Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 42 (20.10.1922)
- Date
- 1922-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Grgan der Vereinigung für das liberale (Judentum e. T). Bezugspreis durch die Skschüstsfien» '/<i«hrNch onr. iS.— Ähtjctnummer. „ 4 jo ffür die Mitglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis im astitgNedSbeitroge inbegriffen. Anzeigenpreis: Die 3V=ctn breite Ististlmeterzeilr OM. 6.— AamiNenanzeigen 0Nk. 5.—. Be! Wiederholung Srmtttzig. Die „Jüdisch-liberale Leitung^ erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Leitschrist „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugenbvereine". Nr. 42 4 20. Oktober 1922 Nedoktlonr Berlin VS, Nlouerstr. 22 (Bereinigung für Vas liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Ärutrum ibz «Leschvftsstrlle u. Anzeigenannahme: Breslaus, Neue Sraupenftr. 7, Buchvruckerel LH. Schatz!^ Fernruf: Amt Ring 4SI und 4SM». Skimtllchr Lohkunge«, Postscheckkonto Breslau 57 der Fa. LH. Gchahkg <V.m.b.ch. m m I Schafft unserer Bewegung neue Zreunüe, X werbt und spendet für das liberale Judentum! fj )llle Fuwenüungen an öle Vereinigung für 0 das liberale Judentum E. v. werden 0 erbeten auf Postscheckkonto: Berlin Jl, ö), 7 V Nr. 137069. X lOOOOOOOOOOOOOOOOOOO* Mehr Prophetismus. 1'oit Rabbiner Dr. Gottschalk, Hirschberg. Nom mehr? Sind die Großtaten dieser Gewaltigen noch mcht genug besungen? Ist ihre Ethik nicht tausendmal als das Hochziel auch unsres Strebens hingestellt worden? Weshalb noch mebr? Um der Religion willen - um des Liberalismus willen. Um der Religion willen — und nicht bloß der Ethik. Man hat diese immer den Bräuchen gegenübergestellt und glaubte damit alles getan. Und natürlich liegt darin eine Wahrheit. Aber ist es wirklich genug Prophetismus, wenn man darin das Größte der Großen erkennt? Ist es nicht der religiöse Sturm, der den Liefen Grund der Menschheit" aufwühlen will, nachdem er selber von ihm durchrüttelt ward? Ist es nicht dieses Angepacktsein vom „Ewigen", dieses Durchglühtsein von Urgefühlen, die Recht und Liebe und Temut heißen? Ist es nicht dieses Umspannen der Welt — welche das Wesen des Propheten bestimmen, dieses Erschauern in dem Geheimnis, dieses Ueberwältigtwerden von der Majestät des Göttlichen, des Dreimalheiligen? Wie leicht geht es uns von den Lippen, wie leicht spricht es jedes Kind nach „Das Wort des Ewigen erging an mich" — und wie müßten wir es nie anders als mit angehaltenem Atem, mit heiliger > Weihe, ehrfürchtigem Schweigen vernehmen — wie es der Prophet wohl auch nur vernahm, wie müßten wir erschauern, wenn wir es sprechen, wie der Prophet wohl selber erschauerte. Und erst aus solchem Erleben heraus, auf jenem Urgrund der Religiosität ist jene Ethik schließlich entstanden, Die wir immer wieder als das Höchste hinstellen. Nicht leichtfertige Stürmer, aber religiöse Sturmm e n.s ch e n sind unsere größten Propheten gewesen — und solche Männer allein können führen. Sie aber sind eS, die wir auch jetzt wieder brauchen. Macht endlich ein Ende mit allem Streiten über die Formen und Palästina, über den Gottesdienst und das Gebetbuch, ilber Rationalismus und Irrationalismus — wofern ihr dem religiösen Sturm answeicht, der allein religiöses Neuland schafft, wofern ihr nicht selber durchrüttelt seid von einem neuen Gottgefühl, wofern ihr nicht seht, daß unsre Ju g e n d , daß tausende unsrer Kulturjuden grade nicht bloß ein neues Gebetbuch wollen, sondern ein ganz neues religiöses Leben — aus einem ganz neuen religiösen Erleben heraus. Bringt nicht das Judentum an den heutigen