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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-21 · 29 (21.7.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
29 (21.7.1922)
Date
1922-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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©tgati der Vereiutgnug für das liberale Judentum e. V Bszugsprels durch die SestvastsfteNe V«!«k>rliq> Mk. m.— chin-elnummer. „ 1.50 Qftfr di» ntiiglMtr der Bereinigung ist der Bezugspreis im MiigNedSbeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die S»/. cm beeile MiMmeierzelle Ottt 3.» »«■*“!• ^wu vu»g wi unv «gw. ^uiimnu* «.uv«»»»».., glmniNenonzeigen 3W.2.25. Bei Wiederholung «rmtlhig. yif. 29 21. «ollll 1922 Postscheckkonto Breslau 37 der Fa. LH. Schatzkg Die „Illdisch-ttberale Zeitung^ erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der ioissenschastNchen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-Nberaler Zugendvereine". Be daN ton: Berlin VS, SNauerstr. 22 (Berelnipung fOt bas stberale Sntmtum e. D.) Fernruf: Amt Äenteum 7s> SeschtlftSstelle u. Anzeigenannahme: BreSlUnU» Beue «vroupenftr.7, Buchbruekerei rkh.Gchahkg ch.m.b.chn Der heutigen Ausgabe liegt Ar. 7 der „Ili-Mitteilungen" bei. Was bleibt ms Juden von Walther Rathenau? Don Hermann Becker, Berlin. I. „Walther Rathenau ist als einer der besten Deutschen für sein Vaterland gestorben", so hieß es in allen Organen der politischen Parteien — bis auf diejenigen der deutschnationalen Partei und ihres deutsch-völkischen Anhanges. Diese Worte tönten wieder in allen Gedächtnisreden von derjenigen des Reichspräsidenten an der Bahre des Hingemordeten im deutschen Reichstage bis zu derjenigen des schlichten Arbeiterführers im einfachen Vereinslokal in Berlin O. — Ihm, dem besten Deutschen, galten die Trauerumzüge, an welchen sich alle republikanischen Parteien beteiligten, die gleich den Gliedern einer Familie, erschüttert von dem Dahinscheiden eines der Ihrigen, auf viele Stunden ihre Berufsarbeit unterbrachen. Doch so erhebend auch diese Gedächtnisfeiern eines der Unsrigen gewesen sind — eine tiefe Wehmut muß unsere Herzen erfüllen, wenn wir in allen diesen Kundgebungen immer wieder hören und lesen: „Rathenau ist trotz seines Judentums einer der besten Deutschen gewesen" statt „Rathenau war ein guter Deutscher, weil er ein guter Jude war". Oder: „Rathenau ist von Mörderhand gefallen, »veil jene vertierte haßerfüllte Partei ihm als einen der hervorragendsten Juden den Tod geschworen hatte". Das sind die Aeußerungen, die uns trotz der höchsten Ehrungen die jemals einem Juden in Deutschland zuteil geworden sind, mit tiefer Wehmut erfüllen müssen. Wenn aber alle Parteien, ob auch in bester Absicht, Bekenntnis und Staatsgefühl, Religion und Ethik, Liebe zur Menschheit und Liebe zum Vaterland als Gegensätze gewissermaßen als Zweiseelentheorie in der geistigen Verfassung eines Juden, bezeichnen, so liegt uns Juden die heilige Pflicht ob, diese, wie bereits bemerkt, wenn auch wohlmeinende einseitige Einstellung durch die Tat und durch das Wort, vor allem durch das Bibelwort, wo irgend die Gelegenheit sich dazu bietet, zu widerlegen. In diesem Sinne ist eine kurze Erörterung der Frage: „Was bleibt uns Juden von Walther Rathenau?" wohl berechtigt. Und wenn diese Erörterung, die »vir hier nur anregen und keineswegs erschöpfen wollen, aber nicht k ö n n e n, »veil dies im Rahmen eines kurzen Zeitungsartikels ganz unmöglich ist, in unseren Reihen immer wieder stattfindet, dann hat der Glaubensmärtyrer Walther Rathenau m Wahrheit nicht nur für das Deutschtum, sondern auch für das Judentuur sein Leben geopfert. Ihm, seinem Gedenken, werden wir Juden in den