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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-08-11 · 32 (11.8.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
32 (11.8.1922)
Date
1922-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i WWW«WWMW>WffMWW»WM r«'.HIWI 'iwypi' ui",11 '!WI J mp pi -JH IJIIHJ v,WW», «ff MWWWWWWWWWMWWWM Grgatt der Veretutguug für das liberale Judentum e. V. B-zugspk-ls durch die «estdastskelle v.jtlhrllch Mk.is.- (flnfttlnummer. „ 1.30 Mlr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgitedsbeltrage inbegriffen. MnzelgenprelS: Dl» s>/,em breite MiMmeterzeile Mt. 3.- Aamilienanzeigen ORf.m »ei Wiederholung Srmöfelg. Die „Jüdisch-liberale Leitung" erscheint jeden Arettag und mit zwei monat- Nchen Beilagen, der wiffenschastNchen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. 32 ♦ 11. August 1922 Redaktion: Berlin WA, gNauerstr. 22 (Bereinigung fOc das liberale Äudentum e. D.) Fernruf: Amt Äentrum NW (veschtlftsstelle u. Anzeigenannahme: Breslau\ Neue Sraupenstr. 7, Buchdruckerei LH- Tchavkg W.M.bUH< Fernruf: Amt Ring 431 und 4600. Stlmtklche Lahluugen, Postscheckkonto Breslau 37 der gla. LH. Gchahkg w.m.b^ »Erkenne/ nimm es die zu Herzen unbeobachte!" (V. Mose. 4, 39, 40.) Bon Rabbiner Dr. Tirschtigel. Bernburg. Es will «scheinen, als ob manche unserer jüngeren Theologen etwas zu schnell mit ihrer Weltanschauung fertin sind, anstatt sich immer ..strebend zu bemühen", und dämm auch ein ausgeveiftes Verständnis für das Judentum vermissen lassen. Darunter leidet unser liberales Judentum, und es schadet auch unserem Ansehen nach außen hin, wenn von maßgebender Seite vorschnelle oder einseitige Urteile in religiösen Iragen ausgesprochen werden. Irgendwer vemrteilt es plötzlich anfs schärfste, daß das Verstehen, Grübeln, Begreifen bisher eine ausschlaggebende Rolle in unserer Religion gespielt habe, und Mißbilligt demzufolge die Wertschätzung der Religions- Philosophie. Nun. bisher hat man es allerdings immer, und Mar mit vollem Recht, als einen Vorzug des Judentums bezeichnet, daß in ihm die Vemunft zur Geltung komme, ahne, wie in anderen Religionen vielfach, mißachtet zu werden; das; bei uns das Hören. Lernen und Lehren an erster Stelle stehe; daß die erste der dreizehn Wochentags-Benediktionen der Schemone Esre die Bitte um „Vemunft" enthalte. Gilt das alles nicht mehr? Und ist die Religionsphilosophie wirklich so rational, wie man es behauptet? Das läßt sich z. B. von S a a d i a kaum, von Iehuda Halewi aar nicht sagen. nur von der Religionsphilosophie nach Maimonides ganz abzusehen. Und Maimonides selbst? Er hat ja schließlich auch noch anderes geschrieben als den viel bekämpften M 0 r e h N e b u ch i m. Doch es sei nur auf Moreh I, Kapitel 31 und 32 hingewiesen. Vielleicht revidieren viele hernach doch ihr UrtM über die angeblich nur rationalistische Denkart unserer Reliqionsphilosophen. Und nun garCohen! Es ist unglaublich. Me man gerade aüf jüdischer Seite mit diesem bedeutendsten unserer modernen Denker umspringt, wie man ihn mit ainem Satze abgetan zu haben wähnt! Es ist gewiß nicht jüdische Art, sich kritiklos an Autoritäten zu binden. Das Säiwören auf die Worte eines Meisters war bei uns zum Glück niemals üblich. Mer wie seicht ist doch eine Philosophie, die „Gott erkennen" als gleichbedeutend setzt mit dem völlig unklaren Erleben der Seele und darin das Wesen und die Ausgabe des Judentums erblicken will! Wenn man mit solcher Weisheit einen Philosophen wie Cohen als wissenschaftlich unzureichend stigmatisieren will — um die Worte Dr. Kel l ermann s' in Nr. 17 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 