Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 22 (2.6.1922)
- Date
- 1922-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MUhÄmleorilmz 0rgcm der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. »*»«»<prets durch die »efchüftSßiel!» »/«ISdrNch M». s» - Staidnimmn. .. „ i.« flfOv 61t SMlgNeber 6« Vereinigung ist der Bezugspreis im oNttgNedSdellrage inbegriffen. A«»elgenprei<: Dies»/, «o breite SMMmeterzeiie Mk. r.— FamINenanzeigen Olt*. uo. »ei Wiederholung Ermäßig. Ulf, 22 4 2. <3Utlf 1922 Die „Jltdifch-Nverale Geltung" erschein« Zeven Treltag und mit ztvei monat- Nchen Beilagen, der toiffenschastlichen Äeltschrist „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jübisch-Nberaler Jugendvereine". Mrdaiktionr SBttlin¥8. SNanerstr. 22 (Bereinigung fite das liberale Subentnn» e. B.) Fernruf: Amt Äentrum t&» Seschtifisstelle u. Anretgeaanaadme: Breslau». Bene tvraupenstr. 7, Buchbruclerei LH. S «hastig ch.md.H^ Fernruf; Amt Ring 421 und 4000. SNmtNrhe Zahlungen, Postscheckkonto Breslau »7 der Fa. LH. <S«hastig O.tn.i.6, Krisis? Don Justizrat Bernhard Breslauer, Ehrenvorsitzender der »Vereinigung für das liberale Judentum e. 23." Es rauscht seit einiger Zeit im Blätterwalde, als ob ein Sturm im Anzuge wäre. Krisis hier, Krisis dort. Prüfen wir einmal ruhigen Blutes, was daran ist. Zunächst, welche Parteien kommen in Frage? Lassen wir als höfliche Menschen den Gegnern den Bortritt. Der Zionismus hat sich in den letzten Jahren ein wenig auseincmder-entwickelt. Zuerst gab es nur Zion and dort nur den Nationalstaat. Als man in Basel daran ging, die Satzung der Vereinigung zu schaffen, scheute man dovor zurück, den jüdischen Staat als Endziel hinzustellen, das würde zuviel Gegner in der Diaspora schaffen. Nach langen vielstündigen Tages- und Nachtverhandlungen einigte man sich auf die „Rechtlich gesicherte Heimstätte." Zum Unheil — denn der schlauere Mandatar von Palästina hakte hier ein. Er sicherte die Heimstätte, aber beileibe keinen Staat, und beileibe kein Vorrecht vor den anderen Staatsangehörigen. Als der Zionismus sich daran machte, die Kinder ln seine Hand zu bekommen, tat er dies offiziell nur, um sie dem Judentum zu erhalten; man fürchtete wieder die Umwelt, wenn man sein Ziel zu offen enthüllte. Dann fiel der Schleier und Blau-Weiß war geschaffen. Als der Zionismus sich der jungen Leute bemächtigen wollte, suchte er sie in Bezirke zu sammeln zur Hebung und Kräftigung des Judentums; das geheime Ziel aber war, um sie ihrer deutschen Heimat zu entwurzeln. Daß man sie zugleich aus dem religiösen Judentum hinaus entwurzelte, übersah man. $ Jetzt braucht der Zionismus Geld für Palästina. Da wird der Keren hajessvd geschaffen; wieder ist die Sammlung notwendig für das Judentum, in Wirklichkeit soll und wird sie, ganz abgesehen davon, daß ein Teil des. Geldes dem zionistischen Nationalfonds zufließt, ausschließlich zur Stärkung des Zionismus dienen. Man schob das Judentum vor, sonst gingen die Gimpel mcht auf die Leimrute. In der Tat hat man damit sogar einige Falken gefangen, und einige'— Papageien. Die Partei lebt sozusagen von der Diplomatie. Die Diplomatie entfernt sich aber, das liegt im Begriff — zu weit von der Wahrheit. In der Tat kriselt es in dieser Partei schon seit längerer Zeit. Man lese ihre Literatur und ihre Zeitschrifterl. Ueber Bedeutung und Inhalt, über Zwecke und Ziele, über den Weg und die Ausführung, über alles und noch einiges mehr streitet man. Steht es so um die Nationaljuden, so steht es nicht anders um die n a ti o n al d e u ts ch e n Juden. Dem Programm dieser jüngsten Partei liegt wie allen anderen ein berechtigter Kerll zu Grunde, aber ein garlz kleiner Kern,. der keiner