Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 46 (4.11.1921)
- Date
- 1921-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613604-2613649--0223-2617434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IiiöWliberale Leitung 2)1 e ^Sübifch-iwerale Leitung" erscheint jeden Freitag und foftet durch die Voft oder durch die SefchäftSsteNe bezogen, vierteljährlich Mt. 4.— Einzelnummer 40 Vf. Ladwnoen aufvoftfcheckkonto Breslau 4L3S7,2ab»fch. liberale Leitung, Kaffenverwoltung. G.Bager, Breslau» Redaktion und Geschäftsstelle: 6! Breslau z g Neue «Sraupenstraße 7, l. g Annadmefchlufür Berichte: Montag mittag Sprechstunden brr Schrlftleituno: Montag dls Areitag 12—1 vorm, tu brr Geschäftsstelle. AnnaymefchluZ für Anzeigen: Dienstag früh Dir 3'>. cm brrttr Millimrtrrreiie lostet so Vf.. Familien« anzeigenssvl. DeiWtedervolungErmäßigungN.Larit Nr. 46 Breslau, den 4. November 1921 1. Jahrgang NartWimn. Don Rabb'ner Dr. Behrens, Göttingen. Die öffentlichen Einrichtungen des Staates und der städtischen Gemeinwesen sind dazu bestimmt, daß sie verfassungsgemäß ohne Berührung und Betonung der Glaubensunterschiede von den Bürgern benützt werden. Das ist ein so elementares Recht, eine solche bedinglose Ausübung der persönlichen Freiheit, daß darüber nicht viel Worte verloren werden sollten. Ein angesehener englischer Christ hat erst jüngst zu dem Vertreter einer Prominenten deutschen Zeitung geäußert, die Kultur eines Landes bemißt sich nach der Behandlung der Iudenfrage, nach der Stellung zum Antisemitismus. Was aber soll man dazu sagen, wenn in den weitaus meisten deutschen Schulen die jüdischen Schüler und Schülerinnen einem stillschweigenden Martyrium unterworfen werden. Im Grunde ist das ja gar nicht neu. Wer in dem letzten Menschenalter eine deutsche Schule besucht hat, weiß davon zu erzählen. Alle Faktoren erweisen sich im wesentlichen als machtlos. Selbst eine. vorurteilslose Leitung kann dieser Schlange den Giftzahn nicht ausbrechen. Es genügt ja, in der Klasse, im Unterricht, auf gemeinsamen Spaziergängen ein Wort, eine Gebärde, eine harmlose Bemerkung, um Kränkung auf Kränkung auf das jugendliche Herz zu häufen, um eine Verbitterung zu erzeugen, eine Stimmung zu erwecken, die die Erwachsenen kaum in ihrem vollen Ausmaß würdigen und nachempfinden können. Daß die Klaffen sich vollzählig absondern von den jüdischen Kameraden, ist etwas Alltägliches geworden. Das sind Eindrücke, die in der Jugend haften und das Weltbild, das doch nun einmal in der Kindheit in seinen ersten Koüturen sichtbar wird, unverlierbar bestimmt. Es ist schmerzlich, zu denken, daß die natürlichsten und fröhlichsten Stunden unserer jüngeren Generationen vor der Zeit mit diesem Wermutstropfen getränkt werden. Die Harmlosigkeit hat aufgehört. Die jüdischen Schüler sind geächtet und verfemt und müffen es sich gefallen lassen, daß sie auf Schritt und Tritt wegen ihrer Abstammung, ihres Namens, ihres Glaubens, gehöhnt und gehänselt werden. Wohl niemals ist ein Schülergeschlecht so brutal, so ungerecht, so unduldsam und so wenig anpassungsfähig gewesen, wie das unserer Zeit. Ein Lehrerkollegium, das völlig homogen in sich den Antisemitismus energisch bekämpft und ablehnt, gibt es kaum noch in deutschen Larwen. Was könnten diese Männer für das Gemeinwohl, für die Verständigung der einzelnen Bevölkerungsklaffen leisten, wenn sie nur wollten, wenn sie die Einsicht gewännen in die Notwendigkeit ihrer erzieherischen Arbeit, die der Zukunft das Vaterlandes gehören müßte. Die wenigen Gutgesinnten werden nicht beachtet und dringen mit ihrer Mahnung nicht durch. Es