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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-09-01 · 35 (1.9.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
35 (1.9.1922)
Date
1922-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Drgan der Vereinigung für das liberale IndenLurn e. V «»zugsprrls durch die cheschdft-ftell» '/«jährlich M».u.- Skizeknummer. „ uo Qftt« die Mitglieder der Vereinig»,»- Ist der VegngSpreiS im MttgliedSdeitrag, Inbegriffen. Nknzeigenprel-; Die S»/, cm breit» SMMmeterzeil» SN». 5.— AlnniNenanzeigen SN».«.—. Vei Svlederhokrmg Srmlistig. Die ^Jkldifch.liberal» Leitung" erscheint seden Freitag und mit zwei monat- Nchen Beilagen, der wiffenschastNchen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mftielkmigen der Arbeitsgemeinschaft Mbisch-Nberaker Iugenvvereine". Slr. SS ♦ 1. September 1922 sredaktlon: SBerlln W8, Ottauetft». 22 (Vereinigung stlr da» liberale SuSentum e. V.) Aernruf: Nlmt chentrrun Ufa aieschkifisstelle u. Anzeigenannahme» Vre»la»^ Neue lvranpenstr. 7, Vuchbruckeret rkh. SchostEg ch.«.v^>., Fernruf: Amt Ring «si und «doa. SNmtstch» Äahknnge«, Postscheckkonto Vrealau si der Fv. LH. Schastkg <N.m.b.H» Der heutigen Ausgabe liegt Nr. V des „Liberalen Judentums" bet. $ioni» anD ZMM latontmn. Von Dr. I. Golbschnridt, Offenbach a. Main. n. Für das liberale Judentum gibt eS kein „Zurück zur Natur!", sondern nur ein „Vorwärts zur Natürlichkeit!" Religion kann me unnatürlich sein, ist Grundanschauung des liberalen Judentums. Wo Religion unnatürlich wird, da beginnt ihr Abstieg, ihr Altern, ihre „Götterdämmerung". Religion ist ewige Natur, es muß alles gesund an ihr sein, man darf nie in der Religion das Empfinden haben: „Es erben sich Gesetz und Sitte wie eine ewige Krankheit fort." Das ist das Postulat des liberalen Judentums, das macht den liberalen Juden zmn liberalen Juden. Das trennt das Judentum auch vom Mythos. Judentum und Mythos gehen auch darin auseinander, daß der Mythos das „goldene Zeitalter" in die Vergangenheit verlegt, das Judentum in die Zukunft der ymessianischen Zeit". Die ganze Antike gipfelt in ihrer Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung in dieser Seligkeit der Urzeit, der absoluten Vergangenheit. Schon daß der Messianismus sich auf die Zukunft richtet, unterscheidet ihn von dem Mythos des goldenen Zeitalters (Cohen, Religion der Vernunft, S. 292). Der Zionismus kokettiert mit dem goldenen Zeitalter des Mythos, selbst in seinen philosophischen Bannerträgem, in Martin Buber, der den Mythos und den Chassidismus als Blüte der Religiosität: mit der'ganzen Glut seiner expressionistischen Sprachkunst verklärt. DaS Judentum ist Antipode des Mythos. Der MythoS war Natur, feine Renaissance in der Gegenwart aber wäxe Unnatur, Karrikatur, wie der Greis, der kindisch wird. Das Judentum ist kein Janus-Kopf mit zwei Gesichtem, sondern der unsterbliche Mas, dessen Auge nur den Spuren der Zukunft des messtanischen Reiches folgt. Das liberale Judentum kennt kein Zurücks sondern nur ein Vorwärts zur Natürlichkeit. In dieser Lösung: Vorwärts zur Natürlichkeit! liegt aber auch schon die natürliche. Selbstbeschränkung des liberalen Judentums. Die Pietät vor dem Alter ist natürlich; der Zusammenhang mit der großen Gemeinschaft des Judentums, die unter allen Bölkem der Erde zerstreut in Leid und Freud zusammenhält, ist natürlich; das ganze biblische Gesetz und noch weite Strecken seiner Ausgestaltung sind natürlich; vieles