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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-08-19 · 37 (19.8.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
37 (19.8.1921)
Date
1921-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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. .1.1, « ZttöWlibemle Zeitung Die «sadlsch-libemle Lrltuno" »escheint jeden Freitag und wfirt durch dir Voft oder durch dir Seschüfttstelle bezogen. vlrrttllildrlich SM. «.- Slnzrlnummer 40 Pf. Laviungen auf poMcheckVonto Breslau 6LSS7,Labtsch- Udrrale Lelwng. Kaffrnverwattung. «.Bayer, Breslau l immmsoD NebaMon und Geschäftsstelle: Breslau 3 Neue Sraupenstraße 7, l. I», »»»»»»,»»»»», Aaaadmrfchlufllr Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlftleltung: Montag dls Freitag 12—i vorm, ln der Geschäftsstelle. Anaavmrfchiuß für Bnzelgrn: Dtriwtag frich Die 31/. cm breite MMtmeterretle »ostet 60 vs^ FamlUenan»rigen lo^f. LrlWirderdoiungSrmüstlguag «.Tarif Nr. 37 Breslau, den 19. August 1921 i. Jahrgang von üerKrbett -er Fevtralwohlfahrtsstelle -er -evtfchea Ju-ea. Bon S. WronSky. tin durch mein Blut laß ewig fluten eine drei heiligen Ströme. Herr, Kraft-Swlz-Eedul-! Tagungen bedeuten für uns Feste der Arbeit: Tage, nach denen wir uns sehnen, wenn im Kleinkampf gegen die zerstörenden Kräfte der Mut gehemmt und der Blick verengt wird; Tage, von denen wir hoffen, daß sie uns Freunde finden und in der Begegnung die Birwung gemeinsamen Strebens stärker empfinden lassen; Tage, in denen wir erkennen, wie unsere Bergangercheit in ewiger Gesetzentwickelung sich in Zukunft wandelt; Tage, die uns die Aufgaben des Judentums im Kulturleben der Völker wieder klarer vor Augen treten lasten. Unsere Frühlingstagung brachte uns auf Hoffen, Sehnen und Erkennen vor allem das Einheitsbewußtsein von der Verantwortung für die Zukunft, die unser ist, wie nie zuvor. In einer Stunde der Weltgeschichte, wo im Kampf mit allen Mächten und Kräften der Erde uns stündlich die Gefahr droht, daß wir unL nach allen Seiten verbluten, hat die einheitliche Größe des Leids uns einen Begriff von Umfang und Ziel unserer Hllfsarbeit zu gelben vermocht; hat aber auch von neuem uns wieder bewußt werden lasten, welche Kräfte in uns lebendig gemacht werden müsten, wollen wir dieser ungeheuren Aufgabe genügen, in einer Form, die sick der Verpflichtung gegen die Allgemeinheit auf diesem unserem ureigensten Gebiet im schöpferischen Gestalten bewußt bleibt. Bon der Tagung sind wir zurückgekehrt in die mühselige Kleinarbeit unseres Berufs, und wissen, daß wir unser Ziel nur erreichen köünen, wenn wir hier mühsam Scholle um Scholle umgraben, langsam den Boden düngen mit dem, was ihm gemäß ist, und unsere ganze Kraft hineinwerfen, wenn wir sie gesund aus dem Judentum wieder zurückempfangen wollen. Wir sinzurückgekchrt zu der Arbeit, die uns zum Beruf wird, wenn wir uns ihr so eng verbürgen fühlen, daß sie mit unserem Dasein sich zu einer Einheit zu verschmelzen vermag. Dreierlei macht die Ehre unseres Berufs aus: die Vollkommenheit des Materials, die Vollendung der Form, die Beseelung des Zwecks. Die Vollkommenheit «des Materials, mit dem wir Hilft leisten wollen, bedeutet den Gebrauch der hochwertigsten Mittel und der Kenntnis von ihrer sinngemäßen Anwendung. In dem Augenblick, wo wir die Verbindung Herstellen zu einem anderen Menschen, muß das Gefühl der Verantwortung in uns lebendig werden, ihm so zu helfen, daß seine eigenen schaffenden Kräfte in ihm wieder befreit werden und er mit uns ein Kämpfer um unsere höchsten Ziele wird. Die Achtung vor dem Schicksal des Bedürftigen verlangt, daß