Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 37 (15.9.1922)
- Date
- 1922-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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S der „Ili-Mitteilungen" bei. Lehre und Leben. Bon Martin SalomonSki. „Die Lehre Gottes ist ohne Fehl, sie erquicket die Seele. DaS Zeugnis Gottes ist bewährt, macht Toren weise. Die Satzungen Gottes sind redlich, erfreuen das Herz. Das Gebot Gottes ist lauter, es erleuchtet die Augen." Nach diesen schönen Psalmworten, die liturgisch leider arg heruntergehaspelt werden, so daß auch der Kundige ihnen keine Beachtung schenkt, beginnen wir beim Gottesdienst die Vorlesung der heiligen Schrift. Schon vor ihrer Darbietung empfinden wir dankend, daß die recht verstandene Lehre in ihrer Reinheit, Wahrheit, Einfachheit und Klarheit, Trost und Labsal, Licht und Erkenntnis unseres Lebens bedeutet. Mer nicht immer erschließt das jüdische Gesetz dem Menschen, dem Israeliten, diese Weihe, dieses Glück und diese Einsicht. Oft bedrückt die Lehre, statt nt erquicken, verdunkelt sie, statt zu erhellen. Der allüberkommene Irrtum, daß der ganze Schatz der Religion dazu da sei, als Betriebskapital der Frommen zu gelten, ist der Urspmng jeder religiösen Hemmung und Verwirrung, eines Tohuwabohu, dem kein schöpferisches Werde folgt. DaS Gesamtgut der Lehre gehört nicht jedem und ist auch nicht auf einen zugeschnitten, daß es usurpiert und Besitz werden kann. So wenig die Mehrzahl der römischen und russischen Kaiser ihre Erdteile und Länder gekannt hat, so ahnungslos tummelt sich oft genug gerade der übungsbeflissene Israelit in den Regionen der Lehre. Was der große Philosoph Kant, der sein Königsberg nie verlassen haben soll, mit dieser Selbstbeschränkung uns beweist: die Entdeckung der ganzen und der geistigen Welt aus sich heraus, führt schon eher zur Einfühlung in das Universum der Religion. „Mit vielem hält man Haus, mit wenigem kommt man aus." Nicht alle Motte der Tora dienen der Erfüllung oder sollen sklavisch befolgt werden. ES gab und gibt keinen, einzigen Juden, der das vermag. So erllärt es sich — möge es auch besttttten werden — daß fast alle, mit oder ohne Bewußtsein, über manches sich hinweggesetzt haben und doch in ihrem Gewissen darunter leiden, weil ihr Leben anders ist, als die Lehre. Wir müssen uns und der Otthodoxie die Anschauung nehmen, daß hierbei ein Frevel geschieht. Wir müssen den Ausgleich und den Gleichklang bewirken von Lehre und Leben! Selten ist es das Unbefttedigtsein, manchmal das eigene Denken und fast immer das hatte Joch der Gebote, die den Menschen von der strengen Vorschrift abziehen. Der Zwiespalt zwischen den Ansprüchen und Lockungen des Lebens, die aber nicht ausschließlich von Schlangen und in Gestalt paradiesischer Früchte dargeboten werden, und dem Prinzip der ununterbrochenen Inanspruchnahme bei jedem Hauch, bei jedem Herzschlag begünstigt die Massenflucht. Daß ich nichts darf, was ich will, und alles muß, wenn ich auch nicht will, verleidet uns die starre Formel deS Gesetzes. Und welches sind die Konsequenzen? Jeder tut schließlich nur das, wassihm paßt, ob er viel oder wenig hält. Solange die Welt des Wissens klein war, gab es vielleicht auserwählte Geister, die das gesamte Gebiet der Erkenntnis erfaßten und beherrschten. Solange die Religion jung und einfach war, konnten auch Fromme leben, die sie vollkommen erfüllten. Jetzt aber, wo hundett geistige Reiche sich