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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-11-18 · 48 (18.11.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
48 (18.11.1921)
Date
1921-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZüöWlibemle Zeitung Die jüdisch-liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und rostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vlerteljabrlich Mk. 4.- Glnzelnummer 40 Vf. Ladiungen auf Postscheckkonto Breslau 4S3S7,2üdifch- Nberale Leitung, Kassenverwaltung, G.Bayer, Breslau i Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenstraße 7,1. ■XXX rm Annahmeschiust für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlflleitung: Montag bis Freitag 12—1 vorm, in der'Geschäftsstelle. Annavmeschluß für Anzeigen: Dienstag früh Die 3'-. em breite MlNimelerzeile kost« so Pf.. FamMenanzeigenssVf. Bet Wiederholung Ermäßigung lt. Tarif Nr. 48 Breslau, den iS. November 1921 Sie Aufgaben Ser Stunde. Als anläßlich des Neujahrsfestes an dieser Stelle auS oer Feder eines liberalen Rabbiners ein Aussatz erschienen war, der in überzeugender Weise darzutun suchte, was der Liberalismus. an positiv-religiösen Forderungen aufslellt, rief ein der Orthodoxie angehörender führender Mann voller Ueüerraschung aus: „DaS klingt ja ganz orthodox!" Mit Recht wurde ihm erwidert: „Dann kennen Sie den Liberalismus nicht." Was lehrt diese Tatsache? Sie beweist, daß es grundfalsch ist, dem religiösen Liberalismus Mangel an Ideengehalt vorzuwersen, zu sagen, er trage kein aufbauendes Element in sich, er entbehre jüdischen Geistes und beschränke sich aus der Bequemlichkeit angetzaßte Reformen und vor allem auf Gemeindepolitik. Nein, auch der liberale Gedanke vermag positiv zu sein: gerade er ist vermöge seines Grundprinzips der Entwickelung diejenige religiöse Auffassung, die geeignet ist, wahrer Religiosität zu dienen und ihre Vertiefung zu fördern. Ist dies bisher nicht in dem erwünschten Umfange geschehen, hat der Gedanke, den wir vertreten, die nach außen hin erkennbare und ihm zukommende Verbreitung offenbar noch nicht gewonnen, so ist die Ursache dafür nicht in der Idee als solcher zu suchen; sie ist vielmehr zu erblicken in der nicht hinreichend nachdrücklichen Art, in der von liberaler Seite die Ausbreitung dieser Idee betrieben wird. Dem zweifellos vorhandenen Willen zur Arbeit für die Sache entspricht im allgemeinen nicht die' Tatkraft, die von den dazu berufenen Stellen daraus verwandt wird. Aber nicht allein der Mangel an energischem Umsetzen des Wollens in Erfolge austveisende Taten ist es, woran es fehlt: wichtiger noch ist es. daß Führer sich an die Spitze der liberalen Reihen stellen, die mit Begeisterung und Entschlossenheit sich für den Gedanken, den sie für den richtigen erkannt haben, bei aller Achtung der religiösen Gefühle Andersgesinnter, einsetzen. Und hier sind es vor allem die R a b b i n e r, aus deren stärkere Mitwirkung wir unbedingt zählen müssen. Je mehr wir es auf der einen Seite dankbar begrüßen, daß eine nicht unbeträchtliche Anzabl von Rabbinern m schönem Bekennertum für den religiösen Liberalismus eintritt, um so stärker empfinden wir den Mangel an geistigen Führerenergien, die uns durch die bedauerliche Zurückhaltung so vieler berufener Männer, die innerlich zu uns gehören, verloren gehen. Gewiß, wir wissen, daß nicht immer nur der Wunsch, auf Andersgesinnte in der eigenen Gemeinde — eine oft unangebrachte — Rücksicht zu nehmen, der Grund für diese Passivität ist, sondern daß er vielmehr oft in den Verhältnissen, wie sie sich in den Kreisen der liberalen Laien — wenn dieser Ausdruck hier gestattet ist — darstellen, zu suchen ist. Wir billigen es uneingeschränkt. wenn der Rabbiner unter Liberalismus mehr verstanden wissen will, als fast ausschließlich liberale Gemeindepolitik. wenn er die weitestgehende Befruchtung des religiösen Lebens mit geistigem Ideengehalt verlangt. Ist dem aber so. dann heißt es für den geistigen Führer, sich nicht in den Winkel zurückziehen, nicht, wie es kürzlich ein geschätzter Streiter für unsere Idee in diesen Spalten leider tat. Zurückhaltung als Parole ausgeben, und bannt einen gefahrdrohenden Spalt zwischen Geistlichen und Laien zu öffnen, sondern vielmehr den Sammelrus zu erheben und alle diejenigen, die zu folgen bereit sind — und ihrer sind gar viele —, um sich zu scharen. Wir brauchen die Einheit zwischen geistigen Führern und Bekennern, zwischen