Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 3 (19.1.1923)
- Date
- 1923-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchÄemleZeümig Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Sejchäftsstelle V.jahrl. Al. 250.- Liuzeluummer.„ 25.- Uir die AMglieder der Bereinigung ist der Berugspreis :: :: :: im Alttgliedsbeitrage eivbegriffen. :: :: :: Aureigeupreis: Die ZV, cm breite mm-Zette Al. 60.- Die „Jüdijch-liberale Zeitung" erscheint jeden Zreitag, je dreiwöchentlich als wijfeufchaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. S, AlauerstraKe 22 (Bereinigung für da» liberale Judentum e. B.), Fernruf: Amt Zentrum 1b2 Anzeigen-Annahme bei der Sefchaftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 V»» j /, tili WWW HHii«yuw *»». vv.- _ fv« i» . - MT ( yuymujUH. ^v|iju;wnnvmv vüwih W«. I Zaurilleuanreigeu M.40.-. Bei Wiederholung Lrmätzig. AL. 3 OCtlin, 19. <)(lNUtlL 1923 3. Ar. 1Z7069 (Bereinigung für das liberale Zudeutum e.B.). liberales ^uclentum Monatsschrift für die religiöse Erneuerung des Judentums Herausgegebeu von der Bereinigung für das liberale Judentum L. B. unter der Schriftleituug von vr. Laesar Seligmaun, Rabbiner in Frankfurt am Alain. Ar. 1 19. Januar 15. Jahrgang Inhalt: Positiver Liberalismus, seine Stollungnakme zum mosaischen Gesetz und zu den anderen Richtungen im Judentum, von I. Wolfssohn, Breslau. — Prophetisches Judentum und Urchristentum, von Dr. Al. Spanier, Magdeburg. — Das jüdische Wunder, vcn Dr. phil. Fritz Wachsner. — Die Geschichte der jüdischen Reformbewegung im Urteil eines Führenden, von Rabbiner Dr. Dienemann- Offenbach a. Al. Positiver Liberalismus, seine Stellungnahme zum mosaischen Gesetz undzu den anderen Richtungen im Zudentum. Von I. Wolfssohn, Breslau. Die nachstehenden Ausführungen sollen keine Lehren oder Thesen, sondern nur Anregungen zum Nachdenken und Meinungsaustausch darstellen. Wenn also Stil oder Ausdrucksweise an einigen stellen einen lehrhaften Ton angenommen haben sollten, so sei hiermit schon im Voraus um Entschuldigung gebeten und ausdrücklich bemerkt, das? solcher durchaus nicht in der Absicht des Verfassers gelegen hat. — I. Zweierlei macht man dem Liberalismus der letzten 30 Jahre zum Vorwurf. Erstens, daß er nur abbaue und nicht aufbaue; zweitens, daß er in Sgnagoge, Haus und Leben alles spezifisch Jüdische vernichten wolle. Beschäftigen wir uns zunächst mit dem zweiten dieser Vorwürfe. Wir kommen heute noch einmal auf den oft auf Kanzel und Rednerpult zitierten Latz unsrer Weisen zurück: „W e n n Ihr anders seid, gehört Ihr zu mir dem E w i g e n Eurem Gotte, und w en n 2h rnicht anders seid, gehört Ihr zu dem großen Babel und seinen Gen o s s e n.“ Wir wollen tum einmal t>ie_fiir unsere heutigen Ausführungen überaus wichtige Irage erörtern, weshalb Israel im Altertum durch die vom Linai gepredigte Lehre so ganz anders wie die anderen Völker, auch die geistig mindestens ebenso hochstehenden war. Was zeichnete denn dieses kleine Völkchen vor allen andern in ethischer, also in höchster Beziehung aus? Waren es die Lpeisegesetze und sonstigen Ritualgebote? Rein, denn solche halten die andern Völker auchl Waren cs die Opfer? Keineswegs, sie waren auch bei deu andern Riten vorhanden! Waren es Labbai und Festtage? Wohl schwerlich, auch andere Kulte kannten wenn auch aus geringerer Ethik herrührende, so doch zur Andacht stimmende Feste und Feiertage! Was Israel so unvergleichlich über alle andern erhob, war die Lehre von der e i n i g e i n z i g o n, von der rein g eist i g e n, nicht bildlich darzustellenden, von der neidlosen Gottheit! Wenn auch die Sprache der Bibel bei der Schilderung vom Wesen Jehowas zu bildlicher Ausdrucksweise greift und hierbei auf den Menschen passende Bezeichnungen wählt, wenn sie von „der Hand des Ewigen" usw. von dem „eifervollen Gott" spricht, niemals legt sie die hässlichste der menschlichen Eigenschaften, den Neid, unferm Adonei bei. Das Judentum (uns erscheint das als einer seiner besondersten Vorzüge) kannte nicht „den Neid der G ö t t l i ch e u , der U n ficht - baren ". Gin ganz geringer, wohl auf Atavismus von grauer Urzeit herrührender Hauch dieser antiken Auffassung ist vielleicht in der Erzählung des babylonischen Turmbaues noch zu finden. Und weiter: diese Gottheit erschuf den Menschen in ihrem Lbenbilde, also ein auch