Tafeln der Geschichte unserer Glaubensgemeinschaft neben den großen Märtyrern des Mittelalters einen hervorragenden Platz einräumen müssen, und unsere jüdische Jugend wird aus dieser jüdischen Geschichte Begeisterung für ihren Bäterglauben, Treue zum Vaterlande, Liebe zur Menschheit schöpfen, vor allem aber auch Gerechtigkeitsgefühl und Selbftbewußtsein gewinnen. — II. Walther Rathenau war weder sogenannter glaubenstreuer, noch Nätionaljude, er »var auch nicht einmal liberal in dem landesüblichen Sinne, d. i. der Liberalismus, der sich in der Abschaffung veralteter religiöser Gebräuche, in der Verkürzung der hebräischen und der Einführung weniger deutschen Gebete erschöpft, sonst aber noch immer, wenn auch vielleicht unbewußt, noch fest von den Fesseln der alten Orthodoxie umschnürt ist. Er war ein Jude im Sinne eines Jesaias, der die Zeit kündet, „da wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen, es werden die Völker dahin strömen und an diesem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name wird sein der Einzige". Er war ein Jude im Sinne der alten Weisen, die da lehrten: „Die Frommen aller Nationen haben Anteil am ewigen Leben". Er war endlich ein Jude im Sinne des weisen Nathan; der seinen Richter sprechen läßt: „Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von Euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen! Komme dieser Straft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit iimigster Ergebenheit in Gott zu Hüls'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euern Kindeskindern äußern: So lad' ich über tausend tausend Jahre siewiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weis'rer Mann ans diesem Stuhle sitzen als ich und sprechen." — Nn solcher Jude war Rathenau, „ein echter Priester der Humanität" nach Herder, in diesem Sinne faßte er das Ziel und die Bestimmung eines jeden Menschen, nicht nur eines jeden Juden auf. Und wenn er auch ein hervorragender, in weiten Kreisen anerkannter Schriftsteller war, so begnügte er sich doch nicht mit diesem Ruhme, sondern er diente auch seinem Vaterlande „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen". So erfüllte er wiederum die Mahnung unserer alten Weisen: „Nicht die Forschung ist die Hauptsache, sondern die befreiende Tat!" — So ist sein leuchtendes Vorbild, sein Gesamtcharakter das erste und wichtigste, was uns Juden von Walther Rathenau bleibt. ID. Doch auch die stete Erinnerung an die Einzelheiten dieses Charakterbildes, an die Tugenden, die uns Juden der Gegenwart bisweilen verloren gegangen zu sein scheinen, müssen und sollen uns unvergeßlich sein. — Furchtlos ließ er die schlimmsten Drohbriefe der politischen Gegner, die schmählichsten Anwürfe der deutschvölkischen Hetzer an sich abprallen, niemals würdigte er sie einer Erwiderung, das übernahmen sein erster Vorgesetzter, der Reichskanzler und die hervorragendsten nichtjüdischen Parteiführer. Er selbst aber »vollte diesen Verleumdungen und Beschimpfungen nicht durch.Worte, Borträge, Kampf- und Flugschriften, auch nicht durch den Strafrichter entgegentreten, sondern durch seine vorbildliche Tat, nichtdurchdie Lehre, sondern durch das Leben. — Bescheiden und ängstlich vermied er es, seinen Namen und seine, selbst von dem Feindbunde anerkannten, großen Verdienste bei den diplomatischen und wirtschaftlichen Unterhandlungen zu nennen oder auch nur nennen zu lassen, stets hob er nur das Verdienst seiner Mitarbeiter und auch der Unterhändler aus dem Feindbunde hervor. So kam es, daß man infolge seiner großen Bescheidenheit, obwohl nur wenige Jahre darüber verstrichen sind, sich erst jetzt nach seinem Tode seiner ungeheuren Verdienste als Schöpfer der Zwangswirtschaft