Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 38 (26.8.1921)
- Date
- 1921-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Iüöischnberale Leitung Dl» ^sadisch-llbrralr Ärttuao" erschelat jede« Frrttag und foftet durch dl» Post oder durch dl» SrschüfUftkllr b»,vorn. v«»rt»IMrllch M». Ein»»laummrr 40 Vs. äaftlunaen auspostschettkomo Breslau 43387,Jüdisch- Uveralr Äelwng, Kasienverwaltuna, S.Bayrr, Breslau l miiiriiimniminiffTiTimimii NebaNlon und Geschäftsstelle: Breslau 3 Neue Graupeustraste 7,1. Auaodmtschlu» filr Brrlch«»: Montao mittag Sprechstunden der Schrlftlellung: Montag dls Freitag 12-s vorm, ln der Gefchüftsstele. Aanavmefchlud für 3>n»rlg»u: Dlrnstag früh Die 31/» cm breite Milltmrierzetlr tostet do Famillrnan»etgensoVs. Bei Wiederholung Srmüstlgung lt.Larif Nr. 38 Breslau, den 26. August 1921 1. Jahrgang Jnnenarbeit. Die Tage beginnen kürzer zu werden, die Wohnplätze; die in der Schwüle des fast regenlosen Sommers still dalagen, füllen sich allmählich wieder mit ihren Bewohnern, die nengestärkt zur gewohnten Arbeit zurückkehren. So wirft auch die Zeit der langen Abende, die Periode der Jnnenardeit in unseren politischen und religiösen Organisationen, ihre Schatten voraus. Alles rüstet sich, um die bevorstehende Winterarbeit für die verfochtene Idee möglichst fruchtbar zu gestalten. Kongresse werden angefetzt, Borträge angekündigt. Die Vereine entwerfen und veröffentlichen ihren Arbeitsplan. Allüberall Leben und Beweglichkeit! Es ist ebenso erfreulich/wie notwendig, gerade in unserer Zeit äußerer Bedrängnis die Gedanken nach innen zu richten und hier an den Quellen wahrer Kraft sich das geistige und seelische Rüstung zu holen, dessen wir im Leben draußen, jeder an seinem Platze, bedürfen. Und es ist vielleicht der tiefere Sinn und das Wunderbare in unseren uns oft so trost- und hoffnungslos erscheinenden Tagen, zu erkennen, daß es letzten Endes Ideen sind, aus denen unser ganzes Handeln resultiert. Waren wir früher zu veräußerlicht, übersahen wir oft die wahren und unvergänglichen Werte des Daseins, so weist uns der äußere und innere Zusammenbruch und die Wandlung der gesamten Kulturwelt umsomehr auf die Notwendigkeit hin, unser Denken und Fühlen anders einzustellen und in freudigem Ernst festere Grundlagen zu einem Wiederaufbau zu suchen. Keine Stagnation darf bei uns Platz greifen; neues, gesundes Leben wollen wir durch ernste Arbeit erstehen lassen! Das Erfordernis der Jnnenarbeil für den einzelnen, für die Organisationen und für die größere Gesamtheit wird in unseren Reihen teils oft verkannt, teils durch die Tatsache verdunkelt, daß uns die Verhältnisse zwingen, dem äußeren Feind unserer Glaubensgemeinschaft, dem Antisemitismus, dessen Gehässigkeit uns heute mehr denn je umtost, besonders nachdrücklich entgegenzutreten. Ein großer Teil unserer Arbeit wird von der Notwendigkeit, den Kampf um Leben und Ehre unserer religiösen Anschauung erfolgreich zu führen, uns der Angriffe von außen zu erwehren, beansprucht. Wir dürfen die Dringlichkeit dieser Aufgabe nicht verkennen und nicht mit eigener Tat oder Förderung gleichgerichteten Strebens zurückhalten, da, wo für das Judentum gestritten wird. Aber wenn auch diese Arbeit uns heute leider in erhöhtem Maße fesselt, wenn die Spalten der Zeitungen — und auch in diesem Blatte fand und findet der Abwehrkampf stets eine Stätte — von Verteidigung nach außen angefüllt sind, so wollen wir doch nicht vergessen, daß sich damit unsere Pflicht fiir die Arbeit am und im Judentum keineswegs erschöpft. Der Kampf