zum selbständigen Schaffen und Handeln befähigtes und bestimmtes Geschöpf, das der Stammvater aller Menschen ward und daher auch aller Völker. Darum wurde uns geboten, an unfern Sabbaten und Festen auch dem Knechte, der Magd, dem Vieh, und dem Fremdling, der in unfern Loren weilt, Ruhe zu gewähren. Damit hatte das Judentum vor allem die bisher allein herrschenden Religionen des Herrentums überwunden. Deshalb die Verachtung vonfeltcn des auf sein Herrentum stolzen Römers» vonseiten des kunstsinnigen ethischen, dem ein Volk, das seine Gottheit nicht dem schönheilsgierigen Auge darstellte, minderwertig erscheinen muhte. — Soeben nach Redaktions-Schluß erreicht uns die erschütternde Nachricht, daß Herr Oscar Tieft am Mittwoch, den 17. Januar plötzlich in Zürich verschieden ist. Mit tiefer Wehmut gedenken wir des seltenen Mannes, der neben außerordentlichen geschäftlichen Lrfolgen den jüdischen Interessen und wohltätigen Einrichtungen mit Gut und Arbeit in einem Maße zur Seite gestanden hat, wie es selbst in der opferwilligen Berliner Gemeinde fast ohne Beispiel dasteht. Die liberale Sache verliert in Oscar Lietz den treuesten Freund und Förderer, die liberale Fraktion der Berliner Repräsentanten- Versammlung ihren soeben gewählten Spitzenkandidaten, die Jüdisch - liberale - Zeitung einen Gönner, der mit half, ihren Fortbestandzu sichern. Line eingehende Würdigung der Verdienste von Oscar Tietz soll die nächste Rümmer unsrer Zeitung aus der Feder unsres ersten Vorsitzenden bringen. Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Von solchem Standpunkt aus betrachten wir das mosaische Gesetz und die Persönlichkeit dessen, ver es der Welt übermittelt. Auch wir erblicken nach der Bibel in Moses den Mann, mit dem einzig und allein Gott von Angesicht zu Angesicht gesprochen, den Propheten, wie solcher nicht mehr in Israel nachher erstanden. Aber den ersten Teil dieses Lchriftwortes deuten wir als tiefste Erkenntnis, die je ein Irdischer von der Gottheit haben kann. Und bei dem zweiten Teil folgen wir dem evangelischen Theologen Kittel, der sich über diesen Punkt ungefähr folgendermaßen ausspricht: „Moses war Prophet nicht dem Namen, sondern der Lache nach; nicht ein Prophet der Lxstase, sondern ein Mann der Tat." Und als die selbständige Tat des „ g ö t 1 l i ch e n M a nn e s", wie ihn die Schrift nennt, erscheint uns nicht nur, daß er sein Volk aus der egpptischen Knechtschaft heraus und in 40 Jahre hindurch währenden Kämpfen und Entbehrungen durch die Wüste führte. Jührer und Befreier haben andere Völker auch gehabt. Wir bewundern an ihm vor allem, daß er der Ethik, die er lehrte und predigte, Formen und Ausdruck gab, wie sie in Zeit und Oerttichkeit zu erfüllen waren. Daß er unbeschadet des Kerns seiner Lehre diese in Form und im äußeren Ausdruck der Gottesverehrung einftelite, wie sie der Mensch der damaligen o^it verstand, begriff und erfüllen konnte. Wenn Moses dem aus^ grauer Vorzeit von den Erzvätern überkommenen Erbe der Gotteserkenutnis weiter das Tieropfer und die Darbringung von Zeldfrüchten als Ausdruck der Gottesverehrung beließ, so erscheint uns das als ein Zugeständnis au die derzeitige Kulturstufe der Menschheit. Wir erblicken im Darbringen solcher Opfer an ein unsichtbares göttliches Wesen einen Widerspruch. Aber diese Milde gegenüber menschlicher Jassungsgabe findet sofort ihre Grenzen, wenn das Volk die Idee der bildlofen Gottheit antastet und wird, wie wir bei der Zerstörung des goldenen Kalbes sehen, zur Strenge. — Auf der andern Seite enthält Moses, der Erkenner des Göttlichen und des Irdischen in der Menschennatur, seiner Generation die Lehre von der Unsterblichkeit des Geistes noch vor, weil die bösen Folgen der eggptischen Auffassung von einem Leben im Jenseits ihm noch allzu deutlich vor Augen standen. Wir wollen durchaus nicht, wie man von gegnerischer Seite häufig dem Liberalismus vorwirft, die mosaische Lehre durch den Prophetismus als völlig abgelöst betrachten. Wir Hallen den vom Gründer der „n a t i o n a l d e u t s ch e n Juden- Partei" geprägten Ausdruck vom „m o s a i s ch e u Jude n" für einen verhängnisvollen Irrtum und für das deutlichste Zeichen tiefster Erkenntnis der jüdischen Religion. Entweder man ist mosaischer^ Jude, und das ist man ohne weiteres, wenn man das Zehngebot unbedingt anerkennt, wozu dann