Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 7 (16.2.1923)
- Date
- 1923-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchÄemkZalMg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährl. Al. 250.- Ginzolnummer... 25.- gür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im AMgliedsbeitrage einbegriffen. :: :: Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. S, Alauerstraße 22 lVereiuigung für das liberale Judentum e. B.), Zeruruf: Amt Zentrum 162. Anzeigeu-Annahme bei der Geschäftsstelle Auzeigevprois: Die 3'/, cm breite mm-Jeile 911.60.- - , Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW. 7 Zamitienanzeigen AI. 40.-. Bei Wiederholung Ermäßig. Vit. J S Ofcrlttt, 16* AevrUav J92_> ). ^)tlyrgaNg Nr. l ZrObysBereinigung für das liberale Judentum e.B.j. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Zur gell. öeachlung! Die Abonnenten unserer Zeitung bitten wir hierdurch, die Bezugsgebühr für das 1. Quartal 1923 mit Alk. 250— umgehend auf unser Postscheckkonto Berlin 157 069 überweisen?u wollen, da wir bei nicht rechtzeitigem Eingang die Lieferung der peitung sofort einstellen müssen. Der Verlag derJüdisch-liberalen Zeitung Vereinigung für das liberale Judentum G.B. Nachruf an der Bahre Philipp Blochs. Von Rabbiner Dr. Gottschalk. „Socharti loch chessed n’urajich — Run gedenken wir noch einmal der Liebe deiner Zugend." Amen. Gebeugte Leidtragende! Ergriffene Versammlung! An der Bahre des verehrten Lehrers und Meisters senkt nicht nur die jüdische Wissenschaft trauernd ihre Zahnen, verhüllt nicht nur die Witwe mit dem Kreis der Kinder und Enkel das Haupt — nein, eine viel zahlreichereZamilie mit ihren Greifen und Greisinnen, Männern undZrauen, Jünglingen und Mädchen vereint ihre Tränen mit denen der andern, und die Schalten der Toten senken sich herab, die ihm ins Grab vorangegangen sind. Und alle bekennen voll Trauer und Wehmut, voll Liebe, voll Ptolz und voll Dankbarkeit „Denn er war unser". „Ja, wenn etwas an seinem Leben unvollkommen geblieben, dann ist es die Art, wie er bGjtottet wird. Denn lebten wir heute in glücklicheren Zeiten, dann wäre der Heimgang Philipp Blochs ein Stadtereignis für Posen geworden, ein Tag der Trauer aber vor allem für seinen Tempel, die Brüdergemeinde. Ja die Pforten des Tempels wären offen gewesen und soviele wären hineingeströmt, datz sie der Raum nicht hätte fassen können: Juden und Richtjuden, Vertreter der Gelehrsamkeit und der Arbeit, Vertreter der Laien und Geistlichkeit. Und dann hätten wir ihn Hinausgelragen in die Ehrenreihe unseres Zriedhofes und hätten ihn den Männern angereiht, die eine Leuchte und Zierde unserer heiligen Gemeinde gewesen. Ja, lebten wir in glücklicheren Zeiten, dann wäret ihr alle zu uns gekommen, und die greisen Zührer unserer Gemeinde, welche zusammen mit ihm alt geworden, hätten ihm das Ehrengeleite gegeben, ihm, dem „Zürsten Gottes" in unserer Mitte. Es sollte nicht sein — und vielleicht muh man sagen: es konnte nicht sein. Denn es erscheint uns beinah als ein tragisches Sgmbol: in einer peil der Menschenzorfleischung ist für eine Brüder-Gemeinde kein Platz! Und zweimal Grund hatte der Tote in seiner letzten peit zu bekennen: „Gerhojissib’ereznochrijo“ — ein Zremdling bin ich im fremden Land —. Gewitz, er lebte in der ötadt seiner Sprache und in der Stadt der deutschen Kultur. Aber „die Liebe der Jugend" war es doch nicht; die ötadt nicht, in der er gelacht und geweint, geschaffen, gestrebt und in der er gebetet. Rein, Glaube