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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-02-17 · 7 (17.2.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
7 (17.2.1922)
Date
1922-02-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Soweit man ihn aber anerfettnt, Iaht er sich nur dahin bestimmen, daß Raffe eine Gemeinschaft von Menschen ist. die bestimmte körperliche Merkmale gemeinsam haben. Am augenfälligsten sind Nim Beispiel Unterschiede der Hautfarbe. Hiernach wirb eine schwarze, gelbe und weiße Raffe unterschieden. Mit hem Begriff der weißen Raffe deckt sich fast der Begriff der kaukasisch-mittelländischen Raffe. Ihr gehören sowohl die germanischen, wie die slawischen, romanischen und semitischen Völker an. Gänzlich falsch ist es also, davon zu rÄen, daß Germanen urü> Juden etwa verschiedenen Raffen angehörten. Vielmehr gehören sie höchstens verschiedenen Unterabteilungen der gleichen Rasse an. Die körperlichen Unterschiede der Germanen gegenüber den anderen Raffen sollen angeblich darin bestehen, daß blonde Haare, blaue Augen und lange Schädel Reichen germanischer Abstammung seien. Das ist nichts weiter als rin immer wieder genährtes Vorurteil, das von Dilettanten wie Chamberlain verbreitet wurde. Diese angeblich sicheren Kennzeichen versagen jedenfalls bei sehr vielen Persönlichkeiten, die man zu den größten deutschen Geistern zahlt. Luther, Bismarck, Beethoven, Haydn. Schubert, Kant, Leibnitz haben ausgesprochene Breitschädel besessen, Goethe und Beethoven halten pechschwarze Haare undunkle Augen. Soll also, die Chamberlainsche Theorie Geltung haben, so haben alle diese Männer semitisches Blut in ihren Zwern gehabt. was freilich an ihren unsterblichen Verdiensten nichts andern könnte. Andererseits kann jeder, dss-rvcht bftnd ist, und eine größere Zahl von Juden kennt, - beobachten, daß es unter ihnen, wie unter allen -andern - Menschen weißer Raffe, eine große Zahl lanalchädliger, blondhaariger und blauäugiger Individuen gibt. Eine von dem Berliner Anthropologen Professor Virchow geleitete Untersuchung von 73 000 jüdischen Kindern ergab, daß unter ihnen 32 & Helle Haare und 46% helle Augen hatten. Der Mediziner Fishberg in Newvork stellte bei einer ähnlichen Untersuchung fest, daß über 50 % der untersuchten amerikanischen Juden eine gerade (griechische) Nase hatten. Gerade in letzter Zeit ist den Anhängern des Radauantisemitismus recht häufig-das Malheur passiert, daß sie Leute anfielen und verprügelten, die sie nach ihrem äußeren Aussehen für Juden hielten, die aber in Wahrheit um in der Raffensprache zu reden — waschechte Arier Ernten. Die Anhänger der deutschvölkischen Richtung behaupten sogar, daß..die Juden einen besonderen Geruch hatten, was übrigens im Kriege französische Schriftsteller auch von den deutschen Soldaten Lehauvteten. Aber auch dleseZdUnterschiedsmerkmal, über das freilich nur ieder vernünftige Mensch lachen kann, versagt offenbar gänzlich. Ebensowenig hält die antisemitische Behauptung, daß den Juden bestrmmte geistige Eigenschaften kraft ihrer Abstammung unveränderlich anhaften, einer näheren Prüfung stand. Soweit bei ihnen solche Besonderheiten hervorfc£?i**™5tn °us Einflüssen der Umgebung und dn geschlchmchen Entwickelung. So ist die vorwiegende Betätigung in Handel und Gewerbe keine „jüdische" Eigenschaft. sondern auf die jahrhundertelange Ausschließung der Juden vom