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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-03-24 · 12 (24.3.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
12 (24.3.1922)
Date
1922-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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m IilöW-liberale Zeitung Die,Mdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch dle Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljädrUch Mk. 6- Ginzelnummer 60 Vf. 3oMunoen aufVvstscdeckkomo Breslau 45387,SüDlftö- »derale Äeiwng, Kostenverwaltung, S.Bayer, Breslau i Geschäftsstelle: Breslau 3 Neue Sraupenstraste 7, l. Anvadmrschluft für Bertihtt: Montaa mittag Sprechstunden der Schrlflleltung: Montag bis Freltog 12—i vorm, ln der Geschäftsstelle. Aiwavmeschiu» für Anzeigen- Dienstag frttd Dle 3',, cm breite Mllllmeterzetle kostet i Mk.. Samilieaanzeigen 70 Pf. Bel Wleberdotung Ermä-lgung II. Larlf Nr. 12 Breslau, den 24. März 1922 2. Jahrgang Zur Beachtung! Alle für die & Redaktion der „Südisch iibrroien Leitung" brfitmmten SInlendungen vvnMonuskflpten, »erichten ufw., sowie Ärliunoa-Iledrrweisungen sind Mnittg an folgende Adresse der AebaMon zu richten: Berlin V S, Nauerstr. LL (Vereinigung für das liberale Jutentum). V .SB.BSSSdBdd Uebee den „zersetzenden Einfluß des Judentums". Bon Dr. M. Spanier, Magdeburg. Zu dem eisernen Bestand des antisemitischen Arsenals gestört die Lügenphrase von dem zersetzenden Einflutz des Judentums, die selbstredend in den: Programm der deutsch-nationalen Volkspartei nicht fehlen darf. Hier nilt des Dichters Wort: „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein." Der Monotheismus. das Nreigentum. der Hort und die Grundlestre des Judentums, hat an sich und in sich nichts mit Zersetzun.aen gemein, das Judentum trägt einen streng synthetischen Charakter, cs zielt auf eine Verbrüdcjcwiq der gesamten Menschheit hin.. Rudolf von Raumer spricht es geradezu aus, datz in den Juden eine natürliche Disposition zum Monotheismus in höherem Matze vorhanden war. als in den Hauptvölkern des t-udogernttmische.it Stammes, und datz das monotheistische Christentum „seine Haupt- und Pfahlwurzel unbestreitbar im Alten Testament hat". (Siehe dessen „Vom deutschen Geiste". Erlangen 1859.) Dieses Wort Räumers wird man doch wohl nicht als slusflutz des jüdischen Natioualgeistes urtb semitischen Hochmuts bezeichnen dürfen. Ader streng objektiv zu denken, ist nicht jedermanns Sache — aber qar nicht vorhanden ist es bei den Alldeutschen oder Antisemiten. Diese Spezies beherrschte wahrend der Knegszeit die sogenannte Expansionspolitik; sie hätte mit Wonne Polen, das Erzbecken von Bviey, halb Belchen ustv. cinverleibt gesehen. Es hat aber keiner dabei in Erwägung gezogen, datz hierdurch leicht ein ,Zersetzungsprozetz" sich entwickeln könnte. Es bekundet einen schwachen Gcschichtssinn, die gegenseitige Beeinflussung im Völkerlebeit zu leugnen oder für schädlich zu halten. Die jüdischen zehn Gebote waren nicht Privatbesitz, sondern sind Allgemeingut der gesitteten Menschheit geworden. In seiner oft genannten Schrift „Die Sendung Moses" bemerkt Schiller: „Zwei Religionen, welche den qrötzten Teil der bewohnten Erde beherrschen, das Christentum und der Ismaelismus. stützen sich beide auf die Religion der Hebräer, und ohne diese würde es weder eilt Christentum noch einen Koran gegeben haben." Datz Jesus ohne die jüdische Geschichte nickst denkbar