Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-12-09 · 51 (9.12.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
51 (9.12.1921)
Date
1921-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613654--0248-2617464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

"• WUT!/■ '"W 1•jrl -•.T'ilW"?,' '.TWPJ« Pr’T&ffpyr-- Mölsch liberale Leitung Die .^ablsch-libkralr Srituna" erf^Hnt jeden Srtttao und fottet durch dir Soft oder durch dir Srschasttvrll« drrvgra. vlrrtrWdrlich Mk. «.— Slnzrinummrr 40 Vs. Ladwngrn auf Voftschecklovto Breslau 453S7. sablfch- Uberair Lettuug. KaffrnverwalMno, S.Bayer, Breslau l ihthhiii nnmiiT»Tni»iini»t»nrTiin[ii Redaktion und Geschäftsstelle: | i Breslau 3 0 Reue Graupenstraße 7, l. 0 liimiiiiTTiriMtiif'mrimmiiimn'iB Annaymefchlutz für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der SchrlfNellung: Montag bis Freitag 12—l vorm, fn der Geschäftsstelle. Annaymeschluv für Anzeigen: Dienstag früh Die 3'/, cm breite MMimeterzeile kostet so pf^ FamtUevanzelgen 5 5 Vst DeiWleberdolung Ermäßigung U.Larlf Nr. 51 Breslau, den 9. Dezember 1921 1. Jahrgang Die Majestät -es Rechts. In diesen Spalten machte kürzlich Dr. Felix Hermann die Entscheidung des Völkerbundes über Oberschlesien zum Gegenstand eines Aufsatzes, der, so warmherzig er geschrieben war, und so sehr aus ihm der Schmerz dessen herausklingt, der das Unglück seiner geliebten Heimat sieht, doch in seinen Schlußfolgerungen einer entschiedenen Ergänzung bedarf. Herr Dr. Heimanu stellt zwar auch die von ihm als ungerecht gekennzeichnete Entscheidung als ein in seilten Wirkungen schmerzliches Faktum hin, und wir kennen das hingebende vaterländische Gefühl des Verfassers zu genau, um ihn nicht nachdrücklichst vor falscher Beurteilung bewahren zu müssen. Wenn er aber dann weiter Loyalität unserer zu Polen fvntmcnbcit deutschen Volksgenossen und insbesondere unserer siidischen Glaubensbrüder gegenüber dem polnischen Staat fordert, ohne auf der anderen Seite ein Wort für die Stellung zu finden, die Deutschland setzt und künftig gegenüber dem Unrecht einzunehmen haben wird, das hier angesichts seiner Ohnmacht mit Gewalt unter Vertragsbruch geschieht, so vermissen wir alle in solchem Zusainme:change das Wort, das uns in unserer Trauer um Oberschlesien aus dem Herzen gesprochen gewesen wäre, das Wort, das wir laut in die Welt hinansrufen wollen: „Ihr, die Ihr über Oberschlesiens Schicksal zu befinden hattet, mögt uns unterdrücken. Ihr mögt unter dein scheinheiligen Allantel einer nur Euren Interessen dienenden heuchlerischen Gerechtigkeit Unrecht auf Urirecht häufen; denn ein leichtes Spiel ist es, den Schrvachen zu kürzer:, aber urrfer Recht, unser ewiges, mwerjährbarcs Recht werdet Ihr uns nimmer rauben tonnen. Wir melden es an vor dem Forum der Geschichte, dessen gewiß, daß cs einst früher oder später sieghaft wie die Sonne durch das Gewölk des Unrechts Hervorbrechen wird?' . Gewiß, unsere deutschen Landsleute, sie mögen sich fügen, sie rnögen es als ein Gebot der .