Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 6 (10.2.1922)
- Date
- 1922-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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’SHPTTTTOfljP'T 1 Jüdisch-liberale Zeitung Die,jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Areitag und »ostet durch die Post oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljSdrlich w». 6.- Ginzelnummer so Pf. Lo-tungrn aufpostschrcktonio Breslau 4S3S7,2adlfch- Nberolr Lrttung, KofsrnverwaNung, «.Bayer, Breslau i Nebaktion und Sefchüst-ftelle: Breslau 3 Treue Sraupenstraße 7, i. Annadmeschluß für Berichte: wonlag mittag Sprechstunden der Schrtstleltung: Montag bis Frellag 12—1 vorm, in der Sefchüstsstelle. Annaymeschlust für Anzeigen: Dienstag früh Die 31/» cm vreitr MMtmeterzeNe kostet 1 MI.. FamtUenanzetaen 70Vf. BetWiederdolungSrmatztgungN.rortf ^gSBBBBBSBamBaSSBB^BSBBaaBBBBBBBamBmaBaBB^aBSSSSBB^^a^^SSSSSSSS^SSBBSBmsSSSSSSSBSBm^SSBSSSSSSSBSSSB^SSSSaBBSm Rr. 6 Breslau, den 10. Februar 1922 2. Jahrgang Vlbert Wohlauer. In Llsmoriam von Pastor Lic. theol. Ernst Moerina. Ist das ein seltsamliches Gewänder: Ihr schrittet noch oben vergnügt miteinander Durch Wälder und Wiesen und Sonnenschein, Du siehst dich um — da gehst du alleirr. Er blieb zurück am Weggelände; Das Wort auf den Lippen, er sprach's nicht zu Endo; Ein wunderbarlich Gebaren, und doch Scheint deins verwunderlicher noch. Denn wir gehen weiter. Wir müssen weiter schreiben: denn die Pflicht tritt an uns heran. Aber wen:: W i l - h e l m Iensen fortsährt: Ganz ruhig gehst des Weges du weiter, Haft schnell einen andern, vergnügten Begleiter, so trifft das auf uns alle, die wir mit Albert Wohlauer verbunden waren, nicht zu. Wir finden nicht schnell „einen andern, vergnügten Begleiter"; einen Mann von den seelischen Qualitäten des Entschlafenen werden wir überhaupt nicht wieder bekommen, und darum sind wir keineswegs ruhig. Ueber Albert Wohlauer ist seit seinem Tode viel ap* sprachen und geschrieben worden, aber dennoch kann ich nicht schweigen. Denn es geht mir wie den anderen, die An Kkannt und damit, geliebt haben (denn beides kam sofort in eins): die Persönlichkeit des verstorbenen war so reizvoll, dass ganz notwendig sich ein Bekenntnis und ein Ausdruck des Dankes ergibt. Nicht, dass wir unseren Freund nun, wo er gestorben, ins Uebermenschemnaß erhöben. Der Tod zwingt zur Wahrhaftigkeit, und außerdem hatte der Entschlafene soviel, daß Uebertrerbungen ganz unnötig sind. Er gehörte nicht zu den „Erfindern neuer Werte, um die sich die Erde dreht" — ganz gewiß nicht. Aber er war auch kein „Erfinder von neuem Lärme", die mit Recht Nietzsche im Gegensatz zu senen ersten zurückwcist. Er war kein „Erfinder von neuem Lärme", sondern gerade darin bestand seine ganz besondere Bedeutung, daß er Lärmende zu besänftigen wußte durch die bezaubernde Güte seines Wesens. Ihn kennen und lieben, ich sagte cs schon, war eins, und gerade, lvenn man mit ihm sachlich differierte, wuchs um so mehr das persönliche Band. Man hat es bei älteren Männern selten und zurnal bei Lehrern (das liegt im Berus) fast me, daß sie Widerspruch vertragen können. Der Vorstorbene vertrug ernsten Widerspruch. er vertrug auch die kleine neckende Bosheit, er überlegte die Gegengründe und machte sich die Entscheidung nicht leicht. Aber so liebenswürdig er war, er gab nicht auf Kosten der Persönlichen Beziehung die gewonnene Ueberzeugunq Preis. Gerade darin bestand der Reiz seines Wesens, daß er für seine Meinung einstand und doch durch die Güte des Herzens wie der Klarheit der Diktion so auch der Bestimmtheit des Willens die Schärfe nahm. Wir ivissen alle, wie er in wahrhaft unermüdlicher Tatkraft sich seinen Ehrenämtern widmete, gründlich in die Materie eindrang und mit ganzer Seele in allen Angelegenheiten der Stadt zu Hause war. Man hat gelegentlich über ihn gelächelt. daß er auch zu unbedeuterrden Vorlagen sprach, aber das kam doch nur aus seiner absoluten Verwobenheit mit dem kommunalen Leben und dem Verlange!,, die städtische Verwaltung so gediegen