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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-14 · 28 (14.7.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
28 (14.7.1922)
Date
1922-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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0rgati der T)ereinrgung für das liberale Judentum e. V. »»-uv^preldurch dir chrschSst-sirNr »/«itthrNch 0M.1S.- gta)dnummn. „ l.ao flftlr die SMIgNeder Ort Bereinigung ist der 2Sezug«prete im SkiigNedSbeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis. Die s»/,«n breite SMMmeter»eile 9RI.3.- gsamiNenonzeigen 3Rf. 1.JO. «et Wiederholung Srmützig. Die „IUblfch-Nberale Leitung^ erscheint Zeven Freitag und mit zwei monat- Nchen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Zlidtsch-Nberaler Iugenbvereine". Rr. 28 ♦ 14. Juli 1922 «edariion: Berlin W8, Oltauerftr. 22 (Bereinigung fttt da« liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum 169 «eschtiftSsteile u. Anzeigenannahme: »reSiau^ Neue «vraupenstr. 7. Buchbruekerel LH. Gchatzkg M.m.b.H., Fernruf: Amt Bing 4M und 4600. Sämtliche Zahlungen, Doftscherkkonto Breslau 57 der Ja. DH. Gchatzkg «v.m.b.ch. Achtung! Richtlinien! Bon Joseph Kau ff mann. Berlin-Weißensee. Genau zehn Jahre nach der Feststellung unserer lEeralen Richtlinien hat die Bereinigung der träditionellqesetzestreueu Rabbiner Deutschlands am 6. und 7. Juni dieses Jahres ebenfalls Thesen, zu deutsch Richtlittie»», ausgestellt. Damals hat die Orthodoxie unsere Richtlinien nicht nur sachlich bekämpft, sondern auch ihre IlrhÄier nicht gerade in zarter Wei-se angegriffen. Als liberale Juden sind wir weit davon entfernt, Ansichten anderer Richtungen, wenn sie auch unseren Anschauungen diametral entgegengesetzt sind, zu bekämpfen. geschweige denn, uns aus das persönliche Gebiet zu begeben. Wir nennen uns ja liberal, iveil wir auch den Standpunkt Andersdenkender achten und für sic als berechtigt anerkennen. Es ist aber keine Frage, das; wir berechtigt sind, zu solchen Richtlinien entschiedene Stellung zu nehnren, sofern und soweit unsere Interessen durch sie berührt werden. Wir stehen in Berlin vor den Rcprösentatttemvahlett, die im Spätherbst d. I. stattfiudcn werden. Wenn wir auch hoffen dürfen, das; sie nach unseren Wünschen allsfallen »verden, und die so lange behauptete liberale Mehrheit in Vorstand und Repräsentanz erhalten bleiben wird, so müsseil wir doch mit der Möglichkeit rechneir, das; das Gegenteil eiutreten könnte, schon, um den bevorstehenden Wahlkantpf mit aller- Kraft rmd vollem Ernst aufnehmen lind durchführen zu können, um die viele»» Lauen und Gleichgültigen auszurütteln. Da konnnen nun die „gesetzestreuen" Richtlinien gerade zur rechten Zeit und zeigen uns, wohin wir sterlern würden, wenn das Blatt einmal Umschlagen sollte lind die Leitung unserer Gemeinde in die Hände der Orthodoxie fallen würde. Nach einem Referat des Herrn Rabbiners Dr. Klein: „Die geistigen Aufgaben 'der deutschen Iudercheit hinsiWlich der allgemeinen Hebung jüdischen Wissens" wurden fiMMe Mesen'von hex Versammlung angenomtnen: '' 1. Unter der Hebung »üdischen Wissens ist in erster Linie die Hebung des eigentlichen „Lernens" zu verstehen. 2. Tic schulentlassene Jugend muh möglichst vor (fintritt in das akademische oder Gcschciftslebcn in Ieschilvaus*) lernen. Aufgabe der deutschen Iudenheit ist es. in Deutschland selbst Feschiwaus zu erhalten. 