auch die Anschauung von einem einig einzigen Gott und die Ausschaltung jeden Mittlers zwischen Gott und Mensch gehört. Oder man ist überhaupt kein Jude. Aber wir unterscheiden deutlich zwischen dem ewig Jüdischen und dem nur zeitlich I ü d i f ch e n, welches letztere je nach äußeren Umständen des Landes und der Zeit wechselte. Wir trennen vor allem scharf das, was der Ethiker am Sinai gelehrt und geboten, und was der Staatsmann und Hggieniker in die Form von göttlichen Gesetzen gegossen. Daß er diese Zorm wählen mußte, war erklärlich, denn von Gott kam ihm die Erkenntnis dessen, was gut und böse, was für das Leben des Einzelnen und das der Gesamtheit schädlich und nützlich war. Wir heben an dieser Stelle hervor, daß im mosaischen Gesetz das Nützlichkeitsprinzip niemals auf Kosten der Natur herrschte, und treten der kürzlich in diesem Vlatte geäußerten Meinung entgegen, Moses habe die Bekämpfung der menschlichen Natur gepredigt. Alle seine Gebote richten sich gegen Unnatur undWidernatürlichkeit, und dasIudentum verheißt nicht die Erlangung der Seligkeit durch Kasteiung. Aber die Mittel, mit denen sonst der Gesetzgeber seinen Lehren Geltung verschaffen kann, kriegerische und politische, kurz die Macht der Exekutive, war bei Moses noch nicht ohne weiteres vorhanden; sie wurden gegenüber dem Volke erst geschaffen durch die Wucht, mit der es ausjprach, daß feine Erkenntnis eine göttliche war, daß das göttliche Wesen ihm außer der Verkündung der ethischen auch die Verkündung aller andern Gebote aufgetragen. Rur so konnte er nicht nur der „Rawi", der Bote Gottes, der Prediger (ein Prophet im eigentlichen Sinne des Wortes ist er nie und nirgends), sondern auch der Führer feines Volkes werden. Und wahrlich, wenn je ein Irdischer über Mitmenschen von Gottes Gnaden gehe rrfch 1 hat, so war es Moses. — So sehen wir die Speisegesetze als Gebote der Hggiene an, wie sie Ort und Zeit verlangten, und haben deshalb keinerlei Veranlassung, sie heute noch als religionsgefetzlich verbindlich anzusehen. Für Gesundheitspflege dieser und anderer Art sorgen heute Staat und Arzt; aus das Kapitel Staat kommen wir später noch zu sprechen. Es wäre uns als ein unglückseliger Gedanke erschienen, wenn der Liberalismus eine Ummodetuug der Lpeisegesetze propagiert hätte oder gar noch propagieren würde. Diejenigen Juden, die an diesen Geboten weiter festhallen wollen, lassen sich auch nicht durch einen neuen Schulchan Aruch davon abbringen, und die andern würden auch die modifizierten Speisegesetze nicht beachten. Wir muffen es auch ablehnen, in deu mosaischen Lpeisegesetzen für den europäischen Juden eine Erziehung zur Enthaltsamkeit zu erblicken; abgesehen davon, daß die koschere Küche vom Gegenteil überzeugt, ist auch in dieser Beziehung die Religion von andern Faktoren abgelöst worden. Ebenso kann die Auffassung über Labbatruhe bzw. die genaue Bestimmung dessen, was unter diesem Begriff zu verstehen ist, auf dem Wege über ein liberales Lgnhedrion gelöst werden. Die liberale Rabbiner-Berfammiuug in Posen hatte wahrlich recht, als sie sich mit „Richtlinien" beschied; wenn nur die liberalen Rabbiner nach ihnen gehandelt hätten. Als ehrliche und entschiedene Liberale müssen wir erklären, daß wir von den mosaischen Gesetzen nur die ethischen als noch heute verbindlich ansehen. zunächst natürlich die Erhaltung des reinen Monotheismus ohne jede Verwässerung, den Glauben an ein über der Ratur und durch die Ratur waltendes göttliches Wesen; dann weiter: den diesem Wesen geweihten Dienst so zu gestalten, daß er nur Stunden wirklicher Erhebung und Andacht bildet. Das bedeutet für den wirklich liberalen Juden unbedingte Erhaltung aller der uns überkommenen Gebete und Formell, die solchem Zweck genügen, d. h. dem Empfinden der Jetztzeit verständlich find und nicht durch übermäßige Länge oder Wiederholung ihre Wirkung verlieren oder gar ins Gegenteil verkehren. Dagegen Ausschaltung aller Gebete und Formen, die solchen Ansprüchen nicht genügen.^ Auch die Einkleidung schöner alter Gedanken ln neue Formen gehört dazu. Um für das letzte ein Beispiel herauszugreifen: Sukkoth war ursprünglich ein kanaanitifchös Ratur- und Erntefest, dem dann der tiefreligiöfe Eharakter des israelitischen Glaubens unterlegt wurde. Die Feier dieses Festes ist mit der schönen Jugendvereins-Anzeigeu PF* letzte Lette.