neuen Partei bedurfte, beu andere Parteien bisher nur nicht oder nicht genügend gepflegt hatten. Es hätte vollkommen genügt, innerhalb der bestehendell Parteien, das Ziel mehr in den Vordergrund zu schieben, statt eine neue Partei zu bilden, die immer wieder neue Kräfte absorbiert und mattsetzt. Dazu kam, daß gar Biele eifrige Parteigänger wurden, die vom Judentum nichts wußten und nichts wissen wollten. Nirgends ist soviel Unrichtiges von jüdischer Religion, vom Judentum, ja von der Judenheit behauptet und in der Oeffentlichkeit vertreten worden, wie in dieser jüdischen Partei. Die Folge ist notwendigerweise die, daß man sich nicht einig ist. Der eine hat doch etwas vom Judentum gelernt. Andere wieder denken an ihre Großväter, deren Vorfahren aus Deutschland nach dem Osten und die selbst aus dem Osten nach Deutschland eingewandert sind. Sie mußten notwendigerweise ungehalten werden, wenn sie in den Publikationen und nun gar in solchen der Tagespresse völlig ungereimtes Zeug über ihre Vorfahren und über sich selbst zu lesen bekamen — bei einem hinsichtlich der Räigion, beim anderen des Kulturzustandes, beim Dritten hinsichtlich der Literatur, beim Vierten über die Gesellschaft. Wenn auch das Mißfallen hierüber noch nicht zur öffentlichen „Krisis" geführt hat, vorhanden ist die „Krisis". Kommen wir von den politischen zu den religiösen Parteien. Wie steht es mit der Orthodoxie? Auch sie ist in Parteien getrennt, das Ostjudentum dabei zum großen Teil verloren oder im Abspringen. Glaubt jemand, der die Verhältnisse kennt, daß die Agudath unter sich einig ist? Und die Gemeindeorthodoxen? Mr kennen eine orthodoxe Separatgemeinde in einer sehr großen deutschen Stadt, von der ein Teil mit der Gemeindeorthodoxie mitgehen will, «ein Teil sich schroff zurückhält; man könnte dadurch (Gott bewahre!) mit einer „reformerischen" Gemeinde in Berührung kommen. Dieser Zwiespalt besteht in einer eben nicht großen Gemeinde; sie führte ftüher (ob jetzt noch, wissen wir nicht) zwei gedruckte Mitgliederlisten; die eine enthiel die Namen der wirklichen Mtglieder, etwa 120—150, die andere die der Mtglieder und ihrer Gönner, d. h. von Ni cht Mitgliedern, die ihr oder ihren Einrichtungen etwas zufließen ließen, mit etwa 5—600 Namen; die Listen wurden je nach Bedarf verwendet. Mer die Gemeinde war trotzdem sehr mächtig und tonangebend. In den Großgemeinden vollends bestehen zwei und mehr orthodoxe Richtungen, die nur bei Angriffen auf die freier gerichteten Parteien gemeinsam arbeiten, im übrigen aber sich untereinander genau so gegenüberstehen, wie sie beide zusammen den anderen. Ja sogar bis in die Gemeindeverwaltung geht der Widerstreit der Orthodoxen untereinander. Man lese die Berichte über die Repräsentantenversammlungen der Gemeinde und beachte die namentlichen Abstimmungen. Kurz auf der einen Seite Chassidim, Msrachi, Agudath und Gemeindeorthodoxie und auf der anderen Seite der ungeheure Abfall im neuerwachten Osten — bei allen Gegensätze, Widersprüche, Uneinigkeit. Und nun endlich wir selbst, die Liberalen. Liberale gab es zu allen Zeiten. Liberal waren die Propheten. Liberal waren im Orient alle, die den gelehrten Wissenschaften huldigten. Liberal waren die Juden in Spanien und Holland, die sich dem Leben und den Gebräuchen ihrer Umgebung anpaßten. Liberal waren in Halbasien diejenigen, die neben dem Talmud Schiller lasen. Immer aber folgten Perioden der Fortentwicklung solche des Rüchchlages. Das haben unsere Großväter und Väter schmerzlich erfahren müssen, die jetzt von der Jugend („Es sind immer die Neuesten, die sich fürchterlich erdreusten") in so hefttgen Worten geschmäht werden. WS die Vereinigung für das liberale Judentum entstand, gab