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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-08-25 · 34 (25.8.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
34 (25.8.1922)
Date
1922-08-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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m WWW 0tgatt der Veretnigung für das ttderale (Judentum e. V B»»ugsprels durch die »eschastsfielle V« lührkich SN». 15.— Einzelnummer. „ 1.50 QPfir Ne SMlglleder der Bereinigung ist der Bezugspreis im IMtgliedSbeltrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die »>/,«;« breite MiMmeterzeile üttt. 3.— Somillenanzeigen 0»r.r.25. Bel Wiederholung «rmützig. Die „Jüdisch-liberale Leitung^ erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. 3« ♦ 25. August 1922 Nedaktion: Berlin VS, Ntaurrstr. 22 lDerelnigung fllr das liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Leutrum 1S2 Gefchüftsstelle u. Anzeigenannahme: Breslau^ Neue Sraupenftr. 7, Buchdruckerei LH. Schatzkg cd.m.b.ch.; Fernruf: Amt Nlng -151 und *600. SümtNche Ä ah langen. Postscheckkonto Breslau 57 der Fa. LH. Schahkg S.m.b.H. NlllllMllS unD ZMm IllSelitM. Von Dr. I. Goldschmidt, Offenbach a. Main. „Zurück zur Natur!" sagt der Zionismus und sagt das Liberale Judentum, der Zionismus in politischem, das Liberale Judentum im allgemein menschlichem Sinne. Der Zionismus will zurück zur Natur: zum Lande der Vater, zum alten Vaterlande Israels, zum Ackerbau in dem Lande, in dem Abraham als Nomade umhergezogen, in dem der Weinstock wunderbare Trauben zur Reife brachte, die zwei Männer nur auf einer Bahre tragen konnten, zurück zu dem Lande, das von „Milch und Honig" floß; heraus autz der unnatürlichen Zerstreuung unter allen Völkern der Erde in das alte Lied der Heimat, um dort wieder eine „Nation", eine naturhafte Gemeinschaft zu sein, um dort die Natur- Eigenheiten, die in der jüdischen Seelensubstanz schlummern, zum Erwachen und zur Entfaltung zu bringen, unbeeinflußt von der Unnatur der Diaspora und den zentrifugalen Kräften der Assimilation. Der Zionismus will zurück zur Natur des B l u t e s und des Volkstums. Ist es Inkonsequenz, daß der Zionismus nicht jveiter zurück zur Natur des Stammes und des Nomadentums hinstrebt? Nein! Diese Stadien hat das Judentum schon in seinem ungetrübten Naturleben überschritten und überwunden, und es wäre Unnatur, schon überwundene Naturzustände wieder zur Geltung zu bringen. „Zurück zur Natur!" kann bedeuten: „Werde wieder Kind!" aber nicht: „Werde wieder Embryo!" — Auch das „Liberale Judentum" will zurück zur Natur. Das hat es mit dem Zionismus, zu dem es sonst im Gegensätze steht, gemeinsam. Das Schulchan-Aruch-Judentum ist Unnatur. Nicht das „Gesetzes-Judeutum", das von Paulus bekämpfte, ist Unnatur; alles Leben, auch das der. Natur^strebt zum Gesetz. Soziales Leben ist ohne Gesetz undenkbar. Der Paulinische Kampf gegen das Gesetz überhaupt ist nicht Nietzsches Naturalismus: „Zurück zum Kinde!", sondern die Forderung des Unnatürlichen: „Zurück zum Embryo!" Vor dem „Gesetz" war der Barbar. — Aber die Uebertreibung des Gesetzlichen führt zur Unnatur. Und der „Schulchan- Aruch" in seinen rituellen Teilen ist vielfach Uebertreibung der Gesetzlichkeit. Das ganze biblische Gesetz ist Natur, die in „ Schulchan-Aruch" zur Unnatur übertrieben wird. Ein Beispiel: „Keine Last tragen am Sabbath!" Das ist Natur, denn der Sabbath ist Ruhetag. — „Kein Taschentuch am Sabbath in der Tasche tragen, sondern als Gürtel Herumbinden!", das