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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-09-09 · 40 (9.9.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
40 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein Meisterwerk der Paragraphen, so sagt man, ist in den Frühlingstagen des unseligen Jahres 1919 unter dem Beistand der Weisheit der gegen Deutschland vereinigten Feinde entstanden und verewigt worden. Daß der Haß ihnen die Feder geführt, bedarf nicht des Nachweises. Die Furcht stand Pate an feiner Wiege, Mitleidlosigkeit war sein Berater und fein Weggenosse. Im Fallstrick der Paragraphen soll der Besiegte in seiner Ohnmacht und Wehrlosigkeit sich verfangen. Kein Pardon, keine Gnade soll ihm gegeben werden. Paragraphen führen in die Weglosigkeit, der Buchstabe tötet in seiner blinden Gläubigkeit die Weitherzigkeit, die den Richter zur Milde stimmt, den Geist, der von den Fesseln befreit. Das ist die Tragik des Kampfes, den wir erneut erleben. Völker bangen um ihr Schicksal, das auf Jahrzehnte hinaus in die Engherzigkeit kalter Paragraphen geschmiedet wird, in den Weltstädten, die das Los des europäischen Kontinents bereiten, betet man andächtig den Götzen des Paragraphen an, den zu erschlagen man sein Roß tummelte, den auszutilgen man für Freiheit, Recht und Menschlichkeit die waffenfähige Mannschaft der Welt aus dem Erdboden stampfte. Diiiicile est, satiram non sei ibere. Das also ist das Ergebnis eines Wettlaufs, der die Ordnung und die Moral aus den Fugen hob und den Kriegszustand der Nationen verewigt. Die Paragraphen verlegen der Menschheit die Rückkehr zu den Segnungen des Friedens, zu dem Glück und zu der Wohlfahrt der Erdenkinder. Es ist das Verhängnis, es ist der Fluch dieses Kriegsendes, daß es den Erdball nicht zur Ruhe kommen läßt. Auf die Dauer läßt sich das Recht nicht mit Paragraphen umstricken. Es kommt die Stunde, in der der Paragraph seinen Meister findet. Wir sind weit davon entfernt, den Paragraphen mit dem sicheren Willen des Gesetzes zu verwechseln, das, aus dem freien Willen des Gesetzgebers geboren, solange sich behauptet, als es dem sittlichen Prinzip des kategorischen Imperativs entspricht und in willigen, verstehenden Menschenherzen ein spontanes Echo weckt. Auch das Gesetz muß die Gefahr vermeiden, zum Paragraphen herabzusinken und statt lebendiger Wirksamkeit einen mechanischen Gehorsam zu wecken. Das Gesetz, das aus dem Bewußtsein eines Geschlechts mit seinen Forderungen geschwunden ist, hat aufgehört, den Paragraphen zu meistern. Wir hätten weder Recht noch Grund, diesen Betrachtungen nachzugehen, wenn nicht innerhalb der jüdischen Gemeinschaft diese Erscheinungen bis zur Stunde anzutreffen wären und ihre getreuesten Verehrer hätten. Wir wollen damit keineswegs diesen Gedanken auf das religionsgesetzliche Gebiet hinüberspinnen, das nicht bloß geschichtlich und philosophisch, sondern im hervorragenden Maße gefühlsmäßig seine differenzierte Wertung findet. Aber wir leben in weiten Kreisen Deutschlands noch unter Gesetzesparagraphen, die, vor zwei bis drei Menschenaltern mit einem sehr ungleichartigen Maß von Wohlwollen für die einstige Struktur der deutschen Judenheit zugeschnitten, heute grau vor Alter geworden und im Bewußtsein der Gegenwart längst erstorben sind. Daran haben selbst die großen Umwälzungen des 9. November 1918, die doch trotz ihres politischen Einschlages in hervorragendem Maße tiefe kulturelle Gründe aufweisen, noch herzlich wenig geändert. Die kulturell entwickeltsten Kreise, für die die Juden doch nun einmal gelten, weisen, von einigen Großstädten abgesehen, denn doch eine Rückständigkeit und Trägheit der Entwickelung auf, die nicht überboten werden kann. In unseren Gemeinden herrscht nach wie vor die alte, starre Autokratie, die statt sich zu erweichen, sich eher noch zu verhärten anschickt, Gesetzesparagraphen aus den 40er Jahren —horribiledictu — des vorigen Jahrhunderts sind immer noch in Geltung und hemmen fraglos die Entwickelung eines jüdischen Gemeindelebens, wie denn die paragraphierte Gestaltung eines bloßen Verwaltungsrechts uns in unserer gesamten Entfaltung namenlosen Schaden zugefügt hat. Wir hören nichts von einer Neugestaltung der Beamtenbesoldung und des Beamtenrechts, wie sie den Staatsbeamten und