es ein Aufatmen, man hoffte von neuem. Dann kamen die Richtlinien. Ich schraubte die Lampe etwas hoch, Weil Mr deuchte, ' Daß sie. so besser leuchte. Darauf der Kollege: das ist denn doch Zu hoch, sie könnte sonst blaken noch. Und nmnter Schraubt er sie wieder runter. Jetzt ist der Gegensatz zwischen denen, die die Fortentwicklung der Religion in den Vordergmnd stellen, uub denen, die das „Leben" für die Hauptsache erllären, an der Tagesordnung. Der alte Streit in neuer Fassung. Keine Krisis, kein bevorstehender Zusammenbruch, sondern die einfache Entwicklung, und der darauf folgende Rückschlag. Man hat infolge mehrseitiger Einwirkungen Gelehrter und Ungelehrter und infolge des Einflusses von allerhand Imponderabilien Angst vor der eigenen Courage bekommen. Daß unter den Aengstlichen auch Gelehrte und Rabbiner zu finden sind, ist nicht zu verwundern. v Warum aber mußte der Rückschlag jetzt und gerade heilte kommen? Die allgemeine Entwicklung gibt hierauf die Antwort. Die ganze Welt befindet sich in einem Uebergarrgs* stadium: Altes ist gestürzt, neues will werden. Im Kriege haben die Religionen vertagt. Nichts von Dauer hatten ihre Einwirkungen auf die Menschheit geschaffen. Haß, Neid, Rachsucht, Grausamkeit, Unmenschlichkeit waren im Schwange, die religiösen Einwirkungen aus der Vorkriegszeit hatten hiervon nichts zu unterdrücken oder auch nur zu mildern vermocht. Ms der Krieg da war, war alles vergessen, was die Religionen den Völkern vorher gepredigt hatten. Das Geheiß „Du sollst", „Du sollst nicht" war vergessen. Me Gebote und Verbote wurden übertreten, ja gar manchmal die Uebertretung anbefohlen. Nicht einmal den Feldpredigern gelang es, trotz ihrer Zahl in allen Heeren und trotz ihres Eifers für alle Religionen und Konfessionen mildernd einzuwirken. Die Nachwirkung konnte nicht ausbleiben. In politischer Beziehung herrscht überall der Nationalismus. Die religiösen, wie manche anderen geistigen, Bewegungen werden von einem trüben, um nicht zu sagen verstiegenen Mystizismus beherrscht. Um bei den Religionen zu bleiben, — man lese die Auseinandersetzungen der Geistlichen aller Religionen, man lese nur die der schriftstellernden Rabbinen und jüdischen Gelehrten. Ein verschwommener Mystizismus macht sich breit, der es seiner Natur nach nicht versteht, Lehre und Leben mit einander zu vereinigen. Merlei schwer erfundene, geheimnisvolle Ideen tauchen auf, über die Religion als solche, ihr Wesen, die jüdische Religion insbesondere und die Formen der Religionsausübung, deren Wert und Bedeutung für den jüdischen Menschen ins Mystische hineingesteigert wird. Kennen wir doch in einer deutschen Großstadt einen jüngeren jüdischen Gelehrten, der unserer liberalen Richtung sich zuzählt, und der dennoch bet „größte Mystiker" bekannt W So hat sich der mystische Nebel auch auf die jüdische Welt herabgesenkt. Er wird sich verziehen. Meder wird em scharfer Mnd über die Welt fahren, der reine Luft und klaren Himmel schafft, wieder wird ein Mann aufstehen, der scharf die Frage stellen wird: „Ist das ein Fasten, wie ich es verlange?" Bis dahin heißt es für uns Liberale festzuhalten. Nicht eine Krisis im Liberalismus ist eingetreten; ein« neue Strömung zeigt sich im Geistesleben der Welt, eine Neuorientierung. Auch die Religionen werden von ihr erfaßt und die religiösen Gemeinschaften, auch das Judentum. Daher in allen Parteien, in allen ohne Ausnahme die „Krisis". Wo wird sie enden? Uns Liberalen ist es gewiß: die jüdische Religion hat ihren Höhepunkt im Prophetismus erreicht. Zu ihm wird sie sich wieder fortentwickeln. Mcht der Kult der Formen und des „jüdischen Lebens", der Prophetismus ist die jüdische Religion. prophetische Religion