Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 26 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Infolge bS emksemMMn «Mft vSyrer» bet Wichten in 1 eten wurden Der Mi- Wichten in den ländlichen Bezirken Ungarns flücht viele betroffene Juden. Jüdische Geschäft-lokale tom geplündert, einige gewaltsam beschlagnahmt, nister deS Jnnem ließ hierauf Gendarmerie kommandieren die aber bezeichnenderweise mit antisemitischen Hetzliedern anmmschierte. . , v. » » W .. -r~, , Im englischen Oberhause ist eine Resolution gegen den Palästma-Mandatsentwurf angenommen worden. * * ■ Me baS amerikanisch-jüdische Hilfskomitee bekannt gibt, trat am 20. Juni aus New Uork eine amerikanischjüdische Kommission die Reise nach Europa mit dem Ziele an, die Lage der Juden in den vom Kriege betroffenen Ländern zu saldieren. Unsere Bewegung. Nachrichten der Vereinigung für daliberale Judentum. verlw. D« Jüdische LonespoMenEurem verbreitet?* seinen letzten Veröffentlichungen eine Mitteilung darüber, -aß der Vorsitzende unserer Vereinigung für dar Liberale Judentum e. V. in seiner Eiaenschast als Präsident der Beniner .Tptnozaloge ein Protestschreiben an da- ReLaktionswmltee des Mitteilungsblattes der Berliner Lügen wegen der Propaganda gerichtet hat, die insbesondere in seinem Jnse- Fr dm Keren Hoßessod betrieben wird. Zweifellos verstößt diese Propaganda gegen die absolute Neutralität des Ordeus in einer innettüdtschett Frage. Das Jüdische Cor- Monden^vurecm int darum in seiner weiteren Angabe, daß dieses^Schreiben in Sagenkreisen zurück«ewiesett worden sei. Im Gegeweil, man hat die milgeteilte Ansicht anerkannt und in Zukunft wirb das erwähnte Logenblatt reinerlei Pwpagvttdv für den Keren HMsod enthalten. U1 Berlin. Die Bemühungen der Gemeindeinstanzett und nicht zmetzt beS Liberalen Vereins um Verbesserung de- Jubengefetzes und Gemoinbeslatuts haben einen Teilerfolg gereitiat. Dem Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist zu Händen des Herm JusttzratS Monster, aus sein« Eingabe um persönliche Rückspräche im KultuSministeri-um folgender Bescheid am 2. Juni 1922 zutzsgangen: Auf die Eingabe vom 13. Mai 1922 erwidere ich ergebenst, daß ich den Entwurf eines Gesetzes zur Abänderung der § § 39 und 40 des Gesetzes von 1847 dem Staat-Ministerium bereits unterbreitet habe. Ich habe dabei daraus hingewieseN, daß die hiesige Synagogengemeinde ein großes Interesse daran habe, den in diesem Jahre vorzunehmenden Repräseritantenwahlen bereits die neuen Ge. setzeSbestimmungen zugrunde legen zu können, und deshalb um Beschleunigung brr Vorlage beim Staatsrat gebeten. Im Aufträge: gez. Fleischer. , , .Der «che Schritt ist getan. Der Liberale Verein wird tn fernem Eifer nicht Nachlassen. Ueber seine weiteren Maßuähmen wird voraussichtlich gleich nach den Ferien der Oeffentlichkert berichtet werden rönnen. Ins üem Reich. Berlin. Zur Wahlrechisfrage in den indischen Gemeinden Preußens. Die Reprälentantendersammlung der jüdischen Gemeinde bat mit allen Kt 4 Stimmen beschlossen, die Autonomie der preußischen einden ans die Frage des Kultus und des Unttrricktts zu beschränken. In allen anderen Fragen, insbesondere also in der Frage des Wahlrechtes, soll keine Autonomie bestehen. Damit ,st dem Neu gegründeten Verband die Möglichkeit gegeben, von den ihm angeschlossenen Gemeinden zu verlangen, daß sie ein freiheitliches Wahlrecht einführen und das Aus- ^nderwahlrecht nicht