Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 49 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613604-2613652--0238-2617452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
wUPFJnptWiiiiip.pJM. ui.iWUW ■ff*-"*'?!".■»■. -;-*■■ >1 .wim i'.p Iüdlschliberale Zeitung Die ,^3üdisch-ltbemle Zeitung" erscheint jeden Freitag und rostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich SM. 4.- Sinreinummer 40 Pf. Lohlungen auf pvstfcvrakonto Breslau 4S3S7,Jüdisch. Nvrralr LrUung, Kasirnvelwattuna. S.Bayrr. Breslau i iimimmmmmiiHiiiiimum Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Sraupenstraße 7, l. immTHTiimiiiimiimTTiiinn AimadMtschlutz für Bericht»: TRontao mittag Sprechstunden der Schrlstlettung: Montag vis Frettag 12—1 vorm, in der Geschäftsstelle. Annaymefchiust für Anzeigen: Dienstag früh Dlr s',. cm breite MiNimeterzelle rostet so Vf., SamlllenanzetgenssVf. DelWleberdolungLrma-tgung N.Tarif Breslau, den 25. November 1921 1. Jahrgang Nr. 49 Mali« und MW volWule. Bo>: Gemc nderabbiner Dr. B 0 g e l st c i it, Breslau. Es wird mir nicht ncm* leicht, zur Feder zu greisen, um den Ausführungen meines verehrten Kollegen Dr. Goldmann entpeflcn zu treten. Aber es erscheint mir notwendig. darzutuu, daß auch von theologischer Seite Goldmanns Darlegungen nicht allgemein gebilligt werden. Ich bedauere nicht sowohl sein Eintreten für die jüdische Volksschule, als vielmehr vor ollem die unnötige Schärfe seiner Ausführungen. Ich habe keine Veranlassung. beit mir Persönlich ganz unbekannten Herrn Wolfsohn zu verteidigen. Aber es war mir schmerzlich, daß Goldman« in der bekannten Kunstform der Ablehnung ohne jeden ersichtlichen Grund Herrn Wolfsobn und seinen Gesinnungsgenossen die sehr unvornehme Absicht wenigstens als möglich unterstellte, durch Gewaltmaßregeln die andersdenkenden Rabbiner und Lehrer kirre zu machen. Ter Sah: „Hunger tut weh" zeigt deutlich, daß die Ablchnuug nichts anderes ist, als die Kunstform, in die die Behauptung gekleidet ist. Gleich bedauerlich ist die andere Wendung. daß ein Kampf uin die jüdische Schule zwischen liberalen Laien auf der einen und Rabbinern und Lehrern auf der anderen Seite diese zwar nicht in ihrer liberalen Gesinnung wankend machen, Wohl aber viele von ihnen veranlassen würde, sich von jeder liberalen Parteiorganisation glatt zurückzuziehen. Ich habe bisher geglaubt, daß uns die liberalen Organisationen nicht' um der Gemeindepolitik willen, sondern um deswillen wertvoll feien, weit sie uns die Möglichkeit geben, die Auffassung des Judentums, die unserer innersten Uebcrzeuanng entspricht, wirksamer als wir cs sonst vermögen, in die Gemeinden zu tragen und dort zur Geltung zu bringen. Darum bin ich der Ansicht, daß. wir auch bei Meinungsverschiedenheiten im einzelnen, selbst wenn sie wichtigere Punkte betreffen, unsere M i t - a r b c i t nicht versagen dürfen. Herr Goldmann geht so weil, einen Kampf der religiösen Gemeinschaft gegen ihre religiösen Führer an die Wand zu malen, und damit das Ende des Libcralisnms zu propbczeien. War das notwendig? Und lag dazu Veranlassung vor? Ich behaupte: ganz und gar ilicht. Innerhalb jeder Gemeinschaft, innerhalb einer und derselben Hauptrichtung wird es stets Meinungsverschiedenheiten geben, die in ruhiaer Meinungsäußerung zum Austrag zu bringen sind. Die Disziplin, die wir auch im Judentum inerhalb der anderen Richtungen gewahrt finden, fordert, daß bei der Erörtermlg die Schärfe verinieden wird, die der Gegner wohl zur Bekämpfung anwendcn kann, deren Anwenduna durch Gesinnungsgenossen jedoch nur dem Gegner die