Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fteft fett anderthalb IahrKündrrten fmb1, in Mtt Zelt Umpestaltunq, wie sie Wohl leine andere Gesamtheit Mch erlebt hat, in einer Zeit der Umwälzung. wie keine «Ndere religiöse Gemeinschaft sie hat bestehen Und hat durchkämpfen müssen, in einer Zeit deS Auszuges. säst ebenso erttscheidungsvoll, wie einst der Auszug aus Aegypten gewesen war, fast ebenso schicksalsreich, wie einst der Auszug aus dem Heiligen Land, alS die Diaspova begann» in einer Zeit des Auszuges, die eine ganz neue Einstellung der Gedanken, eine ganz neue Einstellung ins jSeben. eine ganz neue Einstellung in die Welt erforderte — in dieser Zeit also, als das Judentum so aus dem Ghetto heraustrat, in die groste Revolution hinein, da wußte daS Auge erst wieder neu sehen lernen, sick zurecht finden suchen in dem weite«« Horizont» hinauszuschauen verstehen in die Weite, die sich nun vor dem Auge eröffnete. Das ist die o roste Aufgabe gewesen, die der wahre Liberalismus erfüllt Hai, und die er noch weiter erfüllen soll. Er hat darauf hingewiesen, weltgeschichtlich wieder zu denken, Weltgeschichte wieder zu erfcchren. den j£on der Weltgeschichte wieder zu vemehmen. Das Judentum kann dessen nicht entraten. Denn wir -Juden stehen in der Weltgeschichte. Das Judentum ist wie eine Kraftquelle inmitten der Welt, wie ein Kraftzentrum, wie ein Induktor, von dem die elektrischen enlen ausqehen. DaS mag auch der eigentliche Grund t, dast wir in der Welt nicht immer beliebt sind, denn 50 wesentlich es für den Antrieb in der Menschheit ist, so st es doch nicht immer für die Menschen bequem und angenehm. wenn sie gleichsam in der Nähe einer krast- Peladenen Maschine stehen. Vielleicht geht viel von der Unbehaglichkeit, die man so oft uns gegenüber empfunden hat. hierauf zurück. Vielleicht hat der Antisemitismus, soweit er nicht politisch oder wirtschaftlich ist. seine Psychologische Wurzel darin, dast dieses unbehagliche Element in der Welt da ist. dieses funken Aussendende, dieser Induktor, dieses Drängende und Treibende. Aber gerade das ist ein Wesentliches des Liberalismus, dieses Bedeutungsvolle zu empfinden, diese Kraftquelle in sich zu erleben, um unser Weltgeschichtliches zu wissen. Es ist wahr, wir Juden gehen in der Welt oft unseren besonder Weg. Mr haben die erhabene, schwere Gabe und Aufgabe der Absonderung. In einer unserer alten Schriften, im Siphra zum 19. Kapitel des dritten Buches Mose» zu dem Heiligkeitskapitel, steht das Wort, dast Gott zu Israel spricht: „Wenn ihr anders seid, dann gehört ihr zu mir. zu dem Ewigen, eurem Gott, urch wenn ihr nicht anders seid, dann gehört ihr zu dem grosten Babel und zu seinen Genossen". Wir haben immer die Wahl gehabt, zu dem grosten Babel zu gehör» zu der grosten Sprachenverwirruttg, der grosten Verwirrung der sittlichen und religiösen Begriffe, zu diesem grosten Komvromist mit der Welt, diesem Babel in der Welt, oder Eigene zu sein, für uns in der Welt stehen zu wollen, unser Eigenes, ''immer sesthaltend, die Gemeinde, die keine Kompromisse' schließt» die sich nicht beugt vor der Anschauung deS Tages und nicht vor dem Erfolge des Tages, die Gemeinde, die an sich festhält, die Gemeinde der Andersseienden, der grosten Widersprechenden, der Dissenters in der Welt. Darum sind wir in der blosten Welt des Geschehens so oft die Einsamen gewesen. Aber in der wahren Welt her. Geschichte sind wir mit den ande«n und für die anderen, gerade weil wir anders sind. In der Welt der Geschichte sinh wir anders, um für die anderen sein zu können, denn man kann