Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 52 (16.12.1921)
- Date
- 1921-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WWWWW i "im** yw$«' 'T: 7‘i^mf^nirWTZ'' Iüdischliberale Zeitung 2>ic .LüdNch liberale Leitung" erscheint leben Freitag und rostet durch die Vost ober durch die Geschäftsstelle bezogen. viertelMrllch RN. 4.— Einzelnummer 40 Vf. Ladlungen aufvostscheckkonto Breslau 423ü7.savlfch- Nverale Leitung, «asienverwaltung, «.Bayer, Breslau l Redaktion und Geschäftsstelle: 8 Breslau 3 8 Reue Srauvenstraße 7, i. § fnninmmiTHiinmmiiinfiiii Annahmefchlust für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrtftlelwng: Montag bis Freitag 12—1 vorm, in der SelchiMSstellst. Annahmefchlust für Anzeigen: Dienstag früh Die 3',, cm breite Milltmeterzetie tostet Sv Vt., Aamllteu. anzeigen 23 Vf. BelWieberdviung Ermäßigung lt.Larif Nr. 22 Breslau, den 16. Dezember 1921 1. Jahrgang An unsere Leser! Die fortgesetzt steigenden Unkosten zwingen uns leider, die Bezugsgebübr für unser Blatt cuf Mt. 6 - vierteljährlich zu erhöben. Jüdisch-liberale Leitung. der Weihnachtsbaum. Bon Rabbiner Dr. Fuchs, Chcmnitz. Mit einer Kleinigkeit mutz ich mich heute an meine liberalen Brüder und Schwestern wenden, die scheinbar nicht einmal einen Zeitungsartikel lohnt. Aber in der Seele wird oft das Kleine wichtig und das Große bedeutungslos. „Laufe den kleinen Mizwoth nach, dann bleibst du fern von grotzen Uebertretungen! Denn Sünde zieht Sünde hinter sich her und eine Gesetzeserfüllung die andere! Und jede ausgeübte Pflicht schafft dir einen Fürsprecher bei Gott!" Cbanucka und Weihnacht steht vor der Tür. Wie alle christlichen Feste ist auch das Weihnachtsfest aus dem gleichzeitigen jüdischen entstanden, aus dem „Weihefest". Das zeigt, schon das Datum: beü»e werden am 25. Tage des Wintermonats gefeiert. Allen anderen zum Teil lächerlichen Wortdeutungen zum Trotz ist der Ausdruck Weihnacht nicht anders auf natürlicha Weise zu erklären als aus dem jüdischen Namen des Festes der^ Tempes- „Weihe". Erst später ist dem Weihnachtsseste die Bedeutung des Geburtstages Jesu beigelegt worden. — nach einem überall erkennbaren religionsgeschichtlichen Gesetz, daß die konkreten Bräuche sich erhalten, während ihre Bedeutung nrit wechselnder Religionsanschauung sich mannigfaltig ändert. Die religiöse Assimilation des Judentums während schen Gottesreiches oder als Gottessohn oder als Idealmensch oder als Vermittler der Sündenvergebung durch den Opfertod — in keinem Sinne ist für uns Juden das Wort auch nur diskutabel. Um den Iesusglauben zu vermeiden. haben unsere Väter Jahrtausende lang alle Sch^cknisie des Mittelalters aus sich genommen, Spott und Schande und Schaden an Gut und Blut, haben sie sich jagen lasten von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, haben sie lieber sich selbst und ihre Kinder getötet-dürfen wir, ihre Nachfahren, auch nur den Anschein erwecken, als ob wir irgendwie mit dem Iesusgedanken sympathisierten? Heißt das nicht, ihre Qualen für überflüssige Prinzipienreiterei und Narretei erklären? Heißt das nicht, das Andenken der Väter schänden? Und könntet ihr nur die spöttischen Blicke und Reden der Dienstboten beobachten, die ihr nrit eurem Weihnachtsbaum zu gewinnen trachtet, wie sie sich aufregcn, datz ihr nachäfst. was euch nichts angeht, und