Gemeindebeamten ohne weiteres zuqestanden worden ist, und das alles, obwohl die jüdischen Gemeinden die Forderungen der Billigkeit bei gutem Willen ohne ängstliche Seitenblicke erfüllen könnten. Aber ach, die Paragraphen-. . . Daß der Kundige, i. e. der Rabbiner oder der Lehrer, an der Verwaltung der Gemeinde teilhabe, wie es in allen nichtjüdischen Religionsgemeinden selbstverständlicher Brauch und Uebung ist, davon ist — Ausnahmen bestätigen nur die Regel — fast nirgends die Rede. Denn die alten Paragraphen des Polizeistaates wußten ja davon nichts. Wir erleben es bis tief in unser Vereins- und Klubwesen nein, daß der Paragraph der allmächtige Herrscher bis zur Geistlosigkeit ist und noch immer seine geschworenen Anhänger findet. Was in Paragraphen und Statuten verbrieft und versiegelt ist, das ist bei solcher Einstellung siegreich. Ob es auch klug ist, den Buchstaben zu vergöttern, das rst die Frage. Wir töten auf diesem Wege nur den Geist, der frei sich entfalten und die Bedürfnisse einer veränderten Zeit befragen und berücksichtigen muß. Was aber nützt die glücklichste Persönlichkeit, was nützt das Feuer des kühnsten Geistes, wenn sie am kalten Paragraphen eine Schranke finden, die sie als berechtigt nicht anerkennen können. Wenn wir im Begriff stehen, der Judenheit durch die deuffche Organisation ein neues Haus zu bauen, dann sollten wir bedenken, daß, so notwendig ihre Gesetze sein mögen, sie blutlos bleiben müssen ohne den Willen und den regsamen Geist und die jüdische Richtung ihrer Träger. Paragraphen sind nur das Skelett dieses Baues, aber Paragraphen können allein eine Gemeinschaft nicht retten. Hier wird die Organisation ihre innere, ihre sittliche Kraft aufzubauen und zu erhärten haben. Wird sie es können, wenn sie die Autonomie der Gemeinden auf die Spitze trieb und ihnen nicht einmal das wirffchaftliche und politische Recht der Gemeindebeamten ins Stammbuch schrieb? Wir fürchten. Palästina - Mische Volksschule. Von I. Wolfs so hn, Berlin-Schöneberg. III. Jüdische Volksschule! Sobald dieses Thema in einer Versammlung religiös-liberaler Juden zur Diskussion steht, scheiden sich die Geister. Theologen und Lehrer sind fast ausnahmslos für die Jüdische Volksschule, oder doch wenigstens nicht dagegen; die Laien sind mit wenigen Ausnahmen gegen die Einführung, häufig sogar für Aufhebung, wo eine solche Einrichtung schon besteht. Wir wollen einmal die Frage aufwerfen, ob beide Teile lediglich aus materiellen Gründen (als welche auch solche politischer Art anzusehen) zu ihrer Stellungnahme bewogen werden. Wer die ökonomische Lage und die soziale Stellung der Rabbiner, Kultusbeamten und Lehrer kennt, die in kleineren und Mittelgemeinden ohne staatliche Anstellung amtieren, weiß, daß' ihr Los meist kein beneidenswertes war und ist. So würde auch der jüdische Lehrer eine gesichertere und festere Position im Staatsdienst haben. Da er aber in diesen vorläufig immer noch zahlenmäßig gering Anstellung findet, wird' er zunächst aus sehr begreiflichen und völlig einwandfreien Gründen zur konfessionellen Schule neigen. W e r s e i n e n B e r n f liebt und hochhält, hat das moralische Recht, all da szu unterstützen.wasihmgeicher 1 e Möglichkeit zu seiner Ausübung g i b t. Sind nun bei diesen Befürwortern der Jüdischen Volksschule noch andere Gründe fiir ihre Stellungnahme vorhanden? Zweifellos noch ein sehr gewichtiger rein ideellerArt! Die Besorgnis, dem jüdischen Kinde lediglich durch Religio n s u n t e r r i ch t in den ersten Schuljahren nichtdiegenügendeGrundlage zu einem guten und gefestigten Juden geben zu können. Und was bewegt die a n d e r e S e i t e zur G e g n erschüft? Vielfach auch wieder die geschmähte Gemeindepolitik, die hier gleichfalls sehr berechtigt ist, namentlich in der jetzigen Zeit, wo das Bewilligen von Etatsforderungen doppelt schwer fällt jedem, der auch ernsthaft an deren Deckung denkt. Oder, wie meint man, würde sich z. B. der Etat der Berliner Synagogengemeinde stellen, wenn sie außer der einen ja wohl noch bestehenden Schule noch weitere halten sollte! AbernocheinandererGrundliegtfüruns vor, einer der des rein st en Idealismus voll ist. Unsere Väter haben Jahrzehnte hindurch für ihre Emanzipation und die ihrer Nachkommen gekämpft, und nun wollen wir dieses kostbare Gut