28. April zu wiederholen — so erscheint das in der Tat höchst bedauerlich. Cohen soll in seinen Rationalismus geradezu verliebt sein! Ich glaube, wer in Gefühlen schwelgt und nur im Erleben der Seele das .Heit erblickt, von dem könnte man eher sagen, er sei in seine Stimmungen, Eingebungen oder Phantasien verliebt. Aus dem Zusammenhang gerissene Sätze ans Cohens Religion der Vemunft machen es leicht, zu sagen, daß gerade das Umgekehrte richtig sei, daß Cohen den Kern unserer Religion, „i h r E i g e n st e s, ihr Unsterbliches" in das völlige Gegenteil verkehrt habe!!! Hier wird der erste Satz Cohens völlig mißverstanden. Der S a tz enthält nämlich keine ungebührliche Ueberschätzung des Erkennen?, sondern umschreibt nur die bekannte altjüdische Sentenz, „nicht das Lernen, das Studium ist die Hauptsache, sondern das Tim. die religiös-sittliche Uebung". Im übrigen sind die Auslassungen unserer Stürmer teilweise wirklich unverständlich. Was heißt das; die Propheten seien gerade dadurch Genies, daß sie als Genies der Seele dastehen? Und wo bleibt da der Inhalt der prophetischen Reden, ihre Wirkung ans Vernunft. Gefühl und Willen? Wo bleibt die Ethik, wo der reine Monotheismus der Propheten? Ist alles das ein Ergebnis des gefühlsmäßigen Seelen-' erlehnisses? W i s s0 ll e n w i r i m H e r z en gerade den G e i st b e g r ü n d e n? Wie kann man auf dem subiektiven. zufälligen, bei den meisten überhaupt fehlenden Erlebnis der Seele (oder des Herzens) eine Religion, eine Gemeinde ansbauen? Und wenn dies Erleben der Seele mit jüdischen Lehren und Gedanken in Widerspruch gerät: was dann? Auch Paulus hat ja ans dcni Wege nach Damaskus sein ..Seelenerlebnis" Qcljafct _ und ist damit ausdem Judentum hinaus geraten! . So kann es manchen gehen, die das Judentum zu einer bloßen Gefühlsreligion herabdrückcn wollen, :/ DaS Judentum umfaßt den ganzen Menschen, unsere Religion wendet sich in gleicher Weise an Vernunft. I Herz und Willen. „Erkenne, nimm es Dir zu Herzen ' und beobachte!" Will man durchaus eines dieser drei' Momente be sonders betonen, so kann man im Sinne der Bibel, des Talmuds, der Religionsphilosophie, auch Cohens, im Geiste des Gesaintjudentums aller Zeiten, im nur nur den Willen, das Praktische, die Ethik, das religiös-sittliche Tun hervorheben. Selbstverständlich tut dies auch der jüdische Liberalismus (vgl. z. B. Geiger. Vorlesungen über das Judentum, S. 167. sf.). Leider schlagen manche jüngere Theologen, in übertriebenem Streben nach Originalität ihrer Anschauung Irvtvege ein. Wenn Dr. D o g e l st e i n im „Liberalen Judentum" Nr. 7 (in anderem Zusammenhänge) sagt: Die Kritik nehme zuweilen «inen Standpunkt ein, der mit dem Sinn religiös-liberaler Auffassung kaum mehr verträglich zu sein scheine, so kann man diese Worte nur unterschreiben und nachdrücklichst die Lektüre deS Cohen'schon Vortrags „D i e religiösen Bewegungen der Gegenwart" empfehlen. Dort heißt es (S. 16): . . . „So enthüllt sich in dem Erleben ein grundsätzlicher G e g e n s a tz z u m unendlichen Streben der menschlichen Sittlichkeit." Und in dem Buche Cohens „Die Religion der Vernunft" findet sich (S. 485) das Wort: „Wenn dem Glauben ein Erkenntniswort, ein V e r n u n f t a n t e i l aberkannt, und in dieser Aberkennung gerade der Eigenwert der Religion zu begründen versucht wird, so muß der Begriff der Wahrheit hinfällig werden. Denn was wäre Wahrheit ohne das Fundament der wissenschaftlichen Erkenntnis! Dann kann die Wahrheit unraufda s G e f ü h l o d e r gar auf das Erleben gestützt werden, und diese Stützen sind lediglich subjektiver Art. ... Religion muß Wahrheit