Rabbinern auf der einen Seite und auf der anderen den Laien, die ihren Führer, zu dem sie begeistert aufblickön. mit Entschiedenheit zu stützen bereit sind. Ist ober diese Einheit geschaffen. — und sie ist heute notwendiaer denn je —, dann wird es auch gelingen, in der praktischen Förderung der liberalen Idee vorwärts zu kommen. Die Zeitverhältniffe streben, richtig verstanden und genutzt, dem entgegen. Wir sehen aus der einen Seite das unleugbar starke religiöse Bedürfnis sich regen, den Drang, Religiosität zu pflegen in dem Sinne, wie allein sie der religiös-liberale Gedanke fruchtbar m gestalten vermag. Wir erblicken auf der sickeren Seite einen unverkennbaren Rückschlag der nationaljüdischen Bestrebun-en, deren Blütenträume, mögen Anfangserfolge, so wenig sie Dauer versprechen, auch zugegeben sein, sich nicht zu verwirklichen scheinen. Wir sahen erst vor wenigen Wochen auf dem Karlsbader Kongreß den nur dürftig überbrückten Gegensatz zwischen der religiös orientierten und der das nationale Moment voranstellenden überwiegenden Richtung innerhalb des Zionismus. Wir hörten eben erst wieder von der sich immer erneuernden und verschärfenden Spannung zwischen Juden und Arabern in Palästina. Das gesamte jüdische Leben ist in diesen Tagen in Fluß. Allen denen, die nach religiösem Quell suchen oder die von den Illusionen des nationalen Traumes enttäuscht haltlos zurückfluten, vermag der religiös-liberale Gedanke ein Panier zu sein, um das sie sich gesichert und besrickigt scharen werden. Dazu bedarf es aber der Führer, die festen Sinnes und mit durchdringender Kraft die Zeichen der Zeit verstehen und ihnen gemäß zu handeln bereit sind. — Inden nächsten Tagen tritt der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum zu entscheidenden Beratungen zusammen. Mögen es sich alle Teilnehmer an dieser Tagung eindringlich gesagt sein lassen, daß die Stunde nicht Worte, sondern Taten erheischt! —b. Das althebräische Religionsbuch als neuestes Waffenlager Les Antisemitismus. Von Geheimrat Ed. König in Bonn. Wie bei jeder geistigen Bewegung die Fraoe nach ihrem Ausgangspunkt und Verlaufe das höchste Interesse herausfordert, so ist es auch bei der antisemitischen Strömung, die jetzt fast wie eine Springflut sich daherwälzt. Darf ich deshalb einleitungsweise die Geschichte dieser Bewegung wenigstens in ihren markantesten Grundlinien nachzeichnen, so entrollt sich folgendes Bild vor unseren Augen: Diese Bewegung hatte zuerst, als sie noch allgemein den Namen „Iudenseindschaft" trug, ihr Hauptmotiv im äußerlichen Eifer für das Christentum. Die Judenverfolgungen, die im Mittelalter zunächst den Auftakt zu Kreuzzüaen z. B. in Mainz, Speyer. Worms bildeten, halten ihren Hauplanlaß in dem Streben, die Kreuzigung Jesu an den Juden zu rächen. Aber über die Verwerflichkeit, des Strebens. die Tal eines Teiles der Zeitgenoffen Jesu noch nach Jahrtausenden an den Juden rächen zu wollen, ist kein Wort weiter zu verlieren. Freilich ein Delitzsch bringt es fertig, an mehreren Stellen seiner beiden „Kampfschriften" die Kreuzigung Jesu den gegenwärtigen Nachkommen jener Jerusalemer gegenüber als einen Posten ihres Schuldkontos zu erwähnen. („Die große Täuschung" 1920. 73, 94; 1921, 17.) Jedoch wer sollte ihm in dieser Verleugnung der Gerechtigkeit folgen wollen? Was alles aber aus dieser ersten Stufe des Iudenhaffes noch als N e b e n m 01 i v sich geltend machen wollte, das sek nur mit folgenden drei Sätzen berührt: Warum WW-llbrraler 3uocnMn so Breslau. QXotttag, den 21. November 1921» abends 8V4 Uhr im Saale der Gesellschaft »Eintracht*, Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) L Einführung der neuen Mitglieder. 2. Vortrag des Herrn Rabbiner Or. Sänger: Die Juden auf dem Balkan Aschkenastm und Sephardim Dienstag, den 22. November 1921, abends 8V4 Uhr (Kursus Dr. Guttmann): Erneuerung -es Juöentums. (Siehe letzte Seite.) Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. —■ ■■ -u Weitere Vereins-Nachrichten stehe letzte Seite. 