anderen etwas sein, nur wenn man ein Eigener ist. Man kann der Menschheit etwas geben, nur wenn man von vielen Menschen sich auch abzusondern imstande ist. Man kann für die Welt leben, wenn man zwar in der Welt ist. aber nicht blost von der Welt. DaS ist die weltgeschichtliche Aufgabe des Judentums. Das ist der Moste Zug in unserer Geschichte. Und wer diesen grosten Gedanken einmal in sich eindringen lästt, wer diesen Mosten Zug einmal erlebt, besten Leben, dessen südischeß Beben bekommt ÄSßalL fifert Stil. Er erlebt eit und erfährt es. dast sein Judentum daS Judentum ist» und dast sein Judentum ihm die Religion aus Erden ist. DaS ist daS eine, das Weltgeschichtliche, das. worin wir in die Welt Hinausblicken» es erleben, was wir der Wett bedeuten, den grosten Horizont unserer Geschichte erfahren. Aber in allem Leben kann man den grosten Horizont in der Welt brausten gewinnen, die grosten Gedanken in der Welt. nur. wenn man den grosten Zug in sich selber erlebt. Man kann es erfahren. dast die Religion, die man hat, die Religion ist. nur wenn man Religiosität auch besitzt. Religiosität, das ist der groste Zug in unserer Seele, der groste Zug in unserem Empfinden, der groste Zug in unserem Handeln. Ein Liberalismus, der blost den weltgeschichtlichen Zug hätte, wäre ein Liberalismus der Predigt und des Buches nur. der Predigt, die der eine hält, und die die anderen nicht hö«n, des Buches, das der eine schreibt, und das die ande«n nicht lesen. Liberalismus wird ein Ganzes erst, wenn das, worin jeder Mensch ein Ganzer wird, ihm gegeben ist. das. was dieses wunderbare Wort, das vielleicht das gröstte der Bibel ist, das, worin der Monotheismus erst zum Monotheismus des Menschen wirb, ihm sagt: “pKtt *7221 "M3 2221 *pab *722 „mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft". Erst wenn ein Mensch irgend etwas ist mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen, mit ganzer Kraft — erst dann ist er ein Mensch, der etwas Großes in sich trägt. Uns kann nicht allen die Genialität des GÄankens, nicht allen die Genialität der menschlichen Handlung, welche bezwingt, gegeben sein. Aber aus einem Gebiete kann jeder Mensch ein Genie sein, auf sittlichem Gebiete, in der wahren Religiosität. Wenn der schlichteste Mensch, der Mensch, dessen Leben im Bescheidensten und Engsten verläuft, etwas ist mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele» mit ganzer Kraft, dann kommt in sein Leben der groste Zug. dann hat er seine Genialität, dann ist in seinem Leben Religiosität, jüdische Religiosität. Sie findet in diesem Worte „ganz" ihren Ton. Dem Judentum ist das sein seelisches Besitztum, ernst zu nehmen, alles ernst zu nehmen bis ins änsterste hin, immer wieder alles verwirklichen zu wollen, und verwirklichen wollen, heistt: bis ins letzte es hinführen, bis zu Ende denken, bis zu Ende handeln, bis zum Ende hinausschauen, bis zu Ende erfüllen. Darin hat die Orthodoxie ihr Jüdisches, ihr echt und genuin Jüdisches. Sie handelt bis zu Ende, sie nimmt es ernst mit allem, was sie übt. sie will die ganze Satzung, daß ganze Gebot beobachten, den Sabbath bis in die letzte Bestimmtheit» das Verbot und das Asketische, ohne das kein religiöses Leben existieren kann, bis zum letzten Ende, bis zur letzten Erfüllung. Sie darf mit Recht ^ch jüdisch nennen. Noch klarer sehen wir es in dem, was wir als das Prophetische, als das eigenste Jüdische bezeichnen. Welchen Zug» welche Kraft wir darin immer betrachten, ob das unbedingt Gebietende, das Kategorische, ob das Universelle, das Einende, ob den Messianismus, das