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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-28 · 30 (28.7.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
30 (28.7.1922)
Date
1922-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWchÄeraleZMim 0tgcm der Bereinigung für das liberale ^ndeutum e. L--Ug«prel< durch öle «SkschüfKstelle -/«jührNch Mk. 13.— tln-elnummer.. 1.30 3für Mt SNttgNeber 5er Vereinigung Ift 5er Stgugejneie lm omtgltebsbeltrage Inbegriffen. Anzeigenprel»: Die 3’,'j cm breite TTUIUmelctjelle Oltf, 3.— afamifienanaelgen 9IM.2.J3. »ei Wiederholung Srmvtzig. Die „Jüdlfch-Nberale Zeitung^ erscheint jeden AreUag und mit zwei monotiichen Beilagen, der wifsenschastNchen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendverelne". Nr. 30 * 28. ÄUli 1922 Nedakllon: Berlin VS, SNauerstr. 2» (Dereinlgung fM du» klderole Judentum e. B.) Fernruf; Amt Äentrum tsa Uteschtlftsstelle u. An-eigenannahmer BreSkuu^ Neue «vronpenstr. 7, Buchdruekerel ^H.Schatzkg <N.m.b.ch., Fernruf: Amt Ring 431 und 4800. SttPtNche Lahlmige«. poftfcheeNonto Breslau 37 der Fa. Lg. Schatzkg M.m.b.ch. Monistischer Liberalismus? Bon Rabbiner Dr. Jacob, Dortmund. Eine seltsame Erscheinung im Heutigen deutschen Judetttume ist der neuerdings auskommende Monistische Ai'bevalisrnus. Zu dem Wiederaufbau Palästinas, den die politischen Zionisten jetzt endlich ernsthaft in Angriff nehmen wollen, glauben auch Wortführer des liberalen Judentums ihre Gesinnungsgenossen aufrufen *11 sollen. Da sich die Juden aller Länder daran beteiligen, so dürfe das deutsche Judentum nicht beiseite stehen, wenn es nicht seinen Einslutz ans das Gesamtjudentum verlieren wolle. Sodann verspricht man sich davon eine Stärkung des liberalen Judentums. Dieses habe in der Diaspora keine Autorität und Lebenskraft. Es werde sie erlangen durch ein neues jüdisches Palästina. Hier wird nur ein aus der Starrheit des orthodoxen Judentums erlöstes liberales Judentum bestehen können. Denn das Judentum des neuen Palästina ist nur denkbar als ein mit der modernen Kultur und Zivilisation in Einklang stehendes, das über einengende und denr modernen Menschen unerträgliche Satzungen zur Tagesordnung übergeht.^ Dann aV>- wird es als Judentum im Mutterlandc als eine unanfechtbare Rechtfertigung des verwandten im Auslande zu gelten haben. Diese Begründungen befinden sich ans verhängnisvollen Irrwegen, vor denen nicht genug gewarnt werden kann. Ter Wunsch, auch dabei zu sein, wäre immerhin zu -begreifen, obzwar auch dann nicht ohne weiteres zu billigen, wenn das Indent,tm eine politische Größe wäre. D a s a b e r i st c s n i ch t u n d soll e s nicht sein. Es ist ausschließlich eine geistige Macht, und der Einfluß des deutschen Judentums. den die Geschichte einst verzeichnen wird, hängt nicht davon ab, wieviel Mitglieder irach Maßgabe der gelieferten Geldbeiträge im Aufsichtsrat für -die Verwaltung von Palästina sitzen werden, sondern den geistigen Werten, die cs schafft. Im neunzehnten Jahrhttffdert spielte das deutsche Judentum in der politischen Leitung der Gesamijudenheit keine irgendwie nennenswerte Rolle. Diese hatten vielmehr die Philantropen Englands und Frankreichs, ein Moses Montefiove. ein Adolf Cremieux. und die von Paris aus geleitete Alliance Jsraelite Universelle. Und doch hatte das deutsche Judentum unbestritten die Führung des Judentums in der ganzen Welt, wahrend das französische und englische dafür bedeutungslos waren. Weil Deutschland die Heimat der neuerstandenen jüdischen Wissenschaft, einer neuen Auffassung und Darstellung der Geschichte und Lehre des Judentums und einer darauf gegründeten Neugestaltung des jüdischen Kultus und Unterrichts war. In allen