vnö philosophischer Liberalismus. Bon M. Wiener, Stettin. In Nr. 17 dieses Blattes hat Dr. B. Kellermann zu den Verhandlungen des letzten liberalen Rabbinertages in einem Artikel Stellung genommen, der sich zum Teil mit den dort von mir vorgetraqenen — mittlerweile im „Liberalen Judentum" Veröffentlichten — Gedanken besaßt. Sie werden als eine Konzession an den Nationalismus charakterisiert und abgelehnt. Was hat es mit diesem Nationalismus aus sich? Und was mit der allein echten jüdischen Religion, die von dem Herrn Kritiker in folgender Weise bestimmt wird?: „Jude sein,.heißt also: In jedem Augenblicke seines ÄbenS fentfcfen für höchste Frecheit und höchste Nächstenliebe, für Menschenverb rüderung und Menschenversöhnung." — Mit der Betrachtung dieser „wahren" Definition des Judentums sei begonnen! Niemand wird dieser Formel als dem knappen Ausdruck des Weges, aus dem der Mensch der sittlichen Vervollkommnung zuschreiten soll, seine Zustimmung versagen. Kein Kundiger auch und gerecht Urteilender wird übersehen, daß der jüdische Prophetismus mit höchster Energie als Herold dieser Ideale in der Bölkevwelt ausgetreten ist und der Welt verkündet hat. daß eine Religion ohne Sittlichkeit keine Religion ist. Die Sorge um das Gute ist ein integrierender Bestandteil der prophetischen und aller ihr entquellenden Frömmigkeit, auch der christlichen, der islamischen in all ihren Verästelungen und Nuancierungen. Aber auch der Buddhismus erschöpft sich nicht in der Forderung des Verlöschens im Nirvana, sondern hat mit großer Kraft, und was mchr besagen will, mit großem Erfolge, eine Ethik der Menschenliebe gepredigt, deren wunderbare Zartheit und Tiefe uns ergreift. Also es steht fest: Jede höhere Religion will, wenigstens dem Prinzip nach. Künderm sittlicher Ideale sein. Die Frage ist bloß, ob sie in dieser Verkündigung ausgeht. oder ob nicht noch andere Dinge von ihr verlangt werden, die möglicherweise vom sittlichen GesicÄsPunkte aus belanglos, von ihrem eigenen aber unerläßlich sind. Mit anderen Worten: ob Religion und Sittlichkeit identisch sind, oder ob jene diese nur als ein Moment in sich befaßt. Der Herr Rezensent vertritt den ersten Standpunkt, und es liegt mir ferne, ihn hindern zu wollen, daß er eine Bestimmung des Religionsbegriffs aufstellt, welche diese völlige Identifizierung gestattet oder gar verlangt. Unzulänglich und aller geschichtlichen Wahrheit widersprechend aber erscheint es. wenn diese Reliqionsidee den Propheten Israels zugeschrieben wird und sie als die Gewährsmänner eines Judentums angerufen werden, für welche Religion und Sittlichkeit ein mtd dasselbe sind. Die Propheten waren enthusiasmiert von dem Gedanken eines heiligen Gottes, der Recht und Liebe vor dem Opferkultus. — vielleicht sogar ohne Opfer — von den Menschen verlangt. Aber dieser Gott war ihnen wirklich keine ..Idee", zu welcher die philosophische Religion ihn verklären will, sondern eine lebendige Persönlichkeit von unerhörter Kraft und Gewaltsamkeit. Sie vernahmen mit eigenen körperlichen Ohren seine Worte, sahen in ihren Visionen wundersame Gestalten um seinen Himmelsthron schweben, wurden mit Uebergewalt von ihm ergriffen, beteten zu ihm mit der tiefsten Inbrunst des gequälten Herzens, daß er seinen Willen wende, glaubten an Wunder und taten welche, sanken unter Schauem der Ehrfurcht vor seinem furchtbaren Walten in den Staub, fühlten sich bedrückt, zermartert. zu Boden geschlagen. Kenn sein Wort sie zur Verkündigung unter die Menschen rief: alles dies von ihnen erlebt in wortwörtlicher Bedeutung. Die historische Richtigkeit dieser Beschreibung muß jeder Mensch zugeben. dev die Bibel liest . _ , JrraendvereinSsArrzeiaeir ir letzte Seite.