und Heimat waren zerrissen, das Gemütsheim war für immer dahin. Es war nicht die ötadt, in der alle ihn suchten, und alle ihn fanden, die er gewollt. Aber auch innerlich konnte er klagen: „Ein Zremdling bin ich im fremden Lande" — denn seine Welt bestand ja nicht mehr. Wo aber lag sie denn, diese Welt? Um es zu sagen, mag denn sein Bild, wie es in Posen einst aufgestrahlt, zum letztenmal hier vor uns auf leuchten. Mir aber will scheinen — das Wesen lag darin: datz er die mannigfachen Gebiete, die er sich zum Studium auserwählt hatte, in der Gemeinde und auf der Kanzel; in der Seelsorge ebenso wie im Verkehr; in der weilen Welt und im geselligen Umgang in praktisches Leben umgesetzt hat. Der Zernstehende konnte das freilich nicht wissen, dem Kundigen aber war es offenbar. Der Mann des Geistes auf seiner Kanzel, der Lehrer, dev aus tiefem Wissensdorn schöpfte — das war der Erforscher der Philosophie, das war der Ergründer der tiefen Denker, der Mann aber, des tiefen Gefühls, der m2/dQ/dQ/ZQ/dQ/Z)Q,^<L^Q/Z)Q/d<2/uQ/dQ^Q/Z)QSÖQ/7)Q/7)Q/7)Q/dQ/Z>W % § § Aus dem Snhalt: * § 1 Dr. Gottschalk: Nachruf au der Bahre Philipp Blochs. — § Robert Hirschseld: Jur Theorie und Praxis des Noligious- £ c> Unterrichts. 8 c> Dr. Spanier: Heimweh. Jm Älter. Abraham 2bn Lsra: | Die jüdische Gegenwart. — Büchertisch. — Antworten. ö § Aus der Berliner Jüdischen Gemeinde. CMi der ersten Sitzung der ueugowähNen Nepraseiitautellversaiiuiiluiui wurde deren Präsidium gewählt, ^um Vorsitzenden wurde auf Vorschlag der Oiberaleu Zraktion 'Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der „Voroiuiguug für das liberale Judentum T. V.", gewählt, zu stellvertreteudeu Vorsitzenden die Herren Oeivinski und Nechtsan-walt Dr. Klee. In einer der nächsten Sitzungen wird vom Gemsindevorstalid Bericht über die Ergebnisse der letzten Sitzung der Jewish Kolonisation Association (Ica) in Paris erstattet worden, an der der Vorsitzendo des Gemeindevorstandes, Herr Geheimrat Giern, teilgenominon hat. Die Jahresversammlung der Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums. Ani Alittworh, _ben 7, Februar, fand die Generalversammlung der Gesellschaft zur Jördorung der Wissenschaft des Judentums statt. Der Vorsitzendo, Professor Sobornheim, erstattete Bericht Uber das verflossene Jahr und widmete dem verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden. Rabbiner Professor Dr. Bloch, warme Worte der Verehrung. Gr regte an-, seine Aufsätze über die Geschichte der Juden im Osten in einem Werke zu vereinigen. De'' Vorsitzende teilte a. nech mit, daß die Hoffnung bestehe, datz bis Gnde des Jahres die „Alochilla" erscheine und daß die große Arbeit der „Germania Iudaica" weiter sortgesetzt worden könne. An Stelle Prof. Dr. Blochs wurde Rabbiner Dr. Baeck zum stellvertretenden. Vorsitzenden und Prof. Dr. Weil, Direktor der Staatsbibliothek in Berlin, in den Vorstand gewählt. Gin seltenes Jubiläum. Am 20. Februar kann Herr Geheimrat B e r t h o I d Timen d o r f e r auf eine fünfundzwanzigjährige Amtszeit als Präsident des Deutschen Distriktes des Un-abhängigen Ordens Bne Britz <U. O. B. B.) znrüekblicke». Wir wünschen dem Jubilar noch eine recht lange und segensreiche Tätigkeit bei der von ihm geleiteten Organisation der Menschenhilfe und Nächstenliebe. Völkische Rarrhetten. Die deutsch-völkische Froiheitspartei glaubt in einer Jeit, in der Ginigkeit aller Deutschen mehr not tut denn je, von sich roden machen zli müssc'll. Sie beschwert sich darüber, datz einige der berüchtigten Wulle-Vorsammlungen verboten worden seien,daß aber zur gleichen Oi’it z. B. der Tentral-Vorein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Versammlungen abhalten darf. ^Deshalb bittet sie deil 'Reichskanzler um Beantwortung folgender fragen: „I. Sind die 'Rosinen im Glichen der Verfassung nur noch für Jude» und Kommunisten da? 2. Ist die persönliche Freiheit für 'Alles, was nicht Jude und Konnnunift ist, aufgehoben? 