während des Krieges erinnerte, jener genialen Organisation, die uns die Leiden während der vier harten Kriegsjahre notdürftig ertragen half. — Treu seinem Vaterlande, wenn auch erst nach wiederholtem Drängen, weil er sich, wiederum in seiner großen Bescheidenheit, nicht für fähig genug hielt, folgte er dem Rufe des Reichskabinetts, zuerst als Wiederaufbauminister und dann als Minister des Auswärtigen. Er gab seine glänzende Stellung als Leiter einer der größten, nicht nur deutschen, sondern weltumspannenden Jndustriegesellschaft auf, er opferte seine persönliche Unabhängigkeit, seine seelische Ruhe, um dem Rufe des Vaterlandes zu folgen, ihm in Treue in der schwersten Not, die es jemals erfahren hat, nach Kräften beizustehen. Er suchte nicht, wie unsere jüdisch-völkischen Genossen, „das Land der Griechen mit der Seele", sondern hier war sein Vaterland, hier war feine Volksgemeinschaft, hier galt es vor allem zu helfen und die Not zu lindern. Nicht im fernen Erdteile wollte er seinen Glaubensgenossen, sondern im eigenen Vaterlande ein wohnliches Heim, eine öffentlich-rechtliche Wohnstätte bereiten. So war ernichtnurtreuseinemBaterlande, sondern auch treu seinem Glauben. So verstand er die Berufung Israels, die er schon vor Jahren in seiner Schrift „Höre, Israel" untersucht hatte. Nicht die Wiederaufrichtung der alten, ewig verlorenen Herrlichkeit, sondern die von den großen Propheten gelehrte und immer wieder geforderte Aufgabe Israels als Lehrer der Menschheit in Lehre und Leben suchte er zu fördern und zu erfüllen. So war sein ganzes Leben, wie unsere Weisen sagen, ein wahrer Kiddusch haschem, eineIHeiligung des göttlichen Namens. „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, ihr werdet nimmer seines Gleichen sehn." — Das ist es, was uns Juden von Walther Rathenau bleibt: Sein vorbildlicher Charakter, seine Furchtlosigkeit, seine Bescheidenheit, seine Treue zum Vaterlande und seine Treue zum Glauben der Väter. An dem Grabe dieses hingemordeten jüdischen Märtyrers wollen wir geloben, ihm nachzueifern, niemals seiner zu vergessen, des Mannes, der ein guter Deutscher und ein Priester der Humanität war, nicht trotzdem er ein guter Jude, sondern weil er ein guter Jude gewesen ist. — Kultur und Motion im Judentum und doo Wesen des „Liberalen Judentums". Bon Dr. I. Gold >' chrnii> t. Offenbach a. M. Höre. Israel! Du warft Kultur. Dir bist Z i> v i> I : sa t i o n geworden. Du mußt wieder Kult u r werden. Jfvaet! Deine geschichtliche Sendung ist die höchste Ausgabe der K n l t u r! Der Kanrpf der Barbarei in der Natur des Mettschenberzerrs. die Verkündigung und Herbeiführung des von den Propheten erschauten „Messianischen Reiches", die Verbrüderung der Menschen als das Ziel der Geschichte. Als du die Bühne der Geschichte betratest waren die Menschen, wie in ihren zahllosen Göttern, so in ihrer inneren Zusammengehörigkeit trostlos zerrissen. In der Einheit Gottes sollst dir die Einheit dar Menschheit verankern und verbürgen. Das war deine Kultur- Aufgabe. Bon der Höhe dieser Kultur- Aufgabe bist du, durch die Tragik deiner Geschichte, in die breite Ebene der Zivilisation hinabgestiegen. Du mußt zur verlassenen Höhe deiner Kultur- Aufgabe wieder emporstreben. / Kultur ist Kampf gegen die Natur, im Raume wie hu Menschenherzen. Zivilisation ist Erhaltung. Sicherstellung, Organisation des nach und nach über die Natur errungenen Sieges. Der Prometheische Kampf um das Feuer war Kultur. Oefen und' Schornsteine sind Zivilisation. Jenner. Koch. Ehrlich find Killturheroen. Serum-Fabriken sind Zivilisation. Alle Kultur mündet in Zivilisation, wie die Jugend ins Alter. Darum predigt Spengler den ..Untergang des Abendlandes". Er