erbittert sind, datz ihr Heiligstes von euch zur schönen Spielerei herabgewürdiqt wird! — Wer sich tolerant zeigen will und seinen Dienstbou'ii eine wirkliche Herzeusfreundlichkeit erweisen will. — und ganz gewiß sollen wir das! — der kann das wahrlich aus bessere Art tun. wenn er ihnen Gelegenheit gibt, in ihrem Zimmer oder noch bester in ihrer Familie das Fest zu begehen! Aber was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz! Was Mendelssohn (in „Jerusalem") vom Staate fordert, das gilt auch für uns persönlich: Nicht Religionseinheit oder Religionsmischung, sondern Harmonie zwischen den verschiedenen Religionen und gegenseitige Achtung, das mutz die Losung sein: im übrigen aber soll „jÄ>er bei seiner Fahne" bleiben! Was aber unsere Kinder anbetrifft, so ist es wahrlich nur von Nuven, datz sie so früh als möglich lernen: ..Freu dich nicht, Israel, so wie die Völker jauchzen!" „Dir erhebt das nicht der Herr, dein Gott", zu tun. was andere MWönen für sich und ihren Gott tun. „Mögen alle Völker wandeln rm Namen ihres Gottes, — wir Haus Jakobs haben zu wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes ewiglich!" Der rauschende Lichtcrqlanz patzt nicht für ein jüdisch .Haus! In unseren Tagen weniger als je. wo unsere Ehre so mit Schnmtz beworfen wird und Hunderttausende unserer Brüder zu Tode gemartert werdes vemiiMiien Jahrhunderts ha't nun aber dahin ge-'A-- — und>«erade: bon betten bk ©omtmcnbfeiern unt> führt, daß gerade bei Chanucka und Weihnacht einmal das unnatürliche Gegenteil dieser religionsaeschichtlichen Erfahrung eingetreten ist: Viele Juden haben die Weihnachtsfeier übernommen, ohne ihr einen neuen jüdischen Gedankeninhalt zu geben. Und selbst heute noch, nach dem Gottlob starken Wiedcrerwachen eines jüdischen Gefühls, findet man in vielen jüdischen Häusern den Weihnachtsbaum. während die Menorah ohne Licht als Zimmerschmuck irgend wo im Dunkeln steht oder auch ganz fehlt. Es ist Zeit, datz dieser Unfug endlich wicdcr ganz aufhört!! Man entschuldigt sich: Der Weihnachtsbaum sei eine deutsche Sitte, da man sie in anderen Ländern nicht kennt. Oder: Er sei ein Symbol der Wintersonnenwende, wie das Chanuckalicht (nach der Meinung mancher Forscher) ursprünglich auch, und in Deutschland dürfe, ja womöalich lyüsse nian das Symbol dieses Naturvorgangs pflegen! — Das sind Ausreden für ganz andere Beweggründe: Das christliche Dienstmädchen soll gnädig gestimmt werden; und den Kindern will man ein glanzvolles Vergnügen nicht oorenthalten. das sie von ihren Miffchülern rühmen Weihnachtsfest am schreiendsten begeben! — Freilich, auch unsere Kinder sollen sich freuen im Namen Gottes! Laubhüttensest und Simchath Tora haben uns das erst vor kurzem deutlich genug wieder aevredigt. Aber entbehren sie denn die Freude der Religion? Zündet nicht Chanucka und Purim. Seder-Abend und Freitag-Abend m jedem Herzen dieselbe weihvolle Freude wie der Weihnachtsbaum. — und mannigfaltiger, häufiger mtb jüdischer? Wer seinen Kindern aber den Weihnachtstisch deckt — der soll sich nicht wundern, wenn die Reliaionsmischung. die er vorbereitet. endet in einem unjüdischen Leben, in Mischehe oder Taufe, wenn seine Külder später über die veralteten Anschauungen ihrer Eltern lachen und die Kette zerreißen, die sie an ihre Ahnen bindet! Das Chanuckalicht ist oin