Eiwerb des Grmckbesitzes und von der Mitgliedschaft in den Handwerkerzünften zurückzuführen. In Ländern, in denen solche Beschränkungen nicht existieren, gibt es viele Tausende jüdischer Handwerker und Kleinbauern, so in Polen und Südrußland. In Deutsch, land aber verbot man im Mittelalter den Christen das Zinfennehmen und aestattete es nur den Juden, so daß sie den Geldwechsel notgedrungen monopolisierten. Man erlaubte ihnen nur die kaufmännische Betätigung und den Biehhandel. Alle freien Berufe, auch alle Staotsämter blieben ihnen verschloffen. Säße den Juden wirklich der Handelsaeist im Blute, so würde es auch heute nur jüdische Kaufleute geben und nicht jüdische Gelehrte. Richter. Berwaltungsbeamte, Handwerker, Bergarbeiter usw. Daß die deutschen Juden sich nach halbtausendjäbriger Einschließung im Ghetto heut noch nickt in oleickem Maße zu körperlicher Arbeit eignen, wie ihre christliche Umgebung, ist nicht ibre Sckuld, sondern die Schuld derer, die sie in so barbarischer Weife behandelten. Ebenso unwahr ist die Behauptung, die Juden feien oon Raffe wegen revolutionär gesinnt. „Die Revolution fft der Stern Judas", soll ein jüdischer Geschichtsschreiber nach Fritsch geschrieben haben. Fritsch hat diese Behaupung längst widerrufen muffen, aber seine Anhänger beten sie noch immer gedankenlos nach. Die Wahrheit ist, daß jedes Land, wie Sombart sagt, die Juden hat. die es verdient. Wo die Juden als Gleichberechtigte behandelt werden, sind sie viel eher auf der Seite der konservativ gesinnten Parteien zu finden als auf Seiten der linksstehenden oder gar ultraradikalen. Wenn die Vorgänger des jetzigen Königs von Italien den jüdischen General Ottolenghi, den nachmaligen Kriegsminister. für würdig befunden hat, seinen ältesten Sohn, den jetzigen König, zu erziehen, so hat er sicherlich sich hierzu einen königstreuen Mann ausgesucht. In England war Lord Disraeli, von dem auch ein Staatsmann wie Bismarck stets nur mit der größten Hochachtung sprach. Ministerpräsident und der Führer der konservativen Partei. Bor allem aber vergessen die antisemitischen Schreier, daß das Programm der deutschnationalen Bottspartei, die sich früher dentsch-konservativ nannte, von dem jüdischen Profeffor Schlesinger- Stahl verfaßt wurde, der das Wort „Autorität, nicht Majorität" geprägt hat. In Rußland freilich, wo man die Juden bis in die neueste Zeit grausam verfolgte unentrechtete. mußten sie notgedrungen auf der Seite der Opposition stehen. Dazu zwang sie der Selbsterhaltungstrieb. Damit fällt auch das Märchen von der internationalen Gesinnung der Juden in sich zusammen. Sie sind vielmehr stets, wie es ihnen ihre Religion vorschreibt, gute Staatsbürger desjenigen Landes gewesen, dem sie durch Geburt, Sprache und Gesittung angehörten. Das haben sie gerade im Weltkriege gezeigt, wo in allen Ländern, bei Freund und Feind, Tausende und Abertausende von Juden für Deutschland, Frankreich. England. Italien, Amerika, Rußland Leben oder Gesundheit gelaffen haben, wo überall unter den Kriegsfreiwilligen Juden zu finden waren. Hätten die Juden wirklich auch nur den geringsten internationalen Zusammenhang politischer Art, so hätten sie nicht Seite an Seite mit ihren Volksaenoffen einander eMso eMtiert bekämpfte wie dre übrigen- AnqahörigMHsr < feindlichen Staaten, ja vielleicht hatten sie soaar den ganzen Krieg verhindern können, der so viel Leid und Trauer auch über