ist. kann nickst anaczweiselt werden. Aber eine Berguickung so heterogener Begriffe wie Religion und Deutschtum ist durchaus unzulässig und nur durch Geistesverwirrung erklärbar. Ebenso setzt es eine grotze Dosis Fanatismus voraus, einem christlichen Staat das Wort zu reden; dieser von engherziger Gesinnung zeugende Begriff rührt bekanntlich von dem getauften Juden Friedrich Julius Stahl her, dem geistigen Vater der konservativen Partei. Hier kann wirklich von einer Gefährdung und Zersetzung der deutschen Volksseele gesprochen werden. Aber das Judentum als solches stebt dem völlig fern. Datz Inden christliche Denker und Dichter beeinflusst haben, ist autzcr allem Zweifel. ' Aus Goethe hat der holländische Jude Spinoza einen umfassenden Einflutz ausaeübt; war diese tiefeinareisende Wirkung zersetzender Art? Ja, für die. die den größten deutschen Dichter vom Liliputaner- Standpunkt aus betrachten, den Olympier nach beschränkter Denkungsart modeln und die Reliaions- und Gewissensfreiheit nur für sich in Anspruch nehmen möchten. Zu den grötzten Lyrikern nach bent Tode Goethes zählt der getaufte Jude Heinrich Heine, dem selbst der arotze Hemetöter Härtels den Lorbeerkranz nicht zu entwinden vermag. Worin bestehen hie zersetzenden Momente, die .Heine vorgeworfen werden? Der scharfe Witz, die Ironie, der Sarkasmus, der urplötzlich die herrlichste und heiligste Stimmung bei ihm zumal in seinen poetischen Schöpfungen unterbricht. Das wird auch als spezifisch indisch gegeitzelt. Aus dem Altertum sei nur auf Aristophanes hingewiesen, dem in seinen Komödien Ironie und Witz als Waffen gegen seine zahlreichen Widersacher dienten. Bon Dichtern neuer und neuester Zeit obgesehen, deren Schriften von Ironie und Witz übersprudeln. Auch wird Heine wegen seines „Iranzosentums", seiner Svmpathie für die Gestalt Napoleons, scharf angegriffen. Man vergißt dabei, an die Bewunderung Goethes für den protzen Korsen zu denken, vergibt, daß Goethe bei der Volkserhebung 1813 feinem 23jährigen Sohne die Erlaubnis versagte, sich den Reihen freiwilliger Kämpfer für die Freiheit des Vaterlandes — gleich vielen jüdischen Jünglingen — anzuschlietzen. Der grotze deutsche Ächter studierte während dieser Zeit-chinesische Geschichte. Denn Wissenschaft und Kunst, meinte Goethe, acbören der Welt an, und vor ihnen verschwinden die S ch r a n - kenderNationalität. Je bezug auf Heine zitieren wir einen einwandsfreien Zeugen: Heinrich von Treitschke. Dieser Historiker schreibt: „Heines unsterbliche Werke sind wahrhaftig nicht jene internationalen Witze, um derentwillen ev le seul pöete vraiment parisien genannt wurde, sondern die schlichtweg deutsch empfundenen Gedichte, so die Loreley, dies echte Kind deutscher Romantik, so jene herrlichen Verse: „Schon tausend Jahr mir Graccia", die noch immer alles zusammenfassen, was die Deutschen seit Winckelmanns Tagen über die Schönbeit der hellenischen Welt gesungen und gesagt hatten. Wir fügen noch unter vielen anderen Liedern hinzu: . Leise zieht durch inein Gemüt". „Im wunderschönen Monat Mai", „O, Deutschland, meine ferne Liebe, gedenk' ich deiner. Wern' ich fast!", „Ich hatte einst ein schönes Vaterland". — Die Iudenhasser machen auch das Judentum für die sozialen und politischen Wirren, bei denen Lassalle und Marx eine wichtige Rolle spielten, verantwortlich. . Wen« große Volksmassen auf die Ideen dieser beiden Tribunen reagiert haben, so hat die Empfänglichkeit