Äugheit und der Selbsicrhaltung betrachten, dem Staat gegenüber, dem sie künftig angehören, ihrer: Pflichten nachzukomnnn; aber in den: unverbrüchlichen Gefühl des geschadeten Rechts und der Gewißheit, daß das Recht nicht auf ewig zu unterdrücken ist. mögen sie in ihren: Innern die starkmachende Hoffnung auf die Zukunft mit sich tragen. Wir verstehen daher restlos diejenigen, die aus gleichartigem Empfinden heraus im Anschluß at: den Heimannscher: Artikel Zuschriften an uns richteten und das Fehlen der Bctonm:g des deutschen Rechtsstandpunktes bedauerten. Auch wir stehen zu der Rechtsverwahrung, die der Reichskanzler gegenüber den: Genfer Sprrrch eingelegt bat; zu der Erklärung, daß wir nie und nimmer offenkundigen Rechtsbruch als unabänderliches Recht ansehen werden. Wenn aber in verschiedener! dieser Zuschriften ein kriegerischer Ton angeschlagen wird, so bedarf dies hier '.roch eines besonderen Wortes. — Wir scheu heute die vernichtenden Folgen der grauenvollen Zerstörung durch den hinter uns lregerrden Krieg; .vir erblicken die Vernichtung ungeheurer materieller Werte und vor allem den Niedergang des kulturellen, des sittlichen und sozialen Lebens der Menschheit. Deutschlarrd insbesondere seufzt unter dem Druck frenrder Gewalt, und die Lage unseres gequälten Vaterlandes bietet uns keiner: 'Aillaß. Utopien zu huldigen und auf die nahe Verwirk lichung eines allgemeinen, wahrhaften, die Welt beglückenden Friedens zu hoffen. Aber gleichwohl, oder besser gerade deshalb wollen und müssen wir, wie es mit Recht auch von Regierungsscite geschieht, als Verfechterin des Rechtsgedankens in der Welt auftreten, in der unerschütterlichen Gewißheit, daß die Geschichte, welche Selle ihres Buches wir auch ausschlagen mögen, ihrer: gerechten Gang geht, und die Aufwärtsentwickelunq der Menschheit, so gewiß wie der Sieg des Guten, des sittlichen Prinzips, sich r:icht auf die Dauer gewaltsam hemmen läßt. — Für uns Juden aber, die wir in den Jahren des Krieges, mögen niedrige Schmähungen es auch vergeblich zu verkleinern suchen, unsere selbstverstäMiche Pflicht gegen unser Vaterland frerldig und hingebungsvoll erfüllten, gilt es in den Jahren des Friedens noch ganz besonders. den Gedanken des wahrhaften Bölkersriedens unter der Menschheit zr: verbreiten. Können wir doch mit berechtigten: Stolz jene Männer, die Propheten, vielleicht die größten aller Zeiten, zu den Ur:srigen zählen, die die Idee des Völkerfriedens, die zu Unrecht als ein Produkt der Neuzeit gilt, zu einer Zeit verkündeten, in der die Welt sich noch in den Uranfängen der Kulturentwickelung befand. Zn Trägern dieser hehren prophetischen Idee müffen wir uns machen urll» gegenüber der Gewalt das Parlier des Rechtsgedankens weithin sichtbar ansrichten. Das ist reinster Dienst an der Menschheit, das heißt wahrhaft sittlich handeln, lvahrhaft jüdisch sein! —b. ■- ■ --—-- M. 3. Bin Gorion. Ein Gedcnkwort von Professor Dr El bogen, Berlin. Aus der Höhe seines Schaffens ist der bckarmte hebräische 'Sckiriftsteller Micha Josef Bin Gorion (Berdyczewski) in: Alter von 55 Jahren vor: einen: unerwarteten Tode ereilt worderl. Im deutschen Leschnblikum hat er durch seine künstlerische Bearbeitung jüdischer Sagen rrnd Legenden zahlreiche Bewurrderer gewonnen. Er hat lange Zeit in Breslau gelebt. Zuerst vor etwa einem Mcnsckenalter, als es ihn aus seiner Heimat Berschat in Podolien zur europäischen Bildung und Kultur trieb; damals nahm der verewigte Seminardozent Dr. David Rosin besonderes Interesse ai: ihm, auf seine Empfehlung wurde der Autodidakt zur Universität zugelassen. Dankbar, wie er war, hat er Rosin einige seiner Aufsätze gewidmet. Nach Vollendung seiner akademischen Studien und seiner Verheiratung ließ B. sich wiederum in Breslau nieder und pflegte besonders mit dem ihn: jüngst im Tode vorangcqangeinm Aiabbrner Professor Dr. Gnttmam: und Seminarrabbiner Dr. Horwitz angeregten wissenschaftlichen Verkehr. Breslau war der Schauplatz seines Sturins m:d DrangS. hier reiften die großen schriftstellerischen Pläne, die