beschränken. Berlin. „Stimmungsmache gegen die Ostjude n". In der Sonnabend-Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses, in welcher der Etat des Innern beraten mm, mm tm*** s* im mm* triebe arttwepublikanischer vervtwlbe der sozialdemokratischr Ab. geordnet» Lrmbertz das Wort und wieauf die deutsch, nationale Propaganda innerhalb der Schutzpolizei hin, die zu Ungerechtigmt« gegen die Ostjnöen führ!. S» hat z. v. der Regierungspräsident in Düsseldorf auf Grund lügenhafter Berichte eine» R^ierungsvateS «ine scharfe Verfügung gegen di« vsttuten erlassen. Der Redner sagte: Die Meßzahl der Ostjuden Ist gewerblich oder als Arbeiter tätig und sie nützen der deutschen Wirtschaft. Der Einbürgerung ostjüdischer Arbeiter in Deutschland sollte man deshalb nicht soviel Gckttvie. kt gleiten machen. Der Abgeordnete Dr. Kähler hat zusammen mit den Mitgliedern der Fraktion der deutschnationalen Bolkspartei im preußischen Abgeordnetenhaus ein« Interpellation eingebracht, muh welcher die Einwanderung von Ostjuden nach Deutschland, insbesondere nach Berlin, vom Standpunkt der deutschen Bevölkerung als im höchsten Grad« unerwünscht bezeichnet wird. Die Interpellanten fragen die Regierung an, ob di« Vorschriften zur Eindämmung der Einwanderung, soweit sie nicht ausreichen, nicht entsprechend ergänzt werden können, und welche Schritte das preußische Staat-Ministerium zu tun gedenkt, um unerwünscht« Elemente abzuschieben und eine schärfere Kontrolle auf diesem Gebiete durchzusühren. — Welche Schritt« wird das Staatsministerium gegen die organisierten Mörderbknden tun? Berlin. Di« Antisemiten gegen den früheren Kronprinzen. Das vor einiger Zeit unter der Mitarbeiterschaft des jüdischen SckrriftstÄlers Earl Rosner erschienene Memotrenbmch des früheren deutschen Kronprinzen wird itt einem Teil der rechtsstehenden deutschen Vrefse wegen der darin niedergelegten liberalen Anschauungen sehr Mttftett. Besondernehmen die antts«mitisch gerichteten Zeitungen an der Stell« Anstoß, in welcker -er ehemalige Kronprinz aussi'chrt. es komme nicht darauf an, ob einer Christ ober Jude, sondern ob er ein guter Deutscher sei. Die Alldeutschen Blätter" bemerken hierzu: „Es ist schmerzlich, auf diese Art erfahren zu müssen, daß -er aewesen« Thronerbe, der stch einst zu völkischer Anschauung bekannte, sich zu einer Auftastung zurückentwickelt, die den einfachsten Erkenntnisteu der Rassenlehre widerspricht." — „Wie man's macht, tst's falsch!" Di« demnächst zu gleicher Zeit in Amerika und in Deutschland erscheinenden Memoiren des früheren deutschen Kaisersind bekanntlich auch unter Mitarrleitschatt des Schriftstellers Ccwl Rvsner entstanden. — Und der König absolut, wenn er unfern Willen tut! BreSlan. Repräsentanten - Versamm- [ u it g. Nach einer längeren Pause, die durch umfangreiche Vorarbeiten der Etatskommistion und der gemischten Gehaliskomwiflion bedingt war, trat am 22. Juni die Reprasentanten-Versamrnlung zu einer Sitzung zusammen. Vor Eintritt in die Tagesordnung beschäftigte man sich mit der Einladung zur PveußenversammMng und delegiette nach Berlin d«n Vorsitzenden Justizrat Peiser und Dr. Schlesina«r mit der Weisung, den Anschluß noch nicht definitiv zu erklären. Der Vorstand entsmidi? Gel'eiwra^ Goldfeld und Justiirat Hirschberg. Aus der umfangreichen Tagesordnung sind die Beratung des Haushalts 1922/24, di« Festsetzung der Gemeinde- Beiträge und die Gehaltserhöhungen