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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-03-02 · 9 (2.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
9 (2.3.1923)
Date
1923-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWchLmile3rll«N Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährl. W. 250.- Einzelnummer... 25.- Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: :: im Witgliedsbeitrage einbegriffen. :: :: :: Anzeigenpreis: Die 3‘/s cm breite mm-Ieile M. 60.- Famitienanzelgen Al. 40.-. Bei Wiederholung Ermäßig. IDie „Jüdisch-liberale Zeitungerfcheiut jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wijfeufchaftliche Beilage „Liberales Judentum- und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereiue-. Nr. tz « Berlin, 2. Mär; 1923 * 3. Jahrgang Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. S, Mauerstraße 22 lBereiuigung für da» liberale Judentum e. B.), Fernruf: Amt Jeutrnm 162. Aureigen.Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Rr.1 57069 (Bereinigung für das liberale Judentum e.B.). Purimgedanken. Purimgedanken. Von Dr. 5. 5 a m u e l (Essen). Haben wir Juden von heute noch innere Beziehungen ]um Purim - Gedenktage? Aeußere haben wir gewiß; er ist solange mit unserer Geschichte verknüpft, daß wir ihn nicht unbeachtet lassen können. Auch haben wir keine Neigung, ihn?u verleugnen. Am Purim läßt der Jude einmal den Priester und Propheten zurücktreten, und gibt sich als Mensch, wie andre Menschen. Das ist seine Maskenfreiheil. Aber erhabene, heilige Gefühle kann der Gag kaum in ih mauslösen; recht gesehen, hat Purim dies auch früher nie vermocht. Ls ist nicht unnütz, diese Tatsache einmal ins Licht zu stellen. Zunächst am Gegensatz. Einem Volke, dem ein Passah widerfahren war, mußte eigentlich ein Vorgang, wie die Lsthergeschichte, geringfügig erscheinen. Neben einem Mose kann Mordechai schlecht bestehen. Und Pharao mit seiner Verschlagenheit bekommt Größe, gemessen an dem Emporkömmling Haman, der seinen König mißbraucht, um sich für eine erlittene Kränkung an einem ganzen Volke zu rächen. Die Tage und Monate von Angst und Sorge in der medo-persischen Iudenheit verschwinden vor den Jahrhunderten eggplischer Sklaverei, und so gibt auch die Nettung vom 13. Adar nur eben Gelegenheit zu einem herzlichen „Gott sei's gedankt!" mit nachfolgendem Zestgelage. Die alten Religionsgelehrten halten vollkommen Recht, wenn sie Purim nicht unter die Gottesfeste Israels aufnahmen; fehlt doch im Buche Esther nicht nur der Gottesname, sondern auch der Name Israel. Sie haben dem Tage sogar die Hallelgesänge vorenthalten, die Lhanucka in die Nähe der hohen Freudenfeste rücken. Nur eine verdächtige Unwissenheit konnte behaupten, Purim sei das höchste unter den jüdischen Festen. In Wahrheit ist es nur ein winziger Trabant ihres strahlenden Sternenreigens. Vielleicht hätte das immerhin bemerkenswerte Ereignis dennoch eine andere seelische Nachwirkung gehabt, hätte ihm nicht der biblische Berichterstatter das Siegel seines kleinen Geistes aufgedrückt. Glück hat er zwar mit seiner Darstellung gehabt; man denke, sein Buch hat einen Platz in der heil. Schrift gefunden, aus der sich Ben Lira und die Makkabäerbücher ausgeschlossen sahen. Ls hat eine unverdiente Volkstümlichkeit erlangt, da es an den Kopf weiter keine Ansprüche stellte, bedenklichen Empfindungen schmeichelt, und, was das Aergste ist, keinen Versuch macht, die Dinge ethisch-religiös zu vertiefen und zu werten. Daran kann auch die Erwähnung der Armenspenden nichts ändern. Was etwa an seelischen Empfindungen sich mit Purim verknüpft hat, hat die Lgnagoge diesem erst eingehaucht, aber nicht von ihm empfangen. In der feinen Zeichnung Steinthals („Zur Bibel und Neligionsphilofophie", erster Band S. 53 flg.) wird dem Schriftsteller eine gewisse Unzulänglichkeit zugute gehalten. Leit wann haben aber Unzulängliche eine Stimme in der Gemeinde? Die Unterlassung des Gottesnamens deuten wir vielleicht für den Verfasser am günstigsten, wenn wir sagen: er hatte das Gefühl, wo der göttliche Geist fehle, da habe auch der Name Gottes nichts zu suchen. Hat nun aber die göttliche Gegenwart bei den Ereignissen selbst gefehlt? Ja und neinl Mordechai und Esther, der umgestimmte Ahasver und feine Schranzen sind