gegründet, gegliedett und gegrenzt haben, wo Schema, Uniform und Paragraph kein seelisches Diktat vermögen, wo jeder seinen eigenen Kopf, seinen eigenen Willen hat, seine eigene Wahrheit und seinen eigenen Glauben beansprucht, kann nur das Lebensechte und nicht ein Lexikon des Glaubens und Wissen- oder ein Warenhaus des reliigösen Bedarfs unserem Dasein Inhalt und Verklärung gewähren. Als Studienobjett ist der Wett der Lehre ungeheuer, das zähe Festhalten und Ueben alles Gebotenen aber zersprengt das Gehirn, übersteigt die Potenz, artet auS in ödes Training und bis zur Manie. Nur kurze Jahre trägt die Erde ihre Kinder, unser Odem ist kurz, unsere Hände sind schwach, und Gott sollte fordern, daß dieses eine flüchtige Dasein alles aufnehrm und er- ' fasse, beginne und vollende, lehre und überliefere, was ungezählte Geschlechter in unausgesetzter Mühe und mit größter Anstrengung zusammengetragen haben? Und hat man nicht auch allerlei wertlosen Zierrat und übermäßige Verschnörkelung hinzugefügt und angehängt, die garnicht zur Sache gehören? Noch vieler Jahrzehnte bedarf es, um ausfindig zu machen, was alles Verbrämung und Stuck, Glas und Rahmen ist, und was einer anderen Sphäre entstammt. Oder iü «'üra die Zeit von MoseS Mendelssohn bis auf unsere Tage mit dieser Mühe fettig geworden? Da ist der große Diktator „Mnhag", der tausend Nebensächlichkeiten heilig gestaltet hat, und als Hauptautotttät die bescheidene und reine Lehre verunstaltet und zurückdrängt. Alles wird bei uns patiniert, Edelmetall und Blech, und ist die größte Abwegigkeit nur genügend alt geworden, dann ist sie traditionell und gesetzlich. Was heute als Kennzeichen der Frömmigkeit gilt, war vor knappen Jahrhunderten noch gänzlich unbekannt und stimmt zuweilen garnicht zu Religion und Judentum. Wer das erst weiß, wundett sich über nichts und hält im Intervall alles für möglich. Ganz sicher wird die Otthodoxie sogar die Orgel noch wütend verteidigen, wenn sie als synagogale Jnstitutton erst alt und respektabel geworden ist und nichts mehr bedeutet. Wie schade, daß in unserem Judentum so vieles erst anttquiett und hinfällig sein muß, um gelehrt oder verehrt zu werden l Jude sein darf keine Kompliziertheit bleiben, Lehre heißt nicht Gebot, Darbietung verlangt keinen Zwang. Lange genug hat sich daS Jmmerwieder und JmmernocheinS durch daS Judentum geschleppt und sein Leben eingeengt. Was ftüher bezwingende Melodie war, ist abgeleiett, daS Heiligste profaniert sich in eintöniger Nüchternheit und seelenloser Mechanik. Diesen Widerspruch zwischen Lehre und Leben zu lösen ist der jüdische Liberalismus berufen. Wir sind keine Feinde der Form und wollen ihr gewähren, was ihr gebühtt. Sie soll sein, sie muß sein, aber wandelbar und biegsam, ein Mittel, nicht das Wesen! Weil wir die Lehre lieben und ihr Raum eröffnen wollen in unserem Leben, können wir nur glauben und üben, was im Herzensgründe jeden zwingt. Darum wollen wir die Quellen erkennen und als Vorbilder wetten, aber uns einen eigenen Maßstab schaffen und eigene Verantwortung, eine eigene Beziehung zu Gott. Denn hieran hat es bisher am fühlbarsten gemangelt. Keiner Religion und erst recht nicht ihren Satzungen und Bräuchen wohnt has GebeimM snne, hie Menschen fteizusprechen vor Gott. Dre Lehre ist kein Gängelband und keine Gebrauchsanweisung, kein Strafgesetzbuch und kein Freibrief. Wir sind selbst geschaffen und haben wie die Gesetzgeber, Propheten und großen Lehrer die