltung sich Judentum darstellt und auswirkt. Es ist natürlich unmöglich, den ganzen Gedankengang des Buches hier zu entwickeln, es soll ja selbst gelesen werden, und es soll gelesen werden, damit man in einer kurzen und gedrängten Uebersicht einen Einblick gewinnt in das geistige Ringen im Judentum zu allen Zeiten, im besonderen aber im vorigen Zahrhundert. Seligmann läßt die einzelnen Begebnisse vor uns erstehen, er zeichnet sie uns auf dem Hintergründe, von dem sie sich abheben und aus dem sie hervortreten, und er zeigt uns die Persönlichkeiten, die aus der Tiefe und Eigenart ihres religiösen Genius die Führung zu übernehmen, denn hinter aller religiöser Entwicklung steht immer eine lebendige Persönlichkeit mit der Eigenart ihrer Seele und der Stärke ihres religiösen Innenlebens. Den Höhepunkt bildet naturgemäß die Darstellung der vier Persönlichkeiten, die in der Hauptsache die geistigen Nährväter des religiösen Lebens der deutschen Zuden des 19. Zahrhunderts waren, und die bis auf den heutigen Eag die Parieibildung in ihm beeinflussen. Geiger und Fränkel, Hirsch und Holdheim, das sind die vier großen und starken Persönlichkeiten. Die ersten zwei solche, in denen Universalismus und Partikularismus in einem hohen Maße ins Gleichgewicht kamen, die anderen zwei solche, in denen eine der zwei Quellen überstark, fast allein alles Wasser aufnehmend fließt. Geiger und Fränkel, beide gehen von dem Grundgedanken der ständig im Fluß befindlichen E n 1 w i ck l u n g aus, beide wollen sie aus dem Hinhorchen auf diese im Seelenleben des Menschen sich vollziehende und durch die äußeren Umstände bedingte Entwicklung dem Judentum die Gestalt geben, die ihm seine Eigenart erhält und ihm doch in den grundliegend veränderten Verhältnissen seine Verbindung mit der Außenwelt wahrt und damit auch seine Fähigkeit, Menschen und Welt zu beeinflussen und zu prägen. Worin sie sich unterscheiden, das ist folgendes: Geiger erkennt der Wissenschaft, der kritischen und rationalen die Entscheidung darüber zu, was ewig und unvergänglich ist, Fränkel aber — obgleich nicht minder wissenschaftlich geschult und gerichtet — will dem lebendigen Volkswillen die letzte Entscheidung zumessen. Es ist unendlich schwer, um abzuwägen und ein Urteil zu fällen, wer wohl im Rechte war und wen die Zeit als den tiefer und richUger Schauenden erwiesen hat. Selig- | mann neigt dazu, (seiger eher die Palme zuzuerkennen! als fränkel, denn, führt er aus, Frankel formuliert fo, wie er es tat, weil der Bolkswille der damaligen Zeit und die religiöse Haltung der Masse der Zuden mit der inneren Seelenstimmung Fränkels llbereinstimmten, ob er aber auch so formuliert hätte, wenn er Wille und Haltung der deutschen Zudenheit von heute gekannt hätte, die in ihrer Auswirkung und praktischen Tat weit Uber Fränkels „gemäßigte Reform" hinausgegangen sind? Run ist es ganz ohne Zweifel, daß rein theoretisch Geiger der Klarere, Kritischere, wissenschaftlich unvoreingenommener Arbeitende ist, daß er vor allem der Folgerichtigere ist, der den Mut hat, aus seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung die schnelle Konsequenz zu ziehen» aber diese ganze Einstellung ist stark rationalistisch, und Fränkel hat mit seiner Formulierung tiefer das irrationale gesehen, das in der Volksseele lebendig die Frömmigkeit nun eben gestaltet. Und die Zeit hat gelehrt, daß dieses irrationale, dieses Dunkle und Unerklärbare, das nicht nach Gründen fragt, stärker ist, als Geiger geahnt hatte. Würde ich daher in dem Urteil, ob Geiger oder Fränkel das Richtigere getroffen hat, die Seligmann'fche Kritik an Fränkel nicht für durchgreifend halten, so kann ich umgekehrt Seligmanns Wortprägung zur Eharakteristik der beiden Richtungen auch nicht unwidersprochen lassen. Er nennt prägnant die Geigersche die kritisch-historische und die Zränkel'sche die positiv-historische. Das ist falsch, damit ist einem Mißverständnis Tür und Tor geöffnet, damit könnte der nicht in die Tiefe Gehende das Urteil gewinnen, als sei Geiger nicht positiv, das Positive aber ist doch das einzige wirkliche Merkmal einer lebendigen Frömmigkeit, und Geiger war durchaus positiv. Und gerade weil man fälschlich dem Liberalismus so oft den Vorwurf macht, er sei nicht positiv, muß solche Formulierung vermieden werden. Am besten wählte man wohl folgende Bezeichnung: Geiger die rationalistisch-historische, Fränkel die irrationalistisch-historische Richtung; Fremdwort das eins wie das andere. Beide, Fränkel wie Geiger, streben die Verschmelzung des Universalistischen und des Parlikulargtischen an, das Fehlen dieser Verschmelzung ist der Mangel der beiden anderen Richtungen. Holdheim will alles, was an irgendeine Verknüpfung mit dem einstigen nationalen Bestand Israels erinnert, daher das gesamte Zeremonialgesetz, beseitigen, ihm gilt nur das als richtig, was sich auf das seelische Verhältnis von Mensch zu Gott bezieht, und Hirsch wiederum bringt mit seiner Formulierung der These und des gesamten talmudischen Gchr'fttums als unveränderlichem göttlichen Gesetz alle partikularistischen Tendenzen zum Uebergewicht; beide lehnt der Verfasser darum schon allein wegen des mangelnden Gleichgewichts von Universalismus und Partikularismus ab. Selbstredend ist das Werk bis in die unmittelbarste Gegenwart durchgeführt, die Darstellung ist klar und schlicht und die Lektüre wird für jedermann ein großer Genuß sein, für den Kundigen eine willkommene Zusammenfassung des ihm Bekannten, dar or oft in einem neuen Licht sehen wird, für den minder Kundigen eine leicht faßliche und anregende Belehrung. Und wie immer man sich zum Einzelnen stellt, das Ringende in dem echten religiösen Liberalismus kommt stark zum Bewußtsein, und das ist das Beste und Ausschlaggebende. Nachdruck jämtlicher Originalbeiträge nur mit Genehmigung der Redaktion gestattet. Eingefandte Alanufkripte werden nur zuriickgejaudt, wenn Ruckporto beiliegt. 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