Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 47 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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©tgan für das liberale (Judentum e. D. Bezugspreis durch die SefchüftSstelle V,!«hrllch Mk. <s.— Anzelnummer.. „ «.so 3für die oNttgttever der Bereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die s'/. cm breiteMiMmeterzeile RN.«.— AanüllenanzelgenRN.ßso. Bel Wiederholung Ermäßig. Die „Jüdisch-liberale Leitung" erscheint seben Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschäft „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine". Nr. 47 ❖ 24. November 1922 Redaktion: Berlin W8, Mauerst». 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum Ui» Geschäftsstelle u. Anzeigenannahme: Breslau^ Neue Sraupenstr.7, Buchdruckerei Th. Schahst- G.m.bUd^ Fernruf: Amt Ring 4SI und 4600. Sämtliche ZahlaugeN, Postscheckkonto DreSlau S7 der Ao. Th. lSchahkg <P.m.ib^d> .•VV». ' — ” ~~ ' -- - Monatsschrift für ble religiöse Erneuerung des Judentums 'Dcrau.zrg.ben von der Beretulguug fite da» liberale 2ud»ub»« E.D. unter brr Schrtstteituuz von Dr. Caefar Sellguraau, Jrabblaee tu lZcauksurt am llütatu. Nr. 11 24. November 14. Jahrgang Inhalt: Gedanken eines Süden bei der Lektüre von Dantes ,,©5tt- -icher Komödie", von Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Darmstadt. - Mystik, speisegesetzs und hebräische Gcbetssprache, von Rechtsanwalt Dr. Ernst Lmtl Schweitzer, Berlin. — Jur Gebetbuch-Frage, von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. — Jur Frage des Einheitsgebetbuches, von Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld. — Entwurf einer neuen Liturgie für den Iugendgotteedienst in Synagogen-Gemeinden, von Hermann Wallach, Aachen. Gedanken eines Juden bei -er Lektüre von Dantes „Göttlicher Komö-ie". Don Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Darmstadt. Dante hat das Schicksal der Bibel. Man bewundert ihn, aber man liest ihn nicht. Darum kennt man ihn auch nicht, zumal in jüdischen Kreisen. Was den Juden von der Lektüre der Schriften Dantes, insbesondere der „Göttlichen Komödie", zurückhält, ist nicht nur bewirkt durch den äußeren Grund, den Mangel einer des Dichters würdigen deutschen Uebersetzung, sondern es sind vielmehr innere Gründe. Zunächst die Schwierigkeit des Verständnisses auch für den, der die „Göttliche Komödie" in der Ursprache zu lesen vermag. Dante selbst warnte schon die Leser seiner eigenen Zeit, die nicht genügend für ihn gerüstet waren, im zweiten Gesang des Paradieses (Vers i—7) mit folgenden Worten: „O ihr, die mir gefolgt im kleinen Kahn, Zu hören wünschend, hinter meinem Kiel, Der singend zieht auf seiner blauen Bahn, Kehrt' lieber uni, laßt dieses hohe Ziel, (iJcfjjt nicht ins Meer! Ihr könntet, mir entfahren, Verloren treiben als der Wellen Spiel, Das Wasser, das ich nahm, ward nie befahren."*) Diese Warnung des Dichters hat noch viel mehr Berechtigung für uns.; „Irr Dante," meint Carlyle, „haben zehn schweigende christliche Jahrhunderte eine Stimme gefunden." Die Welt, die uns irr der „Göttlichen Komödie" entgegerrtritt, ist die mittelalterlich-katholische mit ihren Dogmen, ihrenr Heiligenkult, ihrem Glauben .rn Hölle, Fegefeuer und Paradies. Wenn schon die Juden des Mittelalters dieser Welt innerlich ablehnend gegenüberstanden, um wieviel mehr wir rnodernen Juden. Wir empfinden als religiöse Menscherl Ehrfurcht vor der tiefen Innigkeit und Glcmbenskrast, die sich hinter ihr verbirgt, aber wir lehnen