Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 54 (30.12.1921)
- Date
- 1921-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dir.jüdisch-liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Post ober durch die iSeschüftSfteNe bezogen, vierteljährlich Mk. 4.— Glnzeinummer 40 Pf. > > ' ■ ■■ i Zahlungen aufVostscheckkonto Breslau 423S7,2üvifcv- Nverale Leltung, «astenverwaltung, «.Bayer. Breslau i iiiiiiiiiiiimmmnfE Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenstraße 7, l. lill nmiinTiimumvniiinrrnTmTr Annahmeschlutz für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Gchriftletwng: Montag bis Freitag 12—1 vorm, in der «Selchafisstelle. Annaymeschlutz für Anzeigen: Dienstag früh Die 3l » cm vr eite MiUimererzeile kostet So Vt.. Familienanzeigen 55VH BeiWiederhvlungSrmütztgungU.Tarif Nr. 24 Breslau, den 30. Dezember 1921 EBB i. Jahrgang D<DM<D<DDD MTmTM>4>4IMIMTM>4>4IM>4>4 Diese Nummer des Blattes erscheint anläßlich der Haupwersammlung der „Bereinigung für das liberale Judentum ln Deutschland" in verstärktem Umfange. DDDD<DDD<DDDDDDDDDDDD<D Wenn Wir nicht alle fest und einig darin zusammenhalten das Weiterbestehen der Kleingemeinden zu ermöglichen. Denn nichts wäre schädlicher für das deutsche Judentum nichts würde den geistigen Einflust, den es besitzt und weite: erstrebt, m-chr vernichten, als noch weiter fort'chreitendee Zusammenballen seiner Bekenner in Großstädten aus dein Zwange religiöser Not heraus. 7. Vergiß aber auch nicht Deiner ausländischen Glaubensbrüder, soweit sie um ihres Glaubens willen verfolgt und bedrückt werden, und fördere nach Kräften alle Bestrebungen, die der Beseitigung dieser Not dienen. 7ln unsere Leser! wir bitten höstichst, -je Vezugsgebühr von M. 6.— für -as 1. tzuartal 1YLL auf -as Postscheckkonto Nr. 45387 Breslau, E. Bayer, Kassenverroaltung -er 0ü-ifch-liberal. Zeitung überweisen zu wollen. 10 Leitsätze für den religiös-liberalen deutschen ^uden. ' 1. Ich, das Judentum, bin die Religion Deiner Väter. Ich habe Deine Vorfahren geführt aus dem engen Kreis der Patriarchen-Familie zum Stamm, vom kleinen Stamm MM mächtigen Volke, vom Volke, zum Sendboten meiner Lehre für die Völker und unter den Nationen. In grauer Vorzeit war.ich die Erkenntnis des Abraham, ich wurde das Bekenntnis von Isaak und Jakob, die Religion des Volkes Israel, der Glaube an den einen Weltgott der Propheten. Ich war zuerst eine Hütte, wurde ein. Haus, j der Zeit dieser Erneuerung, die in weiter Ferne schon zu 8. Sei stolz darauf, der Religionsgemeinschaft anzugehören, die ihren Ursprung denk „auserwählten Volke" verdankt, aber laß diesen Stolz nie zur Ueberhebung gegenüber Andersgläubigen führen und vergiß nie, daß die Zugehörigkeit zum Judentum auch Pflichten gegen die Allgemeinheit mit sich bringt. 9. Bekämpfe unerbittlich jeden gezwungenen Ausschluß von dieser Allgemeinheit und jeden freiwilligen Abschluß. in Schule und Staatsleben von unseren christlichen Mitbürgern. Mir haben das Recht und die Pflicht, in dieser und mit dieser Allgemeinheit zu leben und zu arbeiten, denn sie ist auf Gesetze:: und Grundsätzen aufgebaut. die aus dem Judentum stammen und auf dem Wege der Vermittelung durch die Tochterreligion verwirklicht wurden. Ohne überheblich zu werden, dürfen wir es aussprechen: „Von Ethik i ft b ishcr nur das i n d ü e,T a t u n: g e s etztw 0 rden, was a u s d e m Judentum st a m ml, bislang sind wir in Wahrheit das Salz der Erde gewesen." Weit aber das Salz' seine unentbehrliche und unersetzliche Wirkung nur beweisen kann, wenn es mit andern Stoffen verbunden, so wäre es ein Vergehen gegen den Geist des Judentums, wollte man es von der Umwelt abschließen, von der Welt, die sich durch dessen. Geist einmal erneuern soll. In dann ein Tempel, und als dieser zum zweiten Mal m Flammen aufgegcmgen, ward ich zur Himmelskuppel, die sich über alle Menschen wölbt. 2. Deshalb darfst Du mich nicht verkörpern wollen im Bilde eines Volkes und in der Gestalt eines Landes und -Staates, denn die göttliche Vorsehung hat vor nahezu 2000 Jahren meine äußere Hülle zerstört, damit mein Geist um so stärker wirke, und meine Bekenner unter die Völker verstreut, damit sie inmitten der Menschen meine Lehre verbreiten. Nur diese Lehre wird mich für'alle Ewigkeit erhalten, mich, das Judentum, Deine Mutter, immer wieder verjüngen. 