religiösen Kämpfen. Parteiungen und Reformen war das deutsche Judentum der Fahnenträger und lieferte für alle anderen Länder die Stichwörter. Idee n und I 0 r men. Solches aber kam davon, daß dieses deutsche Judentum in deutscher Lust vuswuchs und mia deutschem Geist genährt war. der seinerseits besonders in den Geistes- und Geschichtswissenschaften die unbedingte Führung in der Welt hatte. Die Znnz. Geiger. Frankel. Hirsch ufw. waren die Jünger eines Kant, Fichte. Schelling. Hegel, der Böckh, Grimm, Niebnhr, SavignY und -der ganzen Schar glänzender Geister, die für alle Zeiten Deutschlands Ruhm sein werden, den kein Oberster Rat konstszieren kann. Das deutsche Volk wollte freilich auch eine politische Macht sein und -hatte ein Recht daraus. Aber die Triumphe des Judentums können nur auf geistigem Gebiete siegen. Daher wird die Ju-denheit des Landes die Führung haben, das hierin vorangeht, und ein einziger grotzer Mann, der dem Judentum neue Wege weist, wird mehr wiegen als sämtliche Milliardäre Amerikas. Solche Männer hervorzubringen und ihnen durch ein reiches und kraftvolles geistiges und religiöses Leben den Boden zu bereiten und durch je gliche Förderung die Wege zu ebnen, trachte das deutsche Judentum, dann wird es der wahre H 0 h e R a t des Weltjudcntums sein. Und cs wird nichts bedeuten, sollte es auch die meisten Sitze im Palästinorat innehaben, wenn es religiös weiter stagniert, seinen Lebensinhalt in Verwaltung, Organisation und Betrieb sieht, in kümmerlichen Mittclmätzigkeiten mrd weniger seine geistigen und geistlichen Führer findet und sie zu Funktionären und Beamten degradiert. Und mag Deutschland posisisch zusammengebrochcn sein, sein Geist, der einst die Welt führte, ist noch nicht tot, und darum auch das deutsche Judentum noch nickt verurteilt, abzudanken, tvenn es nicht will. Was aber mm gar die Hoffnungen des liberalen Judentums auf Palästina betrifft, so satzt man sich an den Kopf, wenn man dergleichen hört. Dieses liberale Judentum ist nämlich ganz Wesentlich entstanden als Oppos i t i 0 n gegen die Gebundenheit des Indem ums an Palästina. Es wollte Ernst machen nrit der veschichisichen Entwickelung, die Israel von dmcm Lande gelöst hatte, mit der Einbürgerung in das Vaterland. das eine neue Zeit ihm gegeben hatte, während Palästina höchstens noch eine verblaßte pietätvolle Erinnerung bilden sollte. Und entschlosscn zog man die Konsequenzen für das religiöse Leben. Alle Gebete um Wiederherstellung des Tempels, des Opferdicnftcs, eines jüdischen Reiches, einer Znrückführung in das heilige Land, wurden gestrichen und aller solcher Hoffnung und Sehnsucht warb feierlich entsagt. Und setzt soll sich das liberale Judentum wieder dazu bekennen? So wäre also die vielgerühmte „Entwickelung" nur eine Bewegung im Kreise. Aber, sagt man, das neue Palästina wird eben ein anderes sein, ein Zentrum des liberalen Judentums. Man wird sich gründlich täuschen. Glaubt man etwa, datz selbst wenn ein Synhedrion in Jerusalem beschlietzen würde, es.sei von jetzt an erlaubt. Schweinefleisch zu essen, am Sabbat zu arbeiten, zrr handeln, zu fahren, zu rauchen oder am Jom Kippur zu essen (und darin -besteht ja doch wohl praktisch der „Liberalismus" mancher Juden), dies für irgend jemand eine Autorität besätze? Der radikale oder indifferente Libertinismus (denn das, nicht Freisinn i st e r) bedar-f ihrer längst nicht mehr, rnrd die Orthodoxie würde sie selbstverständlich nicht anerkennen. Denn dies wiederaufgebaute Palästina wäre kein ganz neuer Anfang, sondern eine Fortsetzung. Man vergißt, datz das Judentum ein kanonisches heiliges Buch, ein Gesetz besitzt, das für göttlich offenbart und für alle Zeiten nnanfhebbar gilt. Nun sagt man: Damit wird sich eine gänzlich geänderte Zeit schon absurden. In gern i s s e m Umfange glaube ich das auch. Bei cindringendem Studium des jüdischen Gesetzes und seiner Geschichte mutz man immer von neuem über seine Bildsamkeit und Wandlungsfähigkeit erstaunen. Es ist ganz verkehrt, von seiner „Starrheit" zu reden. Die Gefahr eines geschriebenen Gesetzes fand ihr Korrektiv in dem. Begriff de? fließenden „m ü n blichen Gesetze s", eine geniale, wenn auch im Namen nicht rein jüdische Konzeption. Aber die umdeutende Auslegung hat doch ibre Grenzen, die sich niemals über das moderne liberale Judentum erstrecken würden. Es würden sich dieselben religiösen Kämpfe abfpielen, dieselben Gegensätze und Parteien entstehen, die wir in allen andern Ländern haben. Genau so ist es zu. allen Zeiten gewesen und während des zweiten Tempels war das Land eine wahre Musterkarte aller erdenklichen religiösen Schattierungen. Es gab Schammaiten und Hilleliten, Pharisäer, Sadduzäer und Essäer, Hellenisten und gänzlich Ungläubige, und schließlich entstand auf demselben Boden, zu dessen erneuernder und erhaltender Kraft ftir das Judentum man eine so unbegrenzte Zuversicht hat, sogar eine neue Religion, die nicht nur dem Gesetz und Messias, sondern selbst dem Einzigen Gotte Israels kündigte und die bitterste Feindin des Judentums würde. Ich habe dem Zionismus von Anfang an Recht gegeben in der negativen Kritik des modernen Judentums und seiner inneren Zerrissenheit. Was ich an ihm ausznsetzen hatte, war mrr ein Wort, nämlich sein Name. Unter einem Zionismus, der nicht schon in seinem Nanren sich selbst Lügen strafen will, kann ich nur eine Bestrebung verstehen, in deren Mittelpunkt Zion steht. Der Zion war der heilige Berg, auf dem der Tempel stand, ein Brennpunkt des Landes und Volkes Israel. Das Ziel eines wahren Zionismus mutz also der Wiederaufbau des Tempels aus dem Zion sein, um den sich das heimgekehrtc Volk Israel unter einem eigenen .Herrscher aus Davids Geschlecht, frei von jeder svenwen Herrschaft und Bevormundung schart, um nach dem alten Thoraqesetz zu leben. Dies ganz allein ist die Hoffnung des traditionellen Judentums seit zweitausend Jahren des Golus gewesen, dies der Zionismus, der in seinen Gebeten zum Ausdruck kommt. Wie könnte ich einen Zionismus anerkennen, deffen Triebfeder reine Politik war, der Religion als Privatsache erklärte, und an deffen Spitze „Atheisten" standen? Als daS Volk Israel zum ersten Male in das Land einziehen sollte, da lautete das erste Gesetz, daß es vor allen Dingen jegliche Spur eines fremden Kultus ausrotten solle, und jetzt sollen wir ein Palästina bekommen. in deffen Mitte hochragend das Kreuz, eine Moschee und das Grab des Erlösers stehen wird, und gerade das Judentum soll verfassungsmäßig zum Hüter dieser fremden Heiligtümer bestellt sein! Was ist also religiös genomnren fiir ein Unterschied zwischen Jerusalem und Nowyork. London oder Berlin? Ein liberales Judentum, das in klaren Ideen w urzelt, darf sich Weder von einer reaktionären Romantik gefangen nehmen lasser:, die unwiderruflich vergangene Zustände wieder ins Leben rufen will, ein Unternehmen, das stets mit Mißerfolg endigt, noch von einem mystischen Materialismus, als Kenn dem Boden und der Lus Palästinas eine mechanisch wirkende magische Kraft inncwöhnie. Ein jüdisches Palästina wird immer historische Ruinen zu konservieren und den Museums- Wärter darznstellen haben. Seine, Förderung durch den Liberalismus könnte insofern ein kluger Schachzug sein, als es der Orthodoxie Gelegenheit gäbe, sich zu bewähren und aller Welt klar zri machen, in welchem Umfange die vollständige Durchführung des Thoragesetzes eine Utopie ist (und sehr wahrscheinlich immer