Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-08-18 · 33 (18.8.1922) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
33 (18.8.1922)
Date
1922-08-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613657-2613689--0425-2617664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i l| i I I,■ ■ 18.» A^r.'*' ■l> , WW» WWWMM WWWWWWWW WMWWWWW Bezugsprels vurcv M» «-«fchifftsktelle '/«johrNch Mk.is.- dttnstfnutnmer. „ 1.30 OBr Me SMtgNeber der Vereinigung Ist der Bezugspreis lm SMtgNedBbeltrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die 8>/,cm breite Mlllimeterzelle Olt!. 3.- NrnniNenanzeigen ORf.2.35. Del Wiederholung Ermdhig. Organ der Bereinigung für das liberale Iudentnrn e. V. Die „Jüdisch-liberale Leitung*' erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Leitfchrist „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. 33 ❖ 18. August 1922 Deduktion: Berlin VS, Mauerstr. 22 (Vereinigung für da» liberale Judentum e.».) Fernruf: Amt Äentrum 109 ‘Sefcööftafteffe u. Anzeigenannahme: DreSlauS, Neue Sraupenstr. 7. Buchbruckerel Th. Gchahkg <S.m.b.$.: Fernruf: Amt Ding «31 und 4«». «ümtNche Zahlungen. Postscheckkonto Breslau 37 der Ja. LH. Schatzkg cv.m.b.H. Der heutigen Ausgabe liegt Nr. 8 der „Ili»Mitteilungen" bei. die Tlusbreitung des Judentums. Von Martin Salomonski. Die jüdische Lehre hat durch ihr Bekanntwerden das seelische Leben der Welt am nachhaltigsten beeinflußt und sich als Strom des Segens in die Wüstenfelder der Barbarei und des heidnischen Wahnes ergossen. Niemals aber hat die Judenheit den willeuSstarken Versuch unternommen, ihr unverfälschtes Wesen, die leuchtende Klarheit und die heiligende Innigkeit der eigenen Religion der Menschheit darzubieten und jio brüderlich hinzuleiten zum Wesen des Judentums. Mit einer Sachlichkeit, der gewiß Lob gebührt, haben es die Altvordern und die heute Lebenden allen Gottsuchern überlassen, auszuwählen oder zu verschmähen, was gefiel oder abstieß. Man hat den redlichen Willen, das Heil zu finden und den Glauben es gewonnen zu haben weder gefördert noch gestützt, sondern die Objektivität, die freilich auch als Ueberhebung gedeutet werden könnte, durch den Ausspruch gekrönt: „Die Frommen aller Völker haben einen Anteil an der künftigen Welt." Nun soll hier nicht unnütz beklagt werden, daß der Gottesbote Israel die wiederholten guten Gelegenheiten einer Ausbreitung des jüdischen Bekenntnisses in alter oder neuer Zeit versäumt hat. Die vollzogene natürliche Entwicklung erweist sich stets als notwendiges Geschehen. Der Christ und der Anhänger des Islam stehen uns nahe als Verfechter verwandter Ideale, und je mehr wir von ihnen bekämpft werden, um so gewisser wird es, daß oft nur Nuancen und sicherlich vor Gott, aber auch für tolerante Menschen verschwindende Winzigkeiten uns trennen. Die herausgebildeten Formen haben sich gefestigt und kehren nicht in den Mutterschoß zurück, die gesonderten Kulturen können nur in friedlichem Nebeneinander sich veredeln und reifen. Also nicht dem Kampf der Bekenntnisse sei das Wort gesprochen, aber der Notwendigkeit und Pflicht, daß wir Juden unter Vermeidung der Fehler des anderen Lagers unsere hohe Mission endlich einmal beginnen und die Ausbreitung der reinsten Religion, des wahren Gottesglaubens uns angelegen sein lassen. Es gilt, zahllose Angriffe und Jrrtümer, die über das Judentum auch bei Gebildeten und Guten im Schwange sind, zu entkräften und aufzuklären, es ist an der Zeit, der Welt mutig und unbekümmert um jede Folge zuzurufen: Ihr habt einen Ausschnitt unseres Glaubens, einen kleinen Teil seines Wesens übernommen