Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 36 (8.9.1922)
- Date
- 1922-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IiMWmileZkitilm Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezvgeprets durch'die Geschäftsstelle ^lvhrNch M». u.— Gl«-ek«ummer. 1.50 Alle Me Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitglledsbeitrage inbegriffen. ainzelgenpreiS: Die 37, cm breite MlMmeterzeile Mk. s.— FamMenanzeigenvNk.i —. Bei Wiederholung Srmlihig. Die ^Jüdisch-liberale Leitung^ erscheint jeden Freitag und mit zwei monatliche« Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. 36 ❖ 8. September 1922 Nedoktion: Berlin VS, Mouerftr. 22 (Vereinigung fit» das liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum 162 Geschäftsstelle u. Anzeigenannahme: Breslaus, Neue Graupenstr. 7, Buchvrurkerei DH. Schotzkg G.m.d.H.r Fernruf: Amt Ning 451 und -Kloo. SklmtNch» Zahlungen, poftfche«k»onto Breslau 37 der Fa. DH. Schatz»» G.m.b.ch. Aufruf! Im Zerbst dieses Jahres finden die Repräsentantenwahlen in unserer Gemeinde statt. Zionisten und Orthodoxe rüsten sich, um die geringe liberale Mehrheit zu vernichten. Gelingt ihr Borstoß, dann ist die gesunde Entwicklung, ja die Einheit und der Bestand der größten Gemeinde Deutschlands aufs äußerste gefährdet! Was haben wir dann zu erwarten? Die Zionisten wollen aus unserer Gemeinde eine politische, die national-jüdische Bolksgemeinde machen. Wir Liberalen dagegen wollen, daß unsere Gemeinde bleibe, was sie bisher gewesen ist, eine Religionsgemeinde. Die Zionisten erstreben die Gründung eines jüdisch-nationalen Staates in Palästina. Wir Liberalen lehnen bei all unserer Verehrung für Palästina und unserem Mitgefühl mit den unterdrückten Glaubensbrüdern die Errichtung eines national-jüdischen Staates, als unserer Ausfassung vom Wesen des Judentums widersprechend, entschieden ab. Wir sind und bleiben treue Juden und gute Deutsche. Die Orthodoxen ihrerseits wollen — und dabei finden sie die Unterstützung der Zionisten — althergebrachte Einrichtungen nicht nur für sich selbst erhalten und vermehren, sondern suchen auch das, was die Liberalen geschaffen haben, für alle, ohne Unterschied der Ueberzeugung, in streng orthodoxem Sinne umzugestalten. Dadurch aber wird das religiöse Gefühl der großen Mehrheit der Berliner Gemeinde, die liberal denkt und fühlt, aufs tiefste verletzt. Wip Liberalen dagegen gestehen jeder religiösen Richtung in der Gemeinde das Recht auf Leben und Betätigung zu; deshalb sind den Orthodoxen zur Erhaltung althergebrachter Einrichtungen von uns noch nie die Mittel versagt worden. Wie die Anschauungen von rechts beachtet werden, verlangen wir aber auch Berücksichtigung der Anschauungen von links. Wir würden es deshalb mit Freuden begrüßen, wenn alle religiösen Richtungen sich unter dem schützenden Dache unserer Großgemeinde zusammenfänden. Unserer Gegner bisheriges Verhalten aber zeigt den Geist, der in unserer Gemeinde künftighin walten würde, wenn sie die Mehrheit erhielten, den Geist des engherzigsten Fanatismus. Deshalb trete jeder, dem die Erhaltung und gesunde Entwicklung unserer Religionsgemeind c am Herzen liegt, in unsere Reihen; unsere bedeutsamen Aufgaben können wir nur dann erfüllen, wenn die gesamte liberale Fudenheit Berlins geschlossen hinter uns steht. Dringende Pflicht aller Liberalen in der Gemeinde ist jetzt: Dem Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde als Mitglied beizutreten. (Der Jahresbeitrag beträgt Mk. 50.