gewesen ist). Ihre Experimeirte und Verlegenheiten werden eine Fülle von Problemen überhaupt erst zum Bewußtsein bringen und' auf das ganze Judentum anfrüttelnd und klärend wirken. Aber eine solche Politik wäre unnötig, da die Orthodoxie einer Aufmunterung nicht bedarf, und unwürdig, weil aus dem Gebiete der Religion Siege nicht durch Schachzüge gewonnen sein wollen. Der Liberalismus wird doch nicht dem Verdacht Vorschub leisten wollen, datz sein Eintreten ftir Palästina ein Akt der Verzweiflung sei, indem er an seiner eigenen Lebenskraft in der Diaspora verzweifelnd, nach diesem letzten Rettungsanker greift, oder datz er sich nur nicht ein zugkräftiges Schlagwort entgehen laffen wolle, von dem man sich besonders die Gefolgschaft der Jugend versprechen dürfe. Es ist gerade die Ansgabe der Refferen. die Jugend' vor verkehrten Schlagworten zu warnen und wenn sie keine Ideale hat. ihr echte und nicht falsche zu geben. Möge sie z. B. das Judentum erst einmal kennen lernen durch begeisterte Hingabe an ein tätiges, religiöses Pflichtenlebcn und durch gründliches Studium unserer Schriftwerke im Urtext, also durch „Lernen", da ohne das alles Reden über das Judentum nur leeres Geschwätz ist. Vielleicht spricht bei einzelnen, die sich dem jüdischvölkischen Nationalisnms in die Arnre werfen, auch noch die Verzweiflung am deutschen Volke und seiner Zukunft mit. Sicherlich hat es erbärmliche Seiten gezeigt, und seine Zukunft ist über alle Matzen düster. Aber es ist unser Vaterland, und wir sind Kinder seine- G e i st e s. Wer es darin nicht aushält, mag es verlassen, aber wer darin bleibt, darf ihm nicht entgegenarbeiten! Es bliebe also fiir die Beteiligung am Wiederaufbau Palästinas nur noch der humanitäre Gesichtspunkt. Darüber ist hier nicht zu reden, nur das eine mag gesagt sein, datz, so wirksam wt Parole für das jüdische Herz ist und so gerne man ihr zu allen anderen Zeiten folgen möchte, für die deutschen Juden kein Zeitpunkt übler gewählt werden konnte, a 1 s j e tzt, d a n äher 1 iegende Not nach Hilfe schreit. der Lehreeverbanöstag un» Sie Volksschule. Don H. Fallende rg. Berlin. „Der 7. Lehrer-Berbandstag steht auf dem Boden der Gemeinschaftsschule, in der ohne Rücksicht a n f d a s Bekeuntnisn nd nritgleichcnRechtenundPflichtenSchüler aller Bekenntnisse unterrichtet und Lehrer aller Bekenntnisse angestellt w erde n. Die gegenwärtigen Schulen in Preußen nnd Bayern, auch die sogenannten Simnltanschulen, tragen den Charakter christ 1 icher Schulen. S0lange d i e Gemeinschaftsschule in unserem S^nne nicht verwirklichtist,treten Wirf ürdieEr Haltung d e r be st eh ende n . nnd w o es möglich ist. für die Errichtung neuer jüdischer Volksschulen ein. Träger der Schn 11asten ist Staat oder K' 0 m m u n e." Sin weit ausladender Bortrag*) von Golds ch m 7 d t, Dortmund, der die Idee der Geyreinschastsschule verficht, ein temperamentvolles Gegenreferat von Dingfelder, München, der die Notwendigkeit d« j irdischen Schule in der Gegenwart betont, hatten in di« wichtige Materie eingeführt. Ueber eines zwar ist man, von verhältnismäßig wenigen Ausnahmen abgesehen, ziemlich einig: daß als Ideal der Schule auch für bte jüdischen Lehrer nur die Gemeinschaftsschule gelten kann. AllerLingS nicht bk bloß „soziale" Gemeinschaftsschule, die Wohl jedem Kinde offensteht, die aber auf dem Umwege über das „nationale Bildungsgut" zur christlichen Bekemrtnisschnle wird, sondern die Gemeinschaftsschule, in d'er der *) Auf dem Berliner Verbandstage am 7. Juni; btf. die v»sjährlichen Berichte in den Nummern 2t und 25 der .jüdisch-liberale^ Zeitung". Die SchristleitlMg. AugendvereinS-Anzeige ir letzte Sette»

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