und eurem Willen angepaßt. Ihr habt eine Morgenröte des Heiles angefacht für zahllose Geschlechter: Das ist und bleibe euer Verdienst! Aber ihr seid nicht zurückgegangen bis zum Kern, und wir Inden haben ihn euch nicht dargeboten. Dieser Vorwurf trifft uns, mögen auch Last und Druck, die immer auf uus lagen, unfern Bekennerstamm am Boden gehalten haben. Wird cs je möglich sein, daß der Teil der Welt, in dem die Besten nach der Wahrheit ringen, das Judentum begreifen und sich ihm vermähle, ganz gleich unter welchem Namen? Nur wenn der fahle und falsche Widerschein unserer Religion, den die doppelte Verkapselung — nach innen und außen — noch hindurchzucken läßt, abgelöst wird durch den echten, den irdischen Himmel erfüllenden Strahlenglanz der Wahrheit des Judentums, der gewaltigen unerhörten Freiheit, die es bedeutet, der unendlichen Liebe, die es gewähtt, der unstillbaren Sehnsucht, die es verkündet. Ja, es ist und bleibt Egoismus, und werde es hundertfach und tausendmal mustergiltig motiviert, wenn wir das Gute, das Beste, die Religion, das Judentum für uns bebalten. Das ist keine Toleranz mehr, die sich dabei beruhigt: „Die Frommen aller Völker haben einen Anteil an der künftigen Welt." Nein, sie sollen die Ganzheit des Höffens und die Hoheit irdischen Genießens haben, und wir Juden müssen diese Aufgabe voll bringen. Das fehlt uns an der Vollendung und dahin zielt der Wille Gottes: „Ihr sollt mir werden ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." Keine Konzessionen!, jammert angstvoll der Chor der Buchstabenanbeter und die Masse der Unverständigen gibt ein grelles und schauerliches Echo. Sind doch diese Kreise oder Richtungen immer von der traditionellen Furcht beherrscht, der Komplex, unter dem sie Religion begreifen, würde schon jüdischerseits verwässert. Sie ziehen es vor, ihn gründlich auszutrocknen und verdorren zu lassen und würden glücklich sein, ihn, auch die Luft abschneiden zu können. Nach der Anschauung der Orthodoxie ist das heutige Judentum gleichbedeutend mit der Religion vor dreitausend Jahren, mögen inzwischen die Zeiten und die Menschen sich noch so sehr verändert haben. Die Starrgläubigkeit nimmt keine Notiz davon, daß der Opferkult aufgehört hat und das Geburtspriestertum mit ihm. Ob ein großes oder kleines Glaubensgut vor dem dunklen Abgrund des Unterganges oder der Verwesung steht, ob ein bescheidenes oder gewaltiges Vorwärts nach belebendem Odem dürstet und erweckt werden will, das traditionelle Element läßt unterschiedslos beides verelenden. Es erklärt das längst Abgestorbene immer noch für verbindlich und lebendig, aber besitzt keine Wunderkrast; eS stellt dem sichtbar Werdenden und stark sich Regenden die ewig gleiche und meistens falsche Diagnose: „Totgeboren!" Der verkehrte Maßstab ist der Trugschluß des unwandelbaren Gesetzes, das man mit Gott verwechselt und wohl auch gleichstellt, und darum hat diese rühmliche Treue nur historischen oder Museumswerl. Der Orthodoxie sagt der Umfang des Glaubens alles, der Inhalt wenig, die Ausbreitung garnichts, und in dem Drang, das Erfüllungsprogramm der Gebote nicht weit genug stecken zu können, baut sie ein unentwirrbares Labyrinth und immer neue, hohle Stollen, die doch zusammenbrechen und keine edlen Steine fördern. Ein solches Judentum des Zwanges wird nicht die Welt erlösen. Es wäre für Menschen, denen der Verzicht auf Denken und Streben unmöglich ist, nicht die persönliche Beziehung zu Gott, die wir Religion nennen. So schaltet sich denn leider die Orthodoxie selbst aus für die Ausbreitung des Judentums, noch mehr aber der Zionismus. Denn das