—, wofür zugleich die Jüdisch-liberale Zeitung unentgeltlich zügeschickt wird.) . , Eine einmalige besonders hohe Spende für den Wahlfonds. Werbung neuer Mitglieder. Liberale Juden, tut Sure Pflicht) Es geht um Sein oder Nichtsein unserer Gemeinde, ja, um die Fortentwicklung des gesamten deutschen Judentums t Der Vorstand des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Iusttzrat W. Plonsker, Vorsitzender, Emil Pincus, Badstr. 60. Ioachimsthalerstr. 17 Zahnarzt Dr. M. Lipschitz, Fabrikant Moritz Rosenthal. Stralauerstr. 44/45 Siegfried Sachs, Charlottenburg, Bismarckstr. 111 Dr. M. Salomonski, Tauentzienstr. 18 s Frau Gertrud Seligsohn, Derfflingerslr. 14 Rechtsanwalt Dr. John Werth eim, Landhausstr. 49 1. 2. 3. Tauentzienstr. 9 Eugen Caspary, Lessingstr. 12 Rechtsanwalt Dr. W. Breslauer, Wichmannstr. 21 Richard Cassel, Bayreutherstr. 31 Albert Maaß, Gieselerstr. 22 . Moritz Rosenthal, Schwäbischestr. 8 Frau Helene Meyer-Stargard, Wielandstr. 15 Dr. Kurt Fleischer, Gustav Müllerplatz 6 Bez.-Vorsteher L. Hirschberg» Bochmnerstr. 4 Joseph Kauffmann, Weißensee, Tafsostr. 21 Seminarlehrer H. Falkenberg, Lottumstr. 22 Max Bergmann, Kurfürstenbamm 42 Iustizrat B. Breslauer, Mohrenstr. 51 Handelsgerichtsrat Bernhard Casparius, Rheinbabenallee 38 San.°R. vr. Wilhelm Feilchenfeld, Charlottenburg» Berliner Str. 154 Frau Rabbiner Vr. Frankl, Kurfürstenstr. 154 Kommerz.-Rat Richard Friedländer, Maatzensir. 35 Geh. Reg.-Rat Prof. vr. G a b r i e l, ReichstagS-Ufer 2 Louis Grumach, Poststr. 72 Direktor Dr. M. H o l z m a n, Mommsenstr. 19 Architekt Georg Iacobowitz, Ioachimsthaler Str. 9 Verlagsbuchhändler Karger, Roonstr. 5 Philipp Kosack, Burgstr. 13 Chefredakteur I. L a n d a u, Bamberger Str. 22 Fabrikant Benas Levy, Fasan enstr. 69 Geh. Iustizrat Eugen Löwe, Uhlandstr. 30 Charles Leon, Molkemnarkt 11 Iusttzrat Felix Makower, Potsdamer Str. 131 Geh. Reg.-Rat Direktor vr. Georg Minden, Kleiststr. 1 Geh.Iustizrat vr. tzerm. Oberneck, Don der tzeydtstr. 7 Paul Pincus, Kurfürstendamm 43 Iustizrat Arnold Seligsohn, Prinz LouiS-Ferdinandstr. 1 vr. Julius Seligsohn i. Fa. Wolf Netter * Iacoby, tzardenbergstr. 13 Iusttzrat Hugo Sonnenfeld, Am Karlsbad 29 Frau Rosa Sachs, geb. Ginsberg, Brückenallee 1 Kursmakler Paul Sch lochauer, tzardenbergstr. 13 Oskar Tietz, Kaiser-Allee 184/185 Berthold Tietz, t. Fa. Gebr. Tietz. Klosterstr. 64 Geh. Iusttzrat Berthold Timendorser, Taubenstr. 16/18 Prof. vr. M. Türk, Schlüterstr. 30 Geh. San.-Rat vr. Otto Wiesenthal, Königin-Augustastr. 12 die DMbMWllg MS Sie Mtt Von ©ober Perez. I. Wenn die jüdische Presse grundsätzlich den politischen Parteien gegenüber bisher neutral gewesen ist, so läßt sich dieser Grundsatz doch nicht mehr strikte aufrecht erhalten im Hinblick mtf die gewaltigen Ereignisse der Gegenwart, welche einen Kampf Mer gegen Alle gebracht haben. Denn diese Kümpfe haben schon lange ihren rein politischen Charakter verloren, es sind wirtschaftliche und religiöse geworden, die nur scheinbar politische sein sollen, in Wirklichkeit aber und nach dem Willen der Parteiführer, die in ihren Parteiorganen mit zynischer Offenheit daraus kein Hehl machen, nichts anderes als Rassenhaß und Religionshaß verbreiten und nähren sollen. Deshalb kann und darf die jüdische Presse nicht länger mehr mit kühler Vornehmheit die politische Neutralität bewahren, wie es auch die konfessionell eingestellte christliche Presse seit längerer Zeit nicht mehr tut, sondern sie muß offen Stellung zu diesen politischen Strömungen, zu den Parteiprogrammen und der Parteitätigkeit nehmen. Sie muß ihre Leser aufklären über die Stellung der Parteien