3. Das Lehren und Predigen auf den Kanzeln und sonst überall must auch darauf gerichtet werden, dast die mündliche Lehre in den Vordergrund gerückt ist und die Notwendigkeit des Lernens allmählich in weiten Kreisen anerkamn ist. 4. Geeignete Mittel zur.Hebung des Lernens sind austerdem: Heranziehung östlicher Lamdouim**) und Anstellung von Lchaz-mazz***), soweit möglich. Wenn einmal, was der Himmel verhüten möge, unsere Gemeinde, oder auch andere, nicht rein orthodoxe, nach solchen Grundsätzen geleitet werden sollten, so würden wir zu Zuständen kommen, die gar nicht auszudenkeu sind.. Es erübrigt sich, zu diesen vier Forderungen weitere Ausführungen zu machen, sie sprechen eine so deutliche, unverblümte Sprache, dast jeder, der sie aufmerksam liest, vollkornnren ihre Bedeutung oder vielmehr ihre Gefahr für die deutsche Iudenheit erkennen must, trenn er die Möglichkeit ins Auge fastt, dast es einmal zu ihrer Verwirklichung in der deutschen Iudenheit — denn von solcher ist ausdrücklich die Rede, nicht von „gesctzestrcner" Iudenheit — kommen könnte. Gin anderes Referat von Herrn Dr. Carlebach ans Hamburg behandelte „Die geistigen Ausgaben der deutschen Iudenheit hinsichtlich Schulen und Lehrer", speziell die jüdischen Allgeme/iuschulen. Auch hierüber tvurden Thesen ausgestellt: 1. Die jüdische Schule hot den Beweis erbracht, dast sie alleiu die groststädtische Jugend in Thoratreue zu erhalten vermag. Der Vollausbau der bestehenden Anstalten und die Schöpfung ähnlicher an anderen Orten ist eine der vornehmsten Aufgaben der Iudenheit. 2. Diese Synthese hat sich in zwiefacher Hinsicht auszuwirken: a) in der Durchdringung des Profanunterrichts mit jüdischen Bildungs- und Wissenselementen, in dem jüdischen Charakter der wissenschaftlichen Unterrichtssächer: b) in der wissenschaftlichen Ausgestaltung des gesamten jüdischem Unterrichtsstoffes. Das gelingt nur durch *) Ieschiwaus sind bekanntlich jene Talmudschulen, in denen noch östlicher Methode das gesamte Stoffgebiet der Mischna. Gemara und die späteren religionsgeseHlichen Schriften oft recht unkritisch für Ertvachsene vorgetragen werden. Hierbei gilt die Auffassung. dast die Beschäftigung mit dem Gegenstand ohne Rücksicht auf seine Lebensbedeutung löblich und ideal sei. **) Den östlichen Lamdonim, d. h. den lediglich im Talmudfach versierten Lehrern, wird also die souveräne Fähigkeit zugcsprochen, diese Disziplin uns mundgerecht machen zu können, unbeschadet ihrer Nichtkenntnis westeuropäischer Bildungs- und Geistesrichtung. ***) Schaz-mazz sind die Mischmaschfnnktionäre der ganz kleinen Gemeinden, die das Mädchen für alles sein sollen, also in einer Person Rabbiner. Lehrer, Borbeter, Schächter. Schofarbläser und noch viel mehr, wobei leider — in vielen Fällen — von einer regelrechten Ausbildung auch nur in einem Punkte nicht die Rede lein!a>!" Fundierung des religiös-geheiligten Lehrstoffes auf der Grundlage der hebräischen Sprache. Es ist auffallend, dast sowohl in den .Klein'scheu wie in den Carlebachsichen Thesen von der „deutschen Iudenheit" die Rede ist. Mit welchem Recht kann eine Vereinigung von Rabbinern einer bestimmten Richtung sich erlauben, ihre Ansichten als maßgebend für die deutsche Iudenheit hinzustellen? Dieser Standpunkt kann mir dahin verstanden werden, dast diese Herren alle diejenigen Juden als austerhall» des Judentums stehend betrachten, die nicht ihrer religiösen Richtung 'angehören. Zweifellos ist das ihre Ansicht, die sie jetzt in etwas unvorsichtiger Weise enthüllt haben. Ader ebenso ztveffellos ist, dast ivir liberalen deutschen Juden uns eine solche unerhörte Beleidigung nicht gefallen lassen können. Gin kleiner Prozentsatz der deutschen Iudenheit steht hinter diesen tvaditionoll-gesetzestreuen Herren, und sie masten sich an. der großen Mehrheit der deutschen Iudenheit ihre Ansichten Wer Judentum oktroyieren zu wollen. Die Frage der jüdischen Schule ist noch nicht genügend geklart, um hierauf an dieser Stelle näher eingehen zu können. Ob sie aber den in 1) erwähnten Beweis erbracht hat. bezweifle ich. Ein solcher wird auch nicht geführt werden können, schon aus dem Grunde, tveil es auf den Standpunkt ankommt, was man unter Thoratreue zu verstehen «hat. und weil schwerlich eine exakte Statistik darüber besteht, wie grost der Prozentsatz der im Sinne der genannten Bereinigung thoratreu