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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-04-28 · 17 (28.4.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
17 (28.4.1922)
Date
1922-04-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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tot} Grund von Proporfionäjvahl vom Tounoil (Vertretung der Zeichner), die andere Hälfte von der Exekutive der zionistischen Organisation zu bestimmen ist.-" Äbs. 3. „Vom Council gewählter Board of Trusters «rS 10 Mitgliedern, denen da- Recht zustehl, jederzeit die Tätigkeit des Direktoriums zu prüfen und Wer das ErlstbniS dem Council oder der Oeffentlichkeit zu berichten." Abs. 3. „Die vom Keren Haiessod beschlossenen Arbeiten und Unternehmungen in Palästina werden durch die zionistische Organisation durchgeführt." (!!) Bei der eigentlichen Verwendung der Gelder und Waren sind die Nichtzionisten also völlig ausgeschaltet. „Die Verwendung der Mittel deS Keren Hajessod wird dahin festgesetzt, daß abgesehen von den dem jüdischen Nationalfonds reservierten 20%, 50% für nationale Anlagen und das regelmäßige Palästinabudget und 30% für wirtschaftliche Anlagen verwendet werden sollen." Abs. 9. „Der Keren Hajessod soll schaffen die Grundlagen für den Aufbau der jüdischen Heimstätte in Lrez Israel." Jüdische Rundschau, Nr. 81 vom 11. Oktober 1981. Aus „Die Erlebnisse des Kongresses" von Richard Lichtheim (Mitglied der zionistischen Exekutive): „Daß dieser wirtschaftliche Aufgabenkomplex im Rahmen eines Fonds zusammengefaßt wird, findet seine natürliche Rechtfertigung darin, daß wir Palästina unter einem leitenden Gesichtspunkt, nämlich dem der Errichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk, aufbauen, und daß gerade in der ersten Zeit die einheitliche Führung des gesamten Kolonisafionswerks von entscheidender Bedeutung ist. Diese Führung liegt in den Händen der Körperschaft, die im Mandat als Iewifh Agency anerkannt wird, d. h. in den Händen der Zionistischen Exekutive, diesich dabei des Keren Hajessod als deS großen jüdischen Staatsfonds bedienen sol I." Erklärung der zionistischen Exekufive vom 20. Februar 1922. Jüdische Rundschau vom 28. Februar 1928. Vom 1. September 1920 bis 31. Januar 1922 betrug die Einnahme des Keren Hajessod abzirglich der Spesen (rund 10 bis 12%-) 319.000 Pfund Sterling. Davon 310 000 L. der Exekutive der zionistischen- Organisation für das Paläsfina-Budget zur Verfügung gestellt. Bon diesen ausschließlich wie folgt verwendet: 1. An die zionistische Exekufive in Palästina für das Paläsfina-Budget. 252 253 2. An die A. P. C. für Häuserbaukvedite . . 24 000 3. Für Eintragungsgebühren der Hypothekenbank . . '4. ä Konto der Beteiligung an der Elektvizitäts-und BewässerungKgesellschaft . . 10 297 5. Ankauf der HilsSvereinsschulen '. r . 9 512 6. An die Misrachi-Organisation für ihre Auslagen. . 10 891 7. An den Jüdischen Nafionalfonds .... 2 000 Außerhalb des Keren Hajessod nach Palästina überwiesen 222 000 L. Diese Ausführungen zeigen deutlich, daß die leitenden Männer des Keren Hajessod direkt aus den Gimpelfang ausgehen (Feiwel), daß die Summen, die auch von Nichtzionisten aufgebracht werden sollen, nur zu einem kleinen Teil zu rein wirtschaftlichen Zwecken gebraucht werden sollen, zum größten Teil aber in die allgemeine zionistische Parteikasse fließen und nationalen Zwecken dienen. Die Zahlen der für 17 Monate angeführten Abrechnung ergeben ganz zweifellos, daß zirka 10 000 Pfund der Misrachigruppe übergeben sind, d. h. der orthodoxen Gruppe der Zionisten. Für 