zu sehen, wie nur möglich. Trotzdem er in so vielen Ausschüssen und Deputationen saß, wie vielleicht kein Stadtverordneter sonst, und mit solcher Regelmäßigkeit und Gewissenhaftigkeit an den Verhandlungen teilnahm, wie ganz gewiß keiner von uns allen, und sich in das Ganze der kommunalen Geschäfte eingearbeitet hatte, trotzdem gehörte sein Herz und seine Kraft ebenso seiner Schule wie seiner Glaubensgemeinschaft. Was er den Schülern gewesen, mögen andere sagen, ist auch schon gesagt. Ich gestehe nur, daß mir eine solche Beliebtheit und Achtung von seiten der Schüler einem Lehrer gegenüber noch nicht begegnet ist. Jlber ich will noch etwas arweres sagen. Neulich hörte ich, daß ein Antisemit auf die Entgegnung. es gäbe doch auch anständige Juden, geantwortet habe: „Die anständigen Juden sind gerade besonders verhängnisvoll für uns. Sie nrachen uns den Antisemitismus schwer." Nun: Albert Wohlauer war ein solcher Jude, der den Antisemiten, die sich nicht belehren lassen wollen, sondern mangels eigenen positiven Inhalts sich an der Polemik berauschen, ihren Standpunkt erschwerte. Er tvar Jude und wurzelte bei aller Freiheit gegenüber der Tradition, wie sie dem wahrhaft Fromnren selbstverständlich ist, in der Ueberzeugung der Väter, diente ihr in der Verwaltung ihrer äußeren Obliegenheiten nrit der ihm eigenen freudigen Kraft und lebte aus ihr in der Geschlossenheit. wie sie die Verwobenheit mit einer geistigen Gemeinschaft dem sonst schwankenden Individuum schenkt. Zugleich aber war er ebenso verwachsen mit der Geschichte des Deutschtums, kannte aus der politischen Vergangenheit wie aus den, geistigen Besitztum unseres Volkes manch entlegene Einzelheit, verlor sich aber nicht in pinkriger Subtilität, sondern sah große Zusammenhänge und durchdrang allen Stoff mit regsamen Leben. Er war nicht Jude und Deutscher, geschweige denn abwechselnd das eine oder d-as andere, sondern er war ein deutscher Jude. Als solcher eine Ausnahme? Ja; denn auch deutsche Christen von den Herzensqualitäten unseres Entschlafenen sind AuSnatzmett. Er war ein Mann von ausgezeichttetiex Kenntnis, die recht umfassend war, seine verständnisoolle Güte warb ihm die vielen Freunde, und zu alledem hatte er einen unbeschreiblichen Gerechtigkeitssinn.. Weil ich im Zusamnrerchanqe mit ihm an die traurige, für Christen mehr als für Juden betrübliche Erscheinung des Antisemitismus denke, muß ich auch dieses sagen: bei den verschiedenen Fällen, in derren ich mit Professor Wohlauer in Bezug auf die Geeignetheit von Personen auseinanderginq, gab es zwei, bei denen er, aus sachlichen Gründen, die jüdischen Kandidaten bekämpfte, für die ich mich, von ihrer Eignung überzeugt (in dem einen Falle heute leise enttäuscht). einsetzte. Wir haben ihn begraben, und in der bald daraus folgenden Stadtverordnetensitznng ivar es uns allen, seinen politischen Freunden natürlich besonders qualvoll, daß er von uns genommen. Man braucht nicht zu versichern. daß wir ihn nicht vergessen werden. Ihn zu vergesien ist unmöglich. Wir müsien weiter arbeiten und dabei wird uns sein Geist begleiten. Und wir, die wir uns eingebettet fühlen in die ewige Welt, können auch mit ruhiger Gelassenheit das Ende von Iensens Gedichte uns Vorhalten: So gcht's eine Welle, das seltsame Wandern: Dann geht es an dich, dann hörst du die andern Noch weiter lachen ins sonnige Land, Und du bleibst einsam am Wegesrand. MW-llberM JugenMn zu ftwlau. Montag, den 18. Februar 1922, abends &V« Uhr, im Saale der Gesellschaft .Eintracht'', Tauerchienstraße 18 (Eingang NNk Anger) Dortrag deS Herrn Rabbbiner Dr. Sänger: „Die Juden in Rumänien". Freitag» den 17. Februar, abends 8 7« Uhr, in den Spinoza-Loge nur für Mitglieder und deren Angehörige: SMkvlp iNW-HM'JllsSMNIkllllst 35 Wettere DeretnSnachrichten stehe letzte Seite. Jüdisch-liberaler Iugendverei» zu Verlin sieh« letzt« Seite. Gefühl unö Vernunft. Bon Rabbiner Tr. G 0 t t s ch a l k, Posen. Die Hauptversammlung ist vorüber. Treffliches ist geredet worden. Aber für wen? Für d i e Liberalen, die schon organisiert