Pflicht und daS Recht, neue Wege zu bahnen und jeden Anstoß hinwegzuschaffen. Das erst gibt unserem Leben Inhalt und vetteiht ihm ewigen Wert. Diese Verantwortung ruht auf uns, nicht aber die Erfüllungslast alles dessen, was schriftlich oder mündlich zusammengetragen und aufgespeichert wurde. Nicht auf den Schultern des Einzelnen wuchtet die Religion. Wie tausend Bäche zum Strome werden, so bilden alle Gotteskinder das Leben der Lehre, und jeder darf sich frei wählen, waS in ihr für ihn das Rechte und Gute ist. Wenn dann unS alle der echte Pulsschlag des Göttlichen durchzuckt, dann hat die Gesamtheit die Lehre, und die Lehre lebt in der Gesamtheit. Also kein stumpfes Festhalten, Eingeschworensein und Jagen nach den Geboten! Mit immer neuen Entbehrungen und Gonderlichkeiten geschieht Gott kein Gefallen. Er will, daß wir in unserer Art und um unsertwillen religiös sind, und nicht weil er eS nötig hat. So möge denn das liberale Judentum und im Bunde mit ihm unsere religiöse Gesamtheit, furchtlos und frei sich formen! Der Weg zu Gott, das ist die Lehre und das Leben. IpOOO< q »Das liberale öuüeritmn beruht auf -er 0 Anerkennung feiner Entwicklung, öte es befähigt, bei Bewahrung feines wesentlichen unö -auern-en Gehalte zeitliche Erscheinungsformen 0 zu verän-ern unö autzugeben". Ms Dem mm eines SglUWenvereiirs. Von E. Gut, Frankfurt a. M. Vor anderthalb Jahren haben sich eine Anzahl Besucher der Hauptsynagoge in Frankfurt a. M. zur Gründung des „Vereins Hauptsynagoge" zusammengeschlossen. Die äußere Veranlassung zu dieser Neubildung lag dann, daß seit der Errichtung einer modernen Synagoge im vornehmen Westen der Stadt eine starke Abnahme des Interesses für dieses am Eingänge des alten Frankfutter Ghettos gelegene Gotteshaus sich bemerkbar gemacht hatte. Die Zahl der Besucher dieser Synagoge, an der Größen des liberalen Judentums wie Abraham Geiger und Leopold Stein gewirkt hatten, war beträchtlich zurückgegangen, so stark war der Zug nach dem Westen in die Erscheinung getreten. Zwar weiß man, daß mich anderwärts liberale { Synagogen (von den hohen Feiertagen abgesehen) j nur gettnges Leben entfalten. Aber es ist nicht einzu- * sehen, daß man sich mit einem solchen Zustande abfinden muß. Also gründeten Freunde der ältesten Gemeinde-; synagogc die genannte Bereinigung. Das erste Ziel \ war: Hebung des Besuches des Gottesdienstes. Dann j aber darüber hinaus Erweckung religiösen Sinnes innerl dieses Kreises überhaupt, Stärkung des Interesses für Fragen der Liturgie, der synagogalen Musik, der religiösen Jugenderziehung. An den Arbeiten beteiligten sich Rabbiner, Kantoren, Synagogenvorstände, Bei sucher männlichen und weiblichen Geschlechts, alte und j junge. Die Mitgliederzahl umfaßt schon jetzt die meisten Platzinhaber, das Interesse ist dauernd im Zunehmen begriffen. Dabei legt der Verein Wert darauf, seine Tätigkeit im Einklang mit den Gemeindebehörden auszuüben. Ja, er ist im Grunde nichts anderes als der Uebermittler der Wünsche der Besucher an die Verwaltungsstellen. ' , ' Einer solchen Anregung zufolge ilnd zugleich im j Anschluß an eine altjüdische Tradition wurden im verj gangenen Winter an den Sabbatuachmittagen Lehrvottragszyklen eingerichtet. Die Borträge wurden j von den liberalen Gemeinderabbinern, den Herren! Dr. Seligmann, Dr. Lazarus und Dr. Salzberger gej halten. Themen waren: Die gottesdienstliche Reform, Erziehungsfragen, Sprüche der Väter. Die Vorträge schlossen