sein." -** „Erkenne, nimm es Dir zu Herzen und beobachte!" Tüüische Weltorganisation? Bon Joseph Kausfmann, Berlin-Weißensee. In Nr. 28 des „Israelitischen Familienblatts" veröffentlicht Herr Dr. Alfred Nossig einen Artikel: „Iudenheit und Zionismus. Plan einer neuen jüdischen Weltorganisation", dessen Inhalt für das liberale Judentum bedeutsam ist und deshalb von uns mit großer Aufmerksamkeit beachtet werden muß. Ich weiß nicht, ob der Verfasser der zionistischen Organisation angehört, unzweifelhaft steht er aber dem Zionismus, trotz teilweise recht scharfer Beurteilung, mindestens sehr nahe, gehört wohl dem oppositionellen Flügel an. Der Artikel legt klar, daß der Zionismus bei dem heutigen Stande der Dinge die Palästina-Bestrebungen nicht allein weiter vorwärts bringen könne. In pekuniärer Beziehung hätte man das bereits früher eingesehen und deshalb den Keren Hajeffod unter paritätischer (?) Beteiligung mit den neutralen jüdischen Kreisen gebildet: aber auch in politischer Beziehung sei eine analoge Institution notwendig. Es wäre undenkbar, das ganze Palästinawerk ausschließlich in nichtzionistische Hände legen zu müssen. Er verlangt eine Verschmelzung der beiden Gruppen, Zionisten und Nichtzionisten, zu gemeinsamen Werke. Zwei Organe seien erforderlich, das eine für den kolonisatorischen Aufbau der jüdischen Heimstätte und die zu seiner Erleichterung erforderlichen Abmachungen mit Regierungen und Böllern: das andere für die Pflege der dem Heimstättenwerk zugrunde liegenden Leitidee der nationalen Konzentrierung und Wiedergeburt im Lande der Väter. Für diese beiden Zwecke sei die „jüdische Organisation" erforderlich. Der Zionismus müsse, wenn er seine Zwecke erreichen wolle, die Außenpolitik m i n d' e st e n s für die n ä ch st e Zeit völlig in die Hände der neuen Organisation legen, er müsse sich dabei gebührende Vertretung sichern, ohne bei seiner bisherigen Methode, um jeden Preis die Hegemonie zu erlangen, zu verharren. Darüber hinaus verbliebe dem Zionismus noch sein spezifisches Programm: Die Pflege des nationalen Bewußtseins, der Ideen der nationalen Wiedergeburt nnd der nationalen Heimstätte, die nationale Erziehung der Iudenheit, die Unterhaltung des nationalen Schulwesens und die Schaffung einer national-jüdischen Kultur in der Zerstreuung. Es folgen dann Ausführungen über die unerfüllt gebliebenen Hoffnungen auf zionistische Forderungen des Minoritätenschutzes und Ratschläge, wie die ersehnten Ziele in Zukunft angestrebt werden könnten. Es müsse eine jüdische Weltinstitution geschaffen werden, an der die nichtzionistischen Kreise in hervorragender Weise zu beteiligen seien und in der die amerikanische Iudenheit vre leitende Stellung einnehme. Ans diesen Ausführungen geht hervor, daß der Zionismus in pekuniärer und politischer Beziehung ziemlich am Ende seiner Kräfte ist und daß rum von der nicht zionistischen Iudenheit auch in politischer Beziehung in gleicher Weise Vorspann geleistet werden soll, wie es in vcknniärer Beziehung schon durch den Keren .Hajessod geichehen ist. um den verfahrenen Wagen wieder auS dem Sumpf zu ziehen. In der Hoffnung, daß die nichtzioniftisthcn Kreise bessere Erfolge erzielen würden, soll der Ziouismus mindestens für die nächste Zeit bescheiden bei Seite treten. „War' der Gedank' iticht so verwünscht gescheit. Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen." Vom Keren Hastssod haben sich viele Juden blenden lassen, deshalb möge rechtzeitig vor einer neuen Irrung gewarnt werden! Umschau. Nachdem das Mairdat über Palästina ratifiziert worden ist. könnte die traurige Bedeutung des jüngst begangenen 9. Ab in Vergessenheit geraten und seine Nms Wandlung in einen Freudentag beantragt werden. Es wird noch viel Wasser den Jordan hinuntersickern. ehe das geschieht, und wer etwa befürchtet, um einen Fast- oder Tranertag im künftigen jüdischen Kalender bekürzt zu werden, mag sich getröstcn! Es ist die erprobte Eigenart aller jüdischen Feste. daß ihr lebendiger Wert für immer feststeht. Es bleibt selbst bei Epochen wirklicher Freude für die Iudenheit soviel zu beklagen, daß grade dann erst die wahre Not ersichtlich wird. Ist das Mandat Englands Mer Palästina auch vollzogen, so ist es doch noch nicht in Kraft getreten, und wird — woran wir garnicht zweifeln — auch dieses Hindernis beseitigt sein, dann beginnen erst die Schwierig keilen und — es ist zwar kein schönes Wort — die Ünüberwindlichkeiten! Man hat mit Recht im Zionismus die Parole auSgegeben, alle festlichen Bekundungen über diesen Erfolg, besonders in Palästina, wo sie doch verständlich Wären, zu unterlassen. Man weiß warum! Der zündende ftfunfe des unvermeidlichen Nationalitäten kampfes soll niemals von jüdischer Seite erglimmen. Das Pulver der Leidenschaft und der Granaten wird aber nur dann explosionSsicher bleiben und gefahrlos werden, wenn die Zionisten noch enger sich begrenzen, als sie bis heute .zurückgewichen sind, nnd nur das fordern, was auch in den Augen der Gegenpartei für recht erkannt werden inuß. Schafft eins jüdische Schweiz (ohne lächerlichen Beiklang), begründet di!e Vereinigten Staaten Spriens. zeigt, daß grundverschiedene Menschen. Juden. Araber nnd wer sonst noch im heiligen Lande rastet, lediglich durch die Kette des Zwanges gesellt und auf einander angewiesen. Kultur und Gemeinschaft begründen können! Aber haltet Euch fern von dem Bor- Wurf. den wir gegen die Welt erheben müssen, hütet Euch vor Raub und Unterdrückung! In Deutschland bereitet sich jetzt das große Sterben vor. weil seine Feinde nach diesem Rezept uns gliedweiL zerstücken. Die katastrophale Entwertung des Geldes schreitet, bisweilen unterbrochen, aber unaufhaltsam fort, und dabei steht der Winter vor der Tür. Mit schwerstem Schmerz und Grauen sieht der einsichtige Teil der Volksgenossen die verzweifelte Lage, und wenn eines uns besonders wehe tut. so ist es die beschämende Tatsache, daß die Unreife und Selbstsucht politischer Kindsköpfe die Auflösung auf dem Gewissen hat. Erst nach dem letzten Attentat auf das Leben und gegen die Aufrichtung des gebeugten Vaterlandes erkennen die mitschuldigen Parteien. daß sie sich von den Drahtziehern der völkischen Kohorten, von regrrlären Generalen nnd Befehlshabern mit der Tarnkappe haben irreführen lassen. Der Abgeordnete Stresemann rückt endlich und hoffentlich endgültig von Lndendorff ab. und selbst die Deutschnationalen versuchen eine Reinigung der zehnmal kompromittierten Partei. Daß in diesen Kreisen wirklich keine Spur politischen Verständnisses zu finden war, beweisen die üblen und' dummen Anwürfe gegen den Bruchteil der Welt, der uns uoch Sympathien vorschießt, der infernalische Haß gegen das freie und großzügige Amerika nnd die giftige Verhöhnung der für Deutschland so wichtigen Sowjetrepublik/ die man durch die Anpöbelung: ..O Schnaps. Talglicht und du unbezwingliche LGus!" gewiß nicht wirtschaftlich gewinnt. Die uferlosen Expansionsgelüste der Chauvinisten aller Völker — dahin wollen wir uns heute zusammen^ fassen — haben noch nie triumphiert. Mit den Gutgesinnten. Recht und Freiheit Liebenden aller Kreide schließen wir deutschen Inden uns in der Stunde fort Gefahr und angesichts der in ernstester Lage einbehrendett Ii-gendv«reins.«i,zeiae l-tzt-.OM,

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