natürlich Werkzeuge der göttlichen Vergeltung, die über den Widersacher der Juden hereinbricht; und die zuerst Genannten tun alles im Vertrauen auf Gott und ihre gute Lache. Aber wie sie es zu Ende führen, das ist durchaus nicht göttlich. Im Besitze der Macht kehren sie den Spieß um und kennen kein Erbarmen. Wir müssen zwar bedenken, daß damals die Juden unter den Völkern noch selber als Volksgemeinschaft bewertet wurden, also zu den Waffen gerufen werden konnten, um für ihr Leben einzustehen und sich für jede Unbill blutig zu rächen. Aber unsere lange Wanderung seit jenen alten Zeiten bis heute hat uns gründlich geändert. Wir halten nicht viel von der Gewalt, und wir glauben damit unserer göttlichen Bestimmung näher gekommen zu sein. Haben wir neue Kämpfe zu bestehen, will der alte Haman nicht sterben, nun so muß er in geistigem Ringen über wunden werden. In diesem Kampfe fehlt uns aber die Hilfe Gottes gewiß nicht, so wenig sie in den Tagen Mordechais und Esthers gefehlt hat. Das ist die Ueberzeugung, die uns Aus dem Snhalt: ~ Dr. Samuel: Purimgedanken. — Dr. Lervkowitz: Gefahr § und Abwehr. — George Soetz: Liberales Judentum einst F - und jetzt. g S g 3. C. Perez: Sein Geheimnis. g ö Die jüdische Gegenwart: u. a. Justus: Zur unseren ä 8 Kampf ums Recht. — Antworte«. S S S U2^e/0Q/*>e/i>e/<>e/02/i>Q/t)e/iX2/!><3^>Q/iX2/t>Q/i>e/0<2/i>(!/!><!/t>e/SU Die amerikanischen Liberalen und Palästina. Die Umon of American hebrew congregations hat auf ihrer von uns bereits kürzlich angekündigten Tagung die von einigen Delegierten unterstützte Resolution für Palästina abgelehnt. Die beantragte Resolution sollte die Befriedigung über das Palästina-Mandat und über die wohlwollende Stellung der amerikanischen Regierung zu diesem zum Ausdruck bringen. Hierauf brachte Dr.'S. Schulmann, der angesehene Rewgorker Rabbiner, eine Resolution ein, in der es unter anderem heißt: Wir lehnen jede Form des jüdischen Rationalheims ab. Wir sehen Palästina nicht als Rationalheim des jüdischen Volkes an. Wir betrachten das jüdische Volk als eine geistige Gemeinschaft, als ein Weltvolk, dessen Heimat die ganze Welt ist. Wir hallen es für nicht angebracht, daß sich Richtzionisten in der praktischen Arbeit in Palästina betätigen, solange die zionistische Organisation die Philosophie des Rationalheims vor der Welt repräsentiert. Tine Resolution, die sich für den materieller» Aufbau Palästinas ausspricht, dagegen alle Formen des Zionismus ablehnt, fand gleichfalls keine Annahme. Kommt die Gesamtorgauisaüou? Schon vor mehreren Monaten wurde bekanntlich anläßlich der Tagung der preußischen Gemeinden die Schaffung eines Landesverbandes beschlossen. Nunmehr haben alle Fraktionen der Repräsentantenverlammlung der Berliner jüdischen Gemeinde einen Antrag eingebraryt, der den Vorstand auffordertz über den Stand der Arbeiten und über die Aussichten der Repräsentantenversammlung Bericht zu erstatten. Er herrscht das Bestreben vor, die Angelegenheit so zu fördern, daß die Landesorganisation definitiv zustande kommt. Aach dem Zustandekommen der preußischen Landesorganisation soll versucht werden, wie es schon bei der Verteilung der 2onit-Gelder mit Erfolg unternommen worden ist, die verschiedenen Landesverbände in Preußen, Bagern, Baden usw. zu einem Reichsverband, mindestens zur Ausführung bestimmter Aufgaben zufammenzuschließen. Du Zeichen völkischer Kultur. 2n Schneidemühl wurden auf dem jüdischen Semeindefriedhof in drei Rächten von frevlerischer Hand insgesamt 54 Grabtafeln zertrümmert. Die Polizei konnte bisher die Täter nicht ermitteln- Die Störung der Einheitsfront. Das 2üdische Korrespondenz-Büro verbreitet folgendes Telegramm ihres in das Ruhrgebiet entsandten Sonderberichterstatters: Am Tage nach dem Einmärsche der Franzosen in Essen erhielt. der Präsident der Essener jüdischen Gemeinde einen anongmen Drohbrief, in welchem angekünüigt wurde, daß an der 2udenheit der Stadt blutige Rache genommen werden wird, falls sie die Okkupationsmacht irgendwie unterstützen sollte. Einem anderen angesehenen Mitglied der Essener jüdischen Gemeinde wurde unter dem falschen Vorwände, er habe aus Anlaß des französischen Einmarsches in seinem Hause die Trikolore ausgehängt, iu einem anongmen Schreiben schlimme Strafe angedroht. Die Bedrohten appellierten an die Polizei. Bis jetzt sind die Absender der Drohbriefe nicht ermittelt worden. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß eine unterirdisch arbeitende Schwarze Hand durch Verbreitung unwahrer Legenden eine gefährliche 2udenhetze betreibt. Fiaauznot uud polttisches Geschäft. Mit Rücksicht auf die Finanznot der Leipziger jüdischen Gemeinde wurde in der letzten Gemeindesitzung die Frage der Aufnahme einer Anleihe von etwa zwanzig Millionen Mark zur Sicherstellung des Gemeindebudgets beraten. Von einigen Repräsentanten wurde auf den Zusammenhang einer aufzunehmenden inneren Anleihe mit einer befriedigenden Lösung der Wahlrechtsfrage hingewiesen. Solange die Gemeinde den ausländischen 2uden in Leipzig nicht das volle Wahlrecht gebe, könne man nicht erwarten, daß sie zu einer Anleihe beitragen. Zur Vordere!- tung der Anleihe wurde eine Kommission eingesetzt. Wenn er unseres Erachtens auch Pflicht der jüdischen Gemeinden als religiöser Znstitutionen ist, nach einer gewissen Karenzzeit allen Gemeindemilgliedern ein Wahlrecht einzuräumen, so muß es doch aufs schärfste verurteilt werden, die finanzielle Notlage der Gemeinden als politisches Druckmittel auszunützen. Abgesehen hiervon, ist ein derartiges Verhalten aber auch Dummheit, da es den Vorstand der Gemeinde zu einer Prestigepolitik zwingt. Oder glaubt man, daß für Geld auch eine Aenderung in den Anschauungen des Vorstandes zu erreichen ist? vom alten Purim stark genug herübertönt, uns ermutigt und beseelt. Auch für neue Hamanssöhne sind andere Zeiten gekommen; denken wir etwa an ihrer 10 allein in Deutschland — etwa Knüppel-Kunze und Roth, Fritsch und Bartels, Dieter und Maurenbrecher, Reventlow und Ludendorff, Wulle und Hitler —, so finden sie doch keinen Ahasver mehr auf dem Throne; und die Volksmassen sind einigermaßen schwierig zu behandeln. Welche zugkräftigen Parolen immer ihnen gegeben werden, welche Geldsummen für sie mobil gemacht werden, welch' teuflische Absicht Tag und Nacht am Werke ist, den letzten Juden vom Antlitz dieser Gotteserde zu vertilgen — d i e schändlichen Pläne des Judenhasses werden nicht gelingen! Gott selbst liest im Buche der Erinnerungen und entscheidet, ob uns ein Verdienst zur Seite steht, und ob wir leben sollen. So brauchen wir denn nicht zu erwarten, daß der göttliche Gegenspieler seine Widersacher so märchenhaft prompt mattsetzt, wie in der Lsthergeschichte. Ls genügt uns, zu wissen, daß niemand über uns hochmütig das Los zu werfen hoffen darf, weil Gott unser Los in seinen treuen Händen hält. Gefahr und Abwehr. Von Rabbiner Dr. Lewkowitz -Berlin. Wir bringen die folgenden Ausführungen zum Abdruck, ohne uns den Standpunkt des Verfaffers zu eigen zu machen. Die Red. Geschichtliche Erinnerungen erhallen ihre Bedeutung aus ihrer inneren Beziehung zur Gegenwart. Die Sprache einer nahen Vergangenheit schwebt matt und kraftlos, wie ein verwehter Klang, wenn ihr die Resonanz in unserem Erleben fehlt, und umgekehrt gewinnen Ereignisse und Gestalten über die Jahrtausende hinweg lebhafte Farbe und eindringliche Deutlichkeit, wenn ihr Wesen und Schicksal dem unsrigen gleicht. Eine solche Verwandtschaft besteht zwischen unserem heutigen Leben und den Tatsachen, von denen uns das Purimfest ervlber eine kalbe jVlillion ßlark Kostet im Februar der Druck einer einzigen Rümmer der Jüdisch-liberalen Zeitung. Vas bedeutet, daß Eure Zeitung iu wenigen Wochen ihr Erscheinen eiustelleu muß, wenn Ihr nicht abermals einen freiwilligen Beitrag zu ihrer Erhaltung beisteuert! Soll die Jüdisch-liberale Zeitung, das Organ des freien deutschen Judentums, aus dem Thor der jüdischen Zeitungen verschwinden? Gerade jetzt, wo es milzuarbeiten gilt au den großen Zukuuftsaufgabeu des Judentums? Mer das nickt will, entschließe sich, ein kleines Opfer zu bringen, uud verzichte auf den Ertrag zweier Arbeitsstunden zugunsten feiner Zeitung! Geldsendungen für die „Vereinigung für das liberale Sudentum E. V." erbeten auf Postscheckkonto Berlin Rr. 157 069. Büro der Vereinigung: Berlin W. 8, Mauerstraße 22. Oer erfüllt damit eine Ehrenpflicht und sichert sich einen treuen Berichterstatter über die Ereignisie des jüdischen Lebens der Gegenwart. Ivgeudvereius-Anzeigen IM" letzte Seite.

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