nationale Bewußtsein ist ist ihm ja mehr als der Glaube, und er türmt Scheidewände auf, statt die Mauern des Unverständnisses, die den Haß bergen, niederzulegen. Ganz andersteht eS mit uns Liberalen, weil wir das Fix und Fertig der Schöpfung wie der Geschöpfe nicht kennen. Die Annahme: Jetzt ist die Welt entdeckt und ausgeforscht, — war ebenso falsch, wie der Wahn: Nun sind wir ohne weiteres und unbedingt, fromm und gut oder haben das Rezept dazu in der Tasche oder gar im Magen. Ist doch Gott selbst, das meint der Psalmist, noch am Anfang seines Ruhmes. Und wird er wirllich nicht erhöht und gemehrt durch den Menschenwillen: „Gebet dem Ewigen Herrlichkeit und Macht!" Dienen nicht Andacht und Anbetung, frommer Sang und edler Klang wie einst des Opfers fromme Einfalt zur Erhöhung Gottes? Es ist also gar kein ketzerischer Gedanke, daß der Ewige größer wird und erhabener und gewaltiger, je mehr wir für ihn erglühen. Die Begeisterung für Gott muß lohen und darf kein künstliches Licht sein, das wie ein Leuchtfeuer über das dunkle Meer blitzt, aber die Nacht nicht bezwingt. So kommt man schnell zum oft beobachteten, doch viel zu wenig beklagten System des religiösen Taschenlämpchens, dessen Schein nur dem eigenen Nutzen dienen soll, aber meistens das Auge blendet. Religion muß aushören, ein Vorteil zu sein, und wer wähnt, auf dieser Basis eine Seligkeitsversicherung abschließen zu können, wird sicher betrogen. Wir brauchen Religion im Erlebensfälle und hierfür muß sich jeder Jude einsetzen! Mit ganzem Herzen mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft! Der Mangel dieser Wärme, ja eine gewisse Kaltherzigkeit ist ein liberales Hindernis für die Ausbreitung des Judentums unter uns und um uns. Darf man ehrlich reden? Es ist das Ungeteilt^ allein, das die großen Ideen in Bewegung setzt und der Religion die Welt gewinnt. Bei der Orthodoxie haben wir diese Notwendigkeit in der verschobenen Form des Ausgefülltseins, aber das ist so ähnlich wie Sattheit. Wer nicht Hunger und Sehnsucht spürt nach Gott, wer nicht vergeht, weil er zu wenig weiß von der Wahrheit, wer nichts begehrt, das Judentum zu ttagen in ferne Herzen unter fremde Völker, dem hat die göttliche Berufung das Leben nicht geweiht, der kann Gott nicht lehren, der wird das Judentum nicht ausbreiten. Darum streiche die Orthodoxie ihren Irrtum: Wir dürfen nicht!, und der jüdische Liberalismus die Anschauung: Wir brauchen nicht! Erst wenn dieser Fehler erkannt wird und wir Juden unsere Religion nicht nur für wahr, sondern für berufen halten, dann wird unser Glaube den Wanderstab ergreifen und verkünden bis zu den letzten Inseln die echte Gottesliebe. Das Judentum hat die Mission, alle Geplagten und Suchenden herauszuführen aus Gottlosigkeit und Ichsucht. Wir wollen zeigen und beweisen, daß dieser echte Geist der Prophetie nicht aufgehört hat in Israel daß es eine Gemeinschaft gibt, die dem Guten und der , Liebe nachjagt und am Ziel den Anfang neuen Strebens I sucht. Judentum ist das große Werden und hört nicht auf, solange des Feldes Segen sich schafft. Judentum entsteht wie die dauernde Folge der Geschlechter, Judentum bleibt gleich der Unendlichkeit der Gedanken, es breitet sich aus wie die Heiligkeit der Liebe und triumphiert durch Wahrheit, Recht und Frieden. 