ist ohnehin ein bitteres Geschäft, gegen den Strom schwimmen zu wollen. Die allgemeine Äimmung. besonders in der Gebildetenschicht, ist aber für den Antisemitismus. einmal aus hergebrachter Gewohnheit, sodann aber infolge der Einflußnahme der Presse und der Literatur. Auf seine Autoren schwört man, denn die müssen es ja wissen. Eigenes Urteil und eigene Erfahrung anzurufen, lehnt man einmütig ab. Wir haben in den Kreisen, besonders der höheren Lehrerschaft, zu wenig Volksmänner und zu viel Weltfremdheit und Eigenbrödelei. Es ist eine nicht zu charakterisierende Ungerechtigkeit, die unserer jüdischen Jugend stillschweigend geschieht. Alle Erlasse von den höheren Stellen, alle parlamentarischen Erörterungen bringen uns nicht vorwärts, denn sie werden nicht beachtet. Wo sind die führenden Geister, die einmal mit aller Einsetzung ihrer Persönlichkeit den Finger in die Wunde legen würden? Wo ist die vielberufene Wirksamkeit der Religion, die dieses gemeingefährliche Spiel, dieses hinterhältige Treiben öffentlich brandmarken und verurteilen würde. Wir wollen doch, meine ich, pflichtgemäß zufriedene Staatsbürger erziehen, und nicht Männer und Frauen heranbilden, die schon auf der Schulbank den tiefen Stachel der Verärgerung in ihrer Seele empfinden. Wir dürfen nicht dulden, daß die Freiheit der deutschen Republik in diesem Maße besudelt, in den Staub gezogen wird. Wie soll der deutsche Namen seinen alten Klang draußen in der Welt behalten, wenn so kurzsichtig wertvolles Gut zertreten wird. An der Tatsache, daß unsere Jugend ein schweres Martyrium erduldet, können wir zu unserem Leidwesen nicht deuteln und nicht rütteln. Wir appellieren an die Oeffentlichkeit, nicht gemächlich abzuwarten, sondern diese Schmach zu beendigen und bloßzustellen. Die Lehrerschaft ckber sollte sich auf ihre vornehmste Aufgabe besinnen, ein Geschlecht heranzubilden, das, an Leib und Seele gesund, berufen ist, an dem Wiederaufbau Deutschlands, an der Erstarkung seiner Volkskraft ohne Verstimmung teilzunehmen. Dann müßte dieser Erdenrest schwinden, den zu tragen zum mindestens für alle ehrlichen Volksgenoffen peinlich ist. _ Nach -er Entscheidung. Don Dr. FelixHeimann. Alea sunt iacta Das Schicksal hat sich erfüllt. Des Landes Unkundige, Delegierte aus weiten Fernen, in denen man vielleicht noch vor Jahren von der Existenz Oberschlesiens kaum eine Ahnung hatte, haben ihr Votum abgegeben, ihr Votum für die Zerstückelung meiner, unserer armen Heimat. Was hilst's zu klagen. Der Spruch fiel. Wir haben ihn anzuerkennen, ihn und die Tatsachen, die sich aus ihm ergeben. Vas viotis — der ewig alte Grundsatz des Militarismus ward auch diesmal angewandt, das Schwert des Siegers fiel hart und klirrend auf die Wagschale. Der 26. Oktober — ein denkwürdiger Tag in der Geschichte meiner, unserer engeren Heimat. Vom stolzen Wallotbau in Berlin wehen auf Anordnung des Breslauer Löbe die schwarz-rot-goldenen Farben der deutschen Republik auf Halbmast; in den Vorräumen und Wandelgängen ein schier beängstigendes Gedränge. Die Diplomatenlogen gefüllt, die Tribünen gepfropft voll. Des deutschen Volkes Abgesandte treten zusammen, um Abschied zu nehmen von Land und Leuten eines großen Teils von Oberschlesien, von seinem prächtigen Menschenschlag und seinen reichen Schätzen, und der Abschied ist schwer, das merkt man. Schwer für alle, am schwersten für uns, für die von der Zerreißung unmittelbar Betroffenen, und so klingend und eindrucksvoll auch die Reden der Kahl und Schücking und der blendende Vortrag des unabhängigen Außenpolitikers Dr. Breitscheid sind, sie vermögen nicht