Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 26 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Dthatzlu M.m.b.H. die Gründung des preußischen tanöesvrrbandes jüdischer Gemeinden. Der 28. Juiii hat den: deutschen Judentum die Erfüllung eurer Sehnsucht gebracht, die Generationen erstrebt haben, ohne sie verwirklichen zu können. Zwar ist in den Wein der Begeisterung etwas Wasser geflossen, aber er ist trinkbar. Wohl bleibt die Gesamtorganisation aller deutschen Juden vorläufig ein frommer Wunsch und die Hoffnungen der denkwürdigen Januartagung des vergangenen Jahres, daß unter der Aegide des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ein schützendes, stattliches und uns alle fassendes Haus errichtet werden würde, haben sich als verfrüht erwiesen. Doch wenn das klingende Wort „Preußen in Deutschland voran!" als gutes Omen auch für jüdische Angelegenheiten gedeutet werden darf, dann sind wir jetzt einen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen. Durch dankbar zu wertende Vorarbeiten des Gemeind ebundes, die Initiative der Berliner jüdischen Gemeinde und ihren Beirat Dr. Freund, der bekanntlich der Schöpfer des Berfassungseiitwurfes ist mtb seine Idee durch viele Fährnisse geschickt geführt hat, wird nun kleinen und großen Gemeinden eine starke Sicherung zuteil, und der Bestand des preußischen Judentums scheint nicht mehr von schneller Vernichtung bedroht. Die von etwa 200 Delegierten aus ganz Preußen, beschickte Tagung bot ein Bild der Würde und Harmonie. Bon 9 Uhr morgens an wurde 11 Stunden fleißig gearbeitet und eine Leistung vollbracht, die nicht mehr Theorie, sondern, wenn nicht wieder alles täuscht, belebende Tat sein wird. Die vertraulichen Eröffnungen der Vorbesprechung klärten manches und entspannten die Meinungen heilsam. Sie brachten der Mehrzahl die Ueberzeugung, daß die Reichs- und Staatsbehörden noch in diesem Jahre, — und darauf kommt es an, — dem preußischen Landesverband eine Wirksamkeit ermöglichen werden. Die Institution, wenn man es recht bedenkt, tritt ja als Notstandsleistung in unsere düsteren Tage und, man darf dies auch bekunden, mit kleinen Zeichen des Verfrühtseins und gewissen Unebenheiten. Die separatische Orthodxie immer geschickt und stolz darauf, eine Nasenlänge voraus zu sein, gab vielleicht durch ihre Sondergründnng den verantwortlichen Gemeinden den großen Antrieb: „Jetzt oder nie!" Aber wie Elend und Zwang sich stets einen befreienden Weg gebahnt haben, so wird auch der Zusammenschluß unserer Gemeinden, dessen Notwendigkeit noch heute mancher reaktionäre Demokrat in der Provinz sich verschließt, die Einheit und Einigkeit des deutschen Judentums vorbereiten und die Strenggläubigen im Schmollwinkel werden dann auch nicht mehr fehlen wollen. Die Hauptversammlung wurde gegen liy2 Uhr vom Vorsitzenden der einladenden Berliner Gemeinde, Geheimrat Stern, feierlich eröffnet. Er begrüßte zunächst die Delegierten und die Vertreter des preußischen Kultus- und Finanzministeriums sowie des Neichsministeriurns des Innern. Hierauf folgte das Referat von Dr. Jsmar Freund über die Notwendigkeit der zu begründenden Landesorganisation. Sie wollte das große Werk des Reichsbundes nicht hintertreiben, sondern fördern. Nachdem kleine und große Staaten in Deutschland den gleichen Weg bestritten hätten, sei für Preußen, ln dem die Mehrzahl der kleinen Gemeinden aus eigener Kraft sich nicht mehr etatisieren