wir ihm so helfen, daß er nur kurze Zeit im Zustand der Bedürftigkeit verbleibt und wir ihm eigene Kraft und Gesundheit wiedererlangen lasten. Dies vermag nur zu geschehen in gründlicher Arbeitsleistung, die das Schicksal des anderen zum eigenen werden läßt, dem jeder Gedanke hingegeben ist in dom Suchen nach einer Lösung aus den wirtschaftlichen und seelischen Verwickelungen. Die Befreiung von der Primitiven Form des Almoftngebens, in der die Geldunterstützung als eine Hilfeleistung gewertet wird, ohne daß man erkennt, daß Geld erst wirksam gemacht wird durch nachgehende fürsorgerische Arbeit, muß endlich erfolgen, wenn unserer Fürsorge die Ziel- und Zwecklosigkeit genommen und sie in die nächste Zukunft wirksam sein soll. Die Erkenntnis, daß Gesundheit, Kraft Sittlichkeit des Judentums in unsere Hand gegeben ist und es von unserer Arbeit abhängt, wie weit wir sie zu erhalten vermögen, mutz uns dazu führen, im Ernzelfall wie m der Gesamtheit, durch Konzentratton aller Mittel und Kräfte sie in forgfälttger pflegerischer Fürsorge zu leisten, um sie in Einklang zu bringen mit den alten jüdischen sozialen Forderungen, die einst der Mentschheits Ziele und Wege für die Wohlfahrtsarbeit zu weisen vermochten. Zu der Vollendung der Form in der Hllfsarbeit 'gibt die Austastung von dem Gemeinschastsgedanken die natürliche Einstellung. Die Forderung nach der Wahrung der Würde des Mitmenschen, der in Not leidet, gibt von selbst die Form an, die den Bedürftigen trägt und ihm hilft, und die den Stolz des Einzelnen auf feine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Israel übemchen läßt auf Äben und Wesen des anderen. Dieses Bewußtsein des Stolzes auf die Gemeinschaft leitet das seelstche Fluidum von Mensch zu Mensch und führt allmählich zu dom Ausdruck, den ein chafMscheS Wort einmal ausgeprägt hat in der Forderung, daß man erst die Not deS andern erhebt, ehe man sie Mt. Diese Form der Hingabe wird Gegensätze und Verschiedenheit der Lebensart überbrücken und wird die Einheitlichkeit,, die auf der Tagung die Wollenden verband, überleiten von den Schaffenden zu den Suchenden. Das Streben nach solchen Formen ist besonders schwierig in einer Zeit, wo die Verschiedenheit der Lebensart und der Weltanschauung sich nach der jüdischen Völkerwanderung der letzten Jahre und der veränderten Zusammensetzung unserer G«neinden bemerkbar macht. Sie ist aber jetzt besonders wichtig, wo es gilt, dem Heimat- und Wurzellosen eine Ahnung davon zu geben, daß unsere wahre Heimat dort ist, wo Menschen in Liebe miteinander verbunden sind, und daß der Wanderer gemeinsam mit uns sie sich täglich neu schaffen kann. In diesem Mitschaffen der Hilfsbedürftigen werden die Kräfte zur Selbsthllft lebendig gemacht, ohne die eine wirksame Arbeit nicht möglich ist und die allein die Zukunftskraft der Gesamtheit erhalten kann. Das Dritte, das uns die Tagesarbeit beleben soll, ist die Beseelung des Zwecks unserer Leistung. Der elementare Wunsch nach der Ordnung im eigenen Haus wie in der Gemeinschaft, der die Hllfskraft da einschalten läßt, wo andere Organe versagen, wird veredelt durch den Wunsch nach der Vollendung des Menschen. Wenn das Kulturleben eines Krestes, einer Klaffe oder eines Volkes besonders schweren Kämpfen ausgesetzt ist, wenn alle seinen Organe abzustumpfen drohen in den Reibungen des Alltags und das menschliche Empfinden dem Chaos der Leidenschaften zu verfallen scheint, vermag allein der Wille zum Frieden in den Menschen das zu wecken, was die Sehnsucht für uns alle ausmacht. Wenn der Priestersegen unsere Zukunft im Sinne der messianischen Ideen erfüllen soll — und nur in