Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 3 (20.1.1922)
- Date
- 1922-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WW WWWWWWWWWW Jüdisch-liberale Zeitung .. „ , - . ■■■»■■ I lllBMMIIimrf Ml. «««.IA*«. «IWtMft.j. «.tu«. Die,Mbisch liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Post oder durch die Geschäftsstelle berogen. vierteljährlich Mk. S.— Sinzrinummer 60 Vs._ Zahlungen ouf VoM«vrOkonto Leealau 4S3S7.2üdlschttberalr Zeitung, KassenveNvaltung, LDayer, Leeslaui Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Srauvenftraste 7, i. Annadmefchlust für Berichte: wontag mittag (Sprechstunden der Gchrlstieltung: Montag dls Freitag ir—i vorm, in der Grfchüfttstelle. Annavmefchlust für Anzeigen: Dienstag ffrtch Die av* cm dreitr MilltmeterzeNe kostet 1M»., Familien. anzeigLn 70Vf. DeiDßederdolungsrma-ioung«.LarN Nr. 3 Breslau, dm 20. Lanuar 1922 2. Jahrgang die Juden als Frontsoldaten. Bon Kurt Sabatzly. . Einer der unerhörtesten Angriffe, die von antisemitischer Seite immer wieder gegen die Juden erhoben werden, ist derjenige, daß sie sich im Kriege gedruckt und dem deutschen Vaterlande gegenüber ihre Schuldigkeit nicht getan hätten. Schon ofr ist dieser Vorwurf von maßgebender Stelle widerlegt worden, so von dem doch keinesfalls von jüdischer Seite beeinflußten Generalleutnant Hoefer, sowie von dem Oberstleutnant von Albert. In der deutschvölkischen Presse erschien kürzlich ein Artikel: „Die Juden im Heere", der eine Statistik enthält, in der der General v. Wnsberg behauptet, daß sich beim Feldheer über 27515 Juden, in der Etappe 4752 und beim Besatzungsheer 30 005, zusammen also 62 272 jüdische Soldaten befunden hauen. Diese angeblich vom Krieasministerium ausgestellte Statistik entbehrt jeder positiven Grundlaae, da sie nach der statistischen Wissenschaft vollkommen unsachgemäß ausgestellt worden ist. Die Statistik ist einmal ztveifcllos frisiert worden. was aus den Angaben des Generals von Wrisberg fcfbfr. hervorgeht: denn er gesteht, daß dasKriegsministerium für die Statistik besondere „Erläuterungen" beigeaeben har. Jeder Unbefangene weiß, daß die IudeustaListik im Heere direkt zu antisemitischen Zwecken erhoben wurde, und es ist daher aauz klar, daß sie vollkommen tendenziös ausgestellt ist. Ein zweites Mal ist für die Statistik ein bestimmter Stichtag gewählt worden, wieviel jüdische Kriegsteilnehmer an einem ganz bestinlmteu Tage an der Front waren. Nun weiß in Deutschland jedes Kind, daß der Krieg nicht nur an diesem einen Tage geführt worden ist, sondern daß er fast 4Id Jahre gedauert hat. Wenn man sich über die Beteiligung der deutschen Juden am Weltkriege eilt richtiges BUd machen will, so wird man sich also ihre militärische Tätigkeit während des ganzen Feldzuges ansehen müssen, und da kommt man doch zu wesentlich anderen Zahlen, als denen des Herrn Wrisberg. Einer unserer bedeutendsten Statistiker, der verstorbene Abgeordnete Friedrich Naumann, hat behauptet. daß die Statistik des Kriegsministeriums überhaupt nicht zum Abschluß getummeu ist und daß die setzt angeblich vour Kriogsminiüerium festgestelliell Zahlen so auch nur Teilzahlen sein können. Eine wirklich unparteiisch und wissenschaftlich bis ins kleinste ausgearbeitete Statistik ist die Studie von Dr. oec. publ. Segall: „Die deutschen Juden als Soldaten iul Kriege 1914/18". die im Philo-Verlag. Berlin SW. 68, Lütdeustraße. 