Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 39 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir .Lüvlfch liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und rostet durch die Post oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich M». 4.— Einzelnummer 40 Vf. ÄadMngrn auf Voftlcheetrontp Deeslau 4L3S7,2lldlfchllyerale Leitung, Kaffenverwaltuno, SDager, Breslau i Redaktion und GefchüstSsteKe: Breslau 3 Reue Sraupenstra-e 7.1. iHmTmmfi'irifirmnmiinr Annahmefchlust für Berichte: Montag mittag Gprrtdstunden der Gchrifiieiwng: Montag bls Freitag 12—1 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annahmefchiust für Anzeigen: Dienstag früh Dle 3l/icm brelie MlNimrierzelle »ostet 00 Vi., SamMenanzelaen^oVf. »etMrbrrVolungSrma-tguug it. Tarif Nr. Zy Breslau, den 2. September 1S21 1. Jahrgang PalWaa - Mische Volksschule. Don I. WolfSsohn, Berlin-Schöneberg. Ohne uns mit allen Ausführungen des Verfassers einverstünden zu erklären. möchten wir doch den nachfolgenden Artikel unserer Leserschaft zur Kenntnis bringen. Die Red. l. Selten lhat die Monatsschrift „LiberalesIudent u m" einen für den Laien interessanteren Inhalt gehabt, wie in ihrer Heft 4—6 enthaltenden Nummer, die über „Verlauf und Ergebnisse der erweiterten Borstandssitzung d. B. f. d. l. I. in Deutschland" und über die Mitgliederversammlung d. Ver. d. liberalen Rabbiner Deutschlands berichtet. Zum ersten Mal, wenigstens meinem Erinnern nach, trat hier der Gegensatz zwischen dem sogenannten G e m e i n d e l i b e r a l i s m u s und dem religiösen Liberalismus (oder ist es ein theologischer) schärfer und in der Allgemeinheit zu Tage. Dieser Gegensatz Hut sich wohl schon in einzelnen Ortsgruppen gezeigt und zeigte sich dann wohl meist als socher zwischen Real-Idealismus und Ideologie. Auch hier waren die Kristallisations- Punkte meistens die beiden Probleme „P alästin a" und „Jüdische Bolksschul e". NÄ»en ihnen hat alles andere für den Augenblick weniger Interesse, bedeutet weniger Scheidung der Meinungen. Ob unsere Bewegung mit dem Namen „liberal" richtig oder unrichtig bezeichnet wird, erscheint momentan nicht sehr wichtig, wir und alle Welt wissen, daß unsere, der Entwickelung und dem Weilerbau jüdischer Kern- und Grundgedanken dienende Bewegung unter diesem Namen zu verstehen ist und das ist die Hauptsache. Auch die Frage, ob der Gemeindepolitik, also den Verwaltungsfragen, nicht zu viel Spielraum innerhalb des liberalen Judentums eingeräumt wird, ist keine dringende. Mehr wie je in anderen Zeiten sind tüchtige Verwaltungspolitiker nötig, und wenn jemand sein Interesse für die Religion seiner Väter auch nur dadurch betätigt, daß er ein doch wenig äußere Ehren bringendes Gemeinde-Ehrenamt ausübt, so sollte man ihm dafür Dank wissen, vorausgesetzt, daß er es richtig verwaltet. Wichtiger erscheint schon die Frage, ob der Rabbiner beratende oder gar beschließende Stimme bei den Vorstandsitzungen haben soll. Für den religiös Liberalen kann es wohlkeinen Einwand gegendieZuziehung desGeiftlichenalsBeraterundinKültus fragen auch als beschließendes Mitglied geben. Etwas anderes ist es mit reinen Berwaltungs fragen. Aber wichtiger für uns, weil rein geistiger, erscheinen uns im Augenblick und auch für die Zukunft die Probleme „Palästina" und „JüdischeVolksschule". Bei ihrer Erörterung werden sich gewisie.Gegensätze nicht vermeiden und überwinden lassen. Betrachten wir beide Pro bleme und sehen wir dann, was wir aus dem Bericht der Frankfurter Verhandlungen über die Stellungnahme der Versammlung ersehen. n. Palästina! Wir haben des öfteren schon aus Theologenmund gehört, daß „in jedemJuden noch heute wirklich und wahrhaftig ein Stüc! Palästina ft e ck e." Gewiß, so wie auch bei vielen christlichen Mitbürgern. Aber mehr? Nein! Wenigstens nicht bei dem religiös-liberalen deutschen Juden, soweit er nicht Zionist, also Nationaljude ist. Was von diesen Dingen in uns steckt, ist etwas anderes. Palästina als solches, insbesondere Jerusalem, lebt nicht mehr im Innern vieler gläubiger Christen des evangelischen Be kenntnis. (Bei dem gläubigen Katholiken ist Rom an Wlsch-lllirralll JugcnOiM p Mau. Sonntag, den 4. September 1921: Äachmittags-Hnsflug nach dem Sibgllenorter Korst. Treffpunkt 2 Uhr tzauptbahuhof. Montag, 5. September 1921, abends 8 Uhr: Geselliges Wammeuseiu im Wpark. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Unsere Zusammenkünfte finden bis auf weiteres regelmäßig Montag Abend im Südpark statt. diese Stelle getreten.) Diese Behauptung mag zunächst )aradox erscheinen, aber sie trifft zu. Die Gestalten, die SelmaLag erlös in ihrem Roman „Ierusale m" zeichnet, sind wahr, sind aus Fleisch und Blut, und sie wandeln auch bei uns in Deutschland in reichlicher Anzahl mnjer. Das ist wahrlich nicht zu verwundern. Das Christenum ist die Religion, die die Inkarnation, die Mensch«. Werbung der einigeinzigen Gottheit ausgenommen und Prolagiert hat, so mußten auch Stadt und Land, in denen der menschgewordene Gott geweilt, die Stätten, an denen er gewarwelt, eine viel größere Bedeutung für seine Gläubigen erlangen. Aber wir sind nicht mit solchem Band anOrtund Stätte gebunden,fühlen uns also in dieser Beziehung freier. Wir ennen nicht die Grabstätte des Stifters unserer Religion, die Propheten Haben unsere Volks-Religion zur Welt- und Menschheits-Religion geweitet und verbreitert, nach dem Talmud „fiel mitderZerstörungdeszweiten T e mp elseineMauer, diedasVolkvonGott rennt e." Wir sind durch die Entwickelung der Dinge auf das rein geistige gestellt worden und nun sollten wir diese Freiheit ausgeben, die doch unseren Glauben aus zeichnet, ihn so gestaltet, daß er einmal Menschen und Völker der Erde einen wird?! Weil da irgend etwas in uns lebt, was mit Land und Stätte nichts zu tun hat! Wenn wir prüfen, was bei den meisten von uns am tärksten haften geblieben, weiden wir folgendes finden: Patriarchengeschichte — Joseph — Auszug aus Aegypten — Moses — Sinai-Osfena r u n g in ununterbrochener Folge. Dann treten schon Lücken ein: manches von I o s u a, ein oder der andere Richter,Saul,David,Jonathan. Menschlich erner steht uns schon Salomo, wenn auch die Pracht einer Zeit natürlich besonders die jugendliche Phantasie weckt. Und nun folgt die Heit der Könige, der zwei Reiche, das eigentliche Palästina bis zur Zerstörung Jerusalems und des zweiten Tempels. Aus dieser ganzen Periode bleibt außer „M akkabäer" nur eines in uns hasten: die P r o p h e t e n. Denn alles andere finden wir auch in der Geschichte anderer Völker: erzürnte und wiederversöhnte Gottheit, Haß und Streit der Könige und Feldherrn, politische Jntriguen, Volksaufstände, manchmal ein etwas höheres Ethos, aber oft auch dank der (wie sich ein hervorragender evangelischer Theologe ausdrückt) „bewunderungswürdigen Wahrheitsliebe" der Bibel Niedrigkeit und Grausamkeit, die wir heute nicht mehr verstehen und die uns abstoßen. Wasaberkein anderesVolkhat.dasist.diesegeradeLinie der Entwickelung von der Familie zum St a mm, vomStammzumVolk, von der Erkenntnis eines einzelnen Menschen zum Bekenntnis einer Familie, eines Stammes, zum nationalen Volksglauben, zur MenschheitsreligionderPropheten. Das hastet in uns, nicht das Land Palästina. — Was von Land und Heimaisgefühl inunslebt, das geht einzig und allein auf Deutschland, seine Berge und Täler, seine Laub- und Nadelwälder, seine Meere und Ströme. — Man hat seinerzeit aus zionistischen Kreisen dem Vor stand der Berliner Gemeinde daraus einen Vorwurf gemacht, daß er keine Gemeindesynagoge für einen Dank gottesdienst hergeben wollte, der anläßlich des Beschlusses der Entente, Palästina zu einer Heimstätte für die Juden zu erklären, stattfinden sollte. Es wäre eine Schmach und eine Schande gewesen, wenn sich der Berliner Gemeinde Vorstand dazu hätte bereit finden lasten, wenn er hätte vergessen kömren, daß dieser Ententebeschluß nur möglich geworden durch den Zusammenbruch unseres Vaterlandes. Es wäre aber auch eine Torheit gewesen, wenn man vergessen hätte, daß bei diesem Entschluß nur Gründe der englischen Politik maßgebend waren. Nicht zum ersten Mal hat übrigens die Politik das „Id e a l P a l ä st i n a" sich ihren Zwecken dienstbar gemacht. Auch die Kreuzzüge waren, wenn auch von anderem Gesichtspunkt aus, ein ahn liches, auch sie bedeuteten zunächst etwas rein geistiges. Die Mächte griffen auch damals diese rem geisttge Idee auf, um sich jede einen Anteil an den materiellen Schätzen des Orients zu sichern. Und was brachten die Kreuzzüge für Europa? Judenverfolgungen, Seuchen, Zwist der Völker! Es ist eben alles schon einmal dagewesen, und man kann