9000 Pfund werden Ausrüstungsgegenstände, landwirtschaftliche Maschinen und dergleichen außerhalb Palästinas gekauft. Diese Summen sollen nach dem besonderen Abkommen mit den deutschen Juden, wonach in, Zukunft von Deutschland nicht bares Geld, sondern nur Sachen nach Paläsfina ausgefübrt werden sollen, von Die geborene Cugenöreich. Ein Großstadtroman von Oskar Jons Mil iw (8, Fortsetzung.) - Bisheriger Inhalt: Im posenschen Kleinbahnzua begegnet Propst Skladnh der vor Jahren aus der Heimat ver« schwundenen Regina, mit der ihn einst innige Neigung verbunden hatte; er wagt aber keine Aussprache. Im Kwtlischer Gvafenschlotz. dem heute sein Besuch gilt, bleibt der Grund seiner Verstimmung so unbekannt, wie ihm der all« jährliche Besuch der Jugendfreundin am Eltern« grabe. - Rur Gastwirt Schräder und die Fried« Hofshüterin Zeidler wissen die-, und daß nngerechtfertigter Klatsch Regina in.die Fremde getrieben hat. II. Meseritz, rief der Schaffner, freilich nicht mit dem Ton auf der letzten Silbe, wie es in jenem parodierenden Doppelvers von den sieben Städten Posens heißt. Wie einst Smyrna, Rhodos und fünf andere der Aegaeis um den Vorzug der Geburt Homers stfitten, so sollen auch sie sich nicht einigen können, welche die allerschönste im Lande sei. Für Regina hatte Meseritz nichts lächerliches. Denn dorthin war sie damals zu Verwandten geflüchtet, aber die Verleumdung reiste schneller. Sie war unter nichtigem Borwande abgewiesen und in ihrer Ratlosigkeit nach Berlin verschlagen worden. Meseritz bedeutete darum auch heute noch für Regina die traurigste Station ihres Leidensganges, denn als sie zuerst dotthin kam, hatte sie sich nichts vorzuwersen. Erst in der großen Stadt überfiel die Unbehütete her Liebe Lust und Leid und sie mochte nicht widerstehen, als der junge jetzt an nach Möglichkeit in Deutschland aufgebracht werden. Hierdurch würde die Aktion des Keren Hajessod an einer anderen Stelle für nafionale Zwecke entlastet werden und eine besonders vorteilhafte Verwendung des deutschen Geldes erfolgen, das bekanntlich im Inlande immer noch etwamehr wert sst als im AuSlande. Dadurch kann dann von den in anderen Ländern aufgebrachten Summen um so mehr für nafionale Zwecke verwendet werden. 10 000 Pfund haben zum Ankauf der Schule des Hilfsvereins gedient, d. h. man hat den Keren Hajessod, oder — was dasselbe ist — die Gelder der deutschen Irwen, dazu benutzt, ein Werk, dagegründet wurde, um dem Einfluß der Zionisten entgogenzutreten, nun doch in zionistisches Fahrwasser zu bringen. All das sollte doch die zum Nachdenken veranlassen, die mit gutem Herzen für den Keren Hajessod eintreten. Was hat nun aber trotz dieser Gründe so viele führende Männer unter den Nichtzionisten bewogen, den Aufruf für den Keren Hajessod zu unterschreiben. Als erster und wichtigster Grund wird der angeführt, daß der Keren Hajessod «in der Hauptsache die Lage der unglücklichen Irchen im Osten zu bessern beabsichtigt. Man will die Masse der Ostjuden in das Land bringen, das sie in ihren Träumen feit zwei Jahrtausenden ersehnen; sie sollen dort frei und glücklich leben usw. Demgegenüber ist festzustellen: Es gibt etwa 5 Millionen Ostjuden. Davon können nach Handtke jährlich höchstens 25- bis 80000 in Paläsfina angesiedelt werden. Nach Weizmann, der es noch besser wissen müßte, sogar nur 12 000. Ist das wirklich irgend ein wesentlicher Bruchteil? Gibt es nicht andere Länder, in denen Ostjuden bereits wohnen und wo sie auch in größerer Zahl noch Aufnahme finden können? Sollte gar keine Möglichkeit bestehen. sie in ihrer