kann, der Zusammenschluß das Gebot der Stunde. Die Genehmigung des geplanten Reichsverbandes abzuwarten sei unmöglich, denn darüber könnten noch Jahre vergehen. Das schnelle Inkrafttreten des Preußenbundes aber sei gesichert. Nach seinen mit Beifall angenommenere Ausführungen ergriffen das Wort für die Staatsbehörden die Herren Oberregierungsrat Israel und die Ministerialdirektoren Joehlinger und Geisenberg. Im Aufträge der Minister bekundeten sie Dank und Gruß und erklärten, daß die Aufsichtsbehörden den Fragen und der Verwirklichung der der Gemeindeorganisation. Beachtung und Unterstützung gewähren wollen. Die Ausführungen verließen das Gebot der bloßen Höflichkeit und gaben die für die Debatte wertvolle Klarheit, daß die Wünsche und Nöte der preußischen Juden jetzt seitens des Staates erkannt und gewürdigt werden. Besonders wohltuend wurde hierbei ein taktvoller Hinweis auf den in seinem Blute liegenden Walter Rathenau empfunden, der für das Vaterland, aber auch für das Judentum sein Leben opfern mußte. Die Generaldebatte wurde von Amtsgerichtsrat Wolfs mit der wichtigen Erklärung der Berliner Gemeinde eröffnet, daß sie die Mühe der Ueberleitung in die Organisation leisten wolle. Nach ihm kamen zahlreiche von begreiflichen Wünschen begleitete Zustimmungserklärungen. Es sprachen: Justizrat Holz für Königsberg und Ostvrenßen. Rabbiner Dr. Freund für Hannover, Geheimrat Goldfeld für Breslau, Justizrat - Baerwald für Frankfurt a. M., Eliel für Köln. Justizrat Kochmann-Gleiwitz fand begeisternde Worte deutscher I Treue und hob mit Recht hervor, was die oberschlesischen. Juden in schwerer Zeit dem Vaterlande geleistet haben. Rabbiner Dr. Blumenthal-Berlin, bekundete für den allgemeinen deutschen Rabbiner verband das Einverständnis der religiösen Führer und ähnlich äußerten ich die Vertreter der übrigen Beamtenschaft. Im Namen der jüdischen Volkspartei sprach Rechtsanwalt Klee-Berlin. Er streifte die alte Judengesetzgebung, die die Atomicierung gewollt habe und begrüßte namens seiner Gesinnungsfreunde auch dieses Teilwerk, das aber nur auf der Basis der Demokratie gedeihen könne. Für die Einigung mit den Trennungsorthodoxen setzte sich Koref-Hanau ein, und der konservative M. A. Loeb-Berlin rühmte die erreichte Parität in den Gemeinden, die die Austrittsbewegung überflüssig gemacht habe. Einen breiteren Raum beanspruchten mit Recht die Darlegungen des greisen Vorsitzenden des Gemeindebundes, Professor Kalischer. Wehmutsvoll verglich er die Einmütigkeit des 23. Januar 1921 mit dieser Stunde, die zum Partikularismus zurückführe und die deutsche Gesamtorganisation lahm lege. Daß tatsächlich Opportunismus und die Kunst des Möglichen die Triebkraft des heutigen kleineren Werkes sei, bestätigt ihm der Zionist Dr. Sandler. Einen wirkungsvollen Abschluß fand dieser wichtige Teil der Verhandlungen durch die Ansprache des Vorsitzenden unserer Vereinigung für das Liberale Judentum e. V., Rechtsanwalt Heinrich Stern. Er führte zunächst die Ansprüche der Trennungsorthodoxie auf das gebührende Maß zurück und proklamierte als Leitsätze für das Gelingen des Preußenbundes drei Forderungen: Schnelligkeit, Vollständigkeit und uneingeschränkte Demokratie! Er fand mit diesen Ausführungen, von deren Beherzigung das Gedeihen der Organisation abhängen wird, verdienten Beifall. Nack) der Mittagspause wurden die etngebrachten Abänderungsvorschläge von Dr. Freund interpretiert und die