irrt. J»n Individuum folgt auf das Alter der Tod. in sozialen Organismen sirtd unbegrenzte Möglichkeiten der Verjüngung gegeben. Die Kultur altert in der Zivilisation, aber die Zivilisation kann ewig neue jugendliche Kulturen erzeugen. Nur eine Kultur altert nie und bleibt ewig neu: der Kampf gegen die Natrtr in der Menschenbrust. Dieser Kulturkarnpf führt nie zur Zivilisation, denn dieser Kampf führt nie zum Siege, der Barbar imt Menschen ist nie endgültig zu überwinden, der Sieger kann nie auf seinen Lorbeeren ausruhen, der Barbar im Menschen ist unsterblich. er wird ans der höchsten Kultirrstufe iir jedem Augenblicke und mit jedenr neugeborenen Kind^ neu geboren. Me Prometheus den Menschen das Feuer gebracht hat. kann das Feuer den Menschen nicht wieder verloren gehen. Wenn ein Herz in Brüderlichkeit auflodert. kann es im nächsten Augenblick nicht in Haß erstarren. Die Verbrüderung der Menschheit ist ein ewiger Kampf, sie ist ewig ein Werdendes, ein unfertiges, eine ewige Kultur-Aufgabe. Institutionen t»er Zivilisation: Familie, Kirche, Staat, Gesellschaft, Schule, Vereine, können diese Kultur- Ausgabe fördern, aber nie ablösen. in dieser Kultur-Aufgabe muß der Mensch ewig ein Kämpfe r sein. Diese ewige Kultur-Aufgabe ist die uralte geschichtliche Sendung des Judentums: das Messianische Reich der Propheten Israels. Neben dieser nie alternden Kultur- Aufgabe hat Israel natürlich aiich^Pflichten der Zi-vilisation: die Orgauisatione»: seines Selbsterhaltungstriebes als Religionsgemeinschaft. Solche Pflichten der Zivilisation waren im Altertum: Staat und Tempel und sind' auch jetzt noch das religiöse Leben nach den Formen des „Gesetzes", das Leben der Gemeinde, der Gottesdienst, die Schule, das Vereinswesen: das ist Zivilisation.^ nicht Kultur. Das ist Mittel, nicht Zweck, das ist Säule, nicht Turn:, das ist Organisation, nicht organischer Schaffensdrang. das alles könnte Träger der alten Kulturaufgabe des Judentums werden, aber wie es ist, ist es Zivilisation. Zivilisation. das lehrt Spengler, ist Alter, und Alter führt zum „Untergang", wenn nicht, wie wir glauben. die geistigen Organismen des sozialen Lebens und die in ihnen unerschöpflich schlummernden Kräfte der Kultur in ewiger Verjüngung den Tod überwinden. In jeder Zivilisation gilt es, diese schlummernde Kraft der Kultur zu Wecken und wirksam zu machen. Höre Israel! Deine Kultur-Aufgabe ist der Prirstevdienst imt Tempel der Liebe, der Kampf gegen natürlichen „Krieg Aller gegen Alle". Dieser „Krieg Aller gegen Alle" ist unsterblich, darum ist auch deine Kultur-Aufgabe unsMbKch. Aber die Barbarei hat dir das Leben in deiner Kulturaufgabe erschwert. Di: mußtest deine Existenz sichern, dir mußtest dich verbarrikadieren, du mußtest einen „Zaum tun den Zaun" machen, du nmßtest seit vielen Jahrhunderten in das Exil der Zivilisation dich zurückziehen, du mußtest daS „Ausgießen des heiligen Geistes" deiner lebendigen Kultur- Aufgabe der unberechenbaren Emanation deines toten, wenn auch heiligen Schrifttums überlassen. Du selbst mußtest in den Hintergrund treten und das ..Gesetz" in den Vordergrund stellen. Wer wollte die Unzahl der lebendigen Kräfte überschauen, die das „Gesetz" in der Wüstenwanderi»ng des Mittelalters, wie im „Miriam- Brunnen" in dir frisch und kräftig erhalten hat! Ader du kamst ans der „Zivilisation" nicht heraus, du AKW in der „Zivilisation" stecke::, und in der „Zivilisation" steckst dt: heute noch. All dein Streben gilt der Abwehr nach außen. der Selbstevhaltung nach innen. Und Spengler lehrt: - Zivilisation ' ist „Untergang". Ho« Israeli „Stärker als der Tod ist die Ä' und die LitzSe ir kfcfe Mfe

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