Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 4 (27.1.1922)
- Date
- 1922-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW WWW Die.Lüdisch-iwerale Leitung" erscheint jeden Freitag und koget durch die Vost oder durch die SeschüftSftelle bezogen, vierteljävrttch Mk. d- Glnzeinummer So Vf. Lobtongen aus Vostfrveittonto Breslau 453&7,3ttf>if$- liberale Lelwng, KassenveNr altung, S.Dayer. Lreslaui Nr. 4 ll, ------ NSiflh-llberslll JooenOoemn?v 'Breslau. Montag, den 30. Januar 1922, abends 874 Uhr, im Saale der Gesellschaft «Eintracht", Taiieirhienslraße 12 1 Eingang nur Anger) General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit im Geschäftsjahr 1921. 2. Kassenbericht. 3. Entlastung des Vorstandes. 4. Neuwahl deS Gesamtvorstandes. 5. Dringlichkeitsantrag des Arbeits-Ausschusses auf Erhöhung der Beilragspflicht. (In Vorschlag gebracht find Mk. 10.— pro Quartal für ordentliche und außerordentliche Mitglieder). 6. Statutenänderungen. 7. Eventuelle Anträge. Zutritt zur General-Versammlung, die ohne Rücksicht auf die Zahl der Anwesenden beschlußfähig ist, haben nur Mitglieder. Stimmberechtigt sind ordentliche und außerordentliche Mitglieder. » — ■ Annavmeschlutz für Lnichtk: OQontao mittag Sprechstunden der Schrlftlettung: Montag bis Freitag 12—1 vorm, ln der SeschäfUstelle. Annovmrfchiu» für Anzeigen: Dienstag stich Die 3',. cm brette NUlllmeieezeUe kostet 1 m, -omtUea. anzetgen 70Vf DeiWiederdolungSrmü-lsung lt.rartf 2. Jahrgang dem ihr damaliger Sprecher einer der besten und belieb^ testen Kanzelrcdner ist. Weil sich auf diesem Wege Reformen nicht anreffen und noch weniger untetdrückeri lassen. Wir müssen eine solche Auffasiunff und Richtung bekämpfen, weil der entschiedene Liberalismus endlich einmal Reinlichkeit und Wahrhafliffkeit in diesen Dingen, weil er die Einheit zwischen Lehre und Leben wiederhcrqesiel.lt sehen will. Wer da behauptet, daß die Speiseqesetze einen anderen Zweck gehabt haben, als einen dem Orient angepaßten. rein sanitären, wer da meint, daß sie noch heute ethisch und erzieherisch wirken, di« jüdische Küche von Schwelgerei und Wohlleben (!) abhalten, der maq sie beobachten. Wer die qräßere Anstrengung der weiten Wege, die sich in der Großstadt qar nicht vermeiden lasten, als Sabbathruhe und Festtaqssreude ansieht, der soll seine Sabbathe und Feste durch größere Anstren>gungen feiern. Wer das Verbot des Feueranzündens, das nur mit Rücksicht auf damalige Schwierigkeiten, auf das Klima und dir Hellen Nächte des Orients berechnet war, noch heute, als verbindlich ansicht, der mag es weiter in wörtlichem Sinne Hallen. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht eingehend mit diesen Dingen beschäftigen, sondern das später erfci)dncnben Artikeln Vorbehalten. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß diese Gebote nicht als das Wesentliche der mosaischen Lehre anzusehen, daß manche von den heutigen Staatsgesetzen erreicht, wenn nicht gar überholt sind, und daß endlich einmal ein Anfang zur Beseitigung dieser nur von sterblichen und irrenden Menschen herrühlenden Bräuche, die sich znm Teil sogar zu Mißbräuchen ausgewachsen haben, gemacht werden muß. Daß darmrter das Gefühl des einen oder andern leiden wird/ glauben wir; wahrscheinlich war das auch der Fall. als man in grauer Vorzeit energisch die „terafim" abschafstepzuHaüsgöttern, zil „terafim" sind viele dieser rmr von Menschengeist aufgestellten Gebote geworden. Was uns anaehi, wir können diesen Dienst auch nicht stillschweigend weiter mitmachen. So wie einzelne, der Religionsausübuna geweihte Gegenstände mit der Seit ,.p 0 s s u l" (unbrauchbar) werden, so