Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 36 (12.8.1921)
- Date
- 1921-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MW liberale Zeitung Dir.Zübtsch-Uberale Zeitung" erscheint jeden Irettag und kostet durch die Voft oder durch die «eschüftsftelle de,vorn, vlerteljadrlich Mk. 4- Sinzelnummer 40 Vf. Ladlunaen auf VoMlvecrrvnlo Breslau *5387,3flMf$- itoerale Zeitung, Stoffentoertoaltuno, SDaurr, Lreslau i linniiiniif] AedaNion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenstraste 7, l. innniin :nmmi Annabmefchlufür Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schriflietwng: Montag dis Freitag 12—1 vorm, in der Geschäftsstelle. Anaadmeschiust für Anzeigen: Dienstag trüb Die 3'/. em breite Millimeterzeile rostet 60 Vf., FamNieaanzelgen iopf. DelViederdoiungErmäßigung lt.Larlf Nr. 36 Breslau, den 12. August 1921 1. Ladrgang Liberalismus und Entwicklung. Von Rabbiner Tr. Gottschalk, Posen. Wer diese Ueberschrift liest, denkt sofort an eine der Hauptquellen, aus denen der jüdische Liberalismus seine Nahrung zieht. Weil er das Prinzip der Entwickelung, von dem alle geistigen Beivegnngen beherrscht sind, auch auf die Religion überträgt, so findet er 'hier seine Daseinsberechtigung und stellt seine Forderungen. Aber das ist zu oft gesagt, als daß es wiederholt werdet: brauchte. Etwas aitderes. scheint uns wichtiger: nicht Entwickelung als Prinzip des Liberalismus ist heute mehr zu erkämpfet:, sondern Liberalismus in der Entwickelung. Und wir denken dabei natürlich an unsere Religion. Wenn inan sieht, was unter dem Namen und Aushängeschild des Liberalismus an äußeren Formen noch alles tttilgeschlcppt tvird, nur weil der Brauch es heiligt; wenn nran sieht, wie der Gottesdienst in manchen scheinbar liberalen Tempeln noch beschwert uüd belastet ist, wie man noch immer in der Fülle und Länge das erstrebenswerte Ziel sieht — nur weil das Gebotene „grau vor Alter" ist, dann muß man zwar nicht fragen: wo bleibt das Prinzip der Entwickelung — das wird ja cmerfamU —aber: wo bleibt das Prinzip des Liberalismus, das doch auf