Satzung paragraphenweise durchgesprochen, das Gemeindewahlrecht der Ausländer und die Lage der Beamten, deren gesetzliche Gleichstellung Lehrer Steinhardt-Magdeburg verlangte, führten naturgemäß zu längeren Debatten. Hierbei ließ der Vertreter des Kultusministers erklären, daß ein leitender Gedanke der Regierung bei Inkrafttreten der Verfassung die Besoldung nach den Grundsätzen des Beamtenrechtes sein werde. Die. wichtige Festlegung dieses Prinzips in der Satzung ist auch Rechtsanwalt Heinrich Stern zu danken. Sein Antrag: „Die Besoldung nach staatlichen Grundsätzen ist anzustreben," wurde angenommen. Die Vereinigung für das Liberale Judentum e. B. hot durch ihren Vorsitzenden hiermit aufs neue bewiesen, daß sie jede Förderung und Sicherstellung der Rabbiner, Lehrer und Kantoren für eine heilige Pflicht erachtet. Auch die Autonomiefrage der Gemeinden veranlaßte noch eine längere Debatte. Unter Wahrung ihrer Rechte werden die Bundesgemeinden zum demokratischen Wahlrecht, überall wo dies angängig ist, verpflichtet, und auch das passive Wahlrecht der Frauen setzt sich durch. Nach verschiedenen Anregungen fand noch eine dritte Resolution Heinrich Stern einstimmige Billigkeit. Diese lautet: „Der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden soll es als vornehmste Pflicht betrachten, der deutschen Gesamtorganisation beizutreten." Daß auch dieses Gefühl der Dankbarkeit für den D. I. G. B. und sein zurückgestelltes Werk seinen Ausdruck erhielt, gewährte den Verhandlungen einen versöhnlichen Ausklang. Unter Stimmenthaltung der Zionisten, die sich für unbefriedigt erllärten, wurde die Organisrtionsverfassung unter großem Beifall widerspruchslos angenommen. Daran reihten sich die üblichen Danksagungen sowie die Glückwünsche der Regierungsvertreter, die bis zum guten Ende ausgeharrt hatten. So ist denn ein großes Werk in dieser sehr ernster: Zeit geschaffen worden, um das sich viele und die liberalen Juden besonders erfolgreich bemüht haben. Die unheilvolle Zeit der Zersplitterung ist jetzt vorüber imb das alte Prophetenwort will wieder wahr werden: „Ich mache sie zu einem Holze, in meiner Hand sollen sie ei ns werden." Möge der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden dieses gottgewollte Mrken entfalten und uns selbst, aber auch der Welt bekunden: Einigkeit macht stark! Minister Dr. Walter Rathenau. Von BenaS Levy, Berlin. Durch ganz Deutschland ging am letzten Sonnabend, den 24. Juni, ein Schrei des Entsetzens. Waller Rathenau ist von Mörderhand gefallen! Er ist für sein Vaterland gestorben, für das er die allergrößten Opfer gebracht hat. Aus einer hervorragenden Stellung, die ihm höchste Ehren und reiches Einkommen sicherte, ist er ausgeschieden, um Deutschland in seiner Not zu helfen. Verblendete und feige Mordgesellen haben ihm heimtückisch das Leben geraubt und dadurch alle die Hoffnungen, die aus Rathenaus Erfolg verheißendes Wirken gesetzt waren, jäh vernichtet. Die Mörder sind vorläufig noch unentdeckt, aber niemand ist im Zweifel, aus welchem Lager sie stammen. Nicht dem Minister, sondern dem Juden Rathenau galt der tötliche Streich. Die Antisemiten konnten es nicht verwinden, daß in Deutschland ein Jude Minister für die auswärtigen Angelegenheiten sein sollte. Mochte er auch noch so hervorragend und tüchtig sein, tut nichts, er war ein Jude, und darum mußte er beiseite geschafft werden. Gleich nachdem Rathenau Aufbauminister geworden