nach außen ist nicht Selbstzweck; er soll uns nur die äußeren Grundlagen der Existenz schaffen, die uns die Möglichkeit friedlicher Entwickelung und Förderung unserer Ideen gewährleisten. Judentum als solches, das Erkennen und Verbreiten seiner religiösen Wahrheiten, seines sittlichen Gehalts im Geiste der Entwickelung, das ist es, was uns obliegt; das ist es, dessen wir als Grundlage und positiven Gegenpol für den erfolgreichen Abwehrstreit bedürfen. Jnnenarbeit! Sie muß in den kommenden Monaten mit Ernst unser Streben sein! Die Vereine müssen es sich zum Ziel setzen, die Gesamtheit ihrer Mitglieder durch den Gchanken der Arbeit zu erfassen und ihnen nahezubringen, daß der Besuch der Vereinsveranstaltungen nicht eine Abwechselung für einen von vielen Abenden ist, sondern die mahnende Anregung geben soll, die Kenntnisse von jüdischen Dingen durch eigene Arbeit zu vertiefen und sich damit erst allmählich eine Welt zu erschließen, die man oft überheblich zu kennen glaubt, die aber vielmehr sich dem erkennenden Auge weit anders und wunderbarer darstellt, als man es in Kurzsichtigkeit je ahnte. Nur durch die Erkenntnis der Notwendigkeit eigener Arbeit, eigenen Jorschens und Nachdenkens ist es zu vermeiden, daß Vereinsmitgliedschaft einen dilettantenhaften Anstrich bekommt, daß die Führer in ihrer rast- und selbstlosen Hingabe an die Idee wie Hirten ohne Herde unverstanden schließlich einsam auf weiter Flur daftehen, daß der Gedanke des religiösen Forffchritts nicht so gefördert wird, wie es im Interesse der Erhaltung eines lebenskräftigen Judentums unabweislich ist. Nicht minder wie im Vereinsleben muß Jnnenarbeit, Arbeit an der Vertiefung des religiösen Lebens, vor allem im Kreise der Familie, Platz greifen. Mehr als in früheren Jahren wird die Verteuerung aller gesellschaftlichen Veranstaltungen uns die Reize des abendlich-trauten Familientisches erneut zum Bewußtsein bringen und damit das Band unter den Nächsten enger knüpfen. Hier ist die Stätte, wo der Pflege des religiösen Gedankens ein Sitz eingeräumt werden muß, wo die Betrachtung der unvergänglichen Wahrheiten unserer Gottesanschauunng, unterstützt durch entsprechende Uebung religiöser Gebräuche, von größtem Segen sein kann. Mögen es alle Eltern sich einprägen, daß die Jugend heute im besonderen Maße für Religiosität empfänglich ist, und daß sie gerade im Zusammenwirken von Familienleben und Religionsunterricht vor abwegigen Lebensanschauungen bewahrt bleibt! Der Liberalismus hat sich die Belebung und Verttefung des religiösen Gedankens im Geiste der Entwickelung zur Aufgabe gestellt, und sich damit das Panier erkoren, das allein geeignet ist, die Gesamtheit der Religion wieder zuzuführen und dem Verfall entgegenzuwirken. Dazu bedarf es ganzer Arbeit, der Jugend wie des Alters. Wenn die Jungen in ihrem Eifer nicht erlahmen, und das Alter die jugendlichen Vorkämpfer nicht wie auf verlorenem Posten ausharren läßt, sondern mit Rat und Tat, mit der Begeisterung, die auch dem Alter eigentümlich sein kann, mitschafft, dann wird die kommerwe Arbeit ein Beweis der Lebenskraft und Daseinsberechtigung des jüdischen Liberalismus sein. —b. Macht ganze Arbeit! Von Dr. Felix Heimann, Ratibor. Die Interalliierte Kommission gibt für das oberschlesische Abstimmungsgebiet folgendes der Bevölkerung zur Kenntnis: „Auf Türen von Häusern und Wohnungen gewisser Einwohner im oberschlesischen Abstimmungsgebiet werden von unbekannten Personen I n sch r i f r e n wnb verchiedenartige Bezeichnungen angebracht. Da diese Zeichen und