für die Gemeindebeamten bervorznheben. lieber die beiden ersten Punkte referierte in ausführlicher Weise Repräsentant Gins. Er bezeickmele den Haushaltsplan als außeroweniltch vorsichtig ausgestellt und wünschte, daß er in diesen unbestimmten Zeiten nickt zwei-, sondern einjährig ausgestellt würde. Die jährlichen Einnahmen betragen 1 381 745.91 Mark, die Ausgaben 10 297 932,13 Mark, sodaß durch Steuern 6 916 187,12 Mark auszubringen sind. Die Erhebung.von 7 Prozent her Reickseirckommensteüer unter Wegfall jeder Rachbesteüerung für. 1920 h"ll er zur Deckung für ausreichend. Die Versammlung genehmigte den Haushalt mit geringen Aenderungen und 'McMcft in der Steuewnoelea-nbett dem Antrag-! des Berichterstatters gemäß, fteber die Besoldungsvorlage referierte Repräsent>-nt W'lbelm. Es wurde beschlossen, das Einkommen der Gemttnde^eamten nach der Reichst esokttmasordming vom 1. Mai 1922 zu bemessen. Ferner bewilligte die, Versammlung 50 000 Mark zur Vorbereitung eines Jugendgottesdienstes für die hoben Feiertage nach neuem Ritus, der in der Aula der staatlichen Augustaschule stattsinLen soll. In kurzer geheimer Sitzung wurde die Anstellung eines akademischen Religionslebrers und die Rcuberechmrag einer Pension beschlossen. f Soest. Dankbare Schüler errichteten om Grabe unseres verstorbenen Lehrers, Herrn S. L u e a S, der Über drei Jahrzehnte in Soest verdienstlich gewirkt, einen Gedenkstein, der zu feinem zweiten Sterbetage ferttggeftelli wurde. Zettungsschaa mW verschieöeaes: *«• Paläfitnomandat l« englische» Vterh««» «-gelehnt. Ein schwerer Lchlag für den ztont»«ns! Die «olfflche Tel«4 grafen-Agentur gibt bekannt: Die baS Palästina-Mandat be« treffende Resolution Lord JSlingtonS wurde in der heutigen Sitzung des englischen Oberhauses mit SÜ gegen 89 Stimmen angenommen. Der Wortlaut ber Resolution ist folgender) „Daß Mandat für Palästina in seiner gegenwärtigen Form Ist in diesem Hause unannehmbar, denn ef verletzt direkt die Verpflichtungen der Regierung^gegenüber dem palästinensischen Volke in ihrer Deklaration vom Oktober 1915 und weiter in der Deklaration vom November 1913. Ferner verstößt der Mandatsentwurf in seiner jetzigen Formulierung gegen die Gesinnungen und Wünsche der großen Majorität der Einwohnerschaft Palästinas. Die Annahme de- Manbatt seitenS de- DölkerbnndsrateS soN deshalb solange verschoben werden, biS jene Aenderungen vorgenommen sind, die deck Verpflichtungen der Regierung entsprechen." A«- Polen. Warschan. Wie schon früher gemeldet, hat die Warschauer jüdische Gemeinde gegen die vom Kultusminister erfolgte Ab« leünung der Wahl Professor SchorrS -um Rabbiner der Warschauer jüdischen Gemeinde beim Ministerrat Berufung eingelegt. — Die polnische Gesamtregierung hat der Berufung statigegeven und die Wahl beS Professors MoseS Schorr zum Warschauer Rabbiner endgültig bestätigt. Die polnische Bölkerbunbliga hat dem Kongreß der Bölkerbundligen ein Memorandum überreicht, in dem sie die jüdisch« Frage in Polen als gelöst hinstellt und als Zeichen dessen anführt, daß am Kongresse alS polnischer Delegierter ein Jude, Dr. Pollak, der Präsident des Exekutiv-Komitee» der polnischen Völkerbundligen teilnimmt." — Wien. Eine stürmische Antisemiienversamm'- l u n g. Die hier nach dem Muster der bayerischen kNational- Sozialisten wirkende antisemitische Partei hält in der letzten Zeit häufig Versammlungen ab, ttt denen zu Pogromen gegen die