3. Unterscheide stets zwischen der zeitlichen Gestaltung Deiner Religion und ihrem inneren Kern. Dieser ist immer derselbe geblieben und wird es bleiben, jene hat schon gewechselt, als noch Volk von Volk durch steinerne und geistige Mauern getrennt lebte. 4. Halte fest an Tagen, die der Ruhe und Feststimmung geweiht, feiere sie, soweit möglich, wie es die Thora bestimmt und nütze sie M wahrhafter geistiger Erholung und Erbauung. Denke aber daran, daß körperliche Ruhe und geistige Einkehr heute etwas ganz anderes bedeuten, wie vor Jahrtausenden, und daß sich auch ihre äußeren Formen mit der fortschreitenden Kultur geändett haben. dämmern beginnt. 10. Dafür kämpft das liberale Judentum in seiner Gesamtheit, dafür sollte auch jeder einzelne religiös-liberale Jude kämpfen, eingedenk, daß er den Namen „Israelit", ./Gottesstreiter" trägt. — Soll aber dieser Kampf den Lieg erbringen, dann muß die jüdische Ethik möglichst viel in Worten verkündet werden, die die Jetztzeit versteht, dann muß das Werk des großen Gesetzgebers Mose den Völkern auch unter nordischem und westlichem Himmel richtig zur Erscheinung gebracht, unsere Thora, der von ihm gepflanzte „Baum des Lebens", so gepflegt werden, daß er auch in Europas Ländern weiterhin Früchte trägt, dann müssen die ewigen Melodien unserer Propheten un> Psalmisten so gesungen werden, daß ihre Schönheit auch den Ohren Andersgläubiger erklingt. — Das will das liberale Judentum, denn das ist die von den Propheten verkündete Mission Israels! Iecheskel. Das Jahr ürr Entscheidung. Bon Rechtsanwalt Heinrich Stern. Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. 5. Ehre Vaterland und Religion. Vergiß niemals, daß Du aus dem Zusammenwirken dieser beiden das geworden, was Du bist. Denke stets daran, was gerade die deutschen Juden dem Judentum in den letzten 150 Jahren bedeuteten und welchen Einslust sie gleichzeitig auf die geistige Entwickelung ihres Vaterlandes hatten. Halte Dir immer vor Augen, dast die Bereinigung und Ergänzung von Judentum und Deutschtum, das Zusammenwirken von der Scholle, auf der wir das Licht der Welt erblickt, und der Religion, in der wir geboren, diesen Einflust und diese geistige Kraft gezeugt haben. 6. Erachte deshalb als vornehmste Pflicht, das deutsche Judentum zu unterstützen und seinen Verfall zu verhindern. Und augenblicklich droht ein solcher Verfall, Hauptversammlung der liberalen Vereinigung, Tagung des liberalen Rabbinerverbandes, Vorstandssitzunq der Arbeitsgemeinschaft der Ili! Mit einem vollen Dreiklang setzt das Jahr 1922 für das deutsche liberale Judentum ein, das Jahr, welches nach außen hin und mehr noch innerlich ein Entscheidungsjahr genannt werden neust. Als wichtigste äustere Kraftprobe des liberalen Judentums in Deutschland wird uns das jetzt beginnende Jahr die Wahlen für die Gefamtorganisation der de::tschen Juden bringen: denn mit der baldigen Genehmigung der Verfassung dürfen wir rechnen. Zum ersten Mal werden neben jüdischen Männern auch die jüdischen Frauen Zeugnis für ihre jüdische Weltanschauung ablegen dürfen, und in freiem Wahlrecht werden die Parteien ihre Kräfte erproben. Kaum weniger bedeutsam für das jüdische Leben der Oefstntlichkeit wird der Ausfall der Ende 1922 in Berlin stattfindenden Repräsentanienwahlen sein; denn, vas in der mehr als ein Dritte:! der deutschen Iudenheik lmfassenden größten deutschen Gemeinde vor sich geht, wic Berlin wählt, das ist von mehr als örtlicher Bedeutung, )as ist symptomatisch für die jüdisch-politischen Verhältnisse Deutschlands überhaupt. Aber diese beiden Wahlakte sind natürlich nur der äußere Ausdruck des Ringens jüdischer Weltanschauungen, und weil cs um diese Weltanschauungsfragen geht, darum ist das Jahr von so ungeheurer, gar nicht hoch genug einzuschätzender Wichtigkeit für das deutsche Judentum. Zunächst gilt es, die träge Masse jüdischer Indifferenz heranzuziehen und zu erwecken. Noch gar viel ist hier zu tun, .venu auch