ist durch Gewohnheit im geschichtlichen Leben zur zweiten Natur geworden, wie der Freitag-Abend, der Seder-Abend, die Chanukka- Ltchtlein, das Kaddisch-Sagen, so daß es frivol und unnatürlich wäre, dagegen zu polemisieren. Vieles ist Knochenbau des ganzen Organismus, wie Sabbath und Feste, Gottesdienst, Tora-Borlesen, so daß es unnatürlich wäre, unter der Flagge des liberalen Judentums sich vom Ganzen loSzureißen. ES kann hier nicht meine Aufgabe sein, das ganze Gebiet der gebotenen Selbstbeschränkung des Liberalismus zu umschreiben: Das ist nicht Aufgabe eines Einzelnen und nicht Aufgabe eines Jahrzehnts, sondern Aufgabe für Generationen. Voreiliges Operieren wäre hier unnatürlich. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Hier möchte ich vielen, die sich von Ungeduld hinreißen lassen, zurufen: Eschu gibbor? hakowesch es jizro, „Wer ist ein Held? Der sich selbst beherrscht!" Auch schickt sich Eines nicht für Alle. Was für eine Großgemeinde, die für jede Richtung eine besondere Synagoge Herstellen kann, natürlich ist; die reinliche Trennung wäre für kleinere Gemeinden, die nur eine Synagoge erschwingen können, unnatürlich. Hier rnuß der liberale „Knorr den Knubben" der Orthodoxie vertragen. „Der Krieg aller gegen alle" ist Natur, aber nicht natürlich. In neuerer Zeit ist innerhalb des „Liberalen Judentums^ eine „Rückkehr zur Natur" in die Erscheinung getreten, die mir als geistige Parallele zum Zionismus erscheint: Die Flucht in das Irrationale. Weil noch nicht alle Blütenträume reiften, weil man mit der Vernunft noch nicht alle Ziele erreicht hat, wirft man sich der Unvernunft, dem Irrationalen, in die Arme. Das Irrationale ist die Natur, das war der Ausgangspunkt. Das war vielleicht das Judentum unseres Stammvaters Abraham. Die Religion Moses war gewiß nicht mehr der reine Irrationalismus. „Laß mich doch Deine Herrlichkeit schauen!" spricht nur der Rationalismus zu Gott. Der Irrationalismus ist die Religion des Kindes, und wo die Religion irrationale Dogmen ansstellt, da überredet sie den „Rest der kindlichen Gefühle" in uns zu der Formel: „Werde wieder zum Kinde!" Aber ist denn das Judentum eine Religion irrattonaler Dogmen? Gewiß, unsere Jugendbewegung liebäugelt mit dem Irrationalen. Aber Gott spricht: „ES werde Lichts, und daS Tohuwabohu des Chaos wirb zum KoSmoS. Soll die Rückkehr zum Chaos die letzte Parole de- Judentums sein? DaS Jrrattonale maa manchen Ungeduldigen als der Strohhalm erscheinen, an den der Untersinkende sich llammert. Aber rettet der Strohhalm den Versinkenden? Warum denn aber auch ungeduldig sein? DaS Judentum hat die Ewigkeit vor sich, Mtb auch die Ankünfte wollen ihre Aufgaben haben. Wenn aber das Irrationale die letzte Weisheit ist, dann ist die Religion ein Fertiges und nicht ein Ewig-werdendeS, dann liegt die Offenbarung abgeschlossen in der Vergangenheit, und alle Religion in alle Ewigkeit ist Tradition. Das ist nicht einmal dar Judentum des Sohar, des S o n - nenbucheS der Kabbala, und kann nie und nimmer liberales Judentum sein. DaS ist Zionismus des Geistes, wenn ich so sagen darf, Seligpreisung der Vergangenheit. Der Kompaß des Judentums weist ewig auf die Zukunft. Für daS Jrrattonale gibt eS keine Zukunft, keinen Fortschritt, keine Entwicklung. DaS Krattonale als Prinzip ist der ewige Stillstand, daS ewig Identische. Unter diesem Zeichen kann daS Judentum, kann die Menschheit nicht siegen. DaS Judentum, die Menschheit ist ewiger Fortschnttfvom