Juden gehetzt wird. Zu der antisemitischen Versammlung im Wiener Prater erschienen auch einige national-sozialistische Führer aus Bayern und Schlesien, deren scharfe antisemittsch« Ausfälle einen Teil der Versammlung, der aus Arbeitern bestand^ zu stürmischen Zwischenrufen veranlaßte. Die zur Auftecht^ erhaltung der Ordnung im Bersammluugssaale postierten Polizeioffiziere haben sich im Gegensatz zu den bisherigen Traditionen der Wiener Polizei auf die Seite der Pogromhetzer gestellt. Di« versammelten Arbeiter wurden von den Antisemiten mit Hilfe der Polizei arg verprügelt und aus der Versammlung herausgedrängt. Die meisten Wiener Zeitungen greifen die offenkundig parteiische Haltung der Wiener Polizei aufs Schärfste an uno fordern vom Polizeipräsidenten Schober die Einleitung einer strengen Untersuchung und die Bestrafung der Schuldigen. Riga. Pogrome in Weißrustlanb. Räuber« banden haben eine Reihe von Pogromen in jüdischen Orten Weißrußlands verübt. Eine Bande bat die Stadt Nswiat in der Nähe von Welish im ehemaligen Gouvernement Witebsk umzingelt und zahlreiche Juden ermordet. Einzelheiten über diese Ereignisse liegen noch mcht vor. In Marionabuda im Tschenkow- Distritt, Provinz Mohikov, haben Banditen 4 Mitglieder der Familie Kahan umgebracht. In Sagorie wurden 4 Mitglieder der Familie Slawatin, zusammen mit 10 anderen Juden, die zu dieser Zeit im Hause Slawatin weilten, getötet, «tu Jude wurde vollkommen zerstückelt, die Frauen wurden mißhandelt und daraus ermordet. In Ossikowka wurden ein Ehepaar, in Belaecka wurden 2 Juden von Räubern umgebracht; in dem Dorfe Betochna 12 erschlagen. Auf dom Dniepr wurde ein Schiff von den Räubern angehalten, darauf kam die Bande an Horb, mißhandelte alle jüdischen Passagiere und tötete sie bann. Laut einem hier emgegangenen Berrcht hat das <Jüd. Gesellschaftliche Komitees an Lenin und Kalinin einen Appell um Hilfe gesandt und u. a. die sofortige Entsendung von Truppen verlangt, die dem gefährlichen Treiben der Räuberbanden ein Ende bereiten sotten. Der Eindruck dieser Pogrome in Amerika ist ungeheuer. Die Nachrichten Über die Ermordung von Juden in Weißrußland haben große Aufregung hervorgerufen. Die gesamte jüdische Tagespresse in New Pork widmet den Ereignissen lange Artikel. Die antijüvifchen Tendenzen n« den amerikanischen Universitäten. Die bei der Harvard-Universität hervortretende Tendenz, die Zahl der jüdischen Studenten zu beschränken rst auf den Einfluß und die Treibereien des wegen seiner judenfeindlichen Gesinnung bekannten Professors Roger B. Merriman zmückzuftthren. Wie nun bekannt wird, haben die Anschläge Arthur Schnitzler zu seinem sechzigsten Geburtstag von Salottron Horowttz, Dresden. Arthur Schnitzlers Genialität, feine schöpferischen Dichtverke traten zu einer Zeit in die Erscheinung, als di« sührenvett Geister dem twerwundenen Naturalismus den Fehdehandschuh zuwarsen. Sie bahnten etnrn neuen Weg, den des Symbolismus und der Neuromantik, an. Auch Schnitzler geht diesen Weg. Auch er entfernt sich vom Naturalismus und neigt der Neuromantik zu. Es genügt ihm jedoch nicht, die realen Und nackten Leben-Phänomene, wie wir si« durch rnsere Sinnesorgane wahvnehmen, romantisch zu ierklören, sondern » strebt «tue Verinnerlichung und Detttefung unseres Seelenleben» an. Geralde in diesem Streben darf er als der nodeme Nttd modernste Dichter auch unserer Zeit awgesprvchen »verden. Berührt er