Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 8 (24.2.1922)
- Date
- 1922-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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m »>lWWWWWWWW«WWW |iii!Hp.i,i, iiiwjüyfwwm'iiu |i|i,,fi wfiwv M '.y. <r^.^yipgy,i.i, Iildilch-liberale Zeitung Diejüdisch liberale Zeitung" erscheint jeden Areitag und kostet durch die Post oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vlerleljShrllch Mt. 6.— Ginzeinummer 60 Pf. Sadwngrn aufVoftftvearonto Breslau 423S7,2ablfcv- Iwerale Leitung, Kaftenverwaltung. s.Boyer, Breslau i Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Sraupenstraste 7, i. Annadmefchlutz für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlstleitung: Montag dis Freitag 12—1 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annavmefchluft für Anzeigen: Dienstag früh Dle s»/. cm breite Milllmeterzeile kostet 1 Mk., FamNlenonzelgrn 7vVf BelWleberbolungSrmS-lgunglt.rartf Rr. S Breslau, den 24. Februar 1922 2. Jahrgang ... | Zur Beachtung! % Alle für die & Redaktion & % der „Zlidifch-llberalen Zeitung' belj stimmten Sinfenbungen von Manuskripten, h Berichten uftv., sowie ZeitungS-Lleber- / Weisungen sind künstig an solgende Adresse A der Redaktion zu richten: | Berlin w S, Mauerstr. LL f/ (Vereinigung für das liberale Judentum). Neuliberalismus. Bon Rabbiner Dr. Sänger, Breslau. Dir nachfolgenden Ausführungen bilden eine (Lntgstznung auf den kürzlich hier erschienenen Artikel der Herrn Rabbiner Tr. G 0 1 tfcha. lr „Gefühl und Vernunft", der nach unserer Auffassung nicht unwidersprochen bleiben durfte. Tie Red. Die neue Zeit mit ihren Umwälzungen kann natürlich auch die geistigen Gebiete nicht unberührt lassen. Auch das weite Gebiet religiöser Empfindungen und Meinungen muß in Mitleidenschaft gezogen werden. Während wir aber im allgemeinen als Ergebnis der furchtbaren Ighre des. UmstMUH und der Menschenentwürdigung Hine „Reorganisation", einen „Wiederaufbau" verloren gegangener religiöser Werte und Empfindungen buchen zu können vermeinten, belehrt uns ein kurzer, aber um so bedeutsamer Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Gottschalk in Posen m Nr. 6 der „Jüdisch-liberalen Zeitung", daß nun die Zeit zum „Abbau" gekommen sei „Jüdisch — frei — religiös" sollen wir nun sein, wir wollen frei sein „von überlebten Zeremonien. von der Vorherrschaft des Hebräischen . . . vor allem aber frei von dem Gott, wie ihn das offizielle Judentum lehrt und auch die liberale Vereinigung vertritt". „Gott ist nur noch Seelenerlebnis." Er verlangt die Vernunft, „aber ja nicht als Mährerin, sondern als Dienerin, die in Gott nicht mehr den Schöpfer der Welt sehen will, ihn nicht mehr als Vater im Himmel anspricht, kerne persönliche Wirksamkeit von ihm verlangt. Wir sind nicht mehr, oder sollen nicht mehr sein „Diener des Ewigen", sondern „Diener am Ewigen". Nach einer woh uur ganz erlesenen Geistern verständlichen Definition für Religion — „jenes Atmen in der ewigen Luft, jenes Umsassen in der Unendlichkeit, jenes Einströmen in düs Göttlich-Heilige", schließt dann der Verfasser seine Be trachtung mit dem allerneuesten Bekenntnis Israels: „Höre Israel, das Ewige ist unser Gott, das Ewige ist einzig" U-nd das Ganze nennt sich „Nenliberalisurus"! Den: Kollegen Gottschalk mag an der Meinung orthodoxer