Parttkulattsmus zum Universalismus, vom Nattonalismus zur Humanität. Vom Krieg aller geaen alle zum messtanischen Reiche der Verbrüderung der Menschhett. DaS ist die ewige Natürlichkeit in der Natur der Nationen. DaS ist das Ideal, unter dessen Banner daS liberale Judentum sich zu sammeln hat. „Vorwärts zur Natürlichkeit!" — das ist die Seele des liberalen Judentums. ftchtungl Sehr wichtig für Mitglieder -er Verltner jüdischen Gemeinde l Vir Wählerliste für die tm herbst stattfinöenöen Repräfentantemvahlen zur sü-ischen Oemein-e liegt vom IS. August bis 15. September in öer Oranienburger Straße 29 aus. VieListe ist sehr lücken hasst. viele alteingesessene Oemekn-emltglie-er fehlen, llnsbesonüece fehle« ave Personen, öle auch nur mit geringen Teilbeträgen -er Gemeln-esteuern in -en letzten Zähren im Rückstan-e geblieben fln-. Bei -em mangelhaften Einziehungsverfahren -er Oemein-e kann -tes Ze-en treffen. Wir bitten -aher alle Oesimiungsfreun-e recht -ringen-, öle Wählerlisten rechtzeitig in -en Bürvftun-en(9bis 4Uhr), Oranienburger Straße LYl, Zimmer LS, einzusehen oüer einsehen zu lassen, nötigenfalls Einspruch zu erhebe« unetwaige Steuerrückstän-e zu begleichen, der Einspruch hätte wie folgt zu lauten: M erhebe Einspruch gegen -ie Liste -er wahlberechtigten Mitgkle-er -er süöischen Oemein-e zu Berlin unersuche, meinen Namen in -le Liste einzustlgm. Geboren am .... . ftr..... Ott Berlin seit..... datum ..... Unterschrift.Wohnung..... Bei -er Bedeutung -er kommen-en Oemein-ewahlen, bei -enen -ie Oesahr einer ortho-ox-ztonistlschen Repräsentantenversammlung -rvht, versäume niemand, sich sein Wahlrecht zu sichern. Llbmlrr Vtrtin fflt oft jiWiWuhtlktii Ott MW»' J« Vttllll. Unsere Politik. Bon Rechtsanwalt Dr. Walter Breslauer, Berlin. Polittk wird mit Recht als die Kunst des Erreichbaren bezeichnet. Ohne Kompromisse ist Polittk nicht zu führen. Schlechte Polittk aber ist die, die nicht willensstark ihr Ziel bis an die Grenze des Möglichen verfolgt, sondern nur die Erzielung eines bequemen Kompromisses erstrebt und Konzessionen an die anderen Parteien sich nicht teuer abkausen läßt, sondern leichtherzig verschenkt. Von solcher Politik gab die Gründung der Preußischen Gemeindeorganisation — über die jetzt ziemlich ausführlich im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Nr. 7/8 vom 4. 8. 1922 bettchtet wird — einige wenige erbauliche Proben. I. Schon die Gründung des Verbandes an sich ist eine wenig erfreuliche Kompromißerscheinung. Gemeinsame- Ziel aller beteiligten jüdisches Kreise war die alsbaldige Schaffung der Gesamtorganisation für ganz Deutschland ohne überflüssigen partikulattstischen Unterbau. Nur weil'dieses Ziel infolge von Widerständen, die teilaußerhalb der jüdischen Gemeinschaft, bei den beteiligten Regierungsstellen, teils wenigstens außerhalb Preußens sich zeigten, nicht erreichbar schien, weil aber die Not vieler Gemeinden den Zusammenschluß unaufschiebbar machte, ist man zu der Gründung geschritten. Es kann das allerdings hier nicht getadelt' werden. Denn der Außenstehende vermag nicht zu beurteilen, ob die Widerstände wirklich so groß waren, daß sie nichts zu überwinden waren. Waren sie tatsächlich zur Zeit unüberwindlich, so ist das den Umständen nach Prakttsche und Gebotene geschehen. Bedauern kann man nur, daß als „Außenstehend" in diesem Falle eigentlich die gesamte preußische Judenheit anzusehen ist, einschließlich fast aller Gründer der Landesorganisation. Denn die