sie ab. Doch es sind keineswegs nur religiöse Gründe, die uns Inden, rrud gewiß nicht uns allein, von Dante scheiden. Jur Weltbild des Dichters ist die Erde der Büttelpunkt, um die die Sonne kreist „in Brudersphären Wettgesang". Für uns ist unser Planet ein winziges Pünktchen im unendlichen All; für uns sind die Klänge der Sphärenharmonien, die Dantes Ohr noch lauschend vernahm, für ewig verstummt. Für Dante sind Papsttum itnb Kaisertum die Säulen der Welt, die Angelpunkte seiner politischere Weltanschauung. Auch diese Säulen hat der Strom der Geschichte unbarmherzig zu Boden geworfen. Und doch, so sehr die Aufzählung dieser Verschiedenheiten zwischen, dem Weltbild Dantes und dem unsrigen noch um ein Vielfaches vermehrt werden könnte, in einem besteht die Verbindung. All das Trennende wird überschattet durch das eine Gemeinsame, und das wird dargestellt druck) den Bi e n s ch e n , durch die Persönlichkeit Dantes. Wenn die Worte Goethes am Schlüsse von „Faust": „Wer immer strebend sich berrrübt, Den können wir erlösen" mit Recht als der Ausdruck des m 0 d e v r. e n Persönlichkeitsideals gelten, dann.: m Dante trotz aller mittelalterlicher Verkleidung em m d e r n e r Mensch gewesen. Auch bei ihm die leiden?waftliche Sehnsucht, zu den Quellen der Walnden vor zustoßen, auch bei ihm die zwei Seelen im Herzen, dre eure, dre „mit derber Liebeslust ihn an der Erde lialt mit klammernden Organen", die andere, die mit wundersamem Zaubermante! ihn emporträgt zn den „weniern rn der Luft, die zwischen Erd' und Himwe! lienicliend fäuvcben. Und endlich auch bei ihm der faustische Lrang, aus lcacht und Schuld' durch eigene Kraft zu ^.icht und Reinheit sich emporzuringen. ') Anm. Uebersetzt von Karl Federn, -a^le und \tine Zeit, Leipzig 1916; die übrigen Stellen find meist - Uebersetzung von Karl Streckfus; (ReclmiM U’«'^ o mo^unb Boßler, die .Göttliche Komödie". Heldclbc^ Id^ lu§ 1910 und Rickard?>otzmann. Dante, die .Etliche Komodre . are,b»,ra n B. Gerade dieser letzterwähnte Zug scheint uns besonders wichtig. So groß die Bedeutung auch sein mag, die der Dichter als gläubiger Katholik in seinem Werke der Gnade zuweist, die in Gestalt der B e a t r i c e als „Ewigweibliches", als „Liebe von oben" den ringenden Menschen helfend emporzieht, ist er doch von dem Glauben an die Freiheit des menschlichen Willens, das heißt der modernen — für uns Juden freilich im Grunde sehr alten, in unserer Religion begründetet: — Gedanken, der Selbstverantwortung des Menschen für sein Schicksal im Innersten durchdrungen. Das tritt in dem lateinischen Widmungsschreiben, das Dante den: Can Grande della Scala überreicht, klar zutage. Hierin wird die Absicht des Dichters über den eigentlichen Zweck der „Göttlichen Komödie" folgendermaßen definiert: „Homo, prout meiendo et demerendo per arbitrii libertatem esfc Justitiae praemianti aut pimienti obnoxius“, das heißt „der Mensch, wie er durch Verdienst oder Schuld, durch Betätigung eines freien Willens der lohnenden oder strafenden Gerechtigkeit verfällt". Man hat die Echtheit dieser Stelle bezweifelt. Wir lassen hier die Entscheidung dahingestellt. Aber das ist gewiß, kein Wort kann den Geist der „Göttlichen Komödie" besser kennzeichnen, als diese Aeusierung. Denn so viele Tendenzen die Dichtung auch habet: mag, keine ist so ausgeprägt, keine hat ihr mit solchem Recht den Ehrennamen eines „heiligen Gedichtes" eingetragen, wie dieses sittlich-religiöse Ziel. Die Erziehung des Einzelmenschen und der Menschheit zur Sittlichkeit, das