33, erschienen ist. Seaoll stellt hierin einwandfrei fest, daß von etwa 540 000 Juden in Deutschland überhaupt 100 000 am Feldzug tcilgenommcn haben. Dos ererbt einen Anteil der jüdischen Bevölkerung an den kriegerischen Handlungen, der hinter denen der übrigeil Boltellassen in Deutschland nicht zurücksteht. Bon diesen Krieasteiluehmerir sind 80 000 an der Front gewesen, also vier Fünftel aller jüdischen Soldaten überhaupt; 12 000 Frouffol-datcu haben ihre Treue zum deutschen Vaterlande mit dem Tode besiegelt: 35 000 sind kriegsdekoriert. 23 000 befördert worden, darunter mehr als 2000 zu Offizieren. Dabei wird kein Mensch behaupten können, daß die südlichen Soldaten bei den Auszeichnungen und Beförderungen bevorzugt worden sind, im Gegenteil sind viele ihres Glaubens wegen zurückgesetzt worden. Ans diesen Zahlen geht klar hervor, daß die Juden in einer Weise an den kriegerischen Handlungen teilgenommen haben, die gegenüber der sonstigen Bevölkerung mindestens dem Durchschnitt entspricht. Der Vorwurf der Drückebergerei ist daher unhaltbar und ungerecht. Ganz besonders zurückgewiesen werden muß aber ein derartiger Vorwurf, wenn er von einer Seite erhoben wird, die an den kriegerischen Handlungen nur am Schreibtisch teilgenommen hat. Ich meine hier den Obersten Bauer, der in seinem kürzlich erschienenen Buch: „Der große Krieg in Feld und Heimat" auch die Behauptung ausgestellt hat. die Juden hätten im Kriege ihre Schuldigkeit nicht getan. Dieser Vorwurf, der von einem Manne kommt, der den Krieg in der Etappe im Großen Hauptquartier verlebte, muß um so mehr zurückgewiesen werden, da ein solcher Mann überhaupt keine Berechtigung hat, anderen Leuten wegen Drückebergerei Vorwürfe zu machen. Ein ganz unverdächtiger Zeuge. Herr v. Iagow, hat es tunlich in dem Kapp-Pulsch-Prozeß vor dem Reichsgericht gesagt, wie feige und verächtlich sich der Oberst Bauer noch dem Zusammenbruch des Putsches benommen hat. als er befürchtete, daß ihn die demokratische Regierung sofort verhaften würde. Aufs Entschiedenste zurückgewiesen tverden niuß ferner die Behauptung des Generals Ludcndorff, das „jüdische Volk" habe die Niederlage Deutschlands verursacht, um sich in Palästina unter Mitwirkung von England und Amerika einen eigenau Tragt schassen zu können. Die Leichtfertigkeit und Üllvw'i-Ulos'ig^it. mit der Ludendorff diese Behauptung aufgestellt hat, geht aus den oben genannten Zcchlen hervor. Denn die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden hat an der Schaffung eines besonderen Iudenstaates nicht nur kein Interesse, sondern bekämpft diesen Gedanken aufs Allerschärfste, da sie vollkommen deutsch fichlt und deutsch denkt und sich in ihrer Liebe zu Deutschland von keinem nationalistischen Schreier, der den Krieg nur von hinten mit anaeseben hat. übertresfen läßt. Mer auch die Minderheit in Deutschland, die in Palästina eine besondere Heimstätte für die Iitdeu erstrebt hat. hat während des Krieges auf Seiten Deutschlands gestanden. Herr Ludendorff, der als erster nach Schweden floh, als es int November 1918 brenzlich wurde, hat ebenfalls kein Recht, airderen Leuten, die ihre Pflicht und Schuldigkeit getan haben. Vorwürfe wegen Nichterfüllung ihrer Pflichten zu machen. Erst kürzlich hat ihn der Kartellkonvent jüdischer Verbindungen anfgefordert, seine Behauptung doch einmal zu beweisen, und da hat Herr Ludendorff in seiner Antwort an den Verband gesagt, er lehne es ab, sich mit einer jüdischen Vereinigung über die Iudenfrwgc zu unterhalten. So sieht die Tapferkeit eines Mannes aus. der der erste Stratege im Krieae war und dessen militärische Verdienste nicht bestritten werden sollen. Wenn diese' Herren Beweise antreten sollen, so werden sie klein und verächtlich. Die große Mehrheit des deutschen Volkes tveiß, daß jene es sind, die die Hauptschuld an der Niederlaae Deutschlands tragen, und daß sie nun in den Juden die Prügelknaben suchen, aus die sie die Sckmld abwälzen