er schließlich in Berlir: aussichrte, mit denen er zuletzt allseitige Anerkennung errang. Berdhczowski war eine Künstcrrratur. Als er den: Ghetto entfloh, erregte er Aufseher: nicht nur durch seinen künstlerischen Sßll, sondern nicht minder durch seine erfläunlrche Handgeschicklrchkeit. Hatten seine schwachen Augen das nicht verhindert, so wäre er Wahrscheinlich an einer Kunstschule regelrecht ausgebildet worden. Er hielt auch in seinen Veröffentlichungen nicht nur auf die Kunst des Stils ::nd der Sprache, sondern nicbt minder ans die Me äußere Ausstattung. Mit wahrer Freude vertiefte er sich, als ich ihn vor wenigen Wochen zuletzt sah. in die Zeichnungen und Titelaufdrucke der Einbanddecken für die große Ausgabe seiner Gesammelten Schriften, die jetzt erscheinen soll. In einer Sammlung von nicht weniger als 25 Bänden gibt die Schbel-Gcsellschaft (Warschau-Newyork) seine hebräischen Schriften heraus. Erst wenn diese Sammlung vorliegt, wird es möglich sein, den vollen Reichtum der Begabung mtb der Schaffenskraft Bin (Horions gerecht zu würdigen. Alle Arten literarischer Publikation, von der gelehrten Note bis zum Roman, hat er in seiner lanaen Schriflstellerlaufbahn angebaut, er gehört wahrscheinlich zu den gelesensteu und bekanntesten hebräischen Autoren unserer Tage. Bei seiner künstlerischen Veranlagung tvar es nicht zu verwundern, daß der Stil Nietzsches, des Künstlerpilftlosophen, ihn besonders packte. Und auch Nietzsches Ideen trafen in ihn: auf eine verwandte Seele. Er ist als Revolutionär im hebräiscl>en Schrifttum aufaetretel:. er stellte die Forderung der Unuvertung aller Werte. Im Gegensatz zu seinen Gcnoffcn, die mit ihren Werken der nationalen Wiedergeburt im Judentum dienen wollten, forderte er eine ganz andere Beurteilung der jüdischen Vergangenheit und Entwickelung, ein Aufgehen des Iüdischei: im Allgemein-Menschlichen. Er stand mit seinen Bestrebungen außerhalb aller Parteien, aber zuletzt nicht mehr allein; seine Gedanken wirkten stark ans die Vertreter anderer Richtungen. Auch mit der Wiederbelebung der MW-liberM 3upiMn w IMu. Wir bitten unsere Mitglieder, sich vollzählig an der Versammlung des Hilfsvereins -er öeutfchen guüen Montag, den 12. Dezember 1921, abends 8 Uhr, im Saale der »Gesellschaft der Freunde", Neue Graupenstraße 3/4, zu betelligen. Herr Dr. James Simon-Berlin spricht über: „Die VWWMunO WliiWsliWen ön kjiWnelns ßcr SeiilWn Mn". Unsere Veranstaltung in der »Eintracht" fällt a;;s. —- - Weitere Vereins-Nachrichten siehe letzte Seite. hebräischen Sprache, ihrer Umformung in eine Sprache des täglichen Lebens, war er nicht ganz einverstanden, er wünschte nicht, sie ihrer festlicher: Würde entkleidet zu ehen. In: letzten Jahrzehnt war er von der Belletristik mehr zur gelehrter: Forschung übergegangen, er hatte sich auf die Bearbeitung des überreicher: Schatzes von Sagen und Legenden geworfen, der in der jüdischen Literatur vorliegt. Ir: künstlerischer deutscher Uebertragung, die er im Verein mit seiner Gattin Rahel Ramberg herausgab, verösfentichte er die beiden Sammlungen „Sagen und Leoenden der Inden" (Frankfurt a. M., Rüiter: rmd Loening) und „Der Bor:: Judas" (Leipzig. Insel-Verlag). Eine gewaltige Arbeit liegt in dieser: Werker: vor, schor: die Samrr:lung des weitverstreuter: Materials machte außerordentliche Anstrengungen notwendig. Bin Gorion hak mit großer Liebe und Sorgfalt eigens eine umfangreiche Bibliothek der Quellen. zusammengebracht, um seine Leistung möglichst vollständig zu gestalten. Ein unerwarteter