Waffen in die Hand drückt. Das um so mehr, wenn ein anerkannter Führer sich dies zu schulden kommen läßt. Ich babe mehr Vertrauen zu unseren liberalen Gcmciudemitaliedcrn und 3:: unseren liberalen Rabbinern und Lehrern. Man wird die Meinungsverschiedenheit über die jüdische Schule nicht zu ciuenl Kanrpf der liberalen Laien gegen die liberalen Theologen werden lassen. Und die liberale Ueberzeugung, der Idealismus und die Vornehmheit der Gesinnung meiner Kollegen steht mir zu hoch, als daß ich auch nur den Verdacht auskommen lassen möchte, daß sie um einer einzelnen, sei es auch wichtigen Frage willen den Liberalismus opfern könnten. In einem Punkte hat Goldmann recht: 1910 war die überwiegende Mehrheit der liberalen Theologen im Prinzip Gegner der jüdischen konfessionellen Volksschule; die Zeiten haben sich — Goldmann sagt „glücklicherweise", ich nwchte das Gegenteil behaupten — geändert. Die heutige Minderheit braucht sich den Mut nicht attestieren zu lassen. Wir hoffen zuversichtlich, daß in absehbarer Zeit wiederum ein Wandel der Anschauungen eintreten wird. Herr Goldmann übersieht aber ein sehr wesentliches Moment, das den gegenwärtigen Wandel der Anschauungen herbeigeführt hat. Wer die politische Entwickelung der lebten Jahrzehnte selbst mit erlebt hat, der erinnert sich des Sturmes der Entrüstung, den der Zedlitzschc Volksschulgesetzentwurf nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland entfesselt hat. Das Prinzip der konfessionellen Schule war hier mit alter Schärfe aufgestellt nnd folgerichtig durchgeführt. Trotz der reaktionären Mehrheit für dieses Prinzip im preußischen Landtage mußte der Entwurf zurückgezogen werden und Herr von Zedlitz zurücktreten. Wenige Jahre später brachte das jetzt geltende Volksschülunterhaltungsgesetz, das nur einen kleinen Ausschnitt aus den das Bolksschulwesen betreffenden Fragen zu regeln schien, ganz nebenbei Bestimmungen, die im wesentlichen das Prinzip, auf dem der Zedlihsche Entwurf aufgcbaut war, praktisch wirksam mochten. Fast unvermerkt ist die Konfessionalisierung der Volksschulen in Preußen, meist wider ihren Willen, den Kommunen aufgezwungen worden. Die Entrechtung des jüdischen Volksschullehrers ist Tatsache geworden. Alle die hiermit parallel laufenden oder hieraus resultierenden Momente mußten die Anschauungen beeinflussen. Man fing an. die koufessionellc Volksschule als das Gegebene und Unumstößliche anzusehen, und man befreundete sich allmählich mit dem Prinzip. Dadurch wuchsen in der Anschauung die Vorteile, während die Nachteile zurücktraten. 'Dazu kamen neuerdings die hochgchenden Wogen des Antisemitismus. Freilich, wer etwa in den achtziger Jahren die Schule besucht hat. der weiß von dem Antisemilismus jener Zeit auch ein Lied zu fingen. Und so gern wir unseren Kindern manche Kampfe ersparen möchten, die wir selbst durchgefochten haben, so wenig kann dieser Wunsch ausschlaggebend sein. Unsere Kinder müssen eben in dieser harten Zeit ganz besonders lernen zu känlpfen und Opfer zu bringen für ihr Judentum. Allerdings wird man bestehende jüdische Schulen jetzt ganz und gar nicht etwa auflösen wollen. Aber es handelt sich ja gar nicht um diese Frage, sondern um die Frage der Neugründung. Und daß die folgerichtige Entwickelung von der jüdiscl^u Volksschule zun: jüdischen Gymnasium und zur jüdisclM Universität führen müßte, sei nur nebenbei erwähnt. Das aber ist nicht nur eine Frage des Prinzivs, nicht nur eine Frage der Mittel, sondern auch eine eminente Frage der Organisation und der praktischen Pädagogik.. Für die Errichtuna solcher