Verhandlungen mit den Behörden über Schaffung der. Reichs- und Landesorganisatton sind, soviel wir unt«s richtet sind, ganz oder fast ausschließlich von einer einziges Persönlichkeit geführt worden. Herr Dr. Freund war es, der vom D. I. G. B. mit den Verhandlungen zur Schaffung der Reichsorganisation betraut toawj, auf Grund eines von ihm vorgelegten Verfassungsentwurfes, bei dessen Begründung er die Schaffung von Landesverbänden ausdrücklich . abgelehnt hatte, und derselbe Herr wieder ist es gewesen, der auf Grund der von ihm bei diesen Verhandlungen gemachten Erfahrungen die Gründung des Preußischen Landesverbandes angebahnt, den Behörden plausibel gemacht, durch eine Denkschrift begründet und in der enttchetdenden Versammlung als Referent vertreten hat. Die Lösung einer der wichttgsten Fragen der deutschen Judenheil war also abhängig nicht nur von dem guten Willen, sondern auch von der geistigen Einstellung, dem Geschick, der Zähigkeit und der wichtigen Einschätzung der entgegenwirkenden" Kräfte seitens einer Einzelperson. ES kann? nicht behauptet werden, daß ein anderer oder mehrere andere es«besser gemacht hätten. Es soll auch nicht etwa befürwortet werden, daß in künftigen FälM die Regierungsstellen von einer größeren Zahl womöglich gegeneinander arbeitender Personen „informiert" d. verwirrt werden. Daß aber künftig solche?Lasten auf mehrere leistungsfähige Schultem gelegt werden, dürste ein berechtigter Wunsch sein. Ein Leines Gremimn erster Kräfte muß für solche Verhandlungen zusammen^ gestellt werden. Der Liberalismus darf dabei auch fordern, daß er bei seiner Stellung im Deutschen Judentum nicht ausgeschattet wird; Herr Dr. Fr-und gehört einer gemäßigten konservativen Richtung an, es ist von ihm nicht zu erwarten, noch zu verlangen, daß er konversative und liberale Interessen in gleicher Weise verttttt. n. Bei der Gründung des Landesverbandes hat man sich nun bemüht, etwaige Streitpuntte von vornherein ausznscheiden. Die Denkschrift des Herrn Dr. Freund verhält sich darüber wie folgt: „Der Entwurf lehnt sich in der Hauptsache an den dem 16. Geweindetag vorgelegten Entwurf für die deutsche Gesamtorganisation an, der dort nahezu einstimmig Annahme gesunden hat und scheidet diejenigen Puntte aus, über die auf dem Gemeindetag eine vollkommene Einigung sich nicht hat erzielen lassen. Es sind dies: die Vertretung der theologischen Lehranstalten im Rat und die Bildung eines Ausschusses für die Wissenschaft des Judentums". Daß es sich bei dieser Ausscheidung irm*Konzessionen an die Orthodoxie handelt, betont deutlicher Herrn Dr. Freunds Referat: „Wir haben es nicht an Mühe fehlen lassen, alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Die Vertreter der Orthodoxie, insbesondere der Vertreter Halberstadts, hat am 28. Januar 1921 in aller Form erklärt, daß seine Gemeinde der Gesamtorganisatton beitreten würde, wenn die beiden Puntte des Anstoßes aus der Verfassung beseittgt würden, ©te sind nun beseitigt. Und ich zweifle keinen'Augenblick, daß die Herren loyaler Weise die Konsequenz daraus ziehen und nunmehr den Beitritt zur peußischen Organisation erklären werden. ^Das ist unser tiefster Wunsch". Für den der den Ereignissen fernsteht, muß zunächst einmal erklärt werden, worum es sich bei diesen Konzessionen handelt. Der dem Gemeindetag vom 2S. 1. ISA vorgelegte Entwurf enthält die Bestimmung, daß m Juqendverems-Anzeigen WtT letzte Sette.

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