Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 47 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisch liberale Leitung DU .Hüdlsch-Ilberale Zettung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die yost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 4 — Einzelnummer 40 Vf. Sadlungen aus voftlcveakonto Breslau 4S3S7,2üblfch- Nvrrole Leitung, Kaftenverwaltung. S.Bayrr. Breslau 1 Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau s Neue Sraupenstrave 7,1. Annadmefchiust für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Gchrlsttettung: Montag dts Sretiog 12—1 vorm, in der chrfchüftSstelle. Annadmefchiust für Anzeigen-. Dienstag früh Die S'/» «m drelte Millimeterzettr tostet so Vs., Samilienanzetgen 55 Bf. BriMederdotungErmäßigung U.Xortf Nr. 47 Breslau, den 11. November 1921 1. Jahrgang elbersljsnW und jliSislhe Volksschule. Bon Gemeinderabbiner Dr. F e l i x G 0 l d m a n n, Leipzig. Vom Kampfe gegen die Befürworter der konfessionellen Volksschule sagt Herr I. Wolfsohn in Nr. 40 dieser Zeitung: , Wir werden es in diesem Kampfe nicht leicht haben,denn wir haben in ihm nicht nur Zionisten und Orthodoxe, sondern alle m Anschein nach auch die große Mehrzahl der liberalen Theologen und Lehrer gegen uns. was wir besonders schmerzlich empfinden. Doch anchdas muß überwunden werden und wird überwundenwerdenumderSachewille n," Als ich zum ersten Male im Jahre 1910 in einem Artikel des „Liberalen Judentums", Seite 80, Jahrgang 1910, für die jüdische Volksschule eintrat, gehörte ein gewisser Mut zu solchem kühnen Beginnen. Zwar hatten sich die liberalen Volksschullehrer selber — und sie sind die eigentlichen Sachverständigen — längst in diesem Sinne ausgesprochen, aber außerhalb dieses Kreises war der Einfluß des politischen Liberalismus so groß, daß man die paritätische Volksschule als eine Art von Palladium ansah. An diesem Dogma durste nicht gerüttelt werden, weil die Vorsteher und Vertreter der Gemeinden sonst in ihrem politischen Gewissen Beklemmungen empfunden hätten. Glücklicherweise haben die Zeiten sich geändert. Auch in liberalen jüdischen Kreisen erheben sich die Forderungen auf jüdischer Grundlage, und die Stimmung bei den liberalen Rabbinerversammlungen in Frankfurt am Main war der wirkliche Ausdruck dessen, was das jüdische Interesse erheischt. zwar oft sehr schon, daß das Kind sich durchbeißen und sich wehren, daß es Widerstandskraft entwickeln solle; das aber ist in Wahrheit nur für den älteren Schüler, in dem der Charakter gefestigt ist. der rechte Weg. Auch das jüdische Kind hat Anrecht auf eine sorglose, frohe Jugend, die Grundlage eines künftigen Optimismus und der Lebensfreudigkeit sein soll. Ist aber das Kind den gemeinen Aeußerungen des Hasses ausgesetzt, so wird seine Seele vergiftet. Entweder wird es verbittert und verliert die Lebensfreude. oder es lernt die Ursache des Haffes der anderen, das Judentum, verabscheuen und meiden. Aber selbst wenn es keinen Antisemitismus gäbe, wäre aus positiven Gründen die jüdische Schule von nöten. Je mangelhafter das Haus die religiöse Beeinflussung ausübt, desto mehr ist die Erhaltung des Judentums Aufgabe der Schule. Das aber kann in wenigen Stunden eines noch so guten Religionsunterrichts nicht geschehen. Dazu muß der gesamte Unterricht von jüdischem Geiste durchtränkt und von einer religiösen Persönlichkeit in jüdisch-religiösem Sinne erteilt werden. Die Kinder müssen wenigstens in der Schule ein religiöses Milieu haben, müssen an dos Wort des Gebets gewöhnt werden, müssen das Gotteshaus aufsuchen, jüdischen Brauch kennen lernen und lieb gewinnen. So paradox es klingen mag, so