ist ihr Zweck, und wenn je ein Mensch, so ist Dante ihr berufener Prophet. Denn Dante ist ein wahrhaft frommer Mensch. Er hat, wie alle echten Propheten, in schwersten inneren Kämpfen das erlebt, was er lehrt. Man unterscheidet zwei Typen der Frömmigkeit: die der Mystik und die der Propheten; die eine weltabgewandt, müde, beschaulich, die andere zur Welt hindrängend, ganz Wille, ganz Tat. Der Mystiker ist ein Entsagender, der Prophet ein Kämpfer. Solch ein Frommer im prophetischen Sinne ist Dante trotz allen Einflüssen, die gerade die Mystik auf ihn ausgeübt hat. Daher auch seine Vorliebe für die Propheten unserer Bibel, das heißt des Alten Testaments. Die Welt hat. kaum einen Dichter, der so in der Bibel *ebte, wie Dante. Man hat eine Statistik aufgestellt, die nachweist, wie oft der Dichter in seinen Werken die Bibel, und wie oft er beispielsweise den größten katholischen Kirchenvater, Augustin, erwähnt, und das Ergebnis ist, daß die Bibel mehr als fünfhundertmal, Augustin aber nur zehnmal zitiert wird. Man kann eine derartige Statistik von: künstlerischen Standpunkt aus geschmacklos finden, für den vorliegenden Zweck ist sie, obwohl in der erwähnten Zahl auch das Neue Testament eingeschlossen ist, sehr beweiskräftig. Denn in den Zitaten überwiegt bei weitem j das Alte Testament, und in diesem steht dem Dichter, > wie Dante selbst ausgesprochen hat, der Prophet I e remtfl am nächsten. Das ist kein Zufall. In dem Buch Jeremia liest Dante das Buch seines eigenen Lebens. Das gleiche Martyrium des Prophetentums, das gleiche Bewußtsein, von einem Höheren berufen zu sein, die gleiche inbrünstige Glut der Frömmigkeit, der gleiche leidenschaftliche Zorn gegen Lüge und Unrecht, und vor allem der gleiche Mut! Wie Jeremias Sendung damit beginnt, daß Gott ihn macht „zu einer festen Burg und einer ehernen Säule gegenüber Königen und Priestern und allem Volk des Landes", so hat auch Dante beit Kampf ausgenommen wider seine. Zeitgenossen, hat Könige und Päpste vor seinen Richterstuhl geladen und sie je nach Verdienst in die tiefsten Abgründe der Hölle hinabgeschleudert oder zur Seligkeit des höchsten Himmels emporgehoben. Wie man Jeremia nicht lesen kann ohne innere Bewegung, ohne das Gefühl: jedes Wort des Zornes gegen seine Volksgenossen ist zu vergleichen mit den Schlägen, die eine Mutter ihrem Kinde gibt — jeden Schlag d oppelt schmerzhaft selbst empfindend —, so auch Dante! Wie haßt er die Florentiner, dieses lasterhafte, lügnerische, treulose Volk, das ihn heimatlos gemacht hat, so sehr, daß er noch im höchsten Himmel in leidenschaftlichem Ingrimm seiner Vaterstadt die Worte entgegenschleudert (Paradies, Gesang 31, Vers 37—40): „Wie ich, dem Menschlichen entwunden, Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit Und von Florenz zu Wackern und Gesunden Und doch, wie liebt er Florenz, dem Verbannten im Heimweh noch verllärter erscheinend, umweht vom zauberhaften Dufte der Erinnerung, den Einsame« noch heiterer, noch verlvckendcr grüßend. Und wie der Prophet Jeremia endlich fern der Heimat sein Leben beschloß, nach der Ueberlieferung unter den Steinwürfen seiner eigenen Volksgenossen, so starb auch Dante ein^ sam, verbannt, von seinen Landsleuten zu der (freilich nicht vollstreckten) Strafe des Scheiterhaufens verurteilt. Man darf ruhig die Behauptung wagen, wer fidj in Dantes Leben versenkt, dem erscheinen auch die Propheten der Bibel zeitlich und menschlich näher gerückt; ja vieles in der Heiligen Schrift gewinnt, mit den Augen Dantes