sie gebracht hat. Daß nationale Gesinung aber auch in jüdischen Sozialdemokraten lebendig ist, hat durch sein Verhalten der einzige Reichstagsabgeordncte bewiesen, der fürs Vaterland gefallen ist. der Jude Ludwig Frank, dersich mit 40 Jahren freiwillig ins Heer meldete. Der internattonale Zusammenhang der Juden besteht in ihrer Glaubensgemeinschaft und der hierdurch bedinaten Gemeinsamkeit ihres Schicksals insofern, als sie allein durch ihren Glauben in fast ollen Ländern lange Zeit hindurch Verfolgungen ausgesetzt waren. Mit demselben Rechte könnte man aber den Mitgliedern des evangelischen Bundes, der gleichfalls keine Landesgrenzen kennt, überhaupt allen Religionsgemeinschaften die internattonale Gesinnung^ vorwerfen. Die politischen Zusammenhänge, welche die „Geheimnisse der Weisen von Zion" den Juden andichten, sind ein Ammenmärchen, mit dem man nur kindlichen Gemütern uttfc urteilsunsähigen unwissenden Köpfen gruselig machen kann. Auf solche Leute sehen es die antisemitisch-völkischen Hetzer in erster Linie ab. Der Grundfehler der Deutschvöttischen besteht darin, daß sie R a s s e und Nati 0 n qleichsetzen. Sie stellen den unsinigen Satz auf, daß in Deutschland nur Heimat und Gleichberechtigung finden dürfe, wer „reinrassiger Germane" sei. Wollte man diesen Grundsatz nicht, wie die Antisemiten es wollen, bloß gegenüber den Juden, sondern unterschiedslos anwenden, so könnte man ganz Deutschland entvölkern. Wer auch nur oberflächliche GeschichtSkenntniffe besitzt, der weiß, daß sämtliche östliche Provinzen Deutschlands bis über die Elbe hinaus stark mit Slawen, insbesondere mit Sorben und Wenden, durch- WW'lAvilll üogenftoirtin r« frnlati. Montag, den 20. Februar 1922, abends 874 Uhr, tirr Saal« der Gesellschaft „Eintracht", Tauenhienstraße 12 (Eingang nur Anger) Dortrag des Herrn Zahnarzt Dr. Egon Guttmann: vtb«lexe«plare find «ltzuLriagen. Freunde uud.Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. setzt sind, die während der Völkerwanderung sich in diesem Gebiete niederließen. Noch bis heute haben sich in Niederschlesien und Sachsen die Wenden abgesondert und ver» hältnismäßig rein erhalten. Wollen wir diese Bevölkerungsteile austreiben oder entrechten? In Ostpreußen haben wir die Letten und Masuren, in Oberschlesien die Polen, gleichfalls slawischen Stammes. Bei der Abstimmung zeigte es sich, daß diese Volksteile, um deren Stimmen wir eifrig warben, Deutsche waren, weil sie deutsch' fühlten und deshalb für ihr Verbleiben Lei Deutschland stimmten. Ohne die Vicrtelmillion polnischer Stimmen hätten wir ganz Oberschlesien von vornherein gloit verloren. . i Auch d ie oberschlesischen Juden haben, wie zweifelsfrei fest steht, bis auf den letzten Mann ihre Stimme für Deutschland abgegeben. Sollen wir zum Dank alle diese Hunderttausende aus Deutschland vertreiben oder sie zu Staatsbürgern zweiter Klasse machen? Aehnlich steht es in West- und Süddeutschland, wo ein starker romanischer Einschlag herrscht. Selbst der deutsche Adel ist alles andere als rassenrein. Als kleiner Beweis diene nur eine Genealogie, welche die Administration des hannoverschen Legatenfonds herausgegeben hat. Danach befinden sich unter den Nachkommen des im Jahre 1783 verstorbenen' Markus Gumpel Moses Fulda folgende Persönlichkeiten: Hauptmann v. d. Becke-Klüchtzner, Comte de Belleseize, Alice von Carnap geb. v. Erhardt, Walter Frhr. v. Drahtschmidt, von