Aufschriften durch ihren besonders aufregenden Charakter Unruhe Hervorrufen könnten, wird jede beim Anschlägen oder Ankleben dieser Zeichen betroffene Person den Ättlitärwachen zugeführt und vor das außerordentliche Gericht gestellt." Eine Bekanntmachung, die sich mit rücksichtsloser Deutlichkeit gegen das saubere Hakenkreuzgesindel richtet, das seit einiger Zeit auch Oberschlesien wieder belästigt; eine Verfügung gegen das feige Pack, das, selbst großenteils nie im Kriege gewesen im Schutze der Dunkelheit an den Häusern entlang schleicht und bei günstiger Gelegenheit — d. h. wenn weit und breit niemand zu sehen ist — Hakenkreuze an die Türpfosten malt oder die Literaturerzeugnisse mit der Adresse des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes anklebt, jene Literaturerzeugnisse, die der harmlose Bürger allerdin^ meistens dort findet, wo das Befestigen noch am ungefährlichsten erscheint — an den ungestörten Orten, die so recht und schlecht dem Geiste der Ritter vom Hakenkreuz angepaßt sind — wenn es gestattet ist, hier überhaupt von „Geist" zu reden. Oberschlesien hat Schweres durchgemacht, und daß es nicht noch fchlmvmer wurde, verdankt es nicht zuletzt neben den braven und ritterlichen italienischen und englischen Soldaten dem Selbstschutz, der, in den ersten Tagen des letzten Aufstandes gebildet, bald Zuzug von Auswärttgen erhielt. Die auswärtigen Verteidiger Oberschlesiens kamen zum großen Teil getragen von hohen Idealen dem bedrohten Lande zur Hilfe. — Aber. mit ihnen kam auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Elementen, die sich, getrieben von Abenteurerlust, von Sucht nach Gelderwerb, von Lust am Kriegspielen, anders benahmen, als man es gemeinhin vom deuffchen Soldaten gewohnt ist. Diese Elemente, die man im allgemeinen mit d e n „Selbstschutz"- leuten identifizieren kann, die nicht provozierend genug ihr Hakenkreuz zur Schau tragen können, haben, nicht nur in Oberschlesien — ich erinnere an das Material, das im Auft trage des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herr Rechtsanwalt Foerder kürzlich dem^Herrn Reichskanzler bei seinem Wisch-Mraler JogtnMn ruMln«. Montag, den LS. August 1981, abends 8 Uhrr SrstlllW WsMWnim flflOparf. Freunde und Anhänger unserer Bewegung alS. Säst« willkommen. Unsere Zusammenkünfte ftnden bis auf weiteres regelmäßig Montag Abend im Südpark statt. Jüdisch-liberaler Jugendverein zu Berlin siehe letzte Seite. Besuch in Breslau vorlegen konnte — dafür gesorgt, daß der d e u t s ch e N a m e tief in den Schmutz gezerrt wurde; ie, die „berufenen" Vertreter „deuffcher Art" und „deutcher Sitte", die so manchen wahrhaft deuffch empfindenden Oberschlesier durch ihr nichtsnutziges Verhalten ins Polnische oder mindestens indifferente Lager trieben, haben nicht scharf genug gegen die jüdffche Bevölkerung Oberchlesiens Hetzen können, der — das weiß der Oberschlesier reilich bester, als, um im Jargon des Schutz- und Trutziundes zu reden, der zugereiste „LandfrenDe" — weiß Gott ein nicht zu knapper Teil des deuffchen Wahlerfolges in Oberschlesien zuzuschreiben ist. Der Selbstschutz mußte ausgelöst werden, in Oberschlesien aber treiben sich offenbar noch genug landfremde Ritter vom Hakenkreuz herum, die, zum großen Teile gut bezahlt, Dag und Nacht nicht besser toffchlagen können, als daß sie Krawalle provozieren, das Prächtige Lied des großen Demokraten Hoffmann von Fallersleben um seinen Kredit bringen, und, als wenn man sie nicht schon großenteils ohne Abzeichen am Benehmen erkennen würde, das Hakenkreuz in