ist Unnatur, das ist gekünstelte Uebertreibung. — Oder: „Koche nicht das Zicklein in der Mlch der Mutter!", das ist Natur, rührend zartfühlende Natur. Zweierlei Geschirr für Fleisch- und Milchspeisen!, das ist Uebertreibung und Unnatur. „Am Sabbath nicht bauen!", das ist Natur; am Sabbath den Regenschirm nicht aufspannen, weil das ein „Dach machen" heißt; das ist Unnatur, Künstelei. Am Sabbath kein Getreide „worfeln"! ist Natur, aber „Kleider bürsten" in den Umfang dieses Begriffs einreigen, ist Unnatur. Neun Zehntel des natürlichen biblischen Gesetzes ist im Schulchan-Aruch durch Uebertreibung der Gesetzlichkeit zur Unnatur geworden. Dem Schulchan-Aruch kann daraus kein Borwurf gemacht werden, er ist nur der letzte Ausläufer der Richtung, die schon in der Mischna ihre Wurzeln hat, und er hat ja Maimonides „Starke Hand! Jad Hachasaka, als Vorgängerin. Zur Zeit des Schulchan-Aruch hat man diese Uebertreibung der Gesetzlichkeit nicht als „Unnatur" empfunden, und auch die heutige Orthodoxie des Judentums sieht darin mehr U e b e r n a t u r als Unnatur — ob mit Recht oder Unrecht? sei hier nicht erörtert. Sicherlich ist es hier ebenso schwer, wie beim Men Sophisma des „Sorites", die Grenze zu ziehen, wo Natur aufhört, und Unnatur beginnt. Hier sei kein Werturteil abgegeben, sondern nur der Tatbestand festgestellt. Sicher ist nur, daß das „Liberale Judent u m" diese Uebertreibung der Gesetzlichkeit als Unnatur empfindet, und eine solche Entfernung von der Natur empfindet das „Liberale Judentum" als unvereinbar mit Religion. Ob diese Empfindung berechtigt ist, das kommt hier nicht in Betracht, hier sei nur anerkannt, daß diese Empfindung vorhanden ist. Ist dennoch das „Zurück zur Natur!", das dem Zionismus und dem Liberalen Judentum Gemeinsame? Nein! Hier zzigt sich wieder:. „Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasielbe. Der Zionismus will zurück zur Natur, das „Liberale Judentum" will nicht zur Natur zurück, sondern zur Natürlichkeit und darum überhaupt nicht „zurück", sondern vo r w ä r t s! Der Mensch kann überhaupt nicht zurück; zu jeder Vergangenheit ist ewig jeder Gegenwart die Brücke abgebrochen: „Ach, und in demselben Flusse Schwimmst du nicht zum zweiten Mal!" . . . Der Erwachsene kann nichtwieder Kind werden, ohne Karrikatur zu sein. Wenn der Prophet ruft: „Kehre zurück, Israel!" so fügt er hinzu: „zu dem Ewigen, deinem Gotte", Gott aber ist das ewige Vorwärts! Darum glaubt das Liberale Judentum auch nicht an die Verwirklichungs-Möglichkeit des Zionistischen Ideals, weil das ein Zurück bedeutet. »das liberale (luöentum will neues jüdisches Leben pflanzen, schlummernde jüdische Gefühle wecken und an das jüdische Gewissen mahnend pochen. Cs will das Judentum wieder an sich glauben lehren, und es wird fo stark und groß fein, wie sein Glaube an sich selbst ist". Ritualgesetze. Bon A. W. Lichtenstädter. Nürnberg. Die Ablehnung jener Eigenart des Judentums, wie sie sich in gewissen äußerlichen Vorschriften kundgibt, ist nur bis zu einem gewissen Grad berechtigt, und die Abschaffung alles dessen, was man das Zeremonialgesetz nennt, würde die Auslösung des Judentums in eine freireligiöse oder ethische Gesellschaft bedeuten. Wenn ich all die gehaltvollen und gedankenreichen Reden der liberalen Rabbinertagung vom 6. Januar d. I. lese und die Aufsätze, die hernach geschrieben wurden, muß ich mir immer sagen: Jeder von diesen geistvollen Männern hat recht, das heißt: sie haben von ihren: subjektiven Standpunkt