vollgültiger Ersatz des Weihnachtsbaumes und seiner Freuden! Glänzt es nicht so hell wie dieser, so leuchtet es desto innerlicher nnd heimlicher und zarter und strahlt die jüdische Weisheit und Wahrheit in die Herzen, die da heißt: Das Licht des Gottcsglaubens, des Verhören! Aber sieht man denn nicht ein, wie lächerlich man sich macht, mit den Gründen so gut wie mit der Ausübung dieses Festbrauchs? Mit einer Wintersonnwendfeier kehrt man doch in das kraffeste Heidentum zurück, das von der jüdischen Religion noch viel weiter entfernt ist, als das Chrisbmtum! Zu einer Vergötterung der Natur, die der Sittlichkeitsreligion des Judentums ebenso stark widerspricht. wie der modernen Zeit, die es dahin gebracht bat, datz das Länger- oder Kürzerwerden der Tage fast gar keine Bedeutung in unserem Leben mehr hat! Und welcher Christ denkt unterm Weihnachtsbaum daran! „Euch ist heute der Heiland geboren!", das ist der Sinn dieses Freudenfestes. Es ist ganz gewiß ein erhebendes Fest für den Christen, voller Andacht, Schönheit und hoher Freude, voll Weihe und Herzerhebung, und ich gönne cs jedem Christen; ja ich wünschte, daß die Boffchast vom Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen und von der Geburt der göttlichen allgemeinen Menschenliebe, die es mit verkündet, allen Christen recht tief in die Seele dränge: Es stünde dann nicht schlechter um Deutschland. Menschheit und — Iudenheit! — Wenn aber ein Jude den Weihnachtsbaum anzündet, so bereugt er damit, — auch gegen seinen Willen: „Auch mir ist heute der Heiland geboren!" Wie unwürdig ist daS! Ob man mm das Wort Heiland versteht als Bringer «neS messiani- MW-llbrralll 3upMn zu Mau. Montag, den 19. Dezember 1921, abends 8 7* Uhr, im Saale der Gesellschaft »Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Kursus der Herr« Gemeinderabbiner Dr. Bogelstei«: Abraham Geiger Reform öer Gottesdienstes. Wahl eines Ausschuffes zur Vorbereitung der Dorstandswahlen. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gaste willkommen. Voranzeige! Donnerstag, den 29. Dezember 1921, im Saale der »Gesellschaft der Freunde", Neue Graupenstraße 3/4, — Ghanukah- Feier. Weitere DeretnS-Nachrichten stehe letzte Seite. krauens wie der reinen Lehre, wächst langsam aber stetig; Israel, der „Diener" Gottes, hat dieses Licht den Völkern angezündct und tut es iminer weiter, bescheiden abseits stehend; das Kleine. Unscheinbare kann ebensoviel Freude bereiten, wie der Glanz der Mächtigen, und der Märtyrermut der kleinen Mackabäerschar hat der Welt den Einaottglanben erhalten, während die Assimilanlen ibrer Zeit, die Hellenisten, mit ihrer heuchlerischen, schmeichlerischen Liebedienerei gegen ihre Umgebung, mit ihrer Nachäffung griechischer Lebensfreude, mit ihrem Leben in Saus und Glanz — untergegangen sind! Das Chanuckalicht vredigt uns die Wahrheit: Nicht in der Anpassung an das Fremde liegt das Heil, sondern: „wer fest ans den: Sinne beharrt, der ^bildet die Welt sich!" Wer sich selbst getreu bleibt, schafft Ewigkeitswerte; wer sich verliert oder aufgibt, geht unter mit der Masse der Bielzuvieten! — Ewigkeitswerte schaffen lehrt den Christen der Weihnachtsbaum, wie uns das Chanuckalicht: Zünden aber wir den Weihnachtsbaum, so mischen wir Licht mit Licht, und Zwielicht und Licht Mischung blendet, so sagt die Erfahrung wie ein Wor