war, hetzten die Antisemiten gegen ihn und verfolgten ihn mit ihrem wütenden Haß. Die Wut wurde noch größer, als Rathenau auf den Wunsch und die Bitte des Reichskanzlers Dr. Wirth sich entschlossen hatte, das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten zu übernehmen. Aber alle Verdächtigungen und Verleumdungen prallten an ihm ab, denn Walter Rathenau war ein Mann von reinster Gesinnung, von tadelloser Lebensführung und vorbildlicher Vaterlandsliebe. Er war ein guter Jude, nicht starrgläubig, aber er war, wie sein Freund Bernhard Dernburg wörtlich schrieb „seiner ^asse wie seinem Geschlecht ein treuer Sohn". — Er wies es weit von sich, den Glauben seiner Väter aufzugeben, wenn er früher auch zu Assimilationsgedanken hinneigte. In seiner Broschüre „Höre Israel" hat er seine Stellung zum Judentum freimütig kundgegeben. Die Juden Deutschlands hatten allen Grund, auf ihren Glaubensgenossen Walter Rathenau stolz zu fein, denn er war der Besten Einer. Sein durchdringender Verstand, sein vornehmes Wesen und sein edler Charakter waren die Eigenschaften, die ihn auszeichneten. Er war ein königlicher Kaufmann und er wäre ein ausgezeichneter Diplomat geworden, denn er hatte die richtige Art, mit den Staatsministern im Jnlande und Auslande zu verkehren. Durch seine hervorragende Rednergabe errang er sich in Genua den größten Beifall und die allgemeine Zustimmung. Auch im Reichstag hatte er das Ohr aller Mitglieder, sobald er das Wort ergriff. Seine zahlreichen Broschüren haben einen so blühenden Stil und einen so geistreichen Inhalt, daß sie das größte Interesse in allen gebildeten Kreisen des Inlandes und des Auslandes hervorgerufeu haben. Dieser Mann, der mit seinen Ideen, wie Reichskanzler Dr. Wirth einmal im Reichstage sagte, seinen Zeitgenossen weit vorajiseilte, wäre berufen gewesen, Deutschland ein Retter in seiner großen Not zu werden. Es hat leider nicht sollen sein! Walter Rathenau ist am 29. September 1867 in Berlin geboren worden. Er studierte Chemie und trat später in das Wettunternehmen, die A. E. G., die sein Vater Dr. Emil Rathenau begründet und zu ungeahnter Höhe geführt hatte, ein. Dr. Walter Rathenau war schließlich Präsident der A. E. G. geworden. Als Dr. Emil Rathenau am 23. Juni 1916 in Oberschönweide beerdigt wurde, hielt sein Sohn Walter, nachdem Rabbiner Dr. Weiße gesprochen hatte, eine tief empfundene, poetisch anmutende Trauerrede. Nunmehr wurde er selber, kaum 36 Jahre all, neben seinem, von ihm hoch verehrten und geliebten Vater beigesetzt, tief betrauert von seiner betagten Mutter Ndathilde geb. Neumann und vor: seiner Familie. Mit ihnen verbinden sich in aufrichtiger Trauer seine deutschen Volksgenossen und vor allen seine jüdischen Glaubensgenossen. Mehr WM unö weniger Wologle. Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. L es sing unterscheidet zwischen christlicher Religion und Religion Christi. Dem Konto der christlichen Religion dürsten unter anderem zuzuzählen sein die chreckliche Verfolgungswut gegen die Waldenser, Albingenser, Hussiten, Protestanten und Juden und andererseits die Metzeleien, die die Protestanten an den Juden verübt haben. Wieviel unschuldiges Blut ist durch das Autodafe und den Scheiterhaufen vergossen worden! In den Erinnerungen an Wllhelm von Kaulbach von Josef Dürck-Kaulbach las ich unlängst, daß, als Kaulbach im Jahre 1869 gelegentlich der Heilig- Jugeirvvsreins-Anzeiaen letzte Sette.