aus recht, so weit sie rein theoretisch und ganz allgemein die Frage behandeln. Theoretisch und mit allgemeinen Worten läßt sich alles beweisen. Die französische Presse weist ganz genau nach, daß die gewalttätige, brutale Haltung Frankreichs gegenüber Deutschland ganz zu Recht gehandhabt wird, aber wenn man auf Einzelheiten übergeht, merkt man erst, wie wenig sich Theoäen mit der Wirklichkeit decken. Sehr bemerkenswerte Ausführungen bringt, als Laie, I. Wolfssohn-Berlin in Nr. 19 dieses Blattes, jedoch stellt er sich dem Formengesetz gegenüber, wenn ich ihn recht verstanden habe, im Wesentlichen auf einen ablehnenden Standpunkt. Man wird ihm, von: Standpunkt des radikalen, wie des gemäßigten, des subjektiv wie des objektiv liberal Denkenden aus, zustimmen müssen, wenn er schreibt: „Als liberale Juden haben wir die Pflicht, diese reine Lehre von Buchstaben und Aberglauben möglichst frei zu halten, und die äußeren Formen der Religionsausübung und der Ritualgesetze so zu gestalten, daß sie mit den Mgemein gültigen, auch von uns sonst anerkannten Gesetzen der Ethik und Aestethik nicht in Widerspruch stehen. Das ist liberales Judentum, das ist das wesentliche des Judentums, das ist der wahrhaft jüdische Gedanke, der uns stets davor bewahren wird auf die Stufe von Babel herabzusteigen." — Aber: wo sängt der Standpunkt der Ethik und Aesthethik an, und wo hört er auf? Man wird vielen der rituellen Vorschriften zugestehen müssen, daß sie Gesetze der Menschlichkeit, der Ghik, der Aesthethik, der Reinlichkeit sind. Sollten solche Vorschriften wirklich gar nichts mit Religion zu tun haben? Soll der freiheitsliebende, liberale Jude sich wirllich sagen können: Für Euch, Ihr Orthodoxen, aber nicht für mich, den Auf geklärten sind solche Vorschriften von Bedeutung!? Ist der Sabbath kein Formengesetz? Ist er nicht eine ethisch-ästhetische, die reine Menschlichkeit fördernde, von allen Kulturvölkern nachgeahmte Vorschrift? Ist die Schächtvorschrift keine Vorschrift reiner Menschlichkeit? Ist den Gegnern des Schlichtens nicht bekannt, welche Greuel bei allen anderen Schlachtmethoden Vorkommen? Wissen sie, wieviel Unglück mit der Schußmaske schon passiert ist? Sind die Sätze: Ihr sollt mir ein Volk von Priestern sein! Rein sollt Ihr sein, denn ich der Ewige, Euer Gott bin rein! auf die körperliche Reinheit nicht anwendbar? Der Vegetarismus ist von seinen Anhängern schon oft als Reinheitsreligion bezeichnet worden. Und ein Schriftsteller der neuesten Zeit hat als Ideal des fortgeschrittenen Judentums es bezeichnet, überhaupt dem Fleischgenuß zu entsagen. Ich möchte ferner fragen: Ist der Sederabend, ist das Erbauen einer Laubhütte keine erbauliche, ästhetische Sitte? Um von einer echt „orthodoxen" Uebung zu sprechen: Ist die Anbringung einer Mesusah, keine sinnige, an Gott und reinen Lebenswandel mahnende Vorschrift? Ist etwas Unästhetisches daran? Das Christentum hat diese Sitte besser zu würdigen verstanden, und wie .fast alle jüdischen Ritualvorschriften nachgeahmt. Es heimelt. mich an, wenn ich irgendwo dieses Symbol als Zeichen,sehe, daß hier ein Jude seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Daß viele erschwerende, kleinliche Vorschriften in Küche und Haus für den liberal Denkenden keine Bedeutung mehr haben, ist wohl nicht weiter auszuführeu. Hunderte von diesen Dingen haben teils jede Bedeutung verloren, teils stehen sie in direktem Gegensatz zu Vernunft und Wissenschaft. Um nur eines als Beispiel zu erwähnen : Wenn uns