1. Jahrgang wird man z. B. in England und Frankreich, wo die Iicke ebenfalls die Staatsbürgerrechte besitzen, in Ruhe rm ihnen fertig? Warum zerstört man dort nicht durch den Kampf mit ihnen die Kraft der Bürgerschaft? Bei dem Versuche, Vorwürfe zu machen, prüfe jede Menschbeitsgruppe sich erst selb st. und strebe nur jede „mit ungefärbter Liebe" (Lessings „Nathan") dem Ideale echter Humanität nach.! Nachdem die Bekämpfung der Iudenschast Jahrhunderte lang von Zeit zu Zeit aus den erwähnten Beweggründen neu aufgeflammt war, nahm dieser Kampf den Namen „Antisemitismus" an. Dies geschah teils zur Beschönigung oder Vertuschung, weil man die früheren Motive dieses Kampfes nicht mehr offen billigen wollte, und teils auf Grund einer neuen Ansicht über den Begriff „Rasse" und über deren Einfluß auf die Kulturgeschichte. Es waren aber hauptsächlich der französische Graf Gobineau und der deutsch-enalische H. St. Chamberlain, welche die Semiten zu einer besonderen „R a s s e" machten und von der Rasse eines Volkes dessen geistesgeschichlliche Stellung abhängig sein ließen. Indem nun der Kampf gegen die Iudenschast unter dem Namen „Antisemitismus" diese Zeitmeinung über den Begriff und die kulturgeschichtliche Bedeutung der '.Nasse" annahm, hatte er die sogenannte Rasse der Juden als seinen Hauptanariffsvunkt. gewonnen, und auch die Frage nach der Richtigkeit dieses neuen Angriffspunktes ist es wert, einer kurzen Erörterung unterzogen zu werden. Allerdings brauche ich mich nicht dabei auszuhalten, die Behauptung zurückzuweisen, daß die Juden oder überhaupt die Semiten (1. Mos. 10, 22). die ja nur einen Teil der kaukasischen Rasse bilden, mit Unrecht eine besondere Rasse genannt werden, und daß durch das unleugbare Vorhandensein der weißen, gelben, rotbraunen und schwarzen Menschenrasse die einheitliche Abstammung des Menschengeschlechts nicht widerlegt wird. Denn die genauen Untersuchungen der Neuzeit haben bewiesen, daß die dunklere Färbung der Haut nur von der Menge des Pigments abbängt. die ihrerseits wieder durch die Intensität der einen Körperteil treffenden Lickst- und Wärmestrahlen bedingt ist (z. B. Karl Kautskh, Rasse und Judentum, 1921, 37). Aber das ist gegenüber dieser Rassentheorie mit einigen Nachweisen zu belegen, daß von den Freunden dieier Tbeoric. die Fähigkeit aller Menschen zur Aneignung bereits vorhandener Kultur, ja zur Förderung der Kultur und der Anteil der Semiten oder speziell Israels an den Fortschritten der Kultur verkannt wird. Solche Nachweise liegen aber in folgenden Tatsachen: Wo auch immer der Mensch zuerst auftritt, zeigen die „Herdfeuerreste", daß der Mensch schon das Feuer verwendet bat, was nicht einmal der „Affenmensch" Haeckels tut. Ferner: nur der Mensch hat durch den Bau von Wohnungen usw. neben die Natur die Kultur gesetzt. Sodann sind Indianer und Neger befähigt, mehrere fremde Sprachen sich anzueignen, und z. B. der Neger Booker T. Washington hat sich durch seine auch inS Deutsche übersetzte Schrift , Vom Sklaven empor" (Berlin '902) als ' ein vorzüglicher Schriftsteller ausqewiesen. Weiterhin haben die semitischen Babylonier mindestens durch die Entdeckung des Tierkreises und arckere astronomische Beobachtungen einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Kultur geliefert. Endlich hat das hebräische Volk auch auf dem profanen Gebiete der Kultur z. B. durch den Gedanken der Einheit des Menschengeschlechts und die Grundlegung der Weltchronologie (1. Mos. 5, 3 ff. usw.) sich hohe Verdienste erworben, wie dies hauptsächlich auf dem XIH. Internationalen Orientalistenkongreß (Berichte, S. 195 ff.) anerkannt worden ist. Folglich beruht es auf blinder Verkennung der kulturgeschichtlichen Tatsachen und auf selbstgefälliger Ueberhebung, wenn die Vertreter des Rassen- Antisenritismus nur die Arier oder Indoqermanen als die Schöpfer der Kultur hinzustellen pflegen. Aber das Hauptaebrechen an dieser r a s s e n - antisemitischen Position ist die Verdrehung deS Körperlichen und des Geistigen, die Vortäuschung von Geblüt und Gemüt. In dieser Verdrehung tut sich ein schrecklicher A b st u r z der kulturgeschichtlichen Beurteilung auf. Denn da will man Idealismus. Moral und Religion in Materie und Mechanik untergeben lassen. Indem man aber die höchsten Errungenschaften des Menschengeistes und die heiligsten ihm zuteU gewordenen Güter auf Zusammensetzung des Blutes zurückführen will, ist der Tiefpunkt der kulturaeschichtlichen Würdigung noch über Nietzsche binab erreicht: man ist auf dem Standpunkt des Tierzüchters anaelangt, wie auch ausdrücklich von Otto Ammon in „Wehr und Gegenwehr", S. 35, an den Pfevdestall erinnert worden ist. Bon diesem Standpunkt aus ist auch Dinters Roman ..Tie Sünde wider das Blut" geschrieben, wie hauptsächlich auf S. 138 zu lesen ist: „Der Lebenswille des reinen Germanenblutes ihrer Mutter war

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