Heimat besseren Zeiten entgegenzuführen? Sollte die in Polen, der Ukraine, Rumänien allmächtige Entente nicht dafür sorgen können? „Der Keren Hajessod ist eine Sache, die die Allgemeinheit der Juden angcht." Ist daS denn wahr? — Man bedenke, daß alles, oder doch die überwiegende Menge nur für jüdisch-nationale Zwecke verwendet werden soll, und ferner, daß die Kontrolle über die Verwendung nur scheinbar in den Händen von Mchtziomsten liegt und daß gerade diese durch ihre Mitarbeit am Keren Hajessod bewiesen haben, wie leicht sie in ihren Ansichten beeinflußbar sind, so wird das Trugbild von der Allgemeinheit, die an dem Keren Hajessod interessiert ist, durch die Wirklichkeit zerstört. Gerade dieser Hinweis auf den durchaus nationalen Charakter des Keren Hajessod läßt uns dazu kommen, auf das grundlegende Argument hinzuweisen, aus dom wir auf alle Fälle uns veranlaßt sehen, jeden deutschen Juden aufzufordern, sich nicht nur an dem Keren Hajessod nicht zu beteiligen, sondern ihn sogar zu bekämpfen. Wir sehen im Judentum etwas Religiöses. Gewiß: es hat zu allen Zeiten viele Juden gegeben, die von Sehnsucht nach Palästina erfüllt gewesen sind. Aber diese Sehnsucht war im wesentlichen eine vefigiöse. Soweit-es mehr war, ist folgendes zu bedenken: Diese Juden lebten unter bedrückten Verhältnissen; man schloß sie so von der Umgebung, von der nichfiüdischen Kultur ab, daß sie sich nicht als Glieder des Volkes ansehen konnten, in dessen Mitte sie wohnten. Aber diese Abschließung ist doch nicht so stark gewesen, daß nicht Sprache, Kleidung, Gebräuche der Umgebung auch bei den Juden Eingang fanden. Und seit etwa 60 bis 80 Jahren? Wir haben unsere äußere und innere Besreiuna, und nun will man sie von zionistischer und antisemitischer Seite bestreiten? Sollten die Worte unserer Bibel, die von der messianischen Zeit als der Vereinigung aller Menschen sprechen, die das Religiöse als das allein uns verbindende betonen!, die die Schranken der Nation durchbrochen und unS auf die Höben der Menschheit geführt haben und immer wieder führen sollen, umsonst gesprochen sein? Sollten wir um des Traumes eines Teiles willen die Wirklichkeit und Wahrheit verkennen? Die Wirllichkeit. die uns die Engländer als die treibende Kraft und die Nationaljuden als die Betrogenen zei"t. und die Wahrheit, die uns das Judentum als das Höchste erscheinen laßt, was Menschengoist und Menschenaemüt in gott- und leichtsinnige Siegfried Rosenthal mit ihr anbändelte und nach Wochen genießenden Taumels nach Amerika flüchtete. Vielleicht wußte er nicht, zu welchem Elend Regina bald erwachen mußte, und die hatte Hand seines Bruders, dem er nur seine kaufmännische Verfehlung zu bekennen wagte, unterdrückte jeden eigenen Willen. „Erst wenn ich Dich auf dem Dampfer sehe, kann ich berührst sein", hatte Jonas als Chef der Familie kommandiert. — „Wir haben genug mit Dir durchgemacht", lautete das Echo Jettchens, der sonst recht netten Frau. Damit entschied sich auch Reginas Schicksal, das sie nach kurzer Paradieseswonne und so wenig schuldig wie die ersten Pächter dieses meist geschlossenen Lustgattens nach dem Osten Berlins verschlug. Die Pallisadenstraße wurde ihre kalte Erdenheimat; doch auch in den üblen Häusern dieses ArbeiterviettelS schlugen menschliche Herzen, und Frau Witt, zu der Schwiegermutter zu sagen sie noch immer nicht Übers Herz brachte, half ihr über alles hinweg. Auch über die Stunde, in der eine kleine Tugendreich geboren wurde. Am gleichen Tage, als der alte Kaiser starb, kam Regina- Kind zur Welt, und an ihrem Bette klangen die nicht