können. So fallen alle Angriffe dieser antisemitischen Militärs in sich zusammen. Religiöser Liberalismus. Zur Verständigung mit unseren Glaubensgenossen, Bon Hermann Becker, Berlin. I. Dreifach ist das Band, das jeden Bürger und — nach der Weimarer Verfassung — auch jede Bürgerin mit ihrer Umgebung verbindet, und sie als Glieder eines großen Ganzen zur Erhaltung und Förderung der Gesamtheit verpflichtet. ihnen aber andererseits auch gewisse Rechte zubilligt. Dieses dreifache Band verknüpft uns mit dem Staate (unserem Vaterlande), mit unserer Vaterstadt und mit unseren Glaubensgenossen. Am deutlichsten bezeichnet der Anfang eines unserer letzten Wochenabschnittc dieses dreifache Band mit den Worten Gottes an Abraham, die da lauten: „Gehe (Dir zum Sogen — L'cho) aus Deinem Geburtslande, aus Deinem Geburtsorte und aus Deinem Vaterhause in das Land, das ich Dir zeigen werde." Bon den althergebrachten (konservativen) Gewohnheiten soll sich Abraham aus göttlichen Befehl trennen, sein Geburtsland Ure Kasdim (also nicht Palästina wird hier als Urheimat der Juden bezeichnet), seine Geburtsstadl, das alte Kommunalweseu, und endlich sein Vaterhaus, darin die wahre Gotteserkenntnis nicht zu finden war. verlassen und sich neuen Zielen, neuen Forderungen der Gegenwart zuweuden. An die Stelle unfreier, im Gleichschritt der Gewohnheit erstarrter alter Weltanschauungen, welche im enasten Kreise von der lebendigen Gegenwart völlig unberührt waren, die jede Weiterentwickelung trnd jede Vervollkommnung ausschlossen, sollte der freie, selbständig denkende und selbsttätige Mensch treten, aus der Enge des National-Bürgertunis in das Weltbürgertum treten, und war berufen, den Nationalgott seiner Umgebung zu verlassen und der Menschheit einen Universalgott zu künden. Von übermenschlicher Größe war die Aufgabe, die Gott j MW-liberMr IllMövereln zo Btwlan. l| | Montag, den 88. Januar 1988, abends 8-/. Uhr. im Saale der Gesellschaft -Eintracht", Tauentzieirstraye 12 (Eisgang nur Anger) 2. Kursusabend „Die Entwicklung der prophetischen Idee" tzosea. Leitung: Herr Religionslehrer Dr. Davidsohu. Die Teilnehmer werden gebeten, Bibelexemplare mitzubringen. Anhänger und Freunde unterer Bewegung als Gäste willkommmeu Am 22. Januar läuft die Frist für die Einreichung von Anträgen für die am 30. Januar stattfind ende Generalversammlung ab. Freitag, den 27. Januar, abends 81/* Uhr in den Räumen der Spinoza-Log«: S£ Willigt ZctN.Mll-.UWIMkllllll 33 unserem ersten Stammvater übertrug, aber im Vertrauen auf den Befftand. den Gott ihm und seinen Nachkommen verheißen hatte, trat Israel seinen Leidensweg durch die Weltgeschichte an. Noch ist er nicht vollendet, aber wehe denjenigen, welche das Rad rückwärts drehen und der Menschheitsentwickelunä in die Speichen fallen wollen, der Wagen, der ans den Geleisen gehoben wird, würde diese Rückschrittler unter sich begraben und ihr Tod könnte die Entwickelung auch nicht einen Moment aufhakten. Entwickelung! Das ist Liberalismus. Stillstand! Das ist Reaktion, das ist der Tod! So ist Israel zum liberalsten Volke bestimmt worden, so mußte es den Liberalismus im Vaterlande, in der Vaterstadt (in der Kommune) und im Varerhause (in der Glaubensgemeinschaft) zum Ausdruck bringen! Duldung und Gerechtigkeit! Nicht allein religiöse Duldung der verschiedenen Bekenntniffe. Denn kein anderer Grundsatz ist von den Juden zu allen Zeiten und in allen Ländern so einwandsfrei betätigt worden, wie dieser, obwohl und trotzdem die Juden selbst dieser religiösen Duldung von anderen Bekenntnissen sich' nicht rühmen können. Die biblischen und talmudischen Vorschriften über religiöse Duldung sind unseren