Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613657-2613665--0303-2617518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WBWWWW Die „SüMfflHiberoIe Zeitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Voss oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 6.- Sinzelnummer 60 Vf. Zahlungen aufVvstfcdeckkontoBreslau 4SLS7,2üblfch- Nberale Zrttung, Kastenverwaltung, S.Doyer. Breslau i Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenftrahe 7, i. Anaavmrschlufflr Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Gchrlstleltung: Montag bis Freitag 12—1 vorm, t» der SefchäftSsteste. Annaymetchtutz für Anzeigen: Dienstag früh Dle 3',. cm drelte Millimeterzeile lostet 1 Ml., FamMenanzeigen?oVf. Bel Wiederholung srmastlgungN.Larlt Nr. 9 Breslau, den 3. März 1922 2. Jahrgang Bli« Zur Beachtung! Alle für die Redaltlon & der.^adtsch-Nveralen Leitung" br- - stimmten Einsendungen von Manuskripten, Berichten usw., sowie Zeitungs-Lleberwelfungen sind künftig an folgende Adresse 1 der Redaktion zu richten: Berlin w S, Mauerstr. LL (Vereinigung für das liberale Zlu-entum). Errungen - Wierungen. Von Hermann Becker, Berlin. I. Es ist keine blotze Phrase, sondern die Konstatierung einer Tatsache, die jeden glaubenstreuen Juden mit tiefer Sorge erfüllen mutz,, wenn wir behaupten, das Judentum, insbesondere das deutsche Judentum, steht gegenwärtig vor einer Schicksalswende, wie sie in seiner Geschichte seit der Iudenemanzipation nicht zu verzeichnen war. Es ist sehr bequem, aber nicht den Tatsachen entsprechend, für jede soziale, wirtschaftliche, geistige und religiöse Krisis die wir jetzt erleben, den Weltkrieg und seine Auswirkung, die November-Revolution, verantwortlich zu machen. Der ernste Geschichtsforscher und unbeirrt prüfende Seelenkenner jedoch wird sich dieser Meinung des grotzen Haufens nicht ohne weiteres anschlietzen, wenn er sich auch nicht der Erkenntnis verschliefst. datz so gewaltige politische Erschütterungen, wir sie uns das Jahr 1918 gebracht hat. den nach st eit äutzeren aber nicht den einzigen Anlatz zu den Krisen auf den oben bezeichneten Gebieten gegeben haben. Diese falsche Einstellung ist auch im deutschen Judentum ersichtlich, ihre folgen finden in den augenblicklichen Irrungen und Wirrungen in unserer Glaubensgemeinschaft ihren Ausdruck, die uns zur Schicksalswende geführt haben. Wir müssen diese Schicksalswende nach folgenden Gesichtspunkten untersuchen: 1. Hat erst die November-Revolution die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze in den verschiedenen Richtungen des Judentums geschaffen oder waren sie schon vorher vorhanden? 2. Welche Irrungen und Wirrungen haben diese Gegensätze zur Folge? 3. Me können wir diese Gegensätze überwinden oder wenigstens mildern, damit die Schicksalswende das deutsche Judentum nicht zum Untergang sondern zu neuer Blüte führe? II. In keinem europäischen Kulturvolle wurde den Juden so spät ihr gutes Recht, d. i. die bürgerliche Gleichstellung zuteil, wie in dem seiner Zeit so vielfach gespaltenen deutschen Volke. In dem damals aus mehr als vierzig Staaten bestehenden deutschen Bunde dauerte es fast ein halbes Jahrhundert, bis die Emanzipation überall durchgefi'chrt war. Es ist hier nicht der Ort. auf die Geschichte der Iudenemanzipation in Deutschland näher einzugehen. Freund hat zu ihrer hundertjährigen Gedenkfeier diese Geschichte mit dokumentarischen Ergänzungen so eingehend und vortrefflich geschrieben, datz wir unseren Lesern, welche diese Geschichte noch nicht kennen, mit allem Nachdruck ihre Lektüre und ihr Studium empfehlen können. In jene Zeit fällt die letzte Schicksalswende, welche das deutsche Judentum bis heute erlebt hatte. Hatten die Juden vor der Emanzipation in Deutschland kein anderes Ideal als die Wahrung und Beobachtung der Lehre, weil ihnen andere Kulturkreise völlig verschlossen waren, hatten sie kein höheres wirtschaftliches Ziel als den Besitz eines bescheidenen Wohlstandes, den sie in dem ihnen einzig erlaubten Berufe, dem Handel, durch unermüdlichen Fleiß, strengste Sparsamkeit und bescheidene Lebensführung erwerben wollten, so hatte die Emanzipation darin einen vollständgen Wandel geschaffen. Mit dem Gefühle tiefster Dankbarkeit für das gastfreundliche Land, das ihnen eine sichere Wohnstätte gewährte und die Mauern des Ghetto zerstörte, mH inniger Liebe zu ihrem Wirtsvolke, bei