Menschen und zwingt ihn, sich damit abzufinden. Bringt den heutigen Menschen zum Judentum und laßt ihn sich selbst dieses Judentum formen — den heutigen Menschen mit seinem Geist, mit seiner Seele, mit seinem religiösen Fühlen vor allem. Und fürchtet ihr, daß das Jüdische bei diesem Prozeß verschwinden werde — ach, wie wenig prophetischen Glauben habt ihr dann, wie wenig prophetische Zuversicht, wie wenig prophetisch-jüdischen Mut! Der religiöse Sturm schüttelt Welkes ab, aber der Stamm — er bleibt unerschüttert. Aber welk freilich — wir sagen es immer wieder — sind für Tausende von uns nicht bloß die Bräuche, welk ist nicht bloß der Gottesdienst, welk ist die Form auch der Gottesanschauung, auf der sich die Tempelreligion heute ausbaut. Spräche ich mlr aus Theorien, dann könnte man mich vielleicht widerlegen. Aber weil die Erfahrung mir recht gegeben, so weiß ich, wohin wir zu gehen haben; wohin der Kulturjude gehen will mit seinem neureligiösen, Erleben, wohin unsre Jugend zu führen ist, wenn wir sie nicht verlieren wollen. Mehr Prophetismus darum noch einmal, und selbst wenn wir schließlich dahin gelangen, auch das prophetische Gotterleben durch unser Gotterleben zu ersetzen. Mehr Prophetismus — um der Religion, aber auch um des Liberalismus willen. Hier haben wir wirklich einmal eine Aufgabe. Hier kann der Liberalismus zeigen, ob er im Gebetbuchstreit aufgehen will oder im Ceremonienstreit untergehn oder sich in der Palästinasrage verlieren. Hier kann er zeigen, ob er seinen Rahmen dehnen, ob er in feinen Kreis auch die einbeziehen will die ihren jüdischen Liberalismus nur aus ihrem Gesamtliberalismus, mfe ihrer Ges amt - seelenhaltung erklären; die nicht anders können als jüdisch-liberal sein, weil sie den Freiheitsbegriff überhaupt zur Grundlage ihres Lebens gemacht! weil sie Freiheit des Geistes, Freiheit des Fühlens zu ihrem obersten Grundsatz erklärt. Die sich dieses Freiheitsgefühl deshalb auch nicht verkümmern oder beschneiden lassen, wenn es um religiöses Erleben geht; die Raum verlangen für den Seelengott, den sie allein noch als Gott heute fühlen, mit dem sie' a l l e i n noch religiös-jüdisch sein können, mit dem sie aber auch jüdisch sein wollen; die Gott als Idee, und nicht als Wesen — Gott nur als Z i e l und nicht als Ursache — Gott nur i u sich und nicht in der Welt erkennen und fühlen und wollen. Mehr Prophetismus — das gilt dann schließlich für die Art des Aufbaus dieses neu-jüdischen Lebens. Hier können uns keine Gemeindestuben, können uns keine Rabbinerversammlungen, können uns keine Majoritäten, die wir im Wahlkampf etwa ersiegen, auch nur den geringsten Fortschritt bringen. Sie arbeiten alle immer wieder zu langsam und müssen immer wieder Kompromißpolitik treiben. In religiösem Sturm muß das Neue werden. Selbständig zusammenschließen müssen sich alle, die etwas von diesem Sturm in sich fühlen, die unabhängig von andern Parteien ihremGotte in ihrem Tempel, in ihrem Gottesdienst dienen wollen. Offener Brief an Herrn Rabbiner dr. dienemann. Sehr verehrter Herr Rabbiner! Ich habe Ihre früheren Publikationen stets mit großer Freude gelesen. Sie zeichneten sich vor vielen anderen durch Tiefe deS Gedankens, durch Klarheit des Ausdrucks, durch Festigkeit der Gesinnung, nicht zum Wenigsten durch gleichmäßige Betätigung des Liberalismus aus. Seit Sie sich auf das Gebiet deS Irrationalismus begeben haben, habe ich manches in Ihren Arbeiten nicht mehr recht verstehen können. Ich dachte, daß daS vielleicht an mir liege, heute aber, da ich Ihren Aufsatz „Theoretisches zur Frage der Speisegesetze" gelesen