Anstalten fehlen uns — gleichviel wie wir uns prinzipiell dazu steilen — die Massen, auf die sie aufgebaut sein könnten. Ich kann und will nicht auf alle Punkte der Aussührunaen Goldmanns cingehen; ich müßte den Rahmen eines Zeitungsartikels bei weitem überschreiten. Nur eine Bemerkung möchte ich richtig, stellen und tue es um so lieber, weil es sich dabei nicht um eine tiefgehende sachliche Verschiedenheit, sondern üm die Berichtigung eines nicht glücklich gewählten Ausdrucks handelt. Goldmann sagt: „Wir Juden haben nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, uns abzuschließen, sobald das jüdische Interesse es verlang:." Das ist unrichtig. Wir dürfen und müssen uns zur Vertretung unserer jüdischen Interessen zusammcnschließen, aber beileibe nicht abschließen; denn Abschließung bringt uns ins Ghetto oder hinter chinesische Mauern. Beides aber ist K u l t u r r ü ck f ch r i t t. Ob die Errichtung indischer Volksschulen ein notwendiger Zusammenschluß oder eine verfehlte Abschlicßung sein würde, darüber mögen die Meinunaen auseinandergehen. Ich glaube, sie brächte uns die Abschließung mit allen ihren schädlichen Folgeerscheinungen. Und fast könnte man meinen, daß Goldmann selbst diese Abschließung wünscht. Denn er sagt wörtlich: „Das Leben bringt uns schon mit unseren christlichen Mitbürger:: genügend zusammen." Das klingt fast wie Bedauern. Ist es wirklich so gemeint? Ich kann es nicht erlauben; aber ich fürchte, dieser Sah der nrich geradezu erschreckt hat, wird von unseren Feinden weidlich gegen uns ausaenützt werden. Goldmanns Ausführungen über das liberale jüdische Haus, sein Wort, daß der ortbodoxe Jude sein Kind eher in die Simultanschule schicken könne, als der liberale usw., geben einer Stimnnmg der Verzagtheit, ja Verzweiflung am Liberalismus Ausdruck. Ich teile diese Stimmung n ' ' 1 MW-libllsler JagtnMn zu Mau. Montag, den 28. November 1921, abends V4 vor 8 Uhr, im Saale der Gesellschaft ,Eüüracht", Tauenhienstraße 12 (Eingang nur Anger) Dortrag des Herrn Rabbiner Dr. D i e n e m a n n - Offenbach: Jie fllyjltf im Judentum”. Wir bitten dringend um pünktliches Erscheinen, da der Herr Rabbiner noch an demselben Abend abreist. WW4ibm!rr verein 311 ychweiSvih. Sonntag, den 27. November 1921, nachmittags 5 Uhr: Gröfsnungs Derfammlung. Dortrag deS Herrn Gemeinderabbiner Di. Dogelfte in-Breslau: Jtlt liilö M Den Om MrrsllMns'. Zahlreiche Beteiligung der Breslauer Mitglieder erwünscht. Abfahrt Breslau Hauptbahnhof 2« Ahr nachmittags. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Weitere BereinS-Aachrichten flehe letzte Seite. ebenso wenig, wie die Ansicht, daß die jüdische Volksschule das Allheilmittel gegen die Schäden sei. Äe Fehler nicht wegzulengneu. Wer die Dinge geschichtlich betrachten gelernt hat. wird auf ihre Ursprünge und Wurzeln zurückgehen und nicht glauben, mit einen: Schlage die Krankheiten heilen zu können. Ich bleibe unerschültert in meinen: Vertrauen, daß der Liberalismus, durchaus religiös orientiert, aus tiefster religiöser Glut und Begeisterung heraus uns allmählich bessere Zeiten mw ein wahrhaft religiöses Geschlecht liberaler Juden schaffen wird. Das althebräische Religionsbuch als neuestes Waffenlager des Antisemitismus. Bon Geheimrat Ed. König in Bonn. I. (Fortsetzung.'; Der Antisemitismus verkennt a m althebräischen Religionsbuch dessen Autorität als Geschichtsauelle i n: e x t r e m st c n M a ß e. Der Antiscmitenführer Fritsch spricht nicht nur von den „sagenhaften Erzählungen" des Alten Testaments (a. a. O., S. 31), sondern behauptet z. B., „Die jüdischen