sich doch hierin mit der modernen Zeitströmung, wie man sie ans dem Gebiete der zeitgenLsiischen Kunst und Literatur unter dem Schlagworte des vermeintlichen ^Expressionismus" zu fassen pflegt. Gewiß ist Sch. kein EMssionist. Im Gegenteil er ist ausgesprochener Im- Presstontst. Es zeigt sich jedoch in seiner Getstesrichtuug ein« gewsis« Vorahnung der Zukunft und -in« gewisse Persp-ktive snr bas, was GeisteSschwauger im Schoß« der Zeit verborgen liegt. ES ist eigentümlich, daß Schnttzl-r in seinen Dramen unv Erzählungen durch den Zauber der Ironie geradezu faszinierend aus UnS wirkt. Daftir zeugt sein Schauspiel „Liebelei". Hier wird nnS gezeigt, daß ein Mädchen unter, geht, weil ihm die Liettz« ernst ist, jv weil sie ihm aler« -aben und göttlich aalt. Sie war ihm eben Mehr als Liebelei. Gerade drefe Qualität des Dichters, durch die Jnmte aus sein Publikum zu wirken, konnte in den Köpfen bovliierter Menschen und literarisch,r Ptziltster, den Gedauttn auf« kommen lassen, äfc ob Sch. der Leichtlebigkeit und der moralischen Äarhett seine Huldigung nicht versagen wollte. Alttin der ii«fM ntickknd« und feinfühlende Psychologe, wird sofort, den Weltschmerz, den siitttchsu Ernst, dassettsch« Leid ttdb die moralische Tendenz, die sich hinter dieser Ironie veMryt, berausfinden. Daher begegnet uns bei Sch. fr oft die scheinbare Gegensätzlichkeit von Ironie Nick Melancholie. Gerade darin liegt das Geheimnis seines Wesens. Der Weltschmerz, d« in b» «*!«** Dichters gerKezu zerlniiilchend wützt, der beitttch« daä jttie künstlerische Schaffen zu ersticken droht, inacht sich eben durch die Ironie Lust. Vielleicht könUM ivir zerade hierin die Richtung und die stiM Msichm Denkens erblicken. Besteht doch datztft sitke üetvme Geistes- Verwandtschaft mit Heinrich Heine. Auch bei Heine machen Ironie und Melancholie den Wesenszug seines Denkenaus. Dies« beiden Qualitäten, Ironie und Melancholie, die ihm eigen sind, stei,g«rn nur noch seine Virtuosität. Sie verleihen seinen Werken einen besonderen Retz. Seine Erzählungen sind lebendig, spannend, sie haben immer das nötige Detail, aber nie zu viel fratom. Sie haben Psychologie. Die Psychologie dient aber nur dazu, den Gang des Ganzen in einem reizenden Rhythmus bald zu verlangsamen, bald zu l'eschlenniocn. Sowohl im Drama als auch in der Erzählung ist er durchaus rin Künstler. Ls ist ein erstaunlicher Gedanke, daß die kleinen Szenen aus dem Leben einer erfundenen Figur „Anatol", die heute aller Welt in Europa und über Europa hinaus geläufig ist, und eine kurze in ihrer Art vollkommen reise und meisterhafte Erzählung „Reichtum" das Erste waren, womit er vor so vielen Jahren hervortrat. Schnitzler Hibt vomehmltch österreichisches, in-besonver Wiener Milieu. Das gesellschaftliche Leben und die Kultur d«r Katserstadi Wien, hält er uns wie einen .Spiegel vor die Augen. Er hat in seinen Romanen und Theaterstücken das Wien des Fin de sieele zur lebendigen Darstellung gebracht. Eine ganze Stodt mit ihrer Kultur, mit dem von ihr genährten und entwickelten Menschenschlag, wie er sich in einem bestimmten Zeitpunkt der Reife und U-berreife. auslebte, ist durch ihn aller Welt mitgeteilt worden. Und dennoch macht sein Werk gerad« jetzt um die Stunde seines festlichen Jahres wähl die schwerste Krise seiner inneren und äußeren Wirkung durch. Jener Teil, zener sehr wesentlich« seines Theaters, sei««r NoveNistik, der Sittenschilderung