Bruckheim, Major Hcinr. v. Froreich, Rittm. Baron Hans von Goetzen, Frhr. Friedrich von Hcintze-Weißenrode, Oberstleutnant Carl von Lenpecke, Graf Egon zu Münden. Karl Frhr. von Preuscken, Marquis de Remode St. Bresson, Waldemar von Roon, Hermann von Sehdlitz, Albrecht von Stosch. Franz Frhr. von Thielmann, Helene v. Thielmann geb. Gräfin Vückler, Barbara t>. Thielmann geb. Gräfin Kalnein, Tortilowicz von Batocki-Friebc (der frühere Emährnnasniimster), Fannv von Batocki-Friebe geb. Gräfin v. KaYserlinok. Alle diese mit so bochklinaenden Namen ausaestatteten Personen sind also jüdischer Abstammung. Manche wissen es vielleicht aar nicht mebr, obwohl ibr jüdischer Stammvater erst 140 Jahre tot ist. Vielleicht befinden sich unter den deutschvölkischen Sckreiern auch Angehöriae dieser Adelsfamilien, die gar nicht wissen, daß sic aeaen sich selbst wüten. Genau so wird es aber in unzähligen Fällen gehen. Denn wer kann bebauvten und beweisen, daß sein Stammbaum sich durch die Jahrtausende hindurch rein erhalten, und daß dem germanischen Blut sich auch nicht ein Tropfen flämisches.- romanisches, finnisch-mongolisches und' auch semitisches beiaemischt bat. Stammte doch soaar der Mörder Eisners, der dentschvölkische und von den Alldeutschen als Befreier Baperns verherrlichte Graf Arco von einer jüdischen Mutter! Alle Nationen unserer Zeit sind ein Gemisch von mehr oder minder verschmolzenen Raffen und Völkern. Niraends gibt es „Vollblut"! Was ist die Wahrheit? Deutsch sein ist nickt Sache des Geblüts, sondern -es Gemüts. Es ist eine Sache des Gefühls. Heimat, Svracke. Kultur. Erziehung. Umaebung. das sind die Einflüsse, die das Nationalaefühl besttmmen. Alle diese Elemente sind auch bei den deutsch aeborenen Juden deutsch und haben diese daher auch gefühlsmäßig ru Deutschen aemacht. Es gibt Deutsche, die Hochverrat übten (Ovversdorsfl. die ihren pazifistischen Restrebunaen offen Ausdruck gaben, die in der Revolution eine führende Rolle spielten. Man macht ihr Deutschtum dafür nicht verantwortlich, man hält fick nur an die einzelnen Persönlichkeiten. Sowie man aber einen Inden vor sich bat oder haben glaubt (so aibt es noch immer Leute, die z. B. Liebknecht und Ledebour für Juden erklären), da heißt es: „die Juden"! Da vergißt man oder will es nicht wissen, -aß die Allgemeinheit nicht für das Borgeben oder das Vergeben des einzelnen verantwortlich' gemacht werden darf, daß umäbliae deutsche Juden sich' unsterbliche Verdienste um deuttcke Industrie, deutsche Kultur, deutsche Wissenschaft erworben und den Ruhm Deutschlands in alle Welt getragen haben. Nur wenige Namen seien genannt: Der Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn, der PbYsiker Heinrich Hertz', der Erfinder des Automobils Davide sahn, die Mediziner Paul Ehrlich. Anaust von Wassermann. der Handelsoraanisator Albert Ballin. die Chemiker Adolf Frank. Fritz Haber, die Erfinder der künstlichen Stickstosibereituna. der Forsckunasreifende Emm Vafcha (mit seinem deutschen Namen Eduard Schnitter, 1840 tit Ovveln geboren), der Marburger Philosoph Hermann Coben. Galdschmidt, Gundolf. der Recktslebrer Staub, ^der Physiker Einstein, der Baumeister Alfred Messel, der Maler Max Liebermann, der Bühnenorganisator Reinhardt.-der Geigerkönig Joachim, der Komponist Felix Mendelssohn Weitere Verein-nachrichten stehe letzte Sette.

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