sind. Für die aber, die draußen stehn, ist das entscheidende Wort nicht gefallen. Und es stehen viele draußen — Tausende, behaupte ich, denen nur der Weg noch nicht frei gemacht ist. Sie wollen aber nicht bloß Liberalismus, sie wollen N e u l i b e r a l i s m u s; sie wollen nicht Gefühl oder Vernunft, sondern Gefühl und Vernunft. Sic wollen jüdisch-frei-religiös sein. Jüdisch, weil sie ihren Zusammenhang mit dem Judentum nicht ausqeben wollen. Frei — weil sie nicht bloß von überlebten Zeremonien, nicht bloß von der Vorherrschaft des Hebräischen, nicht bloß von der Uebersiille der Gebete frei sein wollen, sondern vor allein frei von dem Gott, wie ihn das offizielle Judentum lehrt und auch die „Liberale Vereinigung" vertritt. Gefühl, gewiß — aber verbunden mit der Vernunft, die Gott auf dieses Gefühl beschränkt, ihn allein im Erleben der Seele sucht; die die Natur sich selbst überläßt und das äußere Leben dem Schicksal, der Willkür, dem Zufall — aber nur nicht Gott. Gott ist rmr noch Seelenerlebnis. gegen das keine Vernunft mehr Einspruch erbebt. Vernunft gewiß — aber ja nicht als Führerin, sondern als Dienerin; die in Gott nicht mehr den Schöpfer der Welt sehen will, ihn nicht mehr als Vater im Himmel anspricht, keine persönliche Wirksamkeit von ihm verlangt. Gefühl und Vernunft, sie machen aus Gott: daS Göttliche. Ewige, Heilige in uns — die Kraft, die aber auch Mose erfüllte^ als .er.,,, die., .klassischen Warte..sprach:. „Und nun Israel, was fordert der Ewige von Dir als ihn zu ehrfürchten und ihn zu lieben". Die Kraft, durch die jeder Prophet bekannte: „Es erging das Wort des Ewigen an nrich." Nur daß sie alle diese ewige Kraft von außen nach innen einströmen fühlten, während wir sie heute nur so begreifen, daß sie von innen nach außen strömt — heute, wie vor 3000 Jahren. „Diener des Ewigen", sagte man damals. „Diener a m Ewigen" sagen wir heut. Jüdisch — frei — und endlich religiös. In diesem Erleben — damals wir heut — sehen w i r das Wesen des Judentums, wie andere es in anderem sehen. Wir bestreiten niemand ein Recht darauf. Aber wir bestreiten, daß es d a s Wesen des Judentums gibt. Es gibt so viele „Wesen des Judentums". wie es aufrechte, ehrliche Juden gibt. Und für uns liegt das Wesen im Religiösen und dieses Religiöse allein in der Seele. Wir wollen nicht bloß Ethik, wir wollen Religion, d. h. jenes Atmen in der ewigen Luft, jenes Umfassen der Unendlichkeit, jenes Einströmen in das Göttlich-Heilige. Wir wollen kein Schwärmen, sondern wollen ein Handeln, und als unser Leitstern führt uns das Wort: „Ein Licht des Ewiaen ist die Seele." Aus diesem Grunde gilt es zu bauen und Lehre und Gottesdienst umzugestolten — unbekümmert um rechts und links, gehorsam allein der Wahrhaftigkeit. Nicht die Einheit des Judentums sieht uns am höchsten, sondern die Möglichkeft, unser Judentum ausleben zu können. „Bahnet, babnet einen Weg dem Ewiaen" — dann werden die Draußenstehenden eintreten können. Und ihr Bekenntnis wird fortan lauten: ..Höre. Israel, d a s E w i g e ist unser Gott, das Ewige ist einzig." Jüdische Kriegsteilnehmer km landwirtschaftlichen Veens. Bon Dr. Arthur Kahn. Ter „Schild", das Organ der Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, veröftentlichte in seiner letzten Nummer folgenden beachtenswerten Artikel. Dir Red. Bon einem Kriegsveteranen von 1870, wie dem Bersasser dieses Artikels, kann es nicht Wunder nehmen, wenn er an dem Schicksal der Kriegsbeschädigten dieses Weltkrieges ein besonderes Interesse hegt. Wenn daher hier von unseren jüdischen Kriegsbeschädigten gesprochen wird, soll nicht nur von solchen die Rede sein, die körperlich infolge von Verwundungen invalide geworden, sondern auch wirtschaftlich in Mitleidenschästz gezogen wurden. Die ersteven, die an ihrer Gesundheit oder sonst körperlich geschädigt wurden, lassen sich statistisch rveit leichter ermitteln, als die zweite Kategorie, deren Existenz durch den Krieg erschüttert,, wenn nicht gar völlig ruiniert wo^en ist und' zu-einer Berufsumschaltung gezwungen werden. Diese ist