in der Gegenwart zur Judenfrage, ohne ihnen ben Beitritt zu einer bestimmten politischen Partei zur Pflicht zu machen. Es geht indes nicht mehr an, daß wir diese Aufklärung den christlichen Parteiführern und ihren Organen allein überlassen, wie das in vorbildlicher Weise in Nr. 158 des „Vorwärts" vom 12. Juni d. I. der sozialdemokratische Führer Scheidemann getan hat, ebenso wie Stegerwald in seiner Zeitung „Der Deutsche", der Reichskanzler Wirth, die Neichstagsabgeordneten Marx, Wissel, Bell, Korell, Wels u. a. m. im Reichstage. II. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet zwingt uns keine andere Erscheinung der Gegenwart mehr, zu ihr Stellung zu nehmen als die Arbeiterbewegung und ihre politischen und wirtschaftlichen Organisationen, das sind die sozialdemokratischen Parteien aller drei Richtungen und die Gewerkschaften. Denn gerade der Meuchelmord an Rathenau, die wüsten Treibereien der Monarchisten, die einen Sturz der Republik anstreben, und die Hetzereien der mit ihnen engverbundenen Deutsch- Völkischen, welche ohne Scheu zum Morde angesehener deutscher Juden aussordern, haben die Stellung der demokratischen Linken zur Judenfrage so klar und deutlich beleuchtet, daß auch wir Juden gezwungen sind, ebenso klar und deutlich Stellung zur Arbeiterbewegung zu nehmen. Wie diese Bewegung selbst in zwei Strömen mündet, so muß auch unsere Stellungnahme zu ihr nach zwei Seiten zum Ausdrucke kommen, und zwar nach der politischen und nach der wirtschaftlichen Seite. III. „Der vierte Stand," so nannten, wie jedem Kundigen der Geschichte der Arbeiterbewegung bekannt ist, die Schöpfer der sozialdemokratischen Partei ihre Gefolgschaft. Sie betonten also selbst die vorwiegend wirtschaftliche Seite dieser Bewegung. Marx, Engels und Lassalle versuchten nur wirtschaftliche, soziale, nicht s o z i a l i st i s ch e Probleme zu lösen. Erst Bebel und seine Nachfolger, sowie seine Genossen, die Sitze im Reichstage und in den verschiedenen Landesparlamenten erlangt hatten, suchten als Sozialisten-Partei nicht nur auf die wirtschaftliche, sondern auf die gesamte Gesetzgebung und die Regierungsgewalt Einfluß zu gewinnen und sie nach ihren Wünschen umzugestalten. In kluger Taktik und bei ihrer genauen Kenntnis der Massenpsychose — waren doch fast alle Parteiführer aus dieser Masse, dem vierten Stande, hervorgegangen — trennten sie ihre rein politischen Ziele von den wirtschaftlichen, indem sie für diese die gewerkschaftlichen Organisationen schufen, während sie für jene die Fraktionsverfassung bis ins einzelne für jeden kleinen Ort ausbauten. Daß sich auch Juden an dieser sozialistischen Parteibildung an hervorragender Stelle betätigten, wollen wir keineswegs bestreiten. Denn einmal fielen die Sozialistenkämpfe aus jener Gründungszeit mit der antisemitischen Bewegung zusammen, gegen die sich schon damals die Sozialisten mit aller Entschiedenheit wandten, dann aber kann man es den Sozialisten ebenso wenig wie einer anderen Partei verargen, wenn sie sich zu ihren Führern die fähigsten Köpfe erwählt. Was könnten denn selbst die Parteigegner gegen einen Paul Singer, Sabor, Bernstein, die sozialistischen Führer jener Zeit, Ehrenrühriges Vorbringen? Diese Sozialistenführer waren als Juden geboren oder sie stammten von Juden ab. Und wenn sie sich auch lange schon, ehe sie ihre Führerschaft antraten, von den Formen des Judentums losgesagt hatten, die Ethik des Judentums hatten sie nie vergessen, und sie konnten sie gar nicht vergessen, denn diese Ethik ist die Iugendvereins-Anzeige W letzte Seite.