wieder preisgeben! Denn die Jüdische Volksschule würde eine Preisgabe dieser Errungenschaft mit sich bringen. Man fordert ja heut schon auch j ü d i s ch e G y m n a s i e n, man fordert in Berlin ein beth din, das namentlich für die O stj ud e n a u ch i n Z i v ilp r 0 z esse n a ültig s e i n f 0 l l, weil „sie sich auf dem staatlichen Geruht nicht verständlich machen können". Als ob es nicht genug auch hierzu geeignete Rechtsanwälte gäbe! Man sagt uns Liberalen nach, daß wir vor unseren östlichen Glaubensbrüdern einen Horror hätten, obgleich vielfach unsere Väter, zumeist aber unsere Großväter auch nichts anderes gewesen seien. Das mag Häufig zutreffen, aber ohne Emanzipation und vor allem ohneZusammenerziehung milder andersgläubigenJugend wären wir heute noch in dem Zustand der deutschen Juden vor zirka 150 Jahren. Freilich haben wir neulich in der Berliner Repräsentantenversammlung ausdem Munde eines Orthodoxen etwas wie tiefes Bedauern über die Emanzipation gehört, die „uns die Orgelsynagogen gebracht und so vieles Jüdische genommen habe". Nun, wir haben eine andere Ansicht über das, was wahrhaft jüdisch ist. Deshalb haben wir durchaus keinen Horror vor d e n O st j u d e n, wir wissen, daß sie in dem Milieu, in dem sie gelebt, nicht anders werden und sein konnten, daß sich trotz allem viel wertvolles Menschenmaterial unter rhnen findet. Aber vor denen haben wir einen Horror, die sie in diesem Zustande, die ihnen ihre sogenannte Eigenart belassen wollen, diese Art, die gar keine eigene, keine natürliche ist. Ueber Geschmackssachen läßt sich bekanntlich nicht streiten, warum soll es nicht auch Leute geben, die den Jargon schön und wohlklingend finden, der, nebenbei bemerkt, nicht nur von russischen Juden, sondern auch von einer bestimmten Art christlicher deuffcher Ansiedler in Rußland gesprochen wird und zeigt, daß er in Wirklichkeit ein verdorbenes Mittel-Hochdeutsch ist. Wenn wir, die deutschen Juden, die zirka 80 000 augenblicklich in Deutschland weilenden Ostjuden ohne Schaden für unsere Nachkommenschaft verdauen wollen, so müssen wir sie möglichst schnell assimilieren. A s s i m i - lieren. entsetzliches Wort! Manhatnäm- WW-liberaler iWilSvereili zu Breslsii. Sonntag, den 11. September 1921: Tagesausflug nach dem Schlefiertal imü Tharlottenbrunn. Treffpunkt Hauptbahnhof pünktlich 726 Uhr früh. Sonntagsfahrkarte bis Bretenhain. (Diesmal wird nicht abgelocht.) Montag, den 12. September 1921, abends von V{2 Uhr ab: Geselliges Btifammenfitin im Wpsrk. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. li lich en. Bei diesem Vorgang büßen natürlich beide Teile ihre weniger starken Eigenschaften ein, was meist kein Schade für jeden der beiden und für die Allgemeinheit ist. Wirhabenunsassimiliert, aber wir haben, das darf inan wohl sagen, a u ch d a s d e ut s ch e B 0 l k assimiliert. Wir sind geistig in dasselbe hineingewachsen, wir hüben g e n 0 m me n, aber auch g e - geben, viel gegeben, Gei st, jüdischen Geist, in gutem, in bestem Sinne. Nicht umsonst zetern die Antisemiten in blinder Wut darüber, blind, weil sie nicht einsehen, daß das 'deutsche Volk ohne jüdischen Einschlag (nun wir wollen sehr bescheiden sein) durchaus nichts Besseres wäre. Dochnichtso blind (soweit sie folgerichtig antisemitisch denken), um nicht zu sehen, daß ein gut Teil dieses jüdischen Gei st es auch in der Tochterreligion Israels steckt, und daß Teuts Söhne schon mit der Annahme des Christentums gewissermaßen verjudeten. Der konsequente Antisemit fordert deshalb einen Wotanskult, also die Rückkehr zu Unkultur. Darum sind wir Assimilanten, nicht nur, weil wir nehmen, sondern auch weil wir geben wollen. Wir haben gar nicht das Recht, uns a bzusch li e ße n. So ist unsere Bestimmung aufzufassen, daß wir ein „R e i ch von Priestern, ein SegenfürdieBölker" sein sollen. Denn was nützt ein Priester, der den Segen für sich behält. „I h r s e i b dasSalzderErd e", ein I ud e war es, der d i e s e s Wortzu Juden sprach. Salz ist etwas Unentbehrliches, aber allein für sich, ohne Verbindung mit etwas anderem, ist es wertlos. Deshalb hat uns die Vorsehung den Volkscharakter genommen, uns unter die Völker zerstreut, um sie in gewisser Hinsicht durch uns zu ergänzen.

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