ist es auch mit ganzen Institutionen der Religion: auch von ihnen werden manche mit der Seit ,w0fiul* und müssen dann durch andere erseht werden. Meist besorgt das auch schon die alles vollbringende Zeit, die Aiewschen bemerkell es nur nicht und reiben sich eines Tages verwundert die Augen, als wenn sie aus dem Schlafe erwachen. Nur wo eine solche Ergänzung schwierig ist, soll man das alte an seineni Plah belassen. Auf der Tagung gm 4. Januar forderte einer unserer Freunde die Abschaffung der Beschneidnng. Wir würden das für einen argeil Fehler halten und lehnen diese Forderung ab; dem: diese sogar von europäischen Christen mitgemachte Sitte < hat auch in westlichen und nördlichen Ländern einen hoben, sanitären Wert. Da aber weder staatliches noch ethsi^s Gesetz sie gebieten, so haben wir nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, sie nach unserm alten religiösen Recht zu verlangen und auszuüben. Dieser Schulfall einer nicht oder doch übel angebrachten Reform zeigt deutlich die Notwendigkeit von an anderen Stellen zu schaffenden Neuerungen. Wer nun nicht auf liberalem Standpunkte steht, d. h. die Gebote noch sämtlich beobachtet oder sich wenigstens ihrer möglichsten Beobachtung unterzieht, hat natürlich das Recht, auch solches von seinem Gemeinderabbiner zu fordern. Wer sich aber von der Beobachtung der Gebote vor seinem Gewissen frei macht, begibt sich dieses Rechtes. Allen denen, die trotzdem solche Forderungen an den Rabbincr stellen, möchten wir zurufen: „M erktIhr de nn nicht, daß Ihr dadurch denjenigen. der Euer geistiger Führer sein soll, zum Pfaffen macht?!" Wir Liberalen fordern durchaus nicht, daß in den Orgelsynagogen nur liberale Rabbiner amtieren, aber wir verlangen von dem R abb i ner. der sich „libera l" nennt, also in unserer Bewegung ein Führer sein will, daß er die „Lehre so lehrt, wie sie in ihren äußeren formen dem Leben d. h. der Jetztzeit entspricht und daß er die Freiheit hat. die Lehre so zu leben, wie er sie verkündet. Wir wollen nicht, daß um der sogenannten „Iüdlschkeit" willen, die mit dem eigentlichen Judentum meist qar nichts zu tun hat. die Wahr 4 Hastigkeit leidet. Das bewegt unS. diese Fotde^ rungen zu stellen, nicht der uns von dem sehr naiven oder doch die Leser der „Iüdisch e p B 0 l k s z e i t u n g" f ür s e h r n a i v h a l t e n d e tt Dr. Schlesinger unterschobene Wunsch» uns gewissermaßen eine geistliche Absolut i0n zu fichern. Eine solche müßten wit Liberalen dankend ablehnen, wir beuiummB Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Neue Graupenstraße 7, l. IZE □miiiiriiminn Breslau, den 27. Äonuar 1922 Sie mittlere Richtung. Lon W 0 lfss 0 hn, Berbn-Schönebera. Herr Dr. Josef Schlesinger, Breslau, veröffentlicht unter der Uc-bcrschrift „Liberale Forderungen" in der „Jüdischen B 0 l k s z e i t u n g" (Nr. 1) einen Artikel, in dem er für die „mittlere Richtung" eintritt, sich gegen liberale Forderungen im allgemeinen und im besonderen gegen solche Forderungen wendet, wie sie Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern und i ch in unseren Artikeln in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" (Nr. 54) stellten. Das ist sein gutes Recht, das unsrigc, ja noch mehr unsere Pflicht ist es, gegen Angriffe. die in der von Dr. Schlesinger beliebten Form erfolgen. energisch Front zu machen. Zunächst etwas Persönliches! Dr. Schlesinger schreibt am Schluß seiner Ausführungen: „ . . . und daß die § r 0 ßeMasse bis a n f w e n i g e A n ß e n s e i t e r es endlich einmal einsehen wird, wohin der Liberalismus, den ihre Führer predigen, führt, und daß mit dem schönen