Rabbiner wenig oder gar nichts gelegen sein, ich hoffe aber nicht, daß er auch an der Stellungnahme liberaler Rabbiner zu seiner neuesten Relrgionsauffassung borübergehen möchte. Alleine Meinung als liberaler Rabbiner ist die — und ich bin fest überzeugt, im Kreise meiner liberalen Kollegen noch sehr viele Anhänger zu finden —, daß eine solche Lehre als unjüdisch mit den schärfsten Waffen bekämpft werden muß. Leugnung des persönlichen Gottes, seiner Allmacht und seiner „weiteren, persönlichen Wirksamkeit", das ist Gottschalks Lehre, aber kein Judentum mehr. Unser Stolz von Abraham an bis zu Gottschalk war die überragende Lehre des Monotheismus, bis der Rabbiner von Posen uns dahin belehrt, daß das Judentum nnserer Tage, im Neuliberalismus zusammengefaßt, nicht mehr den Ewigen als unseren Gott, sondern das Ewige als die Weltgottheit zu verehren habe. Wir lehnen solche Thesen nicht nur mit aller Entschiedenheit ab, sondern mehtcu noch weiter, daß wir dem Indifferentismns weiter Kreise mit solcher Auffassung das Judentum nicht um Haaresbreite näher bringen. Was bedeuten nach Gottschalk die Worte: „So spricht der Ewige, der .Herr Israeli und sein Erlöser: .Ich bin der erste und bin der letzte und außer mir ist kein Gott"? Die Religion ist es doch wohl, die uns nicht nur die Liebe zu Gott lehrt, sondern auch auf ihn unser Vertrauen, unseren Mut und unsere Demut hinlenkt, daß wir an ihn denken und zu ihm beten können! Aber nur zu dem Gott, der außerhalb der Welt als ihr Herr und Schöpfer teht, kann und soll der Jude beten, nicht zu einem solchen, >er nur noch „Seelenerlebnis" ist. „Mein Gott", „mein Vater", „unser Vater, unser Herr", das sind die jüdischen Borsiellungsbegriffe von der Gottheit, zu der der Mensch als Gottes Geschöpf in Dankbarkeit und Verehrung emporieht. Nichts Mystisches und nichts Ueberweltliches Hai ms Gottesreich an sich, von dem der Talmud spricht: Das Himmelreich besitzen, heißt Gott anerkennen durch >ie Tat. So sagt der Talmud: „Du willst es wahr haben, daß du das Reich Gottes gewonnen hast, wohlan, so übe eine Gebote." „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, das ist die Kunde vom Gottesreiche". „Wir wollen nicht bloß Ethik, wir wollen Religion", sagt der Verfasser, und übersieht, daß jüdische Religion und Ethik Begriffe darstellen, die einander sehr ähnlich falb. „Der Glaube an Gott ist nichts weniger als bloß ein Teil der Religion, er ist der Quellpunkt ihres Lebens. In seiner Gottesidee liegt der Charakter des Judentums, das keine Zwecklosigkeit und kein. Schwanken, kein Hinken auf beiden Füßen zulassen kann, sondern das offene, klare Bekenntnis fordert." So urteilt Bäck in seinem „Wesen des Judentums" und spricht damit aus. was Gottschalk bestreitet. daß das Judentum sein Ureigenstes besitzt, daß es von '" eigenen Gnaden etwas bleutet. Wer als Rabbiner behauptet, es gäbe „viele Wesen des Judentums" und nicht das Wesen, der vergißt, daß das Judentum Marokkos und das Deutschlands in ihren Wesenszügen dieselben sind, daß man in Yokohama als Jude kein ariderer ist als in Paris, der hat jenes Gefühl nicht kennen gelernt, das der deutsche jüdische Soldat in der Synagoge in Belgrad oder in jener des Gefangenenlagers in England empfand, jenes jüdische Gefühl, das da Feindesland und frenwe Umgebung, Schmerz üttd Hein vergessen