an den tiefen Eindruck heranzureichen, den zwei Männer mit ihre^ Ausführungen zu erwecken verstehen: der Breslauer Szialistenführer und Reichstagspräsident Paul Löbe, dessen erschütternde, schlichte Eingangsworte auf alle Anwesenden den nachhaltigsten Eindruck machen, und der Ratiborer Pfarrer und Führer des oberschlesischen Zentrums Ulitzka, dessen imponierend schöne, schlanke Priestergestalt in Verbindung mit seinen tief in die Herzen dringenden Worten, in denen er das maßlose Unrecht, das uns angetan, und seine unablässigen Bemühungen, es abzuwenden, in die «Welt hinausschreit, alle Augen und alle Herzen in seinen ' Bann zwingt. Der 26. Oktober wird ein denkwürdiger Augenblick in der Geschichte Deutschlands und Oberschlesiens bleiben. An jenem Tage nahm in 12. Nachtstunde der Reichstag in , überwiegender Mehrheit den Antrag auf Entsendung von Kommissaren, für die Wirffchastsverhandlungen mit Polen an, beugten sich, der bitteren Not gehorchend, des Deutschen Reiches Abgesandte vor dem Machtspruch von Genf. Genf, ein bitterböses Wort in alle Zukunft für uns Deutsche, Genf, ein schicksalsschweres Wort für uns deutsche Juden, für uns, die wir zu einem gut Teil aus Oberschlesien stammen, für uns. die wir zu Tausenden und Abertausenden hinuntergeeilt waren, um der Heimat und dem großen Vaterlande die Treue zu bewahren, für uns, die wir ungezählte Angehörige in jenen Gebieten zurücklassen, Angehörige, deren Schicksal uns in dem Augenblick der Trennung auf das tiefste bewegt, für uns. die wir zum Teil selber in jenen Gebieten wohnen, die nun in kürzester Zeit de facto an den fremden Staat fallen, dem sie de iure schon angehören. Die Grenze läuft ein wenig die Oder hinauf und biegt wenige Kilometer vor R a t i b 0 r nach Osten aus. Sie läßt den schönsten — in einer Stunde bequem zu erreichenden Ausflugsort der Ratiborer Bevölkerung, die „Aussicht" mit dem Dorfe Hohenbirken polnisch werden, während sie das allerdings reine deutsche O st r 0 g — eine noch nicht eingemeindete Vorstadt Ratibors auf dem rechten Oderufer, bei Deutschland beläßt. Getrennt von uns und dem polnischen Staatsverbande zugeteilt werden unter anderem Rhbnik, Pleß, Nikolai, Loslau, Tarnowitz, Mys- MW-libllülll JmpöOKtin 311 Mau. Montag, den 7. November 1921, abends 81/* Uhr im Saale der Gesellschaft „Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) 1 KurfuSabendr »Öle Entwicklung üer prophetischen böee". Leitung: Herr ReltgiorrSlehrer l)r. Davtdsohn. Die Teilnehmer werden gebeten, möglichst ein Pentateuch- Exemplar mitzubringen. Anhänger und Freunde unserer Bewegung als Gäste willkommen. Weitere PeretnS-Nachrichten stehe letzte Sette. lowitz, Lublinitz und vor allem Königshütte und Kattowitz. Was besonders der Verlust der letztgenannten Stadt, das Scheiden Klein-Breslaus — wie man eS nennt — deS prächtigen Kattowitz mit seinem reichen Handels-, Kunst- und Musikleben, mit seinem vorbildlichen Theater für Deutschland bedeutet, braucht nicht besonders betont zu werden, und so schwer der Verlust aller dieser und vieler anderer Gemeinden für unser Vaterland wiegt, er wiegt ebenso schwer für das deutsche Judentum, das auS jenem Kräfte-Reservoir Oberschlesien, wie aus kaum einem anderen schöpfte, jenem Oberschlesien, das dem deutschen Judentum von jeher Persönlichkeiten führender Art überreichlich schenkte und mit seinem innigen jiwischen Gemeindeleben wohl führend an der Spitze der Länder und Provinzen Deutschlands schritt.. Und zu dem tiefen Weh um den Verlust dieses Kräste- Reservoirs mischt sich die bange Sorge um das Schicksal der abgetretenen Brüder und