wahr ist es, daß orthodoxe Juden ihre Kinder viel eher in Simultanschulen schicken könnten, als liberale; haben sie doch im jüdisch geführten Hause die Möglichkeit, ihren Kindern Werte zu geben, die das Haus einer sehr großen Anzahl von Liberalen nicht hervorbringt. I ü r die konfessionelle Volksschule zu reden, ist heute erfreulicherweise überflüssig. Einiae Worte seien jedoch den j Argumenten gewidmet, die Herr Wolssohn zu ihrer Bekämpfung anführt. Wje leicht er sich dabei die Sache Es gibt unter den Freunden der jüdischen Volksschule | macht, ersieht man an dem ersten. daS derKostenfrage gilt. Wie kann, so fragt er, noch dazu in heutiger Zeit, tim -eckendaß das kein Schreckschuß sein soll, um steuerscheue Lerne in ihrer Begeisterung für die Simultanschule zu stärken. Ich glaube, daß er nur von den tatsächlichen Verhältnissen nichts weiß. Wenn nämlich die Juden konfessionelle Schulen fordern, so zahlt entw^er der Staat, oder die Juden bilden eine eigene Schulgemeinde und werden von den Beiträgen zu den allgemeinen Schullasten befreit. Im ersteren Falle kostet die Schule nicht mehr als heute, im zweiten dürfte die Gemeinde noch ein Geschäft machen, was sich aus der durchschnittlichen Steuerleistung der Mitglieder jüdischer Gemeinden von selber ergibt. Wenn aber behauptet wird, daß die jüdische Volksschule eine „Preisgabe der Emanzipatio n" bedeutet, so ist das eine sehr kühne Behauptung. Emanzivation beruht auf der Rechtsgleichheit, und diese ist abhängig von der Persönlichkeit, von ihrer Freudigkeit, an deutscher Kultur milzuarbeiten, von der Eignung hierzu. Will man im Ernste etwa bestreiten, daß dieser Geist in den jüdischen Volksschulen gepflegt wird? Sind nicht die meisten Führer im Kampfe des deutschen Judentums, insbesondere die aus der Provinz Posen stammenden, durch sie ausgebildet worden? Man kann im Gegenteil behaupten. daß im jüdischen Kinde die jüdische Volksschule viel eher die deutsche Gesinnung stärkt, weil in ihr kein Antisemitismus die Freude am Vaterlande raubt. Kinder, die heute im zarten Alter alltäglich mit Schmutz begossen werden, werden viel eher verbitterte Nationaljuden werden, und so zur Gefährdung der Emanzipation beitragen. Ebenso verkehrt ist es, wenn Wolfsohn behanvtet, daß die Assimilation leidet. Es soll davon abgesehen werden, daß die Simultanschule mit der Kultur assimilation auch die religiöse fordert, sodaß der Nutzen durch den Schaden reichlich ausgewogen wird. Aber durch die ruhige Arbeit der jüdischen Volksschule, in der Lehrer zwei Gruppen. Die einen erachten die Erziehung der Jugend in positivem religiösen Sinne für dmckvms irvt.» WeMg und /sind der Meinung, daß der gesamte Unterricht in der Schule von einem einheitlichen religiösen Geiste getragen sein müsse. Zu diesem Positivismus, den auch ich für richtig erachte, werden sich im allgemeinen alle jene bekennen. die den Wert der Religion für die Kulturerziehunq an erste Stelle setzen. Die anderen gehen davon aus, daß in Deutschland trotz Revolution und Schulgesetzaebung die konfessionelle Schule noch auf Jahrhunderte hinaus die Regel sein wird. Schon früher waren die sogenannten paritätischen Schulen der Großstädte in Wahrheit nur allgemeine christliche Schulen, und die jüdischen Schüler, die sich in ihnen herumdrückten, waren dem christlichen Einfluß durchaus ausgesetzt. Solange es nicht gelingt, nicht nur der Bezeichnung, sondern dem G e i st e nach wirklich paritätische Schulen zu gründen, müssen alle bewußten Juden die Konsequenzen ziehen und ihre Jugend in konfessionelle Schulen senden. Ob sie nun diesem Relativismus huldigen, ob sie positiver denken, jedenfalls