dieser Erfüllung wird Israel sein — so müsten wir unsere Hilfsarbeit zu einer Gemeinschaft der Liebe und Versöhnung machen, die nicht nur von wirtschaftlichen Nöten befreit, sondern dazu beiträgt, das Ziel unserer Entwickelung, die schon in der Schöpfungsgeschichte den Menschen im EbenbWe Gottes gestalten läßt, herbeizuführen. Wenn unsere Arbeit in allen ihren Aeußerungen und Gestaltungen sich in den Dienst der sittlichen Idee des Judentums zu stellen vermag, dann weiden wir nicht untergehen, trotz aller Schicksalsschläge einer Welt, und die Kraft haben, das Judentum auch in der Zukunft lebendig zu etjjaften für die Wirksamkeit dieser Ideen. wmi&n Mllllg m Mellklini. Von Ministerialrat Dr. Jöhlinger, Berlin. (Schluß.) - Sehen wir nun, wie der Staatsmann Bismarck, der auf der Höhe der Zeit steht, dem Judentum gegenüber sich stellt, so können wir die Zusammenfassung der Stellung Bismarcks dem Judentum gegenüber am besten aus den Worten erkennen, die Bismarck nach seiner Entlassung ausgesprochen hat. Es ist die dtttte Periode. Hier gleicht Bismarck dem Wanderer, der die Berghöhe erstiegen hat, der noch einmal das ganze Land, das hinter ihm liegt, überschaut, und der nun seine Reise schildert, nicht immer, wie die Reise wirklich vor sich gegangen ist, sondern nur so, wie sie in seiner Ettnnerung haften geblieben ist, wie er sie gesehen haben will. Manches hat der alte Bismarck so dargestellt, wie er es der Nachwelt überliefert wissen wollte als seine Ansicht, zuweilen abweichend von dem wirklichen Sachverhalt, aber gerade dadurch doppelt interessant. Gibt sie uns doch eine Erklärung der Beweggründe für seine Handlungen, die für uns unsagbar wertvoll, ist, und so verdanken wir der dtttten Periode zwei der wichtigsten Dokumente: das ist ein Gespräch, das Hermann Hofmann mit Bismarck über die Judenftage gehabt MW-llbrrM JapMn zu Mau: Sonntag, den 21. August 1921: ^agesausflug nach Trebnitz flMliWhrkliltkl Treffpunkt: früh 690 Uhr vor dem Odertorbahnhof. Hinfahrt bis Zedlitz. — Rückfahrt von Trebnitz. Zum Mittagessen wird abgekocht; Eßbesteck mitbringen. Nachzüglern wird Gelegenheit geboten» die Wandergruppe um 8 Uhr Mittagauf dem Kurplatz in Trebnitz zu treffen. Montag, den 22. August 1921, abends 8 Uhr: QMHiQn Mfauuotuftto fm Mpark. Zu allen Veranstaltungen find Freunde und Anhänger unserer Bewegung herzltchst etngeladen. MJüdisch-liberaler Jugendverein -u Berlin stehe letzte Seile. hat, und das zweite ist ein Aussatz, den Bismarck in den Hamburger Nachrichten veranlaßte, und der dort am 22. Juli 1892 erschien. Hermann Hofmann sagt selbst, )aß dieser Aussatz das darstelle, was der Fürst über die Judensrage und die antisemitische Agitation dachte. Beide Türsführungen sind also Geist von BiSmarcks Geist und Fleisch von seinem Fleisch. In dem Aufsatz in den Hamburger Nachrichten wurde ausgeführt, daß verschiedene Vorgänge der jüngsten Vergangenheit Erörterungen Über die sogenannte Judenfrage hervorgerufen hätten. Angesichts dieser Tatsache halte es die Zeitung (lies: Bismarck) für nützlich, einige Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken, deren Beachtung bisher vergessen worden sei. Dazu gehöre in erster Linie, daß die antisemitische Agitation so, wie sie jetzt in der Presse und in Versammlungen betrieben werde, zu praktischen Ergebnissen schwerlich führen könne. Es sei Tatsache, daß der israelitische Bolksstamm vielen andern Bevölkerungselementen im Gelderwerb überlegen sei. Diese Tatsache und ihre Folgen ließen sich nicht aus der Welt schaffen, wenn man nicht zu Maßregeln wie die Bartholomäusnacht zu Patts oder die Sizilianische Vesper greifen