Wort L i b era l i s rn u s ein Mißbrauch getrieben wird — deutlicher kann ich mit Rücksicht auf das Preßgcsetz nicht werden — den sic, s 0 hoffe ich, auf die Dauer nicht weiter m i t m a ch e n w e r d c n." Was meine Person angeht, ich Hobe nicht die Ehre, zu den Führern der „Bereinigung für das liberale I u d e n t u m" zu gehören, auch nicht den Ehrgeiz, und ich glaube, auch nicht das Zeug dazu. Ich bin nur ein einfacher Kämvfer in den Rechen derjenigen liberalen Inden, die die Einheit zwischen Lehre n n d Leben widerhe raestellt sehen mochten. Und das dürfte wohl die große Mehrzahl der liberalen Juden sein. Im übrigen kann Heu Dr. Schlesinger aus mich noch stärkere Ausdrücke anwerrden, so lange man mir nichts persönlich Ehrenrühriges vorwirst. laufe ich nicht zum Kadi. Nun zur Sache selbst, zur „M i t t l e r e n Rich - t u n g". der Dr. Schlesinaer die meisten Juden zurechnet. Sie war im vorigen Iahrhnudert der „Liberalismus" im Judentum. Moses Mendelssohn, der populäre Religionsvhllosoph. batte durch seine Ucbersetzung des Pentateuchs und der Psältneu dem Judentum die deutsch Sprache und deutsches Empfinden näher gebracht und den ersten Anstoß zur Weitcreutwickeluna gegeben. Aber von den Nitualgesetzon und Geboten hatte er nichts als über flüssig, änderungsbedürfüg erachtet, im Gegenteil ausdrücklich erklärt, daß an ifjiteit unverbrüchlich fcstzuhalten iei. Ob dieser Standpunkt seinerzeit richtig war oder nicht, darüber soll hier nicht gestritten werden. Nur die Tatsache muß erwähnt werden, daß das Iurückweiseu jeglicher Reformen mit Schuld daran trug, wenn der Uebcrtritt vom Judentum zur Tochterrcligion Anfang des 19. Jahrhunderts in Scharen crfolate. Und es waren damals nicht die Schlechtesten, die abfieleu. Nachdem das Licht durch die geöffneten Tore des Ghettos strömte, waren die bis dahin eingeschlossenen zuerst wie geblendet. Jetzt erkannten sie erst, wie viel ihnen bisher vorenthalten war, und die von der damaligen geistigen und sonstigen Leitung des Judentums gezeigte Almcioung geaen die Beseitigung all des Häßlichen, das sich durch die iabrhmrdertlange Abschließung in äußeren gottesdienstlichen und ritualen Formen gebildet hatte, die trotz der ausschließlich jüdischen Erziehung nur geringe Kenntnis vom Kern und eigentlichen Wesen ihrer Religion, alles das wirkte zusammen. — Namentlich bei den Frauen. die ohne Kenntnis des eigentlich Religiösen erzooen wurden. Wie hätte sonst eine so kluge Frau wie Henriette Herz zu einem solchen Urteil bei dem Vergleich zwischen dem Bekenntnis, in dem sie geboren, und der Konfession, zu der sie übergetreten, gelanoen tonnen. — Die Reform (Iacobsohn, Holdheim u. a.). die dann im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts einsetzte, bedeutete dock einen zu großen Svruna und ließ alle organische Entwickelung außer Ack't. Allerdings war auch sie weiter als eine Reaktion auf den zähen Widerstand, mir dem die Orthodorie jede, auch die geringste Neuerung bekämpfte. Da traten die großen Männer mit freierer Gedankenrichtnna. die deutschen Führer der jüdischen Religionswissenschaft, ans den Plan. Sie, die G r ä tz. H u n z, Geiger. P h i l i v v s 0 h n . Sachs, Joel u. 0. vollzogen durch ihre Wissenschaft und ihr Wirken systematisch die Reform der jüdischen. Religionsanschauung. Ja, sie bewirkten, daß der Geist des größten Teils der deutschen Juden sich von Encchcrziakeit und Unduldsamkeit in religiösen Dinaen frei machte nnb sich auch für die Religion auf dm, Gebiet der Entwickelungslebre einstellte. Diese Männer machten in Wahrheit erst die Bahn frei für den eigentlichen Liberalismus, der den