0 „Das liberale Iuöentum erstrebt eine lebendige 0 ^^neuttung-erRellgim cm WlklvlinH an Mm plmker. Am 21. August wird Juftizrat Wilhelm Plonsker 60 Jahre. Unter allen Glückwünschenden nahen die Vereinigung für das liberale Judentum und der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin dem Jubilar an diesem festlichen Tage mit besonderer Dankbarkeit und dem Gefühl herzlichster Ergebenheit. Als überzeugter liberaler Jude und vorbildlich pflichttreuer Führer hat Wilhelm Plonsker seit langen Jahren mit fester Hand, mit ehrlicher Ueberzeugung und mit besonderer Begabung die liberale Arbeit in der größten Gemeinde Deutschlands geleitet und zu gutem Teil geleistet. Wenn unsere Bewegung die von allen Seiten so stark und scharf bekämpft wird, sich behauptet hat und nach den schweren Stürmen des letzten Jahrzehnts einem neuen Aufstieg entgegenschreitet, dann ist dies nicht zuletzt sein Verdienst und die Tat der Männer, die gleich ihm mit restloser Hingabe die heilige Sache des liberalen Judentums zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Man darf ohne jedes übertreibende Lob, das Wilhelm Plonsker am wenigsten hören will, der Wahrheit gemäß aussprechen, daß er eine Schule liberaler Kämpfer und Arbeiter gebildet hat, mb daß sein Beispiel der Vornehmheit, der Zurückhaltung und Selbstbescheidung seine Aufopferung für die Sache und seine unbedingte Zuverlässigkeit die Sympathien für das liberale Judentum wesentlich gestärkt und manchen schwer errungenen Erfolg erst ermöglicht haben. ** Diese Vorzüge seines Charakters haben sogar die Gegner anerkannt und seiner ehrlichen geraden Kampfesweise, selbst wenn es hart auf hart ging, immer hohe Achtung gezollt.' Wiewohl Justizrat Wilhelm Plonsker als vielgesuchter und durch die Berufsarbeit stark belasteter Anwalt gewiß hinreichend beansprucht ist, hat er dock, stets die Zeit gefunden, in vorderster Reihe mit uns und für uns zu arbeiten und mit besonderem Takt und gutem Humor, der ihn nie verläßt, die Gegensätze auszugleichen. Solche Gesinnung trägt ihren Lohn in sich, und darum hoffen wir öti seinem sechzigsten Geburtstage, daß Wilhelm Plonsker noch ungezählte Jahre kn Rüstigkeit und Kraft erhalten bleibe dem Kreise seiner Lieben, unserer liberalen Sache und der Gesamtjudenheit, für deren Wohl er erglüht und deren Förderung sein stetes Bemühen ist. In gewohnter Bescheidenheit ist der Jubilar jeder festlichen Feier, die beim Ernst unserer Tage nur in schlichter Form sich hätte vollziehen können, aus dem Wege gegangen. Möge der Gruß und der ehrliche Dank seiner Freunde den tapferen, unerschrockenen Führer auch m ber friedlichen Stille kurzer Erholungswochen erreichen imb ihm die Gewißheit bringen, daß die liberale Judenheit treu zu ihm steht und mit Liebe und Verehrung teilnimmt an seinem Wohlergehen. Haroe. Wo herrscht die Not? Von Joseph Kauffmann, BerUu-Weißensee. In Nr. 59 dieser Zeitung berichtete ich üht Beschlüsse der orthodoxen Rabbiner. Heute möchte ich von weiteren Entschließungen des orthodoxen Rabbinerverbandes Kenntnis geben: Der Verband hat sich mit Entschiedenheit auf einen ablehnenden Standpunkt gegenüber dem Zionismus und dem Keren Hajessod gestellt. Der großen Mehrzahl der liberalen Laien ist solcher Standpunkt verständlich. Sie sehen im Zionismus eine mit dem liberalen Judentum nicht zu vereinigende Richtung, ein Unternehmen, das ein liberaler deutscher Jude, bei aller Liebe für das Land unserer Väter und aller Sympathie für die Opfer antisemitischer Befeindungen jetzt nicht unterstützen darf. Der Standpunkt der orthodoxen Herren Rabbiner ist umsomehr zu begrüßen, weil sie doch die Verhältnisse in der deutschen Judenheit genau kenneu. Wir leben in einer Zeit, in der alle Institutionen, die auf private Beihilfe angewiesen sind, ja auch triefe der vom Staate unterhaltenen, in gewaltiger Notlage Jugendvereins-Anzeigen letzte Sette.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.