5. Desgleichen Versammlungsfreiheit'-' 4. Wo darf ein 'Reichstagsabgoordneter seine» politischen Freunden 'Rechenschaft ablegen?" Diese Unverfrorenheit ivird der 'Reichskanzler hoffentlich „würdig" beantworten. Die rumänische Regierung gegen den Anlisemilismus. Durch Beschluß des rumänischen Alinistorrates wurden die Bukarester Universität und alle Studentenheime und Mensen für das ganze Jahr geschlossen. Ministerpräsident Bratianu erklärte, datz die Negierung von dem boschrittenen Wege nicht abweichen werde, da die antisemitischen Ausschreitungen Rumänien im Auslände schädigten. Die Schuld an de» bedauernswerten Hetzen hätten die Universitätsbehörden, welche nicht rechtzeitig eingeschritten seien. Der Historiker und Abgeordnete Jorga hat auf seine Universitätsprofessur verzichtet, da ein Teil der „nationalen" Studenten gegen ihn demonstrierte. Der Unterrichtsministor besteht darauf, datz Jorga seine Demission widerrufe, da die rumänische Wissenschaft dadurch einen großen Verlust erleiden würde. Der internationale Rationalist. Die antisemitische „Deutsch-Oesterreichische Tageszeitung" veröffentlicht ein In-terview imt General Cudendorff. in welchem sich der General dahin ausspricht, datz der Kampf des deutschen Volkes gegen den inneren Jeind, den Marxismus, jetzt wichtiger setz weil Deutschland zu einem militärischen Kampf gegen den äußeren Jeind zu schwach ist. Der General empfiehlt eine Einheitsfront zwischen Srhivarz- Gelben, pegitimisten und Hakeukrouzlern. Die österreichische liberale Presse bringt den Besuch General Cudendorffs in Oesterreich in. Jusammenhang mit Konferenzen, die zwischen österreichischen, ungarische» und baciorischen Monarchisten gegenwärtig abgehalten werden. In dem gleichen Jusammenhang wird die aus Budapest gemeldete Abreise des berüchtigten Terroristen Major Osztenburg »och München gebracht. Innigkeit und der Bescheidenheit, der Mann, der sich keusch förmlich verhiülte. das war der Erforscher der dunklen Mpstik, des Geheimnisvollen im Menschenleben, das uns so sehr zur Zurückhaltung zwingt, das uns mahnt, das Erforschliche zu erforschen, das Unerforschliche aber still zu verehren. Und der Mann wieder des Witzes, des öcherzes, der Anmut und des geistreichen Humors — das war der Kenner unserer Agada, dieser Sammlung aller lebendigen Stimmen, dieser Vereinigung von Dichtung und Wahrheit, von Ernst und Scherz und Phantasie. Der gläubige Beter aber sodann, der seine Gemeinde fromm machen wollte — das war der Kenner unserer Bibel, der empfängliche Diener unserer Religion. Und schlietzlich — was uns ja jetzt so sehr not tut: diese überweltliche Heiterkeit, die verstehend und ruhig der Welt zuschaut, sich nicht verwirren lätzt von ihrer Verwirrung — das war der Weise unserer Geschichte, der das tiefe Wort des Psalmes verstand: ..1 auschew b a s ch o m a j i m j i /. ch o k" — der im Himmel sitzt, er lacht darüber. Wer wissend über den Dingen steht, sinkt eben niemals unter sie, wer sich am Ewigen aufrichten kann, kann nicht vom Tage vernichtet werden. _ Ja, das