habe, muß ich zur Feder greifen und Ihnen die herzliche Bitte aussprechen: „Laß, Vater, genug sein des grausamen — Ernstes!" Also auch die Entstehung der Speifegesetze wuselt im Mystischen?! Nicht die Speisegesetze selbst? Mer sie fließen nicht aus Vernunfterwägung und sind im Irrationalen verankert? Mein alter, streng orthodoxer, aber dabei sehr frommer Lehrer Alexander seligen Angedenkens hat mich immer gelehrt, daß die Speisegesetze auf hygienischen, ethischen und ästhetischen Gründen beruhen. Von Mystizismus und Irrationalismus hat er nichts gesagt, obwohl er ihnen beiden näher stand, als wir Jetztlebenden. Also die Speisegesetze haben auch eine ganz besondere Rolle in der Erhaltung deS Judentums und der Judenheit gespielt? Bisher ist mir immer gelehrt worden, daß e§ zu allen Zeiten, auch zur Zeit deS Ghetto, Juden gab, die die Speisegesetze hielten, und solche, die sie nicht hielten. Zwar — so ist mir gelehrt worden — werden diese Gesetze von der Orthodoxie so fest gehalten, weil sie einen Zaun um das Judentum bilden, aber, so ist mir wieder gesagt worden, es sei immer nur ein Staketenzaun gewesen, durch dessen Lücken man Lurchschlüpfen konnte und durchschlüpfte. Sind mir deshalb unter die Völker verstreut worden, um uns von ihnen durch die Speisegesetze abzusondern? Unzählige Male haben mir, ebenso wie sicher Ihnen, sehr geehrter Herr Rabbiner, Juden, gebildete, ernste Juden gesagt, daß es die. Speisegesetze sind, die für so manchen Nichtjuden den Anlaß bilden, seinerseits Scheidewände aufzurichtcn. Wer will aber leugnen, daß durch solche Scheidewände die eigentliche Aufgabe Israels erschwert wird, die Aufgabe, die jüdische Religion, die Religion der Propheten, den Glauben an den Sieg und die Herrschaft der Menschheit unter die Völker zu verbrejten? Und nun wollen Sie die Speisegesetze durcharbeiten und auSgeflalten. Sollen sie dann für Jedermann in allen durchgearbeiteten und ausgestalteten Punkten verbindlich werden? Bisher haben wir Liberalen in dieser Beziehung die volle Freiheit des Einzelnen anerkannt, wie diese Freiheit sich durch alle Jahrhunderte der Einzelne genommen hat, so daß die Freiheit sicher ein Gebrauch geworden ist, den selbst der Orthodoxe — unter Verurteilung seiner Gelinng — anerkennen muß. Und wie wollen Sie sie abändern? Soll Las Kälbchen in der Milch seiner — Tante gekocht werden dürfen? Soll der Aal gestattet werden, weil die moderne Wissenschaft feststellt, daß er Schuppen trägt? Soll es gestattet werden, einen gehörig gereinigten, jetzt so teuren Teller zu allen Speisen zu benutze? Wo ist das Ende? Kein Gemeindeorthodoxer, der selbst die Speifegesetze nicht hält, wird daraus für sich eine Lehre ziehen, aber auch ebenso kein Liberaler, der diese Gesetze für sich beobachtet. Sie werfen endlich den Reformatoren deS vorigen Jahrhunderts vor, daß sie sich nicht mit den Speisegesetzen beschäftigt hätten. „Man hatte ja eben in jenen Zeiten kein inneres Organ für irrationalen Wert/ Ja, sehr verehrter Herr Rabbiner, Gott sei Dank hatte man kein Gefühl für solchen Irrationalismus. Dieser Irrationalismus ist auf den besten Wegen, die ganze Reform wieder zurückzurevidieren. Was bleibt von der Reform, was bleibt vom Liberalismus übrig, wenn man all und jedem Begriff, all.und jedem Gebrauch eine irrationale Grundlage geben will? Auch hier wieder wird unseren Vorkämpfern, unseren Vorvätern ein Tadel ausgesprochen. Ich empfinde es immer als einen Stich insHerz, wenn ich in jüdischen Veröffentlichungen von Jungen und von Alten unsere Väter tadeln höre. Immer stehen die Söhne auf den