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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-02-03 · 5 (3.2.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
5 (3.2.1922)
Date
1922-02-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die.LÜdlfO-Ndkrale 3eltuno" erscheint leben Srritao unv koste! durch bi» Voft ober durch die SrschlisUfteN» brrvoen, viertriMrlich Mi. tz- Sinzrinummer so Vf. Sabwnoen-«tvoM<d»>»omvLr«»io««sz»7,Ladstch. «der»« Seiiua». «astenverw »uiui». e.aäautr, asrtslau i Redaktion und Geschäftsstelle: Dreslau 3 Reue Sraupenstrahe 7,1. Aimodmeschiuß für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlftleitung: Montag bis Freitag 12—1 vorm. In der Geschäftsstelle. Amwvmeschlufür Anzttgen: Dienstag früh Die 3l/»cm breite Milllmrterzeiie kostet 1 Mk., Familienan»eigen?vDf. BeiWlederdoiungSrmaZlgungU.Larif Nr. 5 WmmBBBamSSSBmBSBBBmBBBBBBBBBSSSSmmBmsmBBBBBSSBBBBSmBBBSBeBBSSBBBBSmmmsm Dreslau, den 3. Febmar 1Y22 2. Äahraang Professor dr. Mert wohlauer. „Es ist etwas Großes um die Arbeit, denn sie ehret ihren Mann." Das war der Leitstern unseres Führers irnd freundes, des Herrn Dr. Wohlauer. der rastlos wirkte in jüdisch-deutscher Art, den sauft der Tvdeseugel geküßt hat mitten in der Arbeit — für andere. Aus ehrsamer Kaufmaunsfamilie einer ficinen schlesischen Stadt stammend, hat Dr. Wohlauer den frei erwählten Beruf als Bildner der Jugend mustergültig geübt und fid) im Leben der hiesigen Getueinde, im Leben der deutschen Iudcirheit einen Platz an erster stelle gesichert. Ein warmes Herz Air der Bedrängten Nöte, ein offenes Ohr für die Zeichen der Zeit, ein kluger, beredsamer Führer, eine sonnige, herzgewinnende Persönlichkeit — alles dahin! Uns Liberalen stand' Wohlauer besonders nahe. Wenige Stunden vor seinem Ableben hat er uns aus dem reiche,! Born seiner Erfahrung. ans seiner aufrechten, nicht nach links und nicht nach rechts blickenden ttebcrzengmig heraus, die nachfolgenden Darlegungen gespendet. Dank ihm dafür und für alles Uebrige. was er uns Jahrzehnte hindurch hergegeben hat. Treue Möllert wir ihm halten über Tod und Grab hinaus! By. Ein Notschrei solf den deutschen .ftitbat in die Ohren gellen und ihre Herzen erschüttern. Die Teuerung hat alle Mittel verschlungen, die den Hungrigen Nahrung, den Bedürftigen Wohnung ltnb Kleidung, den Altersschwachen und Gebrechlichen Halt und Stütze, den Kranken Pflege und Heilung, den Verwaisten ein Familienheim, Versorgung, Erziehung und Bildung gewährten. Selbst die reichsten Stiftungen sind nicht mehr imstande, ihren Ausgaben auch nur im bescheidensten Umfange zn genügen. Unsere Kranken-, und Siechenhäuscr. unsere Altersversorgung^, Waisen-- und Erziehungsanstalten werde,, ihre Pforten schließen müssen, wenn - ihnen nicht Hilfe kommt. Die Gemeittden suchen nach Kräften der Not zu steuern, aber selbst den dringendsten Anforderungen zu genügen, geht über ihre Kraft. Wenn Kummer, Sorge und Elend gebannt werden sollen, wenn wir unsere heimischen Krauten- und Erzieh,mgsanstalten erhalten wollen, wenn unsere Wohlfahrtspflege nicht erliegen soll, so muß jeder deutsche Jude spenden, so viel er nur immer vermag, nruß Opfer bringen bis zur Grenze des Möglichen. Den Glaubensbrüdern in der Heimat zu helfen, ist setzt die erste und heiligste Pflicht. Charith begins at Home. Doch kann die werktätige Nächstenliebe hier nicht Halt machen. Alle unsere bedrängten Mitbürger stehen unserem Herzen nahe. Ihnen wollen wir beistehen, ohne nach Tank mtb Anerkennung zu fragen. Aber auch unsere schwergeprüften und um ihrer Religion willen verfolgten und mißhandelten Glaubensgenossen in der Ferne sollen nicht vergessen werden. Soweit die heimischen Interessen es gestatten, wollen wir uns ihrer annehmen. Wer für andere Zwecke, die ihren: Wesen nach nicht als rein philanthropische angesprochen werden können, beisteuern will, der rnag sich gewissenhaft und gründlich prüfen, ob diese Zwecke wahrhaft und wirklich seiner Anschauung und Ueber,zeugung entsprechen. Gesunder, bodenständiger Idealismus heißt die Forderung des Tages. Dr. W 0 hlaner. MMvM w einem rWimuntmliyr auf öentflh-evanseWer iMlage. Von Rabbiner Dr. Sänger, Breslau. Jene nicht unberechtigt gewesenen Befürchtungen, die in den ersten Monaten der deutschen Republik vielfach laut wurden, daß jeder Religionsunterricht aus den