und nur den Juden seinen Gott suchen und finden ließ. Es gibt nur ein Judentum und nur eine Art seines Wesens, mögen seine Ausdrucksformen noch so verschiedenartig sein. Nicht aber ich allein, der liberale Rabbiner, muß den Auffassungen des Verfassers von Gott und Judentum ent: gegentreten, der chrfftliche Gelehrte Dr. Franz Mesfert unterstützt meine Auffassung, wenn er in seinem Buche „Israel und der alte Orient" Seite 76 schreibt: „Gott ist nicht nur das höchste Sein, sondern der Seiend«, d. h. der Heilige, der Beständige, kurz: zu hoch wäre der Monotheismus dann, wenn es sich um ein abstrakt gedachtes, göttliches Sein handelt, nicht aber dort, wo Gott als lebendige Persönlichkeit, nicht als das Heilige, das Wahre, das Gerechte ustv. gedacht wird. Solche Dinge hätten allerdings ebensowenig sittliche Kraft, wären ein Stein statt eines Brotes, wie die bei gewissen Modernen sich besonderer Gunst erfreuenden abstrakten Begriffe: das Wahre, das Gute, das Schöne; denn damit ist in der Tat nichts cmznfangen, und was dem einen als herrliche Idee erscheinen mag, ist einem andern ein müßiger Einsall, eine unfruchtbare Schwärmerei, eine schöne Idee meinet halben, aber doch nur eine Idee, und Ideen allein vermögen niemand zu hoher sittlicher Begeisterung zu entflammen. Das vermag nur eine lebendige Persönlichkeit, noch mehr ein lebendiger, persönlicher Gott, derdie Heiligkeit selbst ist. Und einen solchen Gott hat Mose verkündet. Ihm ist er ja nicht das Seiende, sondern der Seiende. Gin solcher Gottesbegriff fit für das sittliche Leben und Streben Nahrung geberwes Brot." Aus all diesen Erwägungen heraus lehnen wir den Neuliberalismus ab. Wir wünschen nicht Abbau, sondern MW-Mral« JngetiMti?u MM. Montag, den 27. Februar 1922, abends 874 Uhr, im ßctr.U der Gesellschaft »Eintracht*, Lauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Dortrag des Herrn Gemeinderabbiner Dr. Vogelsteinr „Abraham Geiger". freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Voranzeige! Sonnabend, den 18. März 1922, im Saale der »Gesellschaft der Freunde*: Purim-Feier. 2S Weitere Vereinsnachrichten siehe letzte Seite. Aufbau, jenen Aufbau, der unserer Jugend die Bedeutsamkeit jüdischer Ideen im Zusammenhang mit dem Wissen unserer Zeit zu zeigen vermag, der unserem Geschlecht die Kraft zu geben weiß, auf der Grundlage des historischen Judentums Juden zu sein in Gesinnung und Tat, allezeit mit dem uralten Bekenntnis auf den Lippen und in den Herzen: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." _ Der Mangel an jüdischem Ccziehungs» personal. Bon Gertrud Benzian, Hamburg. Die jüdische Kinderhilfe sieht eine ihrer Hauptziele darin, die finanzielle Not der jüdischen Erziehungsanstalten zu beheben. Gewiß ist es eine wichtige Aufgabe, den in ihrer Existenz bedrohten jüdischen Anstalten durch Zuführung von Geldmitteln den Fortbestand für die Zukunft zu ermöglichen, aber allein damit ist es noch nicht getan. Ein anderer Feind, der sich immer stärker fühlbar macht, bedroht Gedeihen und Entwickelung unserer Anstalten und verlangt, um seiner Herr zu werden, nnsere wachsanie Aufmerksamkeit. Dieser Feind ist der Mangel an geeignetem Erzieherpersonal.' Unter Erziehern in diesem Sinne sind alle diejenigen zu verstehen, die mit den Kindern in der Anstalt in engere Fühlung kommen und denen