ihren Ouellpunkt in dem zugespitzten Gegensatz von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Tätigkeit der Agitatowu ist sicherlich nicht von dem Wesen des Judentums, das sie kaum gekannt, inspiriert worden. Von der Sozialdemokratie bis zur materialistischen Weltanschauung ist nur ein Schritt. Datz das Judentum dem Materialismus Vorspanndieuste geleistet und noch leistet, ist eine Selbstverständlichkeit — bei unseren Germern, die diese alte Lüge immer wieder aus der antisemitischen Rmnpelkammer bervorholen. lieber die Ursachen der Zersetzung im deutschen Leben, sag: Bartels, brauche ich mich nicht des weiteren ausrulassen. die Worte Industrialismus und Judentum genügen da beinahe (!!). Diesen! Literarhistoriker alldeutschen Charakters lioot natürlich besonders „die aeaenwärtiae literarische Dekadenz" — selbstredend boit Juden bewirkt — am Herzen. Dabei ist m bemerken, datz Heinrich Heine und viele andere jüdischer Abstammung ein besseres Deutsch geschrieben und schreiben, und in den Bahnen MiD-MtM JupMii zu MM. Montag, den 27. März 1922, abends 8*/4 Uhr. im Saale der Gesellschaft „Eintracht", Tanenhienstratze 12 (Einaang nur Anger> Vortrag des Herrn Religionslehrer Dr. Davidsohn: was pessachfest und die hagadah". Montag, den S. April 1922. Bortrag des Herrn Pastor Moering: Recht und Grenze des theologischen und religiösen Liberalismus. Montag, den 10. April 1922: Dortrag des Herrn Dr. Robert Naumann, Vorsitzender des Ili-Liegnitz: Bismarck und die Juden. Freunde und Anhänger unserer Bewegung alS Gäste willkommen. Für die ordentlichen Mitglieder (im Alter von 18—35 Jahren) ist der Beitrag für daS 8. Quartal am 1. April fällig. Der Pflichtquartalsbeitraa beträgt Mk. 10.—. Einzahlungen auf Postscheck-Konto Breslau 17443 A. Berger. Unsere Ankündigungen erscheinen »o« der April» Nummer ab auf der l e tz t e n Sette. deutschen Geistes verankert — Hervorragenderes geleistet haben, als Meister Bartels. Doch Brutus ist ein ehrenwerter Mann, das sind sie alle, alle ehrewvert. Nun zum Materialismus und Judentum. Hören wir, wie ein bedeutender Professor der Philosophie. Ludwig Stein, sich hierüber äutzert. In feinem schönen Vortrag: „Die Juden in der neueren Philosophie" (Berlin 1919). der viel Anregungen bietet, heitzt es: „Jedenfalls scheint mir die philosophiegeschichtliche Ieststellnng bemerkenswert, datz die Juden, denen ihre Gegner stets den Materialismus als Lebensanschauung, zum mindesten als Lebensführung zum Vorwurf gemacht haben, weder im Altertum, noch im Mittelalter, noch endlich in der Neuzeit einen Materialistelz von der Prägung eines Demokrit. Epikur, Lukrez, Habbes, Gassendi, de la Mettrie, Holbach, Czolbe, Büchner und Moleschott gezeitigt haben." Es ist gar rücht uninteressant, da in einer ausgezeichneten Schrift von Professor Ernst Bergmann, Leipzig: „Der Geist des 19. Jahrhunderts" (Breslau 1922) zu lesen: „Bon hier aus (nämlich vom Neovitalismus unserer Tage) bis zur Wiedergeburt des religiösen Menschen ist nur ein Schritt. Vielfach lebt er schon wieder.in der gewaltig anschwellenden religionsphilosophischen Literatur, in der Schule B e r g s o n s llnd H n s s e r l s". Die letztgenannten Gelehrten sind jüdischer Abstammung,, der erstere ist Professor in Paris, der andere Professor in Göttingen. Professor Hermann Cohen, dessen Idealismus über jeden Zweifel erhaben ist. ist in jüngster Zeit oft — ivenn auch noch immer nicht genügend — in Schriften und