Schwestern. Sie fallen einem Lande zu, das — leider oft mit Recht — zu den judenfeindlichsten des Kontinents gezählt wurde und wird, einem Volke, von dem sie von vornherein wohl große Sympathien nicht erwarten können. Kommt hinzu, daß sich wäbrerG der Abstimmungszeit die jüdische Bevölkerung Oberschlesiens, trotz des auch in Deutschland allzu üblich wuchernden Judenhasses, in Treue und Opfermut für dieses Deutschland einmütig entschied, für das Land, in dem sie Jahrhunderte lang gelebt und gewirkt, für das sie ihre Söhne zu Tausenden hinsinken sah, für das sie kämpfte, litt und darbte, so schwer und entsagungsvoll, wie die übrige Bevölkerung auch. Und so will die bange Sorge nicht von uns Weichen, bange' Sorge um unsere Brüder und Schwestern in den Gebieten, die abzutreten wir gezwungen sind; — gebe Gott, | .rß sie unbegründet ist, daß die neuen Machthaber loyal gegen alle ihre Untertanen, also auch gegen die jüdische Bevölkerung Vorgehen, in der. Erkenntnis, daß eS für sie selbst in jeder Richtung nur Unheil bedeuten kann, wenn sie die Bewohner des nun an sie abgetretenen Gebiets schlecht behandeln. oder positiv gesprochen, daß sie sich nur dadurch die Sympathien ihrer Freunde erhalten und ihrer Gegner erw-rben können, tvenn sie sich in der Behandlung aller ihrer Untertanen eines Kulturvolks würdig erweisen. An der jüdischen Bevölkerung Oberschlesiens andererseits liegt es, sich — wie auch die andere deutsche Bevölkerung — in das Unvermeidliche mit Würde fügend, allezu tun, was bei Erhaltung ihrer Eigenart dem Staat, dem sie nunmehr angehören, zu fördern dienlich, und alles zu unterlassen, was ihm von Schaden sein könnte. Loyalität seitens der neuen Staatsbürger gegen den Staat, keine passive Resistenz, keine törichte Trutzpolitik, kein Auflehnen gegen das unabänderliche Schicksal, nein — Mitarbeit an den Aufgaben der jungen Polen-Republik als treue Staatsbürger — was aber nicht ausschließt, das Deutschtum fest im Herzen zu behalten und sich den Verbänden und-Organisationen anzuschließen, die sich die Förderung dieser Aufgabe zu eigen machen. Der Jude — von seinem Gegner oft als F e r m e n 1 der Dekomposition verschrien, ist in Wahrheit jederzeit staatserhaltend gewesen. Man hat durch eine unglaublich kurzsichtige und verblendende Politik, nicht zuletzt in Deutschland, die jüdische Bevölkerung von den Staatsgeschäften größtenteils fern gehalten und schwankende oder trotzerfüllte Naturen in schärfste Oppositionsstellung und zu den anarchistischen Parteien förmlich gedrängt. Möge Polen, dem ja, was die Judenbehandlung anbetrifft, kein allzu glänzender Ruf vorangeht, in Zukunft nicht eine ähnliche Politik treiben, möge es die hochentwickelte, bodenständige jüdische Bevölkerung des ihm zufallenden Teiles Oberschlesiens nicht vor den Kopf stoßen. ' Loyalität von seiten der neuen Staatsbürger gegen den Staat, Loyalität des Staates gegen alle seine Bürger, Anerkennung ihrer nationalen und religiösen Besonderheiten und Gefühle. In diesem Sinnedenke ich mirdiebeste Lösung des Problems Oberschlesien für die nächste Zukunft, in diesem Sinne dürfte es glücken! Denn, so wie die Glieder nicht ohne Kopf existieren können, so nicht der Kopf ohne Glieder. Der Aberglaube im Judentum. Von Dr. JsraelHammer. Es fällt uns schwer, die Begriffe Glaube und Aberglaube von einander zu trennen; wir sind daran gewöhnt, mit beiden genannten Begriffen einen bestimmten Borstellunasinhalt zu verbinden. Glaube und Aberglaube grenzen hart aneinander. Dunkle Mächte, die nach der Meinung abergläubischer Bfrv unabhängig vom Kausalitätsgesetz wirken, üben auch