diese infolgedessen ausgesetzt sind. In Mädchenanstalten — und nur von diesen soll hier die Rede sein — gehören also zum Erzieherpersonal sowohl pädagogisch als auch wirtschaftlich geschulte Kräfte. Worin findet nun der Mangel an geeignetem Personal seine Ursache? Der Gründe sind viele. Es seien' nur einige, die wichtigsten nämlich, herausgegriffen. Der schwerwiegendste und tiefste liegt wohl in der Anlage des jüdischen Mädchens, das den Intellekt überschätzt und die wahren Aufgaben einer Wirtschafterin nicht durchschaut und sich infolgedessen geistig zu hoch hält, um sich einem solchen Beruf zuzuwenden. Ihr fehlt sowohl das Verständnis für die volkswirtschaftliche Notwendigkeit dieser Arbeit, als auch der Sinn für das „Ich diene" der Diakonissin. Dieser Egoismus ist eine zweite, in der Anlage begründete Ursache, der unsere Mädchen von dem Anstaltsbetriebe sernhält. Ihr beweglicher Geist verlangt nach' ständiger Abwechselung; der selbstverständliche Zwang eines Anstaltslebens erscheint ihnen als unerträgliche Qual, als eine Hemmung, die ihnen das für sie so unbedingt notwendige Ausleben unmöglich macht. Dazu kommt der bei uns Juden so besonders stark ansgebildete Wunsch nach Selbständigkeit, das Unvermögen, sich einem großen Ganzen als kleines Glied ein- und unterzuordnen. Tvwsch dafür sind die Bewerbungsschreiben für die Vollen an Internaten, in denen auch von ganz jungen Anfängerinnen Selbständigkeit als Hauptbedingung gestellt wird. Alle diese in der Anlage begründeten Ursachen werden noch verstärkt durch eine ungeeignete Erziehung, die in vielen Fällen dort hemmt, wo sie fördern sollte, und dort fördert, wo sie hemmen sollte. Wie viel« jüdische. Haustöchter gibt es, die zur wirtschaftlichen Führung eines Haushalts erzogen sind, und wie viele Mütter, die ihren Töchtern die Verantwortung für eine Arbeit im Hause! überlassen? Auf die Geistespflege der Mädchen werden' Unsummen verwandt, während die Notwendigkeit der Ausbildung hauswirtschaftlicher Fähigkeiten kaum erkannt wird. Haushaltsarbeit ist etwas Untergeordnetes, das man den Dienstboten überläßt. Die Ausbildung macht denselben Fehler wie die Erziehung; auch sie stellt die intellektuelle Bildung in den Vordergrund und vernachlässigt die praktisch-wirtschaftlich« Seite. In den Kindergärtnerinnenseminaren wird der praktischen hauswirtschaftlichen Ausbildung nur ein geringer Raum gewährt, so daß die jungen Mädchen nach' absolviertem Examen den an sie gestellten Forderungen in einer Anstalt oft fast hilfslos gegenüberstehen. Sie treten aus den Ausbildungsanstalten erfüllt von Idealen und theoretischem Wissen in die praktische Arbeit und glauben nun all das, was ihnen vorsch-webt, in die Wirklichkeit um» setzen zu müssen. Sie vergessen nur dabei, daß sehr viele Experimente weder dem seelischen noch dem körperlichen Gedeihen ihrer Schützlinge förderlich sind. Wenn die kindergärtnerische Ausbildung schon nicht ausreicht, so tut es die wirtschaftliche schon gar nicht« Jüdische Haushaltungssemmare fehlen in Deutschland überhaupt, und die Jüdinnen sind gezwungen, in christ« liche Institute einzutreten. Es fehlen ihnen dann aber dÄ Kenntnisse einer jübffchen Haushalfführung, die für die jüdischen Anstalten unbedingt erforderlich sind. Infolge- 000101000001005302010002010248235300000001010001320101020000000001000902