gebliebenen Zöglinge der jüdischen Schulen ist. Mit aller Entschiedenheit must aber dagegen Stellung genommen -werden, dast es eine der tonwfrmfhm Aufgaben der deutschen Iudenheit sei, solche Anstalten, wie die Thesen sie schildern, cmszubauen und zu vermehren. Denjenigen liberalen Lehrern, die für die Schaffung weiterer jüdischer Schulen eiutreten, dürften die Thesen der beiden Herren zu denken geben, namentlich wenn sic die Möglichkeit ins Auge fassen, dast die Zeit kommen könnte, in der eine Zufallsmajorität solche Anschauungen isi Taten uinfeht: - .. . - Unsere Brüder aus Posen, Westpreußen und Oberschlesien haben es großenteils vorgezogen, aus diesen leider von Deutschland abgerissenen Gegenden auszuwandern. Wollen sie. die aus Liebe zum Deutschtum ihre .Heimar, die Gräber ihrer Eltern und Vorfahren verlassen halben, sich und ihre Kinder durch östliche Lamdonim und durch nach' unseren Begriffen recht ungenügend vorgebildete östliche „Schaz-Mazz" erst recht polonisieren lassen? Hpllen wir wieder Zustände in Deutschland bekommen, wie wir sie in der traurigsten TteffstandsMt vor 200 bis 800 Jahren hatten, in der jede Geiftestätigkeit bei den deutschen Juden darmederlag. m der wir aus Rabbiner und Lehrer angewiesen waren, die aus dem Osten verschrieben werden mustten? Soll das Rad der Weltgeschichte um Jahrhunderte zurückgedreht tverden. damit die Wissenschaft wieder in Abhängigkeit von religiösen Anschauungen gehalten, die wissenschaftliche Ausbildung unserer Jugend nach Anschauungen erfolge, die vor 1500 Jahren als mastgebend erachtet wirrden? Da sei Gott vor! Jeder liberale Jude hat die Pflicht, sorgsältia das zu prüfen, was in diesen neuen Richtlinien gefordert wird, sich zu entscheiden, ob solche Folgerungen sich mit seinen Lebensanschauungen Vereinen, zu überlegen, ob er geneigt ist. für die Erziehung seiner Kinder auch nur den Schatten einer Möglichkeit dar Einft'ihrnng solcher Bildungsmethoden mitzuschaffen. Darum seid auf der Hut, ihr jüdischen Wähler Berlins, und denkt bei der Wahl an die orthodoxen Richtlinien! _ Ein liberaler üeutscher kiu-e zu den jüdischen Problemen. Bon Rechtsanwalt Dr. K a tz « n st e i n - Bielefeld. (Schluß.) Der Traum Herzls, die Judenfrage durch völlige Lostrennung der Juden von ihrer nicht-jüdischen Umgebung, durch Gründung eines jüdischen Bolksstaates zu lösen, hat zweifellos in seiner Einfachheit und Klarheit etwas Berückendes. Eine dichterische Vision! Aber doch eben nur ein Traum; denn wie groß auch immer die politischen Erfolge des Zionismus sein oder werden mögen, sie werden das jüdische Schicksal, ewig Minderheit Air sein, nicht wenden. Die Gründung eines Judenstaates würde schon an der seelischen Veranlagung der meisten Juden, an ihrer Verwurzelung in ihren Heimatländern und deren Kultur, scheitern. Sie würde aber vor allem scheitern an dem inneren Widerspruch, an dem ein solcher Staat kranken müßte. Während sich überall der Gedanke des reinen rmd. freien Staatsbürgertums durchsetzt, während das Religionswesen überall jeder staatlichen Machtbetätigung entrückt wird und während gerade die Zionisten immer betonen, daß weder Rasse noch religiöses Bekenntnis die Grundlage eines modernen Staates sein dürfen, soll nach den letzten Zielen des politischen Zionismus hier ein Staat errichtet werden, dessen Bürger begrifflich nach Abstammung und Religion Juden sind. Welch ein Rückschritt! Und welche Gefahr Für die Gewissens« freiheit! In dem Augenblick aber, wo die Taufe oder »sicht-jüdische Abstammung kein Hindernis bilden würde, dem zionistischen Staate anzugehören, wäre die reine Idee dieses Staates schon aufgegeben. Damit ist der Gedanke Herzls verurteilt. Nun spricht atterdillgs der heutige offizielle Zionismus, der schon viel Wasser in seinen Wein gegossen hat, nicht mehr von einem solchen Judenstaat, sondern nur von einem jüdischen Kulturzentrum, das in einer auf dem