gerade schmerzlindernden, wenn auch wohlgemeinten Wotte ber alten Witt: „Sei se man ruhig, mein Dochter, an so war sterbt man nich, das müssen wir alle durch« machen!" Die junge Mutter konnte nur wimmern, daß ihre Eltern zur rechten Zeit gestorben wären, und bedachte hierbei, daß ihr sehr zarteS Nüdelchen zwar kern Anrecht auf feines verschollenen DaterS bürgerlichen Namen, aber das jüdische Vonecht, der Großmutter Vornamen zu erben, mitbrachte. Den etwas zugestutzten Rufnamen Minni besorgte Otto, Frau WtttS einziger Sohn, und nicht lange darauf schenkte er gutherzig, denn das war er. Regina und Töchterlein das dem begeisterte« MenfHett Hak erstehen lassen können, als eine, oder vielmehr als die Religion? Und schließlich noch etwas: Seit einem Jahre hat die jüdische Gemeinde zu Berlin die Frauenstation ihres Krankenhauses geschlossen, weil die Mittel zu ihrer Erhaltung nicht mehr vorhanden sind. In diesem Winter wollte der Vorstand der Gemeinde aus Mangel an Mitteln das ganze Krankenhaus, ein Werk von Generationen, an die Stadt Berlin übergeben. 'Die Beamten der Gemeinde müssen um jede Gehaltsaufbesserung schwere Kämpfe bestehen. Alle Kulturinstitute der jüdischen Allgemeinheit, Waisenhäuser. Altersversorgungsanstalten, Seminare für Lehrer und Rabbiner leiden bittere Not: und eine Anzahl der Vorsteher, Vertreter und Rabbiner der deutschen Gemeinden hat den Äufruf für den Keren Hajessod unterschrieben? Diese Tatsachen nebeneinanderstellen heißt die Handlungsweise dieser Männer als etwas ganz Unverständliches erscheinen lassen. Und darum können wir nur allen deutschen Juden zurufen: Laßt euch nicht von nafionaljüdischer Seite betören! Oefinet weit Eure Herzen und Eure Hände, um die Not der deutschen Juden abzuwehren, aber verschließt Euch vor allen Verlockungen für den Keren Hajessod!!! dir Me NWule auf M Ser Verfassung unD m üelMoWyentwiO. Von Hermann Becker, Berlin. Keine Frage der inneren Politik bewegt das deutsche Volk gegenwärtig so sehr, wie das Schicksal des deutschen Reichsschulgesetzentwurss, der augenblicklich der Beratung des Reichstages unterliegt. Die poetischen Parteien, die Kirchen- Vertretungen, die Eltern und vor allem die deutsche Lehrer« schast Nehmen für und wider den Entwurf in Denkschriften, Resolutionen, Schriften und Tageszeitungen entschieden Stellung. Auch wir Juden halben — trotz der scheinbar alles überragenden Agitation für den „Keren-Hajassod" und trotz der von den Zionistenfühvem endlich gefundenen Einbeits« front des Judentums, diesem Stein der Weisen, nach welchem die Vesten Männer in Israel seit Jahrtausenden vergeblich suchten — MtS, wenn auch nur zaghast und so nebenher, mit dieser Frage beschäftigt. Doch nur der Mische Lehrerstand hat diese Frage eingehend erörtert, unsere Mischen Eltern haben wenig Zeit für die Beschäftigung mii dieser Angelegenheit gesunden, ebenso haben die religiösen Richtungen im Judentum dazu Stellung genommen, natürlich nur von ihrem einseitigen Standpunkte, während leider die sogenannten liberalen Juden einer bestimmten Stellung, nähme zur Frage der Mischen Volksschule bisher ängstlich ausgewichen sind. Der Grund hierfür mag wohl in dem geringen Interesse unserer Liberalen an der Volksschule seid, die zum großen Teile die Volksschule nur vom .Hörensagen kennen Und auch ihre Kinder selbst nicht in die Volksschule schicken. Micken wir auf die lebhafte Agitation der nicht jüdischen Kreise, die von allen Ständen betrieben wird, dann überfällt uns ein gewisses Gefühl der Schamröte. Wir deutsche Juden haben ein lebhaftes Interesse für