heute ein Messer verunreinigt wiä>, werden wir es waschen und desinfizieren. Der Orthodoxe steckt es — drei Tage in den Erdboden! In Sachen der Religion hat viel Gefühlsmäßiges mitzusprechen. Aber ich behaupte, daß auch viel Reales, Berstandesmäßiges in Betracht kommt, welches uns zu einer pietätvollen Auffassung führen kann. Selbstverständlich muß im Liberalismus der Subjektivismüeine große Rolle spielen. Niemals wird Jemand fest bestimmen können, was beizubehalten und was aufzngeben ist. Unsere Radikalen haben es mit ihrem Kodex noch viel leichter als die Orthodoxen. Für diese ist alles strenge Vorschrift, was in der Bibel und im Schulchan- Aruch steht. Für die Radikalen gibt es nur einen Religionssatz: „Höre Israel!" Sonst brauchen sie nichts, was an das Judentum noch erinnern könnte; noch nicht einmal einen Gottesdienst und auch keinen Religionsunterrichts denn die zehn Gebote und das Höre Israel sind in einer Stunde zu erlernen. Vom Grundsätzlichen und Allgemeinen lesen und hören wir viel, Und der wissenschaftliche Teil muß fleißig bearbeitet werden. Aber das Volk möchte auch etwas Konkretes hören. Wenn mir diesem Bedürfnis Nachkommen, werden wir die breiten Volksmassen als Gemeinde hinter uns haben, während ein Teil der als liberal zu bezeichnenden Jndenheit bisher unseren Bestrebungen noch fern steht. indifferent? Don Rabbiner Dr. Gott schall, Posen. Man wird zugeben müssen, daß die Bestrebungen, den Liberalismus rückwärts zu revidieren, auf ihrem Höhepunkt angelangt sind: „Der Liberalismus muß nationaler werden." „Der Liberalismus mu; orthodoxer werden." „Der Liberalismus" muß sich nach Palästina orientieren." „Der LiberaliSmus muß die hebräische Gebetssprache wieder zur herrschenden machen." „Der LiberaliSmuS muß mit der K u l t u s st ü r m e r e i aufhören." Weiter geht es ja wohl nicht. Es könnte vielleicht noch die Forderung kommen, der Liberalismus soll nur noch eine Untergruppe des Zionismus, respektive der Orthodoxie bilden. Vielleicht liegt aber gerade in dieser Satire bitterer Ernst und zugleich die Antwort darauf: weshalb gerade der Liberalismus so verhältnismäßig geringe Eroberungen gemacht hat, weshalb gerade er soviel über „Jndiffereutismus" zu klagen hat. Ich behaupte nämlich, daß nichts der Ausbreitung der jüdischliberalen Idee so geschadet hat wie die falsche Bewertung der „Indifferenten". Gewiß, es wird schon auch die ganz Gleichgiltigen geben. Aber das Heer dieser „Indifferenten", und nicht zuletzt der Kulturjuden, es hat einfach deshalb die Gefolgschaft verweigert, weil es diesen Pseudoliberalismus, der jetzt ganz unverhüllt auftritt, nicht unterstützen konnte. Es war eben immer so, daß der Liberalismus dieser „Indifferenten" dem Liberalismus der „Führer" weit voraus war. Und mit dem heutigen hat er einfach gar nichts gemein. Ihn bezeichnet er eben — und mit vollem Recht — als religiösen Zionismus oder linke Orthodoxie. Während aber bisher vielleicht noch eine fülle Hoffnung in den bei Seite Stehenden lebte, daß die Zeit schon das ihre tun werde, ist nun der Ruf nach Liberalismus, aber eines wahr» haften Liberalismus, dringender als je zu vernehmen. Nur glaube man nicht, daß man vorwärts kommt, wenn man zitternd und zagend und Schritt vor Schritt die „Indifferenten" am Gängelband führt. Gie sind mündig,, sie wissen, was sie wollen und was ihnen fehlt, und man widerlegt sie nicht damit, daß man sie „Laien" Jugendvereins-Anzeige V* letzte Sette.

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