gesehen, ein eigenes, vorher nicht geschautes Leben. Das gilt insbesondere von den Psalmen. Wie hat das fromme Gemüt des Dichters ihre Sehnsucht und ihren Glauben, ihre Buße und ihre Gottseligkeit nachzuempfinden und in die Dichtung zu verweben verstanden! Was wäre das Fegefeuer, was das Paradies in der „Göttlichen Komödie", wenn nicht die Psalmen aus dem Mmde der Büßende:: und Seligen erklingend ihnen die Feierlichkeit und unnachahmliche Weihe gäben k Nur ein Beispiel. Virgil, der den Dichter auf seiner Wanderung durch die Hölle und den größten Teil des Fegefeuers begleitete, hat ihn an der Schwelle des irdischen Paradieses verlassen, Beatrice steht vor ihm. Die Begegnung mit der Jngendgeliebten gehört zu den dichterisch schönsten, menschlich ergreifendsten Stellen deS ganzen Werkes; sie wird, nebenbei gesagt, eingeleitet mit den Worten des Hohenliedes (Kap. 4 Vers 8): „Komm Braut vom Libanon und zeige dich!" Die Hauptstelle beim Anblick der Beatriee lautet (Fegefeuer Gesang 30, Vers 36 bis 54): ,-y ' „Das Herz nur schaut und fühlt sich festgehalten, Z Das ist der alten Liebe macht'ges Walten. — '] Und rückwärts bis zu früher Kindheit Tagen Der Blick aus die Verklärte jetzt mich führt: Wie lange hatt' ich Leid um sie getragen. Wie hatte dieser Gang die Glut geschürt! Wie um der lieben Mutter es zu klagen, Was bis zu heiße:: Tränen so mich rührt, Wend' ich — im Tiefste:, bebend — : nick zur Linken, Dem väterlichen Freund ans Herz zu sinken — Und seh' ihn nicht! Es greift die Hand ins Leere;' Der Stab, der jetzt mich stützen sollte, bricht! .< Virgil, der mich geführt durch Nacht zum Licht! L Virgil, der mich enthob der Erdenschwere! Virgil, der Vater, den als Sohn ich ehre, — Ich'suche rings, doch ach! Ihn sind' ich nicht!"*) * Beatriee richtet ihr Auge prüfend auf den Dichter, er vermag int Bewußtsein begangener Fehl den Mick nicht zn ertragen (Vers 76 bis 78): „Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht, Sah auf die Blumen dann, die nrich umgaben, ' Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht." Man beachte, mit tvclch unübertrefflicher Kunst Dante in diesen wenigen Versen fast alle Gemütsbewegungen der Menschenseele zusanimengedrängt hat: die Seligkeit über das Wiedersehen der Geliebten, der Schmerz über die durch die Begegnung mit der so früh verlorenen Braut seiner Jugend neu aufbrechenden Wunden seines Herzens, das Heimweh nach dem treuen väterlichen Freund, der ihn verlassen, die Scham vor dem richtenden Auge Beatriccns, die Reue ob begangener Schuld, all das wogt in schier verwirrender Fülle in wenigen Augenblicken durch des Dichters Herz! Eine Lösung scheint'unmöglich! Da tritt Stille ein! „Sie schwieg . . ." (Bers 82) und von Engelschören gesungen, treffen Ohr und Seele Dantes die ersten neun Verse des 31. Psalms, der mit den Worten beginnt: „Bei Dir,o Herr, berge i ch mich, laß mich nimmermehr zuschanden werden!" Ihre Wirkung auf seine Seele ist unbeschreiblich! In zwei Bildern, deren eines noch schöner ist als das andere, sucht er den Eindruck dieses Sanges der Engel zu schildern, „der ihm ein Nachklang ist vom Lied der ew'gen Sphären!" Vergebens — hier versagt das Wort-Da löst sich die Spannung wie von selbst auf — in Tränen, die unwiderstehlich sich ihm ins Antlitz drängen (Vers 97—99): „Da schmolz das Eis, das starr mein Herz umflossen, Zu Hauch und Wasser und karn mit Beklemmung Durch Mund und Augen ans der Brust geflossen?" *) Uebersetzung von Pochhammer. ^uaendvereins-Anzeigen HF* letzte Sette.