Tod hat diese unermüdlichen Bemühungen, zu denen er allein befähigt war, jäh unterbrochen, die geplante hebräische Ausgabe der Texte vereitelt. Bin Gorion war nicht nur ein Künstler, sondern auch ein großer Mensch. Ein Mann von ausgesprochener Eigenart, einem festen, unbeugsamen Charakter, hielt er stets auf seine Unabhängigkeit. Selbst in den Taaen seiner bittersten Nöte und schwersten Kämpfe war er nicht dazu zu bewegen, auch nur urn Haaresbreite von seinen Vorsätze:: abzuweichen. So ist er, ohne herb zu sein, bis zuletzt stark und entschieden, sich selbst treu geblieben. Es war ihm schließlich die Genugtuung zuteil, sich durchsetzen und sein Ziel erreichen zu könne!:. Wem: er vielleicht auch mit den: Erzvater Jakob gesprochen hätte „wenige mtb trübe sind die Jahre meines? Lebens gewesen", so darf man dem hinzufügen, daß er in {einem Leben Außerordentliches geschaffen hat und daß ihm das schönste Los des' Erden lindes beschieden war, die Persönlichkeit. Das althebräische Religionsbuch als neuestes Wastenlager -es Antisemitismus. Bon Geheimrat Ed. König in Bonn. II. (Schluß.) Der Antisemitismus verkennt das althebräische R e l i g i 0 n s b n ch in Bezug auf dessen Gottesbegriff in extremster Weise. Dies tat er aber, um ohne Umschweif auf diese Sache einzugehen, zunächst in Bezug auf das sittliche Niveau der Gottesanschammq des althebräischen Schrifttums. Bei dem Antisemitenführ^r Fritsch liest man in dem Buche „Der falsche Gott" z. B. dies: „Jahwe Hilst getreulich übervorteilen und entwanden" (S. 46) oder er nennt ihn auch geradezu „einen Gott der Spitzbuben" (S. 57). Ferner: Delitzsch macht den Gott des Alten Testamenents zu einem Wesen, das Unschuldige verurteilt, und zum Anstifter des Bösen („Die große Täuschung" I, 17, 22 f., 69. 77). In solche:: Aeußerungen schallt uns aber nur wieder das verzerrte Echo der Behauptungen entgegen, die in vielen Werken der religionsgeschichtlicben Wcllhauseniancr gelesen werden. Denn da heißt es z. B.: „Jahwe ist ein unberechenbares Machtwesen" (Stade, Bibs. Theologie. S. 39. 1), oder es wird von IahweS „wilder Leidenschaft und Laune" gesprochen (Kittel, Geschichte Israels IT 1917, 296, 463), und so wird bei dieser ganzen Gruppe in immer neuen Wendungen von der sittlicher: Minderwertigkeit des altisraelitischen Gottes geredet. Bor dieser Verurteilung der Gottheit des althebräischen Religionsbuches konnte dieses nicht einmal durch den st r e n a sittlichen Gei st bewahrt werden, der auch dessen Geschichtsschreibung durchweht und ihr einen bcsorideren Rang verleiht. Nämlich eine höchst bemerkenswerte Tatsache ist diese, daß in den Geschichtsbüchern Israels auch nicht einmal die Fehler der Persönlichkeiten verschwiegen werden, die im übrigen zu rühmen waren. Ist doch nicht einmal bei Mose verschwiegen, daß er einen Moment der Glaubensschwäche zeigte, indem er anstatt einmal, gleich zweimal an den Felsen schlug (4. Mos. 20, 11 sf.) und ist doch dieser Fehler Moses immer und imnwr wieder erwähnt (27, 14; 5. Mos. 1, 37 usw.) Oder sind an den doch sonst glänzenden Bildern Davids und Salomos etwa deren Uebeltatcn (2. Sam. 12 usw.; 1. Kön. 11) vertuscht- Nein, die Geschichtsschreiber Israels haben nicht „auf Goldgrund gemalt", wie ihnen neuerdings oft nachgesagt worden ist. Im (Gegenteil, es gibt keine Geschichlsliteratur des Altertums, in der das eigene Volk so oft getadelt worden wäre, wie in den Geschichtsbüchern des Volkes Israel (L. Mos. 16. 9 usw.) Während aber diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.