Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 11 (17.3.1922)
- Date
- 1922-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ÄLWlsch-«bemle Zeitung Dir ^Sadlfch-Ndrrale Zeitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die «eschastSftelle bezogen. vterteljadrilch Mi. 6.- Siuzetnummrr 60 Vs. Sadlungen oufBoflKbedlonto Lrrslau 4S3S7,2üdlsch- Uverole Leitung, ftaffetibertoaltung, SDogrr, Dresiaul Geschäftsstelle: Breslau 3 Neue Graupenstraße?, I. Annadmefchiu» für Berichte. Montag mittag Sprechstunden der Gchriftleitung: Montag dis Freitag 12—i vorm, in der Geschäftsstelle. Annaymeschlud für An,eigen: Dienstag früh »K 3Vi<m trrtle anilUmeterstllt lotttt t 31»., zomMrnanretgen 7015t. BeiMederdolungGrma-igung ILXarif Nr. ii Breslau, den 17. März 1922 2. Jahrgang I 3ur Beachtung! | || Alle far die || I) Nedaklion U |\ der „Siidtsch liberalen Leitung" def{ 1/ stimmten Einsendungen von Manuskripten, lf |\ Berichten usw.. sowie Leitungs-Leberf| II Weisungen sind künftig an svigendr Adreff» %i |\ der IkedaNivn »u richten: ff I Berlin Lv 8, Mauerfir. 22JJ Wß rtWftfnimtnft fiti* Art« ftfw>tvifo ^htAMifiittiV -B sß fftttPMninunet fiti* Art« ftftot'rtf* ^htAMifiittiV « ... Der gegenwärtige Bstsnö der „MWen Rheologie" mö Me Wege 511 feinet Derbelfetung. Von Geheimrat Ed. König, Bonn. In den neuesten und weithin herrschenden Büchern, die unter dem Titel „Biblische Theologie des A. T." erschienen sind — das so betitelte Buch von Stade (1905) und das von Kautzsch (1911) — wird im wesentlichen folgendes Bild von der altisraelittschen Religionsgeschichte entworfen: 1. Bor allem läßt man trotz der ausdrücklichen Nachrichten aller ältesten Quellenschriften (1- Nios. 12, 1; Jos. 24, 2 flg. usw.) Abraham nicht mehr den Anfänger einer neuen Periode in der R e 11 fl i onsfle schichte feilt. Dem gesamten Mlischen Zeugnis (2. Mos. 3, 6 flg. usw.) zum Trotz lassen jene beiden Bücher die Patriarchenreligion nicht mehr als die erste Stufe der biblischen Religion gelten, sondern lassen die Patriarchen auf der Stufe der allgemeinsemitischen Religion stehen oder machen sie sogar zu F e t i s ch d i e n e r n . Verehrern von Ahnen, heilic^n Steinen, Quellen und Bäumen (Kautzsch. S. 14 usw.) Ferner stellen z. B. jene beiden Bücher die Gottheit des älteren Volkes Israel als einen beschränkten L 0 k a l g 0 t t hin, obgleich schon die ältesten Quellen den Gott der Patriarchen als den Schöpfer der Welt und den „Richter der ganzen Erde" (1. Mos. 18, 25) bezeichnen. Sie nennen ihn auch „den Donnerer vom Sinai", den Israel in seiner damaligen „Beduinenreligion" verehrt habe, der erst nach Israels Einwanderung in Kanaan zum „Ackerbaugott" der nunmehrigen „Bauernreligion" geworden sei. Man setzt sich also einfach darüber hinweg, daß schon in den ältesten Quellen das Feld erwähnt ist, das ,,der Ewige gesegnet hat" (1. Mos. 27, 27), und nach ihnen schon Isaak und Jakob Getreidebau trieben (26, 12; 37, 7). Sodann nennt man die Religion der älteren Israeliten die „vorprophetische", trotzdem schon Abraham ein Prophet genannt ist (29. 