Ausschauendo, ob die Gabe des Märtyrertums, das Verinnerlichende, ob das Soziale, das Revolutionierende, dieses sogenannte .»Ferment der Decomposition", diese Fähigkeit, die Welt umzuändern, umzugestalten, zu verneinen um ganz zu bejahen, um das Gottesreich aus Erden zu gründen — es ist immer dieses selbe, dieses absolute Ernstnehmen, dieses bis zu Ende Denken. Wenn das Judentum in der antiken Welt das Unantike und in der modernen Welt, Gott sei dank, das Unmoderne ist, so ist es das immer gewesen, weil es diese Kraft des Ernstnehmens besessen hat. nicht etwas blost war. was hier stehen konnte und dort auch, sondern absolut ernst machte bis zu dem unmodernen und unantiken Märtyrertum hin, absolut emst machte bis zu dem unmodernen und unantiken Messianistischen Gedanken der Forderung des Gottesreiches in der Menschheit. In einem Buche, das in unserer Bibel zivar nickt skehi, abet Von Ment IMst W schrieben ist und in seinem Gründe ein jüdische- Buch ist, in der Apokalypse des Johannes, steht daN den Leuten dott Laodicea. von diesen Leuten, welche „lauwarm" sind; Gott wird sie „auSspeien aus seinem Munde" am Tage des jüngsten Gerichts. Das ist eine kühne Metapher. Aber der jüdMe Gedanke hat sie gebildet. Judentum heistt ernst nehmen, emst machen, sich nicht mit dem Wort be* gttügett, denn einem Wort, das blostes Wort bleibt, fehlt eben der Ernst, einer Rede, die nur Rede bleibt, fehlt das Jüdische. Sich einsetzen, etwas sein mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, Mit gaNDe Kraft, nicht nur hingehen, um sich zu begeistern, sondern etwas leisten,» nicht nur hingehen» um zu «den oder um zu hören, sondern etwas erfüllen, Opfer bringen — das ist Judentum, das ist jüdische Religiosität. daS ist uns das liberale Judentum, denn das bringt den grosten Zug in unser Leben hinein. Der weltgeschichtliche Zug und der Zug des Emstnehmens — das beides zusammen gibt dem Judentum seinen Charakter. Dies beides steht Nicht nur nebeneinander als bloste Synthese, sondern es ist eine Einheit, derart» dast das eine das andere bewirkt und offenbart. Denn wer einmal dessen gewiß geworden ist, was das Judentum ist, wie es, nachdem es Jahrhunderte hindurch wie eitt erloschener Vulkan erschienen, in all dieser Zeit die Kraft in sich gesammelt hat. um wieder das Jener aus seiner Mitte hervorgehen zu lassen — wer dieses lebendige Wirken des Judentums, dieses Weltgeschichtliche, diesen grosten historischen Zug erfahren hat, der wird alsbald auch ein Jude werden, wird imstande sein, das Gebot zu erfüllen, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft. Und umgekehrt» wer einmal dieses ‘■jttfS] *7221 ^22*7 252 -pKö *7221, dieses Kategorische» dieses Unbedingte, dieses Gebietende ganz erlebt hat, dem wird das Weltgeschichtliche des Judentums zuletzt doch in sein Bewußtsein eintreten. Unsere Ausgabe als liberale Juden ist es, diesen grosten Zug, dett nach innen wie den nach austen, immer wieder zu verkünden und in uns zu beweisen. Wir sollten den anderen vorangehen. Jeder unter uns müstte gewissermaßen sagen: das Judentum, die Religion — das bin ich. Es gibt nur eine Realität in der Welt. Nicht das Buch, nicht die Zeitung, nicht die Rede, nicht die Verkündigung ist sie. Es gibt nur eine Realität auf Erden, das ist der Mensch. So viele Juden, so viele wahrhaft liberale Juden wir haben werden, so viel Judentum, so viel liberales Judentum werden wir besitzen. Alle Berbesierung der Welt» alle Erneuerung fängt bei uns selber an. Beginne bei dir, gib dir den grosten Zua, den lebendigen Emst, dann hast du für das Judentum