der schlimmste Tiefstand der Indolenz und des Abscitsstchens schon überwunden ist. Mag es der Judenhaß und sein aufpeitschender Antrieb sein, mag der Rückschlag gegen den Materialismus vergangener Jahrzehnte zur Auswirkung kommen, mag die vorwärts- und aufwärtsdrängende Kraft unserer Jugend sich geltend machen, — genug, die jüdischen Massen sind in Bewegung gesetzt, Israel fragt wieder, lernt wieder und hat den alten Ringkampf mit dem Engel, den: Dämon in sich wieder ausgenommen, von dem es seinen Namen hat. Aber diese Auswärtsbewegung, diese Sehnsucht nach Einkehr hat Formen angenommen, die unsere ernste Aufmerksamkeit und sorgliche Beachtung verdienen. Die Gefahr des jüdischen Nationalismus in Deutschland hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Palästinafrage, die Arbeit an der jüdischen Heimstätte stellt den deutschen Zionismus vor derart praktische Aufgaben, daß ihm kaum Zeit und Kraft bleiben wird, den Hirngespinsten von der „nationalen Minderheit", der „Volksgemeinde" und ähnlichen Theorien nachzugehen, zumal die Realpolitiker im zionistischen Lager wohl wissen, daß ihre nationalistischen Ucberforderungen die Einheitsfront des deuffchen Judentums von Breuer bis Cobleuz .gegen sich haben. Wenn wir also auch alle Versuche, die religiös-soziale Gerneini^aft der deutschen Juden in eine nationale umzugestälten, schonungslos und ohne Kompromiß weiter bekämpfen werden, so liegt die augenblickliche Gefahr für die Fortentwickelung des deutschen Judentums auf aperer Seite. Die Abkehr vom Rationalismus der letzten Jahrzehnte, die stärkere Wertung des Gefühlsmäßigen im jüdischen Leben des Einzelnen und der Gesamtheit begrüße ich. wie sie in allen religiös gerichteten Menschen freudigen Wiederhall finden wird. In letzter Zeit aber droht diese Verinnerlichung in einen Mystizismus umzuschlagen, der sich in einer Verherrlichung der religiösen Ausdrucksfovmen um ihrer selbst willen gefällt, ohne sich über Sinn und Wert dieser Formen klar zu werden. Und blitzschnell hat die Orthodoxie den Umschwung erkannt. In allen Phasen jüdischen Lebens, in Gemeinde, Schule, ja selbst auf dem bisher neutralen Boden des jüdischen Logenlebens werden wir es gewahr, wie orthodoxe Heißsporne ihre extremen Forderungen präsentieren und — betrüblicher Anblick! — I wie sie bereitwillige Bundesgenossen nicht nur in den Kreisen des unreligiöseu Nationaljudentums finden, soneru wie in den Gemeindestuben auch sogenannte Liberale hnen respektvoll entgegen kommen, um der Gewiffensfrei- -eit willen! Haben wir Liberalen etwa den Jahrtausende alten Kamps gegen den religiösen Formalismus um etwas andern willen ausgenommen, als aus dem Gewissen heraus, für die innere Freiheit unserer Seelen? Ich habe zwar nie einsehen können, daß cs ein besonderes Zeichen liberaler Kraft ist, wenn mau sich für eine Seite mehr oder weniger hebräischer Gebete - die Köpfe wund geschlagen hat. Aber dieselben Männer, die mit Löwenmut für die Einführung eines deutschen Sab'bathqebets eintreten, das sie nie in die Verlegenheit kommen. selber praktisch auszuüben, dulden, daß in den öffentlichen Gemeindeanstalten vor dem Pessachseste das „Gesäuerte" nach alter Sitte (oder Unsitte) für 50 Pfennig verkauft werde, daß in jüdischen Waisen- und Altersheimen Normen und Bräuche geübt werden, die sie im eigenen Hause kraft ihres Intellekts und ihrer religiösen Ueberzeugung niemals sich zu eigen machen würden oder bewußt aufgegeben haben. Man klagt über den Mangel an liberalen Führern, wehe aber dem Rabbiner oder Lehrer, der für sein Leben die bewußte Loslösung vom Ritualgesetz zu vollziehen wagte, — die ersten, die ihn preisqeben würden, wären die „liberalen" Gemeindegewaltiqen, die diese Ablösung längst bewirkt haben. Um des „Friedens" willen wird die Wahrhaftigkeit über Bord geworfen. Und siehe, schon haben die Orthodoxen in Berlin die Wiederherstellung eines ständigen Beth-Din, eines Gerichts, das nach jüdischem Recht auch Zivilstreitigkeiten entscheiden soll, beantragt. schon verlangen sie, dast alle Angehörigen der jüdischen Waisenhäuser streng nach altjüdischem Ritualgesetz erzogen würden, schon hocken sie