ist das Grotze an ihm gewesen, datz er die Forderung jener Richtung, die er in seinem Leben vertrat, im tiefsten Sinne zur Wahrheit gemacht: datz er Lehre und Leben verbunden hat und so ein harmonischer Mensch gewesen. Denn auch die Art, wie er liberal war, war sie nicht wiederum nur ein Spiegel der ihm eigenen Zorschungsgebiete" Entnahm er nicht das Recht, liberal zu sein, den freien philosophischen Denkern — und spürte er nicht andererseits in der Agada die Stimme des Lebens wieder so stark, datz er sich zur Bändigung verpflichtet fühlte" Ja, leicht hätte er, der Mann des Wissens, für das Leben unbrauchbar werden können. Wir aber wissen, es ist nicht geschehen. Er. der die Mitternachtsstunde liebte und gerade um diese Zeit forschte und schrieb — er war nicht selten zu dieser Stunde gern zur geselligen Zeier bereit und als geistreicher Redner am Tische geliebt. Er, dessen Stolz Manuskripte gewesen, verstand es, kindlich mit der Jugend zu sein. Er, dessen Sorge beim Scheiden aus Posen das Archiv der Gemeinde gewesen ist. er versäumte nie die Stunde des Schachpsiels. Ja, gerade der pug — er sagt so viel. Er erinnerte nicht blotz regelmätzig au die fackelschwingenden alten Weisen, an die tanzenden Männer der Gelehrsamkeit — nein, er zeigte wieder den harmonischen Mann, der den spielenden Gott der Agada gekannt, ihn. der das Wort zu lesen gewutzt: „Smiraushoiuli ch u k k e ch a" — auch Spiel kann Aeutzerung sei» der Religion — verträgt sich mit wahrhafter Zrömmigkeit. Man soll einmal alles vergessen können, um desto sicherer nichts zu vergessen, man soll sich einmal völlig entspannen, um sich desto sicherer wiederzufindeu. Man soll sich freimachen vom Zwang und vom Zweck, lim sich desto sicherer bezwingen zu können. Aber freilich — wenn wir seiner heut also gedenken, dann müssen wir eines auch dankbar erwähnen: Die „Liebe seiner Jugend" im wörtlichen Sinne. Er hätte sich nicht so ausleben können, das Wort im religiösen Sinne gemeint, wenn sie ihm nicht zur Seite gestanden, die wahrhaft die „Gänge des Hauses" bewachte, die ihm wirklich „eser k'negdau" gewesen, die Gehilfin, die er gerade notwendig brauchte. Sie, welche wutzte, wo sie einzugreifen hatte und was sie ihm nicht abnehmen durfte; sie. die hinausschriti über die „Gänge des Hauses" und hineinschritt in das Haus der Gemeinde, die zusammen mit ihm die Seele war, der ach so schönen Ehanukkafeste, die zusammen mit ihm die Waisen betreute, deren Vater er lange gewesen ist. Und so war er glücklich durch dreifache Gunst: durch Begabung, Gemeinde und durch sein Haus. Und dazu kamen die Anerkennungen, die er in der Zachwell so reichlich fand. Wenn er trotz altem es zuletzt fühlen mutzte: er sei ihr ein fremder — dann lag es eben an dieser Zeit, an ihr, deren Kinder wir heute sind. An dieser peit, die ihre Werte auch wieder einmal erst neu werten mutz; die sich neu bekennen mutz zu seinem Bekenntnis: „ki el deaus adauno j". datz Gott „ein Gott der Gedanken ist"; datz Geistesarbeit Religion bedeutet und der Geistesarbeiter der König der'Welt; datz er nicht das Mitleid der peit verdient, sondern Anbetung und Huldigung wie vor einem Gott. Ja. diese Zeit, die auch das Wort verlernt: „Ner Adaunoj nischmas odom" — Seelenkultur ist die höchste Kultur und überdauert eine jede andere; die Zeit, die sich vor allem aber freimachen mutz, von ihrem Glauben an die Kraft der Masse und zurück-' kehren mutz zu dem Glauben an die, zu denen ein Gott Jugendvereins-Anzeigen SE" letzte Sette. 67703