gearbeitet. Wir haben lange dazu geneigt, unser Judentum zu sehr hinter uns zu erblicken. Wir haben immer nur PW Gotte der Väter, vom Gotte der Ahnen gesprochen»' sinrneb nur uns daran erbaut, dast es einst Juden gab, welche fromm waren, Juden, welche es emst nahmen. Und de«n Auge den Blick in die Weite besäst. Wollen wir die Lehre unserer Religion immer nur hinter uns sehen, uiw nicht vielmehr vor uns, als die Feuersäule, die vor uns eiNherzicht und uns den Weg weist? Und wir wollen unsere Religion auch nicht immer blost neben uns sehen, nicht blost fordern, dast es Menschen neben uns auch gäbe, welche ganze Juden sind — soll dieser so unjüdische Standpunkt, dast es einett in der Gemeinde gebe, der die Frömmigkeit und die Religion für alle besitze und praesttere, etwa der silbische werden? Und wir wollen auch uns nicht Nur immer neben unserem Judentum sehen, indem wir immer nur abwehren, immer nur sagen und beweisen, dast wir kerne Mörder, keine Wucherer, keine Verderber sind, — immer nur abwehren, das demoralisiert schliestlich den Menschen, und diese Demoralisation droht unserem liberalen Judentum auch als Gefahr. Vor uns wollen wir unseren Gott Die geborene Digenüreich. Ein Großstadtroman von Oskar JonaS Miltman. Der Diensthabende hob den Arm, um das Fahrt-eichen -u geben. Die polnischen Bauern, welche wie immer am Markttage den Bahnsteig füllten, sahen mit der bekannten Mischung von Verblüfftheit und Bewunderung auf den haltenden Zug, als sei er -um allerersten Male aus dem Lande Unbekannt ins Posensche hereingedampft. Die Bürger und Händler führten ihre lebhaften Gespräche an den Wagenmrstern; da kam mit schnellen Schritten, aber doch des Pfarrherrn Würde wahrend Propst Skladnyaus dem Stationsgebäude. Der deutsche Vorsteher ließ als guter Katholik den Arm sinken, um sogleich die Hand grüßend zur Mütze zu heben, alles Männervolk lüftete Kappen und Hüte, die Bäuerinnen und Kinder sanken halb ins Knie und murmelten: „Riech bedzie pochwalony . . während der Propst diese ganze Huldigung mit einem matten Winken und starren Lächeln abtuend im einzigen Wagen grüner Färbung landete. Eigentlich war es nur ein halber zweiter Klasse, denn der übrige Teil gehötte der dritten Güte an. So stand denn der stattliche Mann nach eiligem Gange aüsatmend und die Stirn mit dem Tüchlein tupfend im Geitettgang und spütte trotz kräftiger Konstitution die Nachwehen der letzten Rotweinnacht, die streng genommen bis in den jungen Tag hinein ihre Purpurflügel geschwungen hatte. Auch mit seinen 62 Jahren war Romuald noch immer der Frauen Abbott und ganz und gar von jenem Typ, den irgendein polnischer Kirchenfürst, in dieser einzigen Beziehung dem ersten Friedrich Wilhelm potsdamischer Linie gleichend, als Ausmaß für seinen Klerus erfunden und verewigt hatte. Groß und breitschulterig, ohne aber korpulent zu sein, rmii mit jener sanften Rundung des Leibegestaltet, die in seinen Jahren zum Priester gehört und vom Volke als Sitz der Biederkeit empfunden wird, so war Skladny, und sein massiver Herrscherkopf trug die Farbe der Gesundheit. Davon zeugte auch noch sein helles, erst leicht ergrautes Haar, das einst voll und wallend Haupt und Schläfen schmückte und vor allem die Augen. Sie blickten fast immer streng und befehlend unter den buschigen Brauen hervor, und selbst, wo sie sich mühten, sanft zu scheinen, war ihr Ausdruck »roch hart, gls wüßten sie nichts von Milde. So auch jetzt, obgleich nichts geschehen war, was Skladny hätte verstimmen können. Daß er beim Durchschreiten der ungepolstetten Abteile einer Gruppe besserer