aus dem Geschehenen lernen. Nun haben die Redner inderMitglreder-Ver s a m m l u n g d. V. d. l. R. D. in F r a n k f u r t alle mehr oder minder anerkannt, daß „nur eine Stärkung des jüdischen Bewußtseins im all gemeinen, nicht aber eine solche des Religiösen durch Palästina zu erwarten sei." Das zeugt davon, daß man nn großen und ganzen auch in den Kreisen der liberalen jüdischen Theologie sich nicht der Täuschung hinzugeben scheint, Jerusalem könne eine Art jüdisches Rom werden. Dazu fehlt uns die Eigenschaft, Eigenart alles deffen, was die Macht der römischen und jeder anderen Kirche bildet. Unsere Entwickelung ist eben andere Wege gegangen, wir konnten uns nur und haben uns nur erhalten und immer wieder yeu gestärkt durch Dezentralisation von der ersten Tempelzerstörung an. Manche unter uns Juden werden seufzend sprechen: „W i r sind eben nur ein Glauben und keine Kirche!" Wir sagen umgekehrt: „Wir sind vor allem ein Erkenntnis und ein Bekenntnis, nicht nur ein Glauben und noch wenigereineKirche!" Indem wir uns so aus das rein geistige stellen, können wir hoffen, daß die Zukunft uns gehören wird. Auch wir. nehmen nicht an, daß ein beth din oder Synhedrion in Jerusalem neue Grundsätze schaffen kann, z. B. für die Beurteilung dessen, was heute unter Sabbathruhe zu verstehen ist. Die Orthodoxie wird alle Neuerungen ablehnen, und von liberalen Rabbinern und Laien muß jeder selbst wissen, was ihm Althergebrachtes bedeutet, ob viel oder wenig oder gar nichts. Auch der Mul zur Wahrhaftigkeit des Bekennens in Wort und Tat ist persönliche. Sache. So würde der Wiederaufbau von Palästina für uns, und das ist wohl der größte Teil der Liberalen, eine Art Burgen-Restauration bedeuten. Denn wir könnnen wohl ehrfürchttg Schauer an der Ruine, an der Tempelmauer empfinden, aber nicht an einem womöglich im alten Stile widererbauten Tempel. So bedeutet ein Wiederaufbau Palästtnas für uns nur eine Stärkung des Nationaljudentums. Herr Dr. Goldmann hat in Frankfurt gesagt: „I m ampfe zwischen Wilna und Jerusalem wird sicher Wilna siegen." Sehr richttg, denn mit Wilna ist ja doch wohl Poale gemeint. Und für u n s, die wir jeden Zionismus ablehnen, sehr erklärlich! Denn wie man auch sonst zum „roten Zionismus" steht, eins mutz man wenigstens anerkennen, die Poalisten wollen nicht den Zeiger der Weltgeschichte zurückstellen. Allerdings, was sie wollen, ist nichtseigentlichNeues ist sogar a n t i j ü d i s ch, und die Bedeutung von Bibel und heiligem Land für ihre Absichten ist nicht zu ersehen. Man könnte all das ebenso gut in Argentinien oder irgendwo anders versuchen. Es soll hier nicht die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, der Welt aus solchem Wege das messianische Zeitalter zu bringen, erörtert werden. Aber Poale will ja auch nur das erez jjsroel als Kulisse. Fragt sich nur, ob England zur A u f - führungeinesnationalökonomisch-sozialistischen Schauspiels seine Kolonie hergeben wird? Nun käme noch der charitative ^Charakter des Palästina-Problems in Betracht. Heute wird da vor allem die vielgeschmähte Gemeindepolitik, also Berwaltungstechnik mitzureden haben und uns zu nüchternen Erwägungen bringen. Aber auch ideale Gesichtspunkte müssen uns zur Vorsicht mahnen. Herr Dr. Jakob hat sie in diesen und andern jüdischen Blättern so klar dargelegt, daß man sich heute nur kurz fasten kann. Wir haben nicht das Recht, wenigstens nicht das moralische, Unsummen nach Palästina zu senden, solange wir nicht wissen, wie wir der Not jüdischer und andersgläubiger Mitbürger steuern sollen. Die größte jüdische Gemeinde Deutschlands, Berlin, mußte schon die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses eingehen lasten, man spielt jetzt schon mit dem Gedanken, das ganze Krankenhaus an die Stadt zu verkaufen und in der Auguststraße das alte Gebäude wieder für ein kleineres Krankenhaus herzurichten, das für die.verhältnismäßig geringe Anzahl wirklich rituell lebender Juden genügt, und man würde diesen Gedanken auch in die Tat um- MW-Mraler lugeaMu p M. Sonntag, den 4. September 1921: Vormittags-Ausflug nach Sadowa. Treffpunkt 9 Uhr auf dem Bahnsteig Alexanderplatz mit Fahrkarte nach Sadowa. DienStag, den S. September, abends 7 Uhr: Gemütliches Beisammensein im Restaurant »Schloß Wannsee" bei Beelihhof (Bahnstation Nikolassee).