unserer Weisen. Selbst Gott trennt Heilig von Heilig, sr heißt es nn Hawdolo-Gebet; — und zu den wichtiasten (&c setzen der Tora gehört es, Arten nnd Gattungen, die Gott geschaffen, in ihrer Eioenart zu erhalteil und nicht zu verwischen. Nicht einen Apfelzweig darf man ans einen Birnbaum pfropfen, nicht einmal Odj* und Esel vor einen LLagen zusammenspannen, — und Religionsrnischnng wäre erlaubt? — Ach. wie lange wollen wir noch „ans beiden Füßen hinken"?! Die jüdische Jugend hat diese Grnndlebrc deä Propheten Elia aroßenteils wieder erkannt und sich zu eigen gemacht; „schiedlich, friedlich!" ist ihre Parole geworden. Möchten sie sie auch anwenden auf die Feier von Chanucka und Weihnacht! Ich fordere sie ans, dafür zu sorgen, daß i n keinem j ü d i s ch c n H.et u J c ein' Weihnachtsbaum m ehr brennt! Sie soll aber auch gleichzeitig dafür sorgen, daß in jedem jüdischen Hanse die Chanuckalichtcr wieder brennen! Unsere Großeltern spielten am Heilig-Abend weltliche Spiele, «m zu demonstrieren, daß dieser Abend für sie nichts .Heiliges habe. Das brauchen wir nicht zu tun; wir wollen niemanden verletzen! — Aber in diesem Jahre fällt jüdisches und christliches Fest zusammen: Bcraessen wir nicht, daß das junge Christentum selbst auf dem Konzil zu Nizaea (325) mit Absichtlichkeil die christlichen Feste nick» Rnhctaae von den jüdischen geschieden har! Sie wollen uns nicht haben, sie wollen leine Neligionsmischimg! Dürfen wir zum Dans uns enistdrigeii und uns bei Urnen anbiedern? — In allen weltlichen Dingen, in Wissenschaft nnd Kunst. Politik nnd Technik, Handel und Gewerbe, Recht nnd Sitte, da wollen wir sein wie die pudern; denn da gibt's Fortschritt und Zeitgeist; und weh uns, wenn wir uns diesen verschlösserl oder von ihnen ausgeschlossen würden! In der ewigen Wahrheit aber, welche das Judentum vertritt, auch im kleinsten Brauch vertritt, haben wir festzuhalten an unserer eigenen Art! Nur sclbstcigene Menschen, nur selbstbewußte Religionen, erreichen das Ziel, rvelches vom Judentum ebenso erstrebt wird wie vom Christentum: „Fnede auf Erden!" die Steuerschwierigkeiten -er Religionsgesellschasten. Bon Amisgcrichtsrat a. D. Dr. Rcchnitz Verwaltungsdirektor der Epnagogengeme'nde BreSUu. Im In- und Ausland ist sattsam bekannt, daß die deutsche Steuergesetzgebung ein eigenes Studium erfordert, dem sich nicht einmal allgemein die Juristen, geschweige denn die eigentlichen Interessenten, nämlich die Steuerzahler. unterziehen. Das führte zur Ausbildung von Steuerspezialistcn. Aber selbst diese werden nicht ausreichend fachkundig sein auf dem besonderen Gebiete der Kirchensteuer. Es soll deshalb versucht werden, im folgenden einen Ueberblick über die neue Kirchensteuergcsetzgebung und über die haupffächlichsten Schwierigkeiten bei der Veranlagung und Einziehung der Kirchensteuer. zu denen auch die Synaqogenbciträge gehören, zu geben. Das erscheint um so notwendiger, als in Breslau von Gemeindemitgliedern wiederholt die verwunderte Frage gestellt worden ist, warum die Synagogengemeinde angesichts ihrer hervorgehobenen schwierigen Finanzlage nicht die Synagogenbeiträge einziehe. So lobenswert diese Steuerfreudigkeit ist, so wenig sind sich wohl die Zahlungsluftigen klar darüber, welche Hindernisse für die Einriehung bestehen. Denn sonst hätte nickt nur die jüdiscke Gemeinde,