Schultern der Väter, haben sie deshalb früher ihre jüdischen Väter öffentlich getadelt? Bei alleny was ich tue und erlebe, denke ich daran, waS mein Vater dazu gesagt haben würde. Würde er diesen Brief lesen können, so würde er auf meine Frage, ob ich ihn ablassen soll, antworten: Recht so, mein Junge, wehre Dich weiter, sonst kommt Ihr bei all diesem RückwärtSrevidieren, daS das Gegenteil von Fortentwickelung ist, zurück inS Ghetto! Nichts für ungut, sehr geehrter Herr Rabbiner. Im übrigen bleibe ich stets Ihr hochachtungsvoll ergebener Bernhard BreSlauer. Achtung vor Demagogen! Unseren Lesem wird die alte Fabel bekannt sein, in der erzählt wird, wie ein Lämmlein eines Tages friedlich auf der Weide geht, und plötzlich neben ihm an dem Klee ein Wolf austaucht (oder war es ein anderes Raubtier, vielleicht ein Löwe?), der es ftessen will. DaS Lämmlein schreit jämmerlich um sein Leben, aber das reißende Tier weiß ihm so gewandt zu beweisen, daß es doch sehr unrecht täte, sich zu sträuben, daß daS Recht doch auf seiner, deS Raubtiers, Seite sei, das den Lammbraten zum Lebensunterhalt braucht, — bis das Lämmlein schließlich dieser demagogischen Beredsamkeit unterliegt und sich ruhig ftessen läßt. Diese Fabel spielt sich zm Zeit wieder einmal in unserer Berliner Gemeinde ab — nur daß wir Liberalen die uns von unseren zionistischen und orthodoxen Gegnern zugedachte Rolle des Lämmleins nicht spielen wollen und werden. Die Repräsentantenwahlen sind angesetzt. Sie fallen in eine Zeit, die aus mannigfaltigen Gründen für einen Wahlkampf wenig geeignet ist. Von außenher ist das deutsche Judentum bedroht, wie kaum je zuvor. Tausende und abertausende unserer Gemeinschaft ringen schwer mit der Not der Zeit und haben wenig Muße und Sinn für die geistigen Beivegungcn innerhalb der Gemeinde. Zudem steht eine Gesetzesänderung hinsichtlich des Wahlrechts bevor und Neuwahlen werden nicht allzulang hintanzuhalten sein. Die Liberalen haben daher eine Verschiebung der Wahlen bis zur Annahme und Durchführung deS Gesetzes angeregt. Die anderen Parteien und ihnen folgend der Gemeindevorstand haben diesen Vorschlag abgelehnt und wollen die Wahlen trotz der geschilderten Umstände vollzogen wissen. Aber jetzt plötzlich behaupten auch sie, erkannt zu haben, daß die großen Kosten der Wahl bester Wohlfahrtszwecken zugeführt werden sollten und sie sind an die Liberalen herangetreten, um eine Einheitsliste herbeizuführeu. Nur ein ganz kleines, bescheidenes Verlangen haben sie dabei gestellt: die Liberalen sollen ihnen die Mehrheit überlassen. Und da die Liberalen dieses freundliche Ansinnen sanft aber deutlich zurückweisen, da sie die Verantwortung ablehuen, ohne Zwang und Wahlkamps die große Berliner Gemeinde den Verehrern der Ghettokultur auszuliefern, da sie nicht die allergrößten Kälber sein wollen, die ihre Metzger selber wählen — da tönt schon laut im Choc das'Wehgeschrei über die bösen Liberalen, die die von den guten Zionisten und Orthodoxen angestrebte Einigung der Berliner Juden zu nichtemachen, die die Millionen aus Eigensinn und Frevelmut zum Fenster hinauswerfen. Liebe Leser, dieses Lied werdet ihr in den nächsten Wochen straßauf straßab noch deS öfteren vernehmen. Ihr werdet aber wissen, was Ihr von solchen Lamentationen zu denken habt und Ihr werdet antworten: „Lieber Löwe, wenn Du so friedlich bist, dann begehn nicht, was Dir nicht zukommt. Gehe wieder hdim zu Deinem Klee und laß uns ungeschoren oder wir werden wählen und Dir dabei gehörig eins auf die Pfoten geben." K r i t i k a st e v. gugerrdvereinS-Anzeigeir W* letzte Gelte.