sind die Vertreter der jüdischen Religion in ihrer weitaus großen Mehrheit Anhänger der jüdischen Volksschule, und wenn, wie Herr Wolfsohn zugibt. auch liberale Theologen und Lehrer „fast ausnahmslos" für sie sind. so dürfen wir stolz ans diese Wandlung sein, die das Ideal der Einigung unter den religiösen Juden wieder etwas näher gerückt hat. Auch die Gründe für die Nottvendigkeit der konfessionellen Volksschule zerfallen in positive und relative. Nicht zu den letzteren gehört freilich die von Herrn Wolfsohn in den Vordergrund gestellte materielle Seite. Daß die jüdische Volksschule erstrebt wird, um den Lehrern bessere Lebensmöglichkeit zu geben, ist eine Fabel. Wie sie entstanden ist, dürste klar sein. Man sah. daß die vom Staate oder der Kommune angestellten Lehrer an öffentlichen konfessionellen Volksschulen ausreichend besoldet waren und eine unabhängige menschenwürdige Stellunq halten, wohingegen ein sehr erheblicher Teil der von den Gemeinden beschäftigten Beamten einerseits völlig unzureichend bezahlt, andererseits auch nur auf Kündigung angestellt waren, und durch den Mangel an Sachverständnis, oft sogar durch die Launen der ihnen Vorgesetzten Laienbehörden erheblich litten. Wenn es daher auch — es ist traurig genug, daß es ausgesprochen werden muß — dem jüdischen Beamten tausendmal angenehmer war, von staatlichen und städtischen Behörden angestellt zu sein, als von jüdischen Gemeinden, so bedeutete das doch nicht, daß er aus d i e s e m Grunde, der rein subjektiv war, die konftssionelle Volksschule erstrebt hätte. So viel Idealismus und Verantwortlichkeitsgefühl besaß noch der ärmste und gequälteste unter ihnen, daß er seine finanziellen und menschlichen Interessen dem Wohle des Judentums zuliebe zurückstellte. Zu den wirklichen, relativen Gründen gehört vornehmlich die Rücksicht auf die S e e l e d e r K i n d e r, die nicht schon in früher Jugend durch die Gehässigkeit des Antisemitis m u s vergiftet werden soll. Man sagt WW'libkrsler Jqutotufn zu bmlsu. Montag» den 14. November 1921, abends 8V4 Uhr im Saale der Gesellschaft „Eintracht", Tauenhienstraße 12. (Eingang nur Anger) _ 2. Vortragsabend deS Herrn Gemeinderabbiner vr. Dogekstetnr Seiger — Hirsch — Frankel Anhänger und Freunde unserer Bewegung als Gäste willkommen. Freitag, den 18. November, abendS 8l 2 Uhr in den Räumen der Spinozaloge» Schweidnitz. Stadtgrabens Geselliges §reitag»tzben--Veisammenfein. Zutritt nur für Mitglieder und deren Angehörige. deutscher Kultur liebevoll erziehen, ist die Angleichung sicherer gewährleistet, als in Schulen, wo Kinder abweichender Kultur — etwa Ostsuden — wegen ihrer Sonderheiten meist von Mitschülern, aber auch von den Lehrern verlacht werden. Als Rabbiner einer Gemeinde mit starkem ostjüdischem Einschlag kann ich es am besten beurteilen, wie hemmend der Spott der christlichen und der damit entstehende Trotz der jiwischen Kinder auf die Gewinnung deutscher Sitte und Sprache wirkt. Wenn nun gar Wolffohn emphatisch ausruft, daß wir , g arnicht das Recht haben, uns abzuschließe n", so ist das einfach ein Mangel an Vertiefung in das Problem. Wir haben nämlich unbest reitbar nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, uns abzuschließen, sobald das jüdische Interesse es verlangt! Und das tut Herr Wolfsohn bestinrmtauch! Er ist hoffentlich Mitglied des Zentralvereins. Warum genügt es nicht, dem Abwehrverein anzugehören? Das jüdische Interesse verlangt hier eben Abschluß. Warum genügt es nicht, einer Oddsellowloge oder den vielen Freimaurerorden anzugehören, die Juden ausnehmen? Das, jüdische Interesse verlangt eben die jüdische Loge!? Warum der Abschluß in jüdischen K. C.