Zeitungen gewürdigt worden, wir ehren in ihm eine Zierde der deutschen Iudenheit und können an dieser Stelle von einer eingehenden Charakteristik dieser edlen Persönlichkeit Abstand nehmen. Die beiden Professoren Bergson und Hnsserl sind weiteren Kreisen weniger bekannt. Nur einiges über diese Gelehrten. Mr folgen . hier den GLdankengängen Professor Vevwehens. Man hat vielfach die Ueberschätzung des Verstandes als die Krankheit unseres Zeitalters bezeichnet und gegenüber einseitiger Pflege des Begrifflichen und Berstandesmätzmen eine starkem Berücksichtigung des Erschauten (Intuition') und Gefüblsmätzigen gefordert. Bevgson ist kein Verächter der Wissenschaft und des Verstandes, doch weist er beide in ihre Grenzen zurück. Er betrachtet beit Verstand als unfähig zur Erfassung des eigentlichen Lebens, des Lebenbioen im Unterschiede vom Leblosen. In allem Gewohnheitsmäßigen, in dem Mechanischeit und Automatischen fiitdet Bergson die Erzfeinde des Lebens. Als Logizist will H u s serl die Klärung aller Begriffe an den anschaulichen Gegebenheitelr, eine „Wesensschau" im Sinne der Aufzeignna allgemeinster letzter Erlebnisse, in deren Anschauen schlietzlich alle Begriffe gründeit. Wer die Welt der Iarbcn und Töne nicht wahrnimmt, ist antzerstande, Urteile über sie zu fälleit. Wer solche grundlegenden geistigen oder sinnlichen Attschauungen nicht erlebt, bleibt allen weiteren Beweisversuchen unzugänglich. Diese kurze Kennzeichnung mag hier genügen. In dem erwähnten Buch von Bergmann ist nur einmal vom Judentum die Rede, und dieses eine Mal ist wohl auf einen Druckfehler zurückzuführen. Es heitzt daselbst Seite 15: „Im deutschen Klassizismus wendet er (nämlich der deutsche Geist) sich dem Griechentum zu. in der Romantik dem christlichen Mittelalter, im Schopenhauer'schen Pessimismus denk Judentum", soll wahrscheinlich Indertum heißen. Dies nur nebenbei. — Kürzlich ist Dante au* Anlatz seines 600jährigen Todestages von allen Seiten gewürdigt worden, und sein unsterbliches Mistertverk: „Die göttliche Komödie, war vielfach Gegenstand kritischer Erörterung. Wenn dieser grotze. scharfsinnige und scharfsichtige Seelenkenner Inden im „Paradies" einen Platz einräuntt. so ist das ein Beweis, wie er sie bewertet hat. Und tveim die uralten Klagett über den „zerfetzenden Einflutz des Iudentums" lmd die „Bersudung" immer vott neuem erhoben werden, so beweist das, datz die Juden nicht dem Iluchc der Gleichgültigkeit verfallen sind, smtdern eher überschätzt als unterschätzt werden. Zum Schlutz sei noch des „Zersetzungswerks" einiger Dichter jüdischen Glaubens gedacht, deren Lieder den besten Erzeugnissen der Kriegslyrik zugezählt werden. Ueber Dr. Zuckermanns „R e i t e r l i e d" hat man geurteilt. ..datz hier intuitiv der reine Volkston getroffen" sei, und die „Kölnische Zeitung" erbebt deit Dichter mit seinem Liede „in die geschichtliche Unsterblichkeit des grötzten aller Kriege". Ernst L i s s a u e r s berühmtes ..Natzlied' geaen England" baben wir wecren seiner Matzlosiakeit nie gebilligt, aber selbst Volt christlich-konservativer Seite schrieb man über das Lied: es „e n t s p r i ch t d u r ch a u s .u n - serer Ge m ü 1 sst i nt mnng,. den Tiesen der deutsch e n Bol k s s e e l e". Reiche Anerkennung fand auch u. q. das Lied „Ostpveutzischer Landsturm" Wa lther 000002020200000153000001020148535348000001020000000102000002020101010448

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