außerbeutsche Fragen, wie der Wiederaufbau Palästina, nicht aber für die Volksschule, in welcher als Grundschule für alle anderen Schulen die Kinder aller Stände die Grundlage der Menschheitskultur, also-auch der. .Mischen Kultur, erhalten Zollen. Wir lassen die mehr agitatorische, als den Tatsachen entsprechende Behauptung ins Land gehen, dast in dem ..Keren-Hajessod" die Einheitsfront der deutschen Juden ae- 'lknden ist. Wir, die deutschen Juden, haben kein Interesse an der Zukunft des Judentums, an dem Wiederaufbau unseres deutschen Vaterlandes, in dem wir nun einmal leben und wirken müssen. Denn beide Ziele werden doch wesentlich beeinflußt von der Gestaltung der deutschen Volksschule, ihrer ErNehungs- und Unierrichtspläne und ihrer Lehrer. Wir wollen deshalb im nachstehendem die Frage der Bekenntnis- oder Gemeinschaftsschule von dieser höheren Warle aus erörtern und dabei auch aus die Einwände der Gegner von Gemeinschaftsschulen eingeben. Bei der Erörterung der Frage kommen folgende Gesichtspunkte in Betracht: «) die religiöse, b) die politische, rd die pädagogische, d) die allgemein kulturelle, ch die finan« stelle Seite. a) Der religiöse Gesichtspunkt. „Die Religion ist in Gefahr;" So lautet, wie einst in den Zeiten der schönsten Reaktion, der Schlachtruf der Gegner von Gemeinschaftsschulen, aus dem Lager der Lrihsdorie des evangelischen, katholischen und jüdischen Belwntni'les. Zu allen Zeiten — das lehrt die Geschichte — hat kein Schlagwort die Geister so erhitzt und die Köpfe so verwirrt, selbst solche bis dahin klardenkender Menschen, wie dieses Schlttgwort. Meist mau den letzteren, den klaren Denkern, bei ihrer Stellungnahme zur Bekenntnisschnlo einen Mider- SäugUng und auch dem großen Kinde gleichwenig bewußt gewordene Privileg, wie er zu heißen. Otto war nämlich aufs Standesamt in die Georgenkirchstraße gegangen und hatte dort eine kleine Tugendreich angemeldet und dabei betont, daß der Vorname mit M an« fangen sollte. Da der pensionierte Hauptmann, der dort herrschte, eine kleine innere Belustigung über den Namen Tugendreich angesichts des vorliegenden Falles nicht ganz unterdrücken konnte, ging er, einmal munter geworden und die Hochkulturen preußischen Bürokratentums jäh fliehend, aus der Reserve heraus, der er, militärisch genommen, freilich schon lange genug angehörte. Er diktierte seinem Schreiber, der stramm sitzend auch diesen Frontwechsel salutierte, leutselig eine Auswahl der Frauennamen mit M, die in den Sprachen der Westeuropäer geläufig sind, und verfügte hiervon eine Abschrift. Otto, der damals noch nicht so wohlbeleibt war, legte nach Hause eilend die kleine Liste vor, und Regina entschied sich für Minni, weil es hübsch sei und am ähnlichsten klinge und sicher dasselbe sei wie Michele. Die Listenabschrift wandelte nicht zu den Akten, sondern in die Tasche des Herrn Standesbeamten, und abends bei Lipps, wo die Häupter der Kriegervereine zwecks erster Be« sprechung über die Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten antraten, wurde erst die Aufstellung zur Leichenparade am Großen Stern durchgesprochen und unter Punkt Verschiedenes, wo man schon wieder lächeln darf, auch der Fall Minni Tugendreich zum stärkenden Allasch serviert. Der gleichfalls anwesende Leutnant deS Polizeireviers Büschingstraße, der auch zu den Jnfimen gehörte, notierte sich den Fall, nicht ohne zu bemerken, daß er die hübsche Mutter kenne und daß so etwas bei Juden selten vorkomme, „sagen wir, bekannt werde" — fügte er hinzu. folgt.)

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