Gold, Silber und Kupfer, direkt vom „arischen" Kapitalisten bezogen, stolz vorn an der Heldenbrust tragen, jener germanischen Heldenbrust, die aus begreiflichen Gründen meistens das schlichte Kreuz von Eisen nicht zu zieren vermag. Vor eingen Tagen streifte ich durch die Straßen meiner Vaterstadt R a t i b 0 r. Ueberall klebten die im Dunkel der letzten Nacht angehefteten Hetzzettel. Großenteils abgerissen und unkenntlich gemacht, waren einige doch noch mühsam zu entziffern. Auf dem leserlichsten dieser Zettel stand die Auffordrung, das Buch eines Herrn Otto Arnim kennen zu lernen, der vor mehreren Jahren in sich den heißen Drang verspürt hatte, eine „private" Stattstik unter Zugrundelegung von amtlichem (!) Materiell anzufertigen, nach der haarscharf bewiesen werden soll, wie sich Deutschlands Juden während des Krieges „gedrückt" haben. Wir wissen, woher Herr Arnim sein Material hat. Wir wissen, daß er es nach der schmachvollen „Judenzählung" vom Herbst 1916 mit oder ohne Genehmigung des Kriegsministeriums sich angeeignet hat, und wir wissen auch, wie die, selbst nach dem betreffenden Buche nicht gar so ungünstigen Zahlen zustande gekommen sind. Ich verweise auf -den Artikel: „Die Juden als Reklamierte" von Dr. FelixA. Therlhaber im Jsmelitffchen Familienblatt*), der, um nur eine Kleinigkeit hevauszugreifen, feststellt, daß eine Reihe von jüdischen Soldaten in den kritischen Tagen der Judenzählnng für kurze Zeit von der Front in die Etappe zurück kommandiert wurden, um, wie Teilhaber sagt, „c 0 rriger la ftati st i q u e". Und um bei dem Namen Dr. F e l i x T h e i l h a b e r zu bleiben; wir kennen das „Blatt der Erinnerung" dieses Vorkämpfers für die Ehre des deuffchen Judentums, wir kennen fein Buch „Jüdische Flieger im Kriege"**), ein Buch, von dem Seite für Seite von Heldenmut und Heldentum ohnesgleichen erzählt, ein Buch, das gekennzeichnet ist durch die Namen «des großen, in seiner Heimat allseitig verehrten Ostpreußen Walther Heymann, des, freilich getauften, aber dadurch sicher nicht heldenmütiger gewordenen Siegers in vielen Dutzenden von Luftgefechten W i l h e l m F r a n k l, durch die Namen eines Holzinger, eines Müller, Pinczower, Haas, Falk, Cassel, Moser, Lichte n st e i n, um von den vielen, vielen nur einige beliebige herauszugreifen; Helden, die turmhoch über dem Schmutz der Gasse stehen, in dem sich die Apostel vom Hakenkreuz wälzen, Helden, deren Andenken von teutonischen Barden, von hysterischen und oft zugleich historischen Anhängerinnen „Lichtgermanischer" Kaffeekränzchen, von Heldinnen und Helden Kutscher Art und deuffcher Sitte" wahrhaftig nicht verkleinert und gegen sie nicht verteidigt zu werden braucht. In Ungarn haben, wie Theodor Berkes kürzlich in einem Briefe an das „Berliner Tageblatt" 'fce* richtet, drei hervorragende Generäle der Kriegszeit: Baron Alexand e r SzurmaY, Fekdmarschalleutnant Baron GeraLukachich und Feldmarschcllleutnant D es i d e r von M 0 l n a r, die ungarischen Fronffoldaten Mischen Bekenntnisses „Helden durch die Bank genannt. M 0 lnar sagte wörtlich: „Soviel jüdische Soldaten ich kannte, soviel brave, 1 apfere ungarifche Jungenwarenes! — Ist in Ungarn auch der Antisemitismus noch größer und stärker als bei uns, sperrt man auch dort, was unsere Antisemiten noch nicht durchgesetzt 'haben, wenn sie es auch erstreben, die „braven, tapferen ungarffchen Jungen" durch den famosen „numevus clausus" von den Universitäten und Hochschulen aus, sebbst *) Nr. 31 vom 4. August 1921. **) Berlin 1919, Verlag von Louis Lamm.