sich an den einfachen Sabbat-Nachmittagsgottesdienst an. Zur Thora wurden jüngere Leute aufgerufen. Da die Jugend Interesse für die Neuein-; richtung bekundete, so schuf mau eine Jugendgruppe, * von der in kurzer Zeit eine Gesangsabteilung abgezweigt i wurde, welche beim Ein- und Ausheben einige Verse j a capella sang. Es entwickelte sich allmählich eine neue ' gottesdienstliche Einheit, die auf zahlreiche Besucher einen sichtlichen Eindruck machte, besonders aus solche, die eben gerade nur in dieser geschäftsfreien Zeit ihre religiös-synagogalen Neigungen befriedigen und ihre Zugeh Ümgkeit zur Gemeinde bekunden rönnen. Aus die Stärkung dieses Gemeindegefühls ist aber in unseren Tagen höchster Wert zu legen, besonders im Hinblick aus die Heranwachsende Jugend. Und dieses Gefühl bedarf fürsorglicher Pflege und ist am ehesten heranzubilden durch Gewbhuung an den Besuch des Gotteshauses, der nach echt jüdischen Begttffen nicht einfach Bethaus, sondern Haus der Belehrung, Haus der Versammlung (Beth hakeneseth) sein soll. DaS Kind hat Begehren nach Licht und Form und Farbe, es findet kein Genüge in einer Atmosphäre reiner Geistigkeit. Um diesem jugendlichen Sehnen Rechnung zu tragen, hat der Verein zu allen passenden Gelegenheiten Kinderfeiern veranstaltet, an Simchas Thora, Ehanukka, Purim. Die Feiern wurden so eingerichtet, daß dem Erfindungsgeist der jungen Menschen weitgehender Spielraum gelassen war. Es ist nicht überflüssig, unseren Kindern, besonders in der Woche ^vor Weihnachten, wo in den allgemeinen öffentlichen Schulen ein gut Teil des gesamten Unterrichts auf dieses Fest zu geschnitten ist, ein geistiges Gegengewicht nach der jüdischen Seite hin zu geben. Aus ähnlichen Beweggründen hat der Verein dahin gewirkt, daß in diesem Jahr zum ersten Male wieder eine Mädchen-Konsirmationsfeier stattgefunden hat, so organisiert, daß der Selbsttätigkeit der Kinder reichliche Bewegungsfreiheit eingeräumt war. Den Barmizwoknaben überreicht der Verein eine jüdische Jugendschrift und ein künstlettsch ausgeführteS Gedenkblatt, das eine hübsche Vignette der Synagoge trägt. Von ganz links gerichteter Seite ist dem Synagogenverein der Vorwurf gemacht worden, daß er mit solchem „Tamtam" der Aeußerlichkeit diene. Man fördere, so wird gesagt, religiöse Vertiefung nicht mit solchen Mitteln. Wir glauben im Gegenteil, daß überall, wo man einer Idee ernsthaft dienen will, Leben und sichtbare Betätigung herrschen muß. Gewiß, der Geist kann durch eine Ueberfülle von Formen ertötet werden, aber nicht durch ein sinnvolles Maß zu beobachtender Sitten und Gebräuche. Man höre doch einmal auf, jeden Juden, der in der Befolgung dieser oder jener Uebung eine Befriedigung empfindet, als Pseudo-Orthodoxen zu bezeichnen. Darin erblicken wir ein Hauptkennzeichen des Liberalismus, daß der Einzelne sich frei macht von der erdrückenden Fülle der Gesetzesvorschriften des Schulchen Aruch. Es bleiben aber noch zahlreiche schöne, den höchsten ethischen und ästhetichen Anforderungen entsprechende Zeremonien, die man sehr wohl beobachten kann, ohne auch nur im entferntesten mit dem Empfinden oder dem Kulturwillen der Zeit in Kollision zu geraten, daß man nicht sein jüdisches Gemüt verdorren zu lassen braucht, aus Angst mit dem Epitheton „soi'ckisLvtliberal“ bezeichnet zu werden. Auf die, Pflege dessen also, was man Gemeindeleben nennt, legt man in diesem Verein den höchsten Fugeridvereins-Anzeige ar letzte Seite.