-Berbirchungen^ und warum überhaupt jüdische Vereine? Und wenn gno das jüdische Interesse ein religiöses ist, so ist die Ab< sonderung so selbstverständlich, daß man kein Wort zu Vers lieren braucht. Soll man Nachweisen, daß der Abschluß im jüdischen Gottesdienst der Svnagoge vonnöten ist?, Und ein mindestens ebenso großes Interesse liegt bei d e r j üd ische n Erziehung der Kinder vor. Darum ist aus religiösen Gründen die jüdische Volksschule ebenso notwendig, wie das jüdische Gotteshaus. Das Leben bringt uns schon mit unseren christlichen Mitbürgern genügend zusammen. Insbesondere der Beruf, das Wlrtschastsleben, gibt dem'JMfl, 8k Missionsgabe besitzt, ausreichertde Gelegenheit, für sein Judentum Zeugnis abzulegen, und seine ideale, menschenverbindende Gesinnung zu pflegen. Ein rechter Kämpfer für das Judentum kann aber nur sein, wem es tief in der Seele sitzt. Nicht nützt in wenigen Stunden angelernte schwache Weisheit, sondern das Bewußtsein, im jüdischen Leben zu wurzeln. Und da leider das liberale Haus dieses grundlegende Gefühl nicht erweckt, muß es die Schule tun. Sonst wird der Jude haltlos, wird vorn Glanze der Welt und ihren Ideen geblendet, und er assimiliert sich inner- (lich. Wem es also mit der Mission des Judentums ernst ist, der sorge dafür, daß das jüdische Kind jüdische Werte aus jüdischem Leben schöpfe. Ohne eine starke. Beeinflussung durch die jüdische Schule ist demnach auch ein Zusammenleben mit Andersgläubigen, das die jirdische Gesinnung nicht gefährdet, nur selten möglich. Wie marr also das Thema auch anpacke, imme^ stellt sich heraus, daß der religiöse liberale Jude — ich meine nicht jenen, der sich aus irgendwelchen politischen Gründen liberal nerrnt, ohne religiös zu sein — für die jüdische Volksschule sein muß. Und damit möchte ich zum Schluß energisch davor warnen, daß in liberalen Laienkreisen. wie Herr Wolfsohn es in Aussicht stellt, ein Kampf gegen liberale Rabbiner und Lehrer entfesselt wird. Daß man natürlich in Einzelfällen widerstrebende Freunde der jüdischen Volksschule durch Gewaltmaßregeln kirre bekommen könnte, kann ja nicht bestritten werden. Hunger tut weh. Aber daran denkt Herr Wolffohn ganz bestimmt nicht, daß etwa auf diesem Wege der Idee der Simultanschule bei Rabbinern und Lehrern zum Sieae verholfen werden soll. Cs müßte sich also um einen geistigen Kampf handeln. Was aber dabei heranskommen kann, wenn eine religiöse Gemeinschaft gegen ihre religiösen Führer kämpfen will, ist uns allen klar. Der Liberalismus als Oraanisation und Partei würde verschwinden, sich vollends vielleicht in eine politische Gemeinschaft zur Veranstaltung nichtortbodoxer und nichtzionistischer Repräsentantenwahlen auftösen. Ohne religiöse Führer ist der Liberalismus ein Widerspruch in sich selbst. Darum wäre es durchaus zweckmäßig, wenn man nicht einen Kampf an die Wand malte, der einerseits der Welt ein reizendes Schauspiel bieten, anderseits aber kein anderes Ergebnis haben wiirde, als eine Schwächung des Judentums. Viel verständiger wäre es, wenn das liberale Laientum sich einmal die Frage vorlegen wollte, warum ein so großer Teil der Rabbiner und Lehrer in so grundsätzlichen Fragen einen anderen Standpunkt emnimmt. Wenn die geistigen und religiösen Führer manches befürworten, was dem Laien nicht paßt, so werden/sie doch Wohl ihre Gründe haben. Vielleicht denkt man darüber nach. Man wird bald finden, daß die Laien ihr Urteil meist auS Zufälligkeiten des Lebens, der Umgebung, des politischen Alltags bilden, die Führer dagegen auch die ewigen, unveränderlichen Jntereffen der Religion und des Judentums