ist, kann heute einer jungen Generation nicht.mehr recht erkennbar und mitfüblbar sein. Die Zeit, der Krieg, der gerade Oesterreich am bitter, sten getroffen hat, hat die Wandlung! geschaffen. Er hat jeden Zusammeuhaug zwischen der alten Generatton und der Jugend völlig zerstört. Die Welt Arthur Schnitzlers hat de« Wirbelfturuff von fünf Jahren mit einer tu der Geschtcht« unerhörten Vehemenz vernichtet. Hier ist «!u«m Dicht« da- Beispiellos« geschehen, daß ihm seine ganze Welt, aus der er r, seine 0oivj4 Kultur für lange oder immer enischwunden Di« Typen, dt« unvergeßlichen, die er geschaffen, dir mau. gestern, die man an seinem fünfzigsten Geburtstag noch aus der Straße, in den Theatern, in den Stüons von Wien, seinem Buck fast schon nachgebttdet, täglich sehen konnte, sind plötzlich der Wirklichkeit entrückt. Das süße Mädel ist verhütt, dt« Annwrmachen BSrfengeschästr, die Aristokrat«« sind geflüchtet, die Ofsizrere Kommis und Agent«« geworden. Die Leichtigkeit der Konversation ist vergröbert, die Erotik vetpö-bttt, dir Ltätzt wnflmxitfbett. MMe Ut Proben« wiederum, die et geistig so belegt unö klug abgewüttotti, haben eine ander« Vehemenz bekommen. Das Judenprvbleim vor allem und das soziale. Alt Spiea^ Schildern Wiens und der öftettrichischen Geifchakeit sein Weg vor die Gerreichische Welt ««stellt. Da stickbt das alte Oestermich Über Nacht, und vaS neue, da» in dem treugehaltenen Bilde sich hastig suchen würde, vermocht« sich nicht mehr zu erkutmu. Nicht er ist seiner Welt, jondern die Wirklichkeit ihrem Dicht« untreu geworden. In diesem Lichte gesehen, stellt sich das Lebenswerk Arthur Schnitzlerder heutigen Generation, als eine romantisch-dramatisch, äschetische Kutmrgeschichte Oestetteichs dar. Die zünftige').Kunsckrjttk, Me oftmals, einem jung aussteigenden Talente mit RuKm der Schadenfreude und des Mißtmuens zUsivhi, nwllte ibm ein« Zeitlang den Vo.vwurs nicht ersparen, daß ein Arzt, ver Mich noch dichtet, nicht emst zu nehmen sei. Ist ©aait auch unter den Propheten? Ist der Arzt auch »itt Dichter? so fragten sie. Aber Bchnidlev ist derweaen seinem Arztberus und seiner Liebe zur medizinischen Wissenschaft auch in seinen Dichtungen doch stets treu geblieben. Er war sogar der erste der Freud's Theorie von der Letz« de« UttteöbewUßtseinS dichterisch verwettet har. Seine Licht zur Medtzitt zeigt sich zuMtchst datttt, daß er in den meisten seiner Stücke der Gestalt des Arztes «tue wesentliche Rolle zugetetti hat. Dvsür zsugon sein „Pwseffor Bernburdi", der „Paracelsus" und seine Novell« „Doktor Gräßler, Badearzt" u. v. a. Sie bilden sämtlich eine famos« Galerie von gütigen, seinen, liebreichen Und seelisch taktvollen Menschrneremplakett, die Schnitzler in seinen Dramen als B>e. rufsgeriosien hingestrtti hat. Gewiß taff der Kamps, d«r «gen einen Dichter wegen seines ärztlichen Berufes geführt wird, Nicht al» sachlich und ebensowenig als ritterlich bezeichnet werden. Mein er ist aus dem «igenarttgen Mntzstad, d«« fftänAt Kuufckritlker an ein Kunstwerk anlegen, vietteicht noch isgendwie begreiflich. De« Ein solcher Kampf ist Schnitzler in allerletzter Zeit nicht ne* spart g«blisb«n. Uns allen ist noch dtt Vroztß, m Ützwtt Winter gmm SchMtzlers «9l*ift«tt* angestrengt wofdm ist, wach tm Bewußtsein gckbliwen. Die dentschncttional-antisßMV tischen Kreise versuchten «s, Schnitzle« Nmnm und sein Wett in den Schmtth ml zemn. AM« tat Dwzeß «m Schnitters