dem sie Schutz und Schirm gestmden hatten, suchten sie sich ihrer neuen Umgebung anzupassen, um den Beweis zu liefern, datz sie der Emanzipation würdig seien. .Die Folge war, datz ihre religiösen Kultur- und wirtschaftlichen Ideale völlig umgewandelt wurden. Auf religiösem Gebiete trat an Stelle Beobachtung der nutzeren Formen, die ohne Konflikte mit der Umgebung im abgeschlossenen Ghetto gewahrt werden konnten, das Suchen nach dem geistigen Kern des Judentums und seine Wertschätzung. An Stelle des ausschlietzlichen, auf Bibel und Talmud — noch mehr auf letzterem — begründeten Bildungsideal trat das deutsche Bildungsideal und die Aneignung deutscher Kultur. Endlich waren auch durch die Eröffnung deS handwerklichen, gewerblichen. landwirtschaftlichen und industriellen Berufes für die Irrden die wirtschaftlichen Ziele viel weiter gesteckt worden. Als gleichberechtigte Bürger erkannten die Juden ihre Pflicht, ein jeder an seinem Platze, den Wohlstand des Vaterlandes und damit auch ihren eigenen mit allen ihmn zu Gebote stehenden geistigen, körperlichen und materiellen Mitteln zu fördern. Ist es da ein Wunder, datz „die neuen Reichen" nicht immer Matz hielten in ihrer Lebeu-sführung, datz sie infolge dieser Lebensführung den Hatz und Neid der Anders lläubigen, deren Kulturstand in jener Zeit mich kein besonders hoher tvar, erweckten? Das war der Wendepunkt des deutschen Judentums, der schon vor der November-Revolution und der nicht erst infolge der Staatsumwälzung eingetreten war. HL Mit regem Eifer, mit der Anpassungsiährakeft und dem beweglichen Geiste, der den Juden selbst nach den: Urteile unserer Gegner eigen ist. hatten sie an dem Einigungswerk des Deutschen Reiches 1830—1843—1870/71 — und endlich 1914/18 — so selbstlos, so ganz den deutschen Idealen hingegeben gearbeitet, datz sie nunmehr tatsächlich nur durch das Bekenntnis sich von ihren andersgläubigen Mitbürgern unterschieden. Es üE unter den Freiheitshelden der verschiedenen Revoluttonen ebenso gut Juden wie Christen, ja die Juden hatten als „Volk der Freiheit" verhältmsmätzig noch eine grötzere Zahl unter ihnen aufzuweisen, als die Christen. Doch nickst allein ans dem Gebiete der Polittk waren die Juden in vorderster Reihe zu finden, die Mssenschaft, Kunst und Literatur, die Industrie, Gewerbe und Handel, ja selbst die Landwirtschaft. kurz alle Kulturgebiete wiesen jüdische Führer auf. die von unseren christlichen Mitbürgern — oft auch ohne datz sie deren Abstammung kennen — mit Ehren genannt werden. Doch diese Ehrenstellung gereichte den Juden, genau so wie ihre Erfolge auf wirtschaftlichem Gebiete. nicht zum Heile. Denn auch Hatz und Neid ernteten die Juden. Gekränkte Eitelkeit war oft bei den andersgläubigen Fachgenoffen die Ursache zur Judenfeind schaff, nicht zur Feindschaft gegen den Einzelnen. Diese gekränkte Eitelkeit hätte beinahe zur gesetzlichen Einführung des numerns clausus für die Juden beim Besuche der höheren Schulen und Universitäten, für die Ausübung der verschiedenen Berufe, insbesondere der akademischen, geführt. Doch was unsere Gegner nicht auf gesetzlichem Wege erveichen konnten, das gelang ihnen auf dem Verwaltungswege. So war die Gleichberechtigung, insbesondere feit der Stöcksr'schen Bewegung — Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre — nur zu einem „Fetzen Papier" geworden. Denn jüdische Richter — insbesondere in höheren MW-llbrrsler iWliiwmlu r« Mau. Montag, den 6. Marz 1922, abends 874 Uhr, im Saale der Gesellschaft »Eintracht", Tauentzienstratze 12 (Eingang nur Anger) Dortrag des Herrn Religlonslehrer Dr. Davidfohn: ,L>te Sntwtcktung der »ropdettschrn Sdee" Jesaja. Unsere Mitglieder werden gebeten, Bibelexemplare mitzubringen. — Anhänger nnd Freunde unserer Bewegung als Gäste willkommen. Doranzelge! Sonnabend, den 18. März 1922, abendS 7 Uhr, im Saale der »Gesellschaft der Freunde": Pu r i m - Fe st. Unseren Mitgliedern gehen besondere Einladungen zu. Stellungen —, Lehrer an höheren Schulen, Medizinal- und Berwaltunqsbeamte, Universitätsprofessoren, vor allem aber jüdische Offiziere, gab es im alten preutzischen Obrigkeitsstaate nur öutzerst wenige oder gar keine. Hier setzen die Irrungen und Wirrungen unserer Glaubensgenoffen ein, die wir im nächsten Abschnitte erörtern wollen. IV. Diese Irrungen mutzten den Juden zur Erkenntnis kommen, als sie sahen, datz ihre gesamte