deutschen Schulen ausgemerzt werden sollte, sind glücklicherweise und dank des gesunden Sinnes des deutschen Volkes nicht Tatsachen geworden. Es muß vielmehr mit Dank anerkannt werden, daß selbst leitende Staatsmänner, deren Weltanffassung ein ausgesprochenes religiöses Bekenntnis ausschließt, dennoch in objektiver Weise für die Erhaltung des Religionsunterrichts als eines ordentlichen Unterrichtsfaches in den öffentlichen Schulen eingetreten sind und es arrch weiterhin tun. Aber jener Teil des deutschen Volkes, der seine unverfälscht germanische Abstammung auch dadurch bekunden zu müssen glaubt, daß er zum Wotanskult und zur Heiligenverehrung des alten Bonifazius aufrnft, sucht nun durch eine allmähliche Neuorientierung der heramvachsenden Jugend auf dein Gebiete des Religionsunterrichtes diesen: Ziele näher zu kommen. Eine Arbeitsgemeinschaft des Breslauer Lehrervereins gibt einen „Entwurf eines Lehrplans für den Religionsunterricht auf deutsch-evangelischer Grundlage" heraus, gegen den zunächst der Verband evangelischer Relrgwnslehreriimen. Ortsgruppe Breslau, in einen! Gegeneutwurf Stellung genommen, gegen den aber auch das Judentum ans demselben Grunde sich zu wenden hat: denn es handelt sich natürlich um nichts Geringeres als um die Ausschaltung des alten Testamentes; Delitzsch hat getreue Gefolgschaft gefunden. Dr. Fr. W. Förster, eine sicherlich auch von den deutschevan-gelischen Herren anerkannte Autorität auf dem Gebiete der ItMMrzjMng, schreibt in seinem Buche: „Iugendlehre" auf Seit« 112: „Das alte Testament wird utc veralten, und es ist inr Interesse der pädagogischen Schätzung seiner Erzählungen und Gedanken mir zu bedauern, daß neuerdings von historischer Seite versucht lvorden ist. die unvergleichliche innere Größe seiner Schöpfungen herabzusetzen dadurch, daß man auf der Suche nach den: historischen Ursprung ihrer äußeren Bestandteile die Originalität ihres inneren Lebens verdunkelte und verkannte." Und weiter lesen wir dort auf derselben Seite: „Inr alten Testament ist das Göttliche gegenwärtig, ioeil es von genialen Männern in höchster Konzentration aller Willensmächte erfaßt wurde — und weis das der Fall ist, weil Gott dort ein brennendes Feuer, eine Steigerung und Sammlung aller Lebenskräfte ist. darum empfindet auch der Akensch, der nicht verkehrt ist, bei der Lektüre, daß er hier eine Schöpfung vor sich hat, die ungleich aller anderen Literatur durchglüht ist von jenem Geiste des Lebens, der nach den-Worten der Genesis am Weltbeginn über den Wassern schwebte." Was dagegen fordert der deutsch-evangelische Religionslehrer in eitler Zeit, wo uns nichts mehr not tut, als die Vertiefung ethischen Glaubens, als die Förderung jeder sittlichen Kraft, als die Lehre von der Gleichheit aller Menschen und von dein einen starken Band der Liebe, das sie alle ohne i-.'de Ausnahme — so lehrt das alle Testament im 8. Buch Mose 19, 18 — umschließen soll? Er fordert: „Aus den: alter: Testament sind nur die Geschichten zu behandeln, die religiös-sittlich wertvoll sind und den pädagogisclien Anfotzderungen entsprechen. Eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte des jüdischen Volkes hat im christlichen Religionsrntterricht keinen Platz. An die Stelle der fremdartigen Elemente treten die besten Stücke cnrs dem deutschen Schrifttum in Poesie und Prosa; wir pflegen dadurch deutsche Frömmigkeit." (Seite 3.) „Es geht nicht an, weiter die Sittlichkeit des alten Testanrentes als für uns vorbildlich hmzunehmen." (Seite 4.) MW-lAralrr JugenMn zu Brwlau. Montag, den 6. Februar 1922, abends 8'/., Uhr, im Saale der Gesellschaft «Eintracht*, Tauenhienstraße 12 t Eingang INtv Anger) DtSkuffionS-Abenö unter Leitung deS Herrn Gemeinde-RabbinerS Dr. Dogelstein: Religiöse Erneuerung. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Weitere Dereinsnachrichten siehe letzte Seite. „Endlich ist es nötig, mit dem Vorurteil zu brechen^ als. ob nur im jüdischen Volke religiöse Kräfte lebendiej gewesen wären. Deutsche Kinder sollen über den Götter« glauben der Germanen mindestens ebenso unterrichte! sein, wie über die jüdische Stammesgeschichte." (Seite 5.)' Auch die Stofsauswahl für die einzelnen Schuljahrs ist nicht uninteressant. So wird für das erste Schuljahrs gefordert: Grimm: Der Wolf und die sieben Geislein, Rotkäppchen. Hansel und Gretel; Rejnheimer: Himmelsschlüsselchen, Sternblumen; W. Hey: Der Vogel am Fenster, Sperling und Pferd ufw. Das alte Testament wird mit keiner Silbe erwähnt. Dos neue Testament kommt im zweiten Schuljahre mit einigen kleineren Erzählungen schon etwas mehr zur Geltuna, und neben Grimm: Dornröschen, Frau Holle; Hetz: Wandersmann und Lerche; Andersen: Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen, kommt sogar an tveniacn Stellen das alte Testament zu Worr. Es werden Josef und seine Brüder, die Flucht nach Aegypten, die „Srqe" vom Paradiese als Lehrstoff gefächert. Jenes Schuljahr schließt mit der Besprechung der Themen: Das Erwachen des Frühlings. Sommersonntgg, Osterhase. (Seite 8 und 9.) Diese Proben reichen schon hin. um einen Reliaionsunterricht solcher Art richtig einzuschätzen. Es paßt nur in den Rahmen eines solchen Lehrplans, wenn von der „Sintslutsage", von dem alten Testament als Urkunde der indischen S t a m m e s r e l i g i 0 n (S. 24), von Blitzschlag, Feuerdienst und Menschenfresserei, von der Natnrbeseelung. unter besonderer Berücksichtigung unseres alten deutschen Kulturgutes (Elfen, Nixen, Riesen, Zwerge usw., Sonnenverehrung der Germanen), von Totenkult und Ahnenverehrung (Gevmanen-Hünengräber usw.), neben Goethe und Schiller von Hedenstjerna, Sohnreh, Kaulisch, Schevenberg, Sudermann, Jean Paul, selbst Heine und vielem mW vielen anderen die Rede ist (Seite 26 ff.), aber mit Moses und Jesajas Namen (S. 15 und 30). mit der Erwähnung von Ruth, David und Jonathan, auch Hiobs, ist das alte Testament restlos erschöpft. Arme Jugend, der aus Haßempfinden so viel Schönes vorenthalten wird; doch das Gute wird sich trotzdem Bahn brechen, und ich bin dessen ganz sicher, daß jene schulentlassene Jugend, die solchen Unterricht acht Jahre hindurch genossett, dann als reifere Menschen um so sehnsüchtiger nach dem „Buch der Bücher" greifen werden und urteilen werden über die. deren Verständnis für Gottes Größe und Menschenliebe getrübt gewesen ist. Der Verband evangelischer Reliaionslehrermnen. Ortsgruppe Breslau, empfindet schon die Unmöglichkeit eines solchen Lehrplatts, soll das Christentum nicht ans den Angeln gehoben werden, und fordert in seinem Ent-« Wurf (Breslau 1921, Ev. BuchhaMung Gerhard Kauffmann), der als ein Gegenentwurf angesehen tverden muß, „die biblische Geschichte des alten Testaments, insofern das neue auf dem alten beruht" (S. 3). „Das alte Testament, auf dem unumstößlich das iteitc beruht, darf auch den, Kirtderrr nicht verenthalten werden. (S. 4.) Es sind natürlich die Geschichten des alten Testaments lebensvoll und auch ihrerseits wie überhaupt der ganze Religionsunterricht christozentrisch zu behandeln." Das ist eins verständliche Forderung, die aber ganz besonders die jüdischen Eltern interessieren dürfte, die da meinen, die Teilnahinc ihres Kindes am christlichen Religionsunter-« richt im 1. oder auch im 2. Schuljahre sei bedeutungslos für das erwachende Empfinden des Kindes! Der Lehrplan sieht größere Abschnitte aus dem alten Testament vor, so Mose als Gesetzgeber. Davids Königtum, ein Verständnis der Propheten usw. Natürlich kann auch! nach diesem Lehrplan kein Schüler eine hinreichende Kenntnis oder auch nur ein tieferes Verständnis für das alte Testament und noch Iveniger für die Juden erlangen, aber immerhin ist das Prinzip ausgesprochen, daß das alte Testanrent eine unumstößliche Basis für das neue Testament ist und daß es auch christlichen Kindern nicht Vor-« enthalten werden darf. Wir Juden haben heute mehr denn je Veranlassung zu fordern, daß man llns und unser Schrifttum kennt, denn nur d i e, die uns nicht kennen, können unsere Feinde sein, und es ist wo-hl bedacht, wenn man die Heranwachsende Jugend absichtlich in Unkenntnis über das Judentum und seine alte Literatur hält. Wohl bedacht von unseren Fein-« den,'die sich einen würdigen Nachwuchs sichern möchten. Darum nmß auch unser ganzes Bemühen daraus gerichtet sein, den jndenseindlichen Bestrebungen der Ätzbettsgemeinschaft des Breslauer Lehrervereins mit allen' gesetzt lichen Mitteln entgegenzutreten. Auch.wir sind als gute deutsche Staatsbürger Verehrer unserer schönen Märchenwelt. die Grimm, Andersen und viele andere für unsere Kinder gescknrffeir haben.; Auch wir verlangen, da-. «N

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