Redaktoren haben mit allem Fleiß daran gearbeitet, die israelitischen Rcligionsurkunden sich zu assimilieren und für eigene Geisteserzeugnisse auszugeben" (S. 23), in welchen Worten übrigens der einfach ersonnene Rassengegensatz zwischen Israel und Juda seine verhängnisvolle Rolle spielt (eingehend behandelt in meiner Schrift „Das antisemitische Haupwogma" 1914, S. 22—41). Ferner bei der Erzählung von Joseph schreibt Fritsch über dessen Aussage über seine Versuchung durch die Aegvvterm: „Joseph freilich weiß die Sache anders darzuüellen, aber wir wissen, wie wenig die Hebräer um betrübliche Rcken verlegen sind" (S. 51). Und was endlich bebrnwtet Delitzsch über die Autorität des Alten Testaments als einer Geschichtsquelle? Nun nach den: zusammenfasseichen Urteil, das er jetzt in: zweiten Teile seiner Kamvfschrist (S. 52 ff.) über den Ouellcnwert des Alten Testaments abgegeben hat. ist dieses „voll von Täuschungen aller Art, ein wahrer Irrgarten falscher Darstellungen, eine unccklässige Durcheinandernnschnna unhistorischer freier Erfindungen, Sagen und Märchen, ein Tendenßverk vom ersten Kapitel der Genesis bis zum letzten der ChLonik". Bis zu diesem Gipfelpunkt also ist beim Antisemitisu:us die Verhöhnung des althebräische:: Schrifttums als eines Zeugen der geschichtlichen Wirklichkeit gestiegen. Dä ist nichts inehr von der Charakteristik übrig geblieben, die Cicero von der Geschichtsschreibung entworfen hat, nämlich ,Tie Geschichte ist die Zeugin der Zeiten, die Leuchte der Wahrheit, die Lehrerin des Lebens" (De oratore II, IX, 30). Wenn aber die Autorität der althebräischen Ge^ick'tsschreibung als einer „Leuchte der Wahrheit" untergraben wird, dann stürzt ihre Bedeutung überbaupt zusammen. Deshalb habe ich seit den: Beginn meiner akademischen Tätigkeit meine erste Ausaabe darin gesehen, die Autorität der alttestamentlichen Geschichtsbücher neu zu begründen. Der Wege, auf denen diese Bearündung erreicht und also jene Verurteilung der althebräischen Geschichtsbücher widerlegt werden kann, gibt es mindestens zwei. ' Den einen Weg habe ich in meiner ersten Gegenschrift gegen Delitzsch eingeschlagen. Aber ein noch näherliegenderer und acraderer Wea ist der folaende: Gunkel schreibt in .seinem Kommentar zur Genesis (191«' S 1\\ daß bei den im ersten Buck Mose erzähl'.?» Ereignissen sich „nicht ein Weg denken raffe. der von den Augenzeugen der berichteten Tatsachen bis zum Berichterstatter führt". Aber hat er die Sache untersucht? Nein, er hat nicht einmal gefragt, wieviel Generationen von Abrahams Zeit bis zu Moses Gegenwart einander gefolgt sind. Ergänzt mau aber diese Lücke in Gunkels Darstellung, so finde: man dies: Sechs Generationen sind im Stannne Rüben und im Stamme Levi. sieben im Stamme Juda erwähnt u,w., wie es vollständig mit allen Belägen in „Die Genesis, eingeleitet, übersetzt und erklärt" ^1919), 91 ff. angegeben ist. Bei dieser Zahl von Generationen ist aber durchaus der Weg nicht undenkbar, auf dem die Kunde von den Erlebnissen der Patriarchen bis zn den Berichterstattern gelangt ist. Aber auch aus der v 0 r Abraham liegenden Zeit her ist ein solcher Weg keineswegs undenkbar. Dies wäre schon dann nicht der Fall, wenn die n: ü n d l i ch e U e b e r l i e f e r u n g als die einzige Vermittlerin der alten Nachrichten angenommen werden müßte. Denn es ist eine unleugbare Tatsache, daß das menschliche Gedächtnis bei den Geschlechtern, die bei der Vererbung ihrer Erinnerungen aus das Gäwchtnis allein angewiesen sind, dieses eine außergewöhnliche Spannkraft besitzt. Das ist ja schon psychologisch ganz er-