Cylinderhüte, von leichten Rauchschwaden umwogt — begegnet war und, während er die Verbindungstür hinter sich heranzog, das Wott: „wird auch schon alt" hatte hören müssen, verübelte er keineswegs. Das ließ auf „reisende, jüdische Beerdigung" schließen, und die nun einmal vorhandene Lebhaftigkeit der Leute fand in ihm keinen Feind. Im Gegenteil, er war den Juden freundlich gesinnt, wenngleich sich dies bei ihm nie bis zu offener Patteinahme steigerte. Seine diplomatische Natur wirkte lieber hinter den Kulissen, und die jüdischen Kaufleute und ihre Ehefrauen wußten sein Loblied zu singen» weil er die Marinkas und Maruschkas und manchen polnischen Knecht vom Beichtstuhl in die Läden und Küchen schickte, damit sie durch reumüttge Mckgabe entwendeten Gutes sich von Schuld befreiten. Mn fuhr der Zug mit seinem prustenden Maschinchen schon durchs Birkenwäldchen, und der Propst wußte jetzt den leicht ausgeruhten Körper wieder in guter Verfassung, so daß er sich vom Fenster, daS er bisher, scheinbar zum See herüberblickend, nicht verlassen hatte, abwandte und in die Kissen sinken ließ. Erst jetzt gewahrte Romuald, daß er nicht allein war. Auf der anderen Seite saß eine Dame unbestimmbaren Alters, aber guter Figur. Nicht nur wegen ihrer gewählten auch das Antlitz verhüllenden Trauerkleidung reihte Slladny sein Gegenüber sofort in eine andere Sphäre als die Herren nebenan und zog das goldgeschnittene Brevier heraus. Wohl mochte er sich nicht in das zierliche, wundervoll farbig gedruckte und mit vielen bunten Bändern geschmückte Lederbüchlein versenken, aber nach seiner Erfahrung empfahl sich diese Anknüpfungsmethode. Er las nicht und hatte es auch nicht nötig. Denn den Inhalt kannten Kopf und Zunge geläufig, und zur Andacht fühlt er sich nicht gestimmt. Um eine entlegene Stelle überdenken zu können, hätte er den Kneifer aufsetzen müssen, und als Aesthetiker machte er von diesem Hilfsmittel gegen seine Uebersichtigkeit nicht gern unterwegs Gebrauch. Nun ließ er sein Rüstzeug sinken und musterte die Reisegefährtin, die er im Stillen schon unter die Rubrik „Eisblock" eingetragen, aber zum Austauen zu bringen beschlossen hatte, wohlgefällig und genauer. Der Propst erschrak gewaltig, und eine ungeheuchelte Qual stand in seinem Gesicht. Das war Regina! — Aber steinern und ohne Zeichen ähnlicher Empfindung saß die schöne Jüdin, wie er sie einst genannt hatte, ihm gegenüber. Ihr Auge suchte nicht die Landschaft und markiette auch nicht jene Leere des Blickes, die in gewissen Kreisen für fein gilt, aber von den meisten schlecht imitiert wird. Nein es war kein Uebersehen, aber völliges Verschlossensein. Mit innerem Seufzen und doch einer gewissen Erleichterung Hütte Romuald die Bremsen anziehen und die Räder schleifen; gleich kam Kwiltsch. Aber noch im Aussehen schwankte er, ob er nicht Mut fassen und etwas sagen ollte. Schon erschien draußen der gräfliche Wagen mit den änzelnden Schimmeln, und in ihm bemerkte man die jungen Damett, die mit dem ganzen Ungestüm des Kölnischen Adelsblutes ihren Seelsorger erwarteten und sich schon vorher NM den Platz an seiner Seite stritten. Skladny stand eine Sekunde unschlüssig im langen Mantel. Nein, er vermochte nicht, ohne ein Wort zu scheiden. Seine Füße in den hohen Schaftstiefeln hätten sich nickt bewegt. Damm verbeugte er sich tief gegen Regina und die Hand auss Herz legend ttef er in echter Leidenschaft: „Pardon!" Dann verließ er den Wagen, aber weder Gruß noch Antwort nahm er mit. Äuck» nicht ein Neigen deimmer noch schönen Hauptes war chm zuteil geworden. (Fortsetzung folgt.)