7), von Mose (5. Mos.. 18, 15 usw.) ganz zu schweigen, und man läßt erst mit dem achten Jahrhundert die prophettsche Religion beginnen. Ein allevwichtigster Punkt ist aber weiterh i n die Behauptung, daß der Gott der „vorprophetischen" Religion Israels.ein „unberechenbares Machtwes e n" (Stade) gewesen sei. Also man macht, wie man auch ausdrücklich sagt, den Gott des älteren Israel zu einem untersittlichen Wesen. Welche ,Zerstampfung der Geschichtsguellen! Denn schon nach den ältesten schreit Abels Blut zu Gott um Vergeltung, appelliert Sara cm ihn. hält Mose in seinem Namen Gericht nstv. (1. Mos. 4, 10; 16. 5; 2. Mos. 18. 13 slg.) usw. 2. Eine Hauptsache cm den neueren Aufstellungen über die alttsraelitische Religionsgeschichte ist ferner das, was man jetzt „die Volksreligion Israel§" nennt. Zu ihr werden nämlich zunächst Vorstellungen und Praktiken gerechnet, die von allen althebräischen Schriften verworfen werden: Wahrsagerei, Zauberei, Götzendienst. Bilderdienst. Tempelprostitution usw. Die Ausübung dieser Praktiken ist nach dem althebräischen Schrifttum als „Ungehorsam gegen die Stimme des Ewigen" (2. Mos. 19. 5 flg.) oder „Abfall von Gott" (Ies. 1, 2 usw.) zu bezeichnen. Indem fene Uebungen (Wahrsagerei usw.) jetzt aber als „die Volksreligion Israels" benannt zu werben pflegen, werden zwei Fehler begangen: Vor allem erregt man dadurch den Anschein, als. wenn jene Verhaltensarten nur von der Volksmässe geübt worden wären, während doch gerade die Könige oft den Götzendienst. Bilderdienst, die Tempelprostitution usw. begünstigten. Man denke nur z. B. an Salomo. Ahab, Ierobeam I.. Rehabeam (1. Kön. 14. 24 usw.)! Sodann aber wird durch diese neuere Benennung der Hauptchavakterzug dieser sogenannten „Bolksveligion" vertuscht. Denn daß sie auf Undankbarkeit und Untreue gegenüber dem alten Retterao^t beruht, das wird durch diese moderne Benennung verwischt. Und damit läßt mancher es noch nicht genug sein. Man schafft sich neuestens sogar eine neue Art dieser sogenannten „Bolksveligion" Israels. Man baut sie aus Aussagen der althebräischen Bibel auf, die nickitin ihr getadelt sind. . So geschieht es z. B. mit der Aussage in Nicht. 11, 24. worin der Gott der Ammomter als existierend behandelt wird. Deshalb macht man den Gott Altisraels zum bloßen Lokalgott oder Landesgott. Aber für B. 27. wo der Gott Israels als „der Richter" auch über die Ansprüche der Ammomter bezeichnet wird, hatmankein Auge, wie z. B. Kittel, der ja durch sein Obergutachten dem Lästerer Fritsch zur Freisprechung vevholfen hat. Endlich kann man sich neuestens auch darin nicht genug tun, diese sogenannte „Bolksreligion" in ihrem Rang, ihrem kulturgeschichtlichen Wert zu erheben. Denn man schreibt z. B. folgende Worte: „Es versieht sich von selbst, daß Manasse auch die Roichsreligion anerkannte und den assyrischen Hauptgöttern kultische Verehrung darbrachte" (Meinhold). Also in den angeführten Worten wird das alte Gesetz „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir" (2. Mos. 20. 3) einfach abgeschafft. Der Götzendienst wird für erlaubt erklärt. Die Untreue gegen den Gott der väterlichen Religion wird als „selb stverständlich" bezeichnet. Die Erhabenheit der prophetischen Religion mit ihrem Monotheismus, der Geistigkeit ihres Kultus (2. Mos. 20, 4 flg.), der Heiligkeit ihres Gottes witd in den Wind geschlagen, während doch z. B. ein Zoroaster wegen seiner Relrgionsstistung gerühmt zu werden pflegt. Soweit fft es jetzt mit der Verdrehung der Religionsgeschichte gekommen. 