wolle, was selbst die leidenschaftlichsten Antisemiten für unzulässig und unmöglich erklären würden. Außerdem würden sich, wenn man überhaupt Ausnahmeregeln gegen bestimmte Bevölkerungsllassen im Interesse von Staat und Volk zur Anwendung bringen wollte^ Objekte von erheblicherer Schädlichkeit für den Staat als die Juden darbieten. So z. B. sei die Gefahr, die dem Stacn urrd der Gesellschaft von der Sozialdemokratie drohe, sehr viel ernster als die, welche auf Uebelstände zurückgeführt werde, die sich aus der jüdischen Eigentümlichkeit für das Erwerbsleben und die geschäftlicke Moral ergäben. Zwar hätten die Antisemiten die dem Gemeinwesen nachteiligen Eigenschaften der Juden scharf hervorgehoben, aber Wege zur praktischen Abhilfe hätten sie nicht gezeigt. Was bisher von dieser Seite in Vorschlag gebracht worden sei, würde selbst werm sich eine Regierung fände, die das ausführe, das Uebel, das den Klagegrund bildet, nur verschlechtern. So z. B. würden sich diejenigen intelligenten jüdischen Elements, die von der richterlichen und Anwaltslaufbahn ausgeschlossen würden^ dann dem Handel und sonstigen Gewerbe zuwenden und dadurch die wittschaftliche Macht der Juden noch vermehren. Alsdann fuhr der Aufsatz wöttlich fott (und an dem Stil des Aufsatzes merkt man deutlich Bismarcks Gedankengang): Den Hauptgrund des Aergers über die Juden bildet, daran muß man festhalten, die größere Erwerbsfähigkeit derselben. Diese entspttngt aber Stammeseigenschaften, die unausrottbar sind. Der Jude ist infolge seiner natürlichen Veranlagung im Gelderwerb klüger als der Christ; er ist, wenigstens solange er noch kein Vermögen erworben hat, arbeitsamer und sparsamer als viele seiner chttstlichen Mitbewerber in der Branche, in der er überhaupt tätig ist. Und selbst wenn er sein Ziel erreicht, und reich geworden ist, bleibt er sparsamer, solange ihn die Renommiersucht nicht erfaßt. Auch der junge begütette Israelit unterscheidet sich vielfach von seinen gleichsituierten chttstlichen Altersgenossen. Junge Israeliten, die in Liederlichkeit, Spiel und Gelagen sich und ihr Vermögen zugrunde ttchten, sind verhältnismäßig selten. Anderseits erklärt sich die größere Fähigkeit der Juden zum Gelderwerb daraus, daß sie finanziell mehr wagen als der Chttst. Der Jude mag im Kugelregen vielleicht nicht tapferer und kühner sein als der Chttst, aber bei Geschäft-Unternehmungen ist er entschieden couragietter und ttskiert mehr. Der Jude ist ohne Zweifel auch durchschnittlich skrupelfteier in der Wahl der Mittel, die seinen Unternehmungen dienen. Dies alles gibt ihm einen Borsprung im Gelderwerb, der sich durch gesetzliche Maßregeln nicht beseitigen läßt.v Es ist natürlich, daß die jüdischen Fähigkeiten zum Gelderwerb sich in der Zeit, in der wir leben, wo jede Erwerbstätigkeit offene Bahn hat, wo alledem Gelderwerb zustrebt, noch stärker als ftüher betätigen und in ihren Ergebnissen sichtbar werden. Ist aber der Jude von seiner Geburt an mit einer größeren Fähigkeit für den Gelderwerb dottett, so wird man diese Begünstigung, die er für seine ErwerbStättgkeit von der Vorsehung voraus erhalten hat, nicht durch fortwährende Deklamationen über die Schädlichkeit dieser Naturgabe beseitigen können. Schreien über einen Schaden nützt nichts; man muß Mttel zu seiner Abstellung anzugeben wissen. Und das vermissen wir bisher an der antisemitischen Agitation. Ein Zweifel, daß diese Worte von Bismarck stammen, bestand schon damals, als der Attikel erschien, nicht. Wußte man doch genau, wie eng die Beziehungen zwischen Hermann Hoftnan» und Bismarck gewesen

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