Lesern zu bekannt, als daß wir sie in aller Ausführlichkeit hierher setzen sollten. Soweit haben die religiösen Liberalen den berechtigten Anspruch, daß auch sie von den Gegnern geduldet werden, nur gegenseitige Duldung kann der Not des Judentums abhelfen und ihm den Aufftieg ermöglichen. Eine solche Duldung darf aber nicht znr Schwäche, zu inhaltslosen Kompromissen oder gar zum Verlassen der eiae«l''n Meinuna führen. In diesem Sinne bedeutet religiöser Liberalismus auch mannhafte Kämpfe. Kämpfe für die eigene Meinung, nicht aber geaen die Person der Gegner: religiöser Liberalismus wird also stets sachlich sein und bleiben. Der zweite Grundsatz des religiösen Liberalismus ist: G-erechtigkeit. - Wir bezeichnen diesen Grundsatz mit dem diesmal glücklich gewählten Fremdwort „Demokratie, das heißt gleiche Rechte, aber auch gleiche Pflichten aller Glaubensgenossen. „Gerechtigkeit erhöhet ein Volk", sagte der israelitische Prophet, und „Gerechtigkeit und, Recht ist die Stätte Deines Thrones", so besingt der königliche Sänger die Herrlichkeit Gottes. Also nicht nur unsere Stammväter, sondern auch die viele Jahrtausende später lebenden Propheten und Sänger haben das Wesen des Liberalismus erkannt und gelehrt! — Indessen kann nur derjenige Glaubensgenosse gleiche Rechte beanspruchen, der gleiche Pflichten gegen das Judentum erfüllt. Wer also durch Hinterziehung von Gemeindesteuern, durch Versagung seiner .Hilfe bei allgemeiner Not des Judentums, durch sein Fernbleiben in Zeiten, wo es gilt, das Judentum zu verteidigen, oder gar im Einverständnis mit den Feinden das Judentum nicht nur in seinem Gesamtbestände, sondern auch in seinen inneren Zuständen schädigt, der bar auch nicht auf gleiche Rechte mit den übrigen Glaubensgenossen Anspruch. Diesen zweiten Grundsatz des Liberalismus muß gleichfalls der religiös liberale Jude in seiner Lebensführung betätigen. Religiöser Liberalismus! Es ist uns wohl bekannt, daß dieses Kapitel nicht in wenigen Sätzen abgehandelt werden kann und daß es bereits so vielfach erörtert worden ist. daß viel Neues nicht mehr zu sagen übrig bleibt. Es sollen vielmehr hier nur die Beziehungen des religiösen zu dem staatspolitischen und Kommunallibcralismus aufgezeigt und rrachqewiesen werden, daß das dreifache Band, das uns Juden an unsere UnUvelt bindet, unserer Geschichte und unserer geistigen Struktur entspricht. Aus der mesopota mischen Wüste, dem licht- und bo wegungsarmen Einerlei, da die geistigen Kräfte ihrer Bewohner schlummern, ohne je erweckt worden zu sein, sendet Gott unseren Stammvater Abraham in das Land, da Milch und Honig fließt. Ein ewiges Wachsen und Gedeihen, eine stete Entwickelung der Tier- und Pflauzenwelt, ein nie stillstehendes Fließen zahlreicher Gewässer erschaut der landfremde Pilger — muß ihm nicht da die Erkenntnis von der ebenso forffchreitenden Entwickelung des Menschen, von der Einheit des Menschengeschlechtes, aber auch die Erkenntnis von der Gotteskindschaft und von einem Universalgott kommen? — Jedoch die Gotteskindschast bedingt das Vorhandensein „vieler Wohnungen in meines Vaters Haus", und die Erkenntnis eines Universalgottes führt Sgfomo zu dem Gebet bei der Tempelweihe: „Und wenn ein Heide hierher kommt, der nicht zu Deinem Volke gehört, und hier betet, so erhöre auch ihn!" Gibt es ein Volk, das die Gotteskindschaft so tief und so rein erkannt hat. wie unser Volk? Gibt cs ein Bekenntnis, dessen Angehörige die Idee des Universalgottes bis in seine letzten Konsequenzen so durchdacht haben, wie das Bekenntnis zum Judentum? — „Alles fließt", alles ent« wickelt sich, alles findet Platz» in GotteS^ Weitere Derem^nachrichten siebe letzte Seite.