3. Und wodurch ist dieser Versuch, die alttsraelitische Religionsgeschichte um zu stürzen, veranlaßt worden? Darauf ist mit kurzen Worten diese Antwort zu gehen. Das ist durch das Herrschendwerden einer philosophischen Grundanschauung angeregt worden. Es war oder die Philosophie Hegels (si 1831 zu Berlin an der Cholera), welche meinte, daß alle Geschichte sich aus einem stetigen Wechsel von Gegensätzen, sozusagen: aus dem Aufeinanderprallen von Wellenberg und Wellental, erkläre, und daß nur durch den ga nze n Gefchichtsprozeß, aber nicht in einem einzelnen Teil desselben, das Vollkommene zürn Vorschein gebracht werde, die „Idee sich realisiere". Diese Geschichtsauffassung der Hegelianer ist dann vom Materialismus und Darwinismus zu der Grundansicht ausgebildet worden, daß alle Geschichtserscheinungen sich nur aus diesseitigen Ursachen erklären und von unten nach oben sich entwickelt haben müßten. Bon diesem Standpunkt aus schrieb' der Hegelianer Batke (in Berlin) sein Buch „Die Biblische Theologie, Band I: Die Religion des A. T.". und Batke ist eS, von dem Well hausen ausdrücklich sagt, daß er von ihm MMberM Jngenüoerefn zu breslnu. Sonnabend, den 18. März 1922» abends 7 Uhr. im großen Saale der »Gesellschaft der Freunde', Neue Graupenstraße 3/4: P u r i m - F e st. Eintritt für Mitglieder gegen Vorlegung der Sondereinladung Mk. 9,—, für Gäste, durch Mitglieder eingeführt, Mk. 17,70. Montag, den 29. März 1922, abends 8V4 Uhr» im Saale der Gesellschaft »Eintracht*, Tauentzienstraß« 12 (Eingang nur Anger) Vortrag des Herrn Erich Bayer: „Die Ree Des religtüfen LivmiiMm in her «Wichte seoMexllWeil RSentlim." Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gaste willkommen. Doranrelge. Montag» den S. April 1922. DVttrag des Herrn Pastor MverlNg. „das Meiste und Beste gelernt habe". Ueberaus bezeichnend für seine Grundansicht sind folgende Worte: „DaS Volk Israel hat sich langsam aus dem Heidentum emporgearbeitet". In Wellhausens Fußtapfen gehen nun eine ganze Anzahl von Bearbeitern der altisraelitischen Geschichte einher, wie z. B. die oben erwähnten. Auch Kautzsch macht ja die Patriarchen zu Fettschdienern und erinnert auf S. 1—40 seines genannten Buches mit keinem Worte an die Patviarchenreligion, an die Mose nach den Quellen mit seiner Gotteskunde „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams usw., und ich habe das Elend meines in Aegypten weilenden Volkes gesehen usw." (2. Mos. 3, 6 flg.), wiederanknüpsen sollte. Also z. B. von Kautzsch wird die biblische Nachricht bei Seite geschoben, und so ist es leider neuerdings oft der Fall, daß das. was in den Quellen steht, ignoriert. aber statt besten ein Aufbau nach eigenen Voi> aussetzungen konstruiert wird. Deshalb war es keine überraschende Folge, daß diese Versuche, die alttsraelitische Religionsgeschichte umzudrehen, in der Schrift Friedrich Delitzschs „Die große Täuschung" (1920), in der er sich (S. 7) ausdrücklich aus Wellhausen als seinen Vorgänger beruft, ihren extremen Ausläufer fanden. Nachdem gleich den Geschichtsschreibern Israels auch die Propheten allmählich immer mehr ihrer höheren Autorität entkleidet waren und niemand mehr den Weherus Jesajas über Begriffsverdrehung und Selbsttäuschung (5, 20 flg.) beachtete, da war es eine natürliche Konsequenz, daß schließlich einer auftrat, der die prophettsche Religion zu einer Ausgeburt der Täuscherei machen wollte. Auch Herostrat, der in den Tempel zu Ephesus, eines der sieben Wunderwerke der alten Welt, die Brandfackel schleuderte, sollte seinen Nachahmer bekommen. 4. Bei dieser Sachlage ist es gewiß an der Zeit, daß die altisraelittsche Religionsgeschichte vor allem wieder aus den Quellen geschöpft werde. Gewiß' soll dabei auch das kritische Urteil angewendet werden, nur aber auch mit Beachtung jener Worte von Lessing, die in seiner „Duplik" wesentlich so lauten: „Wenn LrdiuS und Polybius und Dionysius von Halikarnasius ein Ereignis mit so verschiedenen Umständen berichten, daß die Umstände des einen die des andern förmlich Lügen strafen: wer hat darum jemals das Ereignis selbst, worinnen sie überoinsttmmen, geleugnet?" Es ist ja z. B. wirllich so, daß Livius und Polybius über den Paß. lbei welchem Hannrbal die Alpen überschritt, unter sich uneinig sind, aber die Tatsache, daß der groß« Karthager sein Heer über die Alpen führte und Rom vor ihm zum Erzittern brachte, bleibt trotzdem bestehen. Also zunächst der gemeinsame Inhalt aller Quellen soll als sicherer Bestand der geschichtlichen Ueberlieferung anerkannt werden, und so soll noch weiter e ch t e, d. h. allsoittge Kritik geübt werden, welche die f 2* den Wert der althebräischen Geschichtsbücher sprechenden Momente nicht langer unbeachtet läßt. Weiter aber fft es an der Zett. daß eine Darstellung der altisraelittschen Religion geliefert werde, die noch rn anderer Hinsicht eine wirklich kritische ist. Denn die neuesten Darstellungen haben zwar, wie der Leser schon aus den obigen wenigen Andeutungen ersehen kann, eine große 'Summe neuer Behauptungen aufgestellt, aber nicht wirklich kritisch behandelt. Denn als Anhänger ebenderselben Grundanschauung krittsieren sie selbst sich nur höchstens in Nebenpunkten, und die Kritik von Mitarbeitern, die nicht zur Wellhausenianischen Schule gehören. Pflegen sie in einem beneidenswerten Bewußtsein von Unfehlbarkeit zu ignorieren. Sodann auch die neueren Entdeckungen in Babylonien usw. fordern eine echtkritische Darstellung der altisraelittschen Religionsgeschichte. Denn, wie wieder Delitzsch gezeigt hat. besteht auch eine große Neigung dazu, den Bestand der altisraelitischen Religion aus der babylonischen Ideenwelt entlehnt sein zu lasten. Mso muß die Darstellung auch wirklich vergleichend und nicht eine aus gleichende sein. Die Eigenart der prophettschen Religion muß zu ihrem Rechte kommen und nicht darf die Tendenz nach Erklärung aus dem sogenannten Milieu herrschen. Die damit in ihren Grundzügen gekennzeichnete Aufgabe, die den Darstellern der altisraelittschen Religion aus der gogenwärttgen Sachlage erwächst, ist nun zwar durch die vor kurzem erfolgte Veröffentlichung meiner „Theologie des. A. T.. kritisch und vergleichend davgestellt" (1922 büi Belser in Stuttgart erschienen) in Angriff genommen worden, und darin wird auch insofern nach Unparteilichkeit des Urteils gestrebt, als die bisherigen Beiträge zn diesem Forschungszweige aus allen Lagern (auch dem jüdischen), bis 1921 berücksichtigt und stets mit.