Boden des Heiligen Landes zu errichtenden „Nationalen Heimstätte" begründet werden soll. Und da der Zionismus erkannt hat, daß seine materiellen Kräfte zur Durchführung des Planes nicht ausreichen, so sucht er die ganze Iudenheit der Welt dafür zu gewinnen. Und leider ist der Seelenfang unter den Mcht- Zionisten nicht erfolglos geblieben. So weit diese nicht der nationalistischen Ansteckung erlegen sind, lassen sie sich wohl meist von rein humanitären Gesichtspunkten, von Mitleidsgefühl für die gequälten Juden der oft« europäischen Länder leiten. Sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß der Zionismus, dem sie Gefolg« schuft leisten, in dem Aufbau der palästinensischen Heim« stritte garnicht eine Wohlfahrtsangelegenheit, sondern eine politische Aktion von w e l t geschichtlich er Bedeutung erblickt. Mit Geringschätzung spricht man im zionistischen Lager von denen, die, unter Ausschaltung aller nationalen Aspirationen, nur die Förderung der palästinensischen Kolonisation im Rahmen des Möglichen erstreben. Für den offiziellen Zionismus bedeutet die Heimstätte in Palästina grundsätzlich die Lösung der Judenfrage. Nun frage ich: dürfen wir deutschen Juden da mithelfen? Ich sage nein, und wer mir bisher zustimmend gefolgt ist, wird mir recht geben. Palästina, das von den 15 Millionen Juden, die auf Erden leben, doch immer nur einen kleinen Bruchteil aufnehmen könnte, kann aus inneren und äußeren Gründen die Lösung der Judenfrage nicht bringen. Wohl aber wird Palästina die Juden in unendliche neue Gefahren und Kämpfe verwickeln. Die andauernden Schwierigkeiten mit den arabischen Eingeborenen des Landes, die sich eine Beherrschung durch zugewanderte, landfremde Menschen begreiflicherweise nicht gefallen lassen wollen, sind schon ein deutliches Warnungssignal. Palästina als ein Borposten der englischen Großmachtstellung wird immer ein heißumstrittener Kampfplatz der europäischen und asiatischen Kultur sein, immer einen Spielball der großen Weltmächte bilden, die hier schärfer als irgendwo sonst aufeinanderprallen. Und gerade hier sollte der Ahasver seine Ruhe finden? Mir scheint, daß Palästina die Judennol nur verschärft, ja verewigt. Die I u d e n f r a g e kann nicht anders als in den einzelnen W o h n l ü n d e r n d e r I u d e n g e l ö st werden« Das Ziel »nuß sein, den Juden hier überall volle Heimatrechte, Duldung und Anerkennung zu erringen. Nicht als „nationalen Minderheiten" auf den Krücken eines inehr oder weniger problematischen Völkerbundes, sondern als Volksgenossen. Dazu müssen aber auch die Juden das ihrige tun und trennende Eigentümlichkeiten nationale»» Ursprunges und Charakters aufgeben. Sollte es wirklich so viel utopischer sein, den endlichen Sieg der Vernunft uub Toleranz bet allen Völkern zu erhoffen, als von der Erricht u n g eines trational-iüdischetr Heimes die Neberwind ung der Judennot zu erwarten? Die Verfechter der Nationalen Heimstätte in Palästina weiset» immer gern darauf hin, hier sei den Juden einntal Gelegenheit gegeben, zu zeigen, daß sie nicht tu« zersetzend wirken, wie die Gegner behaupten, sondern zu positiver Aufbauarbeit fähig seien. Es ist klar, daß dies feilt sachliches, dagegen ein recht erbärmliches Argument ist. Entweder bin ich für Palästina, dann bit» ich es, weil ich die Zukunft des Judentums borin erblicke, nicht aber, tmt den Judenfeinden etwas vorzudemonstrieren. Oder ich bin gegen Palästina, dann ist mir die Nichtbeteiligung Gewiss enspflicht und das Gerede der Judenfeinde berührt mich nicht. Zum Gegenstand einer Reklame sollte diese wichtige Schicksalsfrage nicht herabgewürdigt iverden. lind dann die Kehrseite dieser Betrachtungsweise: Wie dettkt man sich die Wirkung auf die Judengegner in aller Welt, wenn der Aufbau fehlschlägt? "Das Gelingen hängt nicht Iuaendvereirrs-Anzeige W letzte Seite.

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