Gottesdienst zu einem würdigen, den Anforderungen von Zeit. Aesthetik entsvrechenden gestaltete. Daß man nicht mehr die Hilfsmittel, die zur Erreichung von Weihe und höherer Stimmung dienten, nur aus denr Grunde .zurückwies, weil sic die „andern" auch anwendeten. — So konnte man im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wohl vom liberalen Standpunkt aus mit Befriedigung auf das zurückbliäen. was im Laufe von ungefähr 109 Jahren erreicht war. Auch im Gottesdienst der orthodoxen Synagogen hatte das Licht, das vom Liberalismus ausgina, wohltuend gewirkt, and) da hatte sich manches zum Bessern gewendet. — Aber in anderer Beziehung sing der Liberalismus an zu versagen. Die Icit stellte noch andere Anforderungen, als Reform des Gottesdienstes. Handel und Wandel, Stellung des einzelnen Juden und der Gesamtheit brachten ein aanz anderes Iusanrmenleben mit den christlichen Mitbürgern mit sich. Dazu kam. daß sich der nach geistigem Gilt an und für sich begierige Jude jetzt, wo ihm die Bahn zur Bildung und znm Lernen frei stand, jede hierzu günstige Gelegenheit ergriff. Man nahm aber nun auch nicht mehr gläubig und unbesehen, was die Religion der Väter bot. man sah cs nicht nur im Scheine der Talmudlampe, sondern im hellen Licht der Freiheit und Wirklichkeit. Der Materialismus, der die Kirchen leer machte, tat ein gleiches auch bei den Synaaogeu. Vor allem waren es auch die ökonomischen Zustände, die die Gottesbäuser der freieren Richtung in Israel von Besuchern entblößten. Du war zilnächst der Umstand, daß. wie die Juden andere Berufe ergriffen, sich auch die Christen Branchen znwandten, die bisher eine fast ausgesprochene Domäne der Iudeli gewesen. Und die christliche Konkurrenz ließ den Kaufmann, der sonst Sonnabend vormittag häufiger den Tempel besucht hatte, diese Versäumnis einer Geschäftszeit schwerer cnrpfinden. (Man sehe, in toie starkem Maße sich im Mctallhandel, der heute noch überwiegend in indischen Händen, die Sabbathnche erhalten hat.) Dann kam das Gesetz über die Sonntagsruhe, das eine hohe, ethische Forderung des Judentums in die Wirklichkeit unrsehte, und auch von den nichtorthodoxen jüdischen Kaufleuten und Angestellten wohltätig empfunden wurde. Es änderte für viele Inden völlig die Geschäftslage. Der Sonntag, vorher neben den Wochenmarktstagen der beste Geschäftstag, hatte seine Rolle als solcher völlig ausgespielt, an seine Stelle trat der letzte Wochentag, der Sonnabend. — Alle diese Fragen der fortschreitenden Zeit ließ der Liberalismus völlig ungelöst. Wenn sie seine Anhänger von sich aus lösten, machten seine geistigen Führer, die sich noch immer „liberale" Rabbiner nannten, beide Augen zu. Wenn man sie fragte, wie es mit entscheidenden Maßnahmen sei. beriefen sie sich ans das Gesetz der historischen Entwickelung, nach km man einzig und allein reformieren dürfe, was sthtießl'ch immer dem Grmrdsah „guieta non nwverc" gleichkam, und merkten nicht, daß die historische Entwickelung schon längst über ihre Ansichten und die sogenannte ..Iüdischkcit" hinweggegangen. Der Liberalismus wunde zur „m ittleren Richtung", er war nicht kalt und nicht warm, er war lau. und deshalb wirkte die „mittlere Richtung" überhaupt nicht mehr. Wir hatten in der Berliner jüdischen Volkshochschule einen interessanten Vortragszyklus, je einen Abend für Orthodoxie. Zionismus, Liberalismus. und mittlere Richtung. Die ersten drei Richtungen wußten uns jede von ihrem Standpunkt aus etwas zu sagen, nur die „mittlere Richtung" versagte völlig, blieb leeres Getön, ohne auch nur einen einzigen Gedanken anzuregen. Trotz- Weitere Derrinsnachrichten stehe letzte Seit