Kulturarbeit an der eigenen Glaubensgemeinschaft sowohl als auch an dem deutschen Volke von dem Hatz und Neid überflutet urttf bei unseren Gegnern völlig vergessen worden war, als alle Beweise ihrer Vaterlandsliebe, die sie in Krieg und Frieden geliefert hatten, sie nach der Meinung der grotzen Menge noch immer nicht zu gleichwertigen Volksgenossen gemacht hatten. Wenn das zur Verteidigung des Vaterlandes vergossene Blut, wenn die wissenschaftlichen Erfolge der Juden, die selbst im Auslande und jenseits des MeereS Bewunderung erregten, wenn die ungeheuren Summen, welche die Juden für öffentliche Wohlfcrhrtszwecke und gemeinnützige Anstalten immer wieder und wieder spendeten, wenn die Unterstützung der reaktionären, wahrlich nicht jitdenfreundlichen Regierung durch die Juden — denn es gab auch politisch konservativ gerichtete Juden —, io selbst wenn die Taufe, der sich so manche Juden unterwarfen, um jede Erinnerung an ihre Vergangenheit vergessen zu machen, wenn das alles vergeblich gewesen war und den Antisemitismus nicht verhindern konnte, der sogar noch an Ausdehnung zugenommen hatte, dann mutzte in der vaterländischen Gesinnung der Juden eine natürliche Reaktion eintreteu, und so konnte die zionistische Bewegung sowohl, als auch die kulturfeindliche Orthodoxie reiche Erfolge ernten. Der Zionismus plaidierte: „Wenn wir nicht in unserem Geburtslande als gleichberechtigte Volksgenossen gelten sollen, nun gut, dann besinnen wir uns auf das Land unserer Väter, das in Wahrheit unser Vaterland ist." Und die Orthodoxie folgerte: „Wenn die Assimilierung an die Sitten und Gebräuche unserer Umgebung uns trotzdem nicht die Zulassung in die gesellschaftlichen Kreise unserer andersgläubigen Mitbürger gebracht hat, so ziehen wir uns wieder in unser. „A l t e n t e i l" zurück, für uns gibt es auf religiösem Gebiete keine fortschreitende Entwickelung, wir wollen wieder die „gute, alte Zeit" herbeifü'hren." An diesem Wendepunkt steht fetzt das deutsche Judentum. Diese autzerordentlich gefährliche Irrung, die nur zur negativen, zerstörenden Arbeit führt, statt zur positiven, aufbauenden, bedroht den Bestand des deutschen Judentums, denn sie ist in ihren Folgen auf allen Gebieten der deutschen sowohl, als^anch der jüdisch-religiösen Kultur so einschneidender Art," daß sie der intensiven, zielbewussten und schnellen Aufklärung durch alle Führer unserer Glaubensgemeinschaft und ihrer Unterstützung durch alle klar und vernünftig denkenden Juden bedarf. Zu diesen dem deutschen Judentum gefahrdrohenden Folgen gehört die von denkenden Glaubensgenossen bereits vorausgesehene neue Einstellung unserer Gegner zudemAbtvehrkampfe, die mit Hohn und hämischer Schadenfreude auf den Zionismus Hinweisen, der selber die Grundsätze verkündet: „Unser Vaterland, unsere Heimat ist nicht Deutschland, sondern das heilige Land; unsere Kultur muß wiederum eine jüdische, nicht deutsche werden. Deshalb müssen wir alle entbehrlichen Mittel zum Aufbau des heiligen Landes verwenden, unsere Kinder müssen getrennt von ihren andersgläubigen Altersgenossen in besonderen Schulen, möglichst vom Kindergarten bis hinauf zur Universität. unterrichtet und erzogen werden. Um aber eine möglichst intensive jüdische Kultur zu erhalten, itz ein eifriges Studium der hebräischen Sprache, die nicht nur als Unterrichts-, sondern auch als Umgangssprache gelten mutz, notwendig. Die Zionisten behaupten, datz nur auf diesem Wege unsere Jugend vor dem Antisemitismus in den Schulen bewahrt werden kann. Datz eine in diesem Geiste erzogene Jugend sich selbst außerhalb der deutschen Volksgemeinschaft stellt, datz ihr damit auch jede Betätigung in der Regierung, Verwaltung und Gesetzgebung deS Deutschen Reiches und seiner Gliedstaaten unmöglich gemacht wird, das wollen die Zionisten bis jetzt nicht zugeben. weil einzelne ihrer Führer es trotz ihrer Grundsätze nicht verschmäht haben, Staatsstellungen in diesem Lande anzunehmen, das sie selbst nicht als ihr Vaterland anerkennen. Statt diesen Irrtum, diese Wirrung, in welche sie ihre Grundsätze gebracht haben, ehrlich einzugestehen, wenn man sie darauf lünweist. erklären sie die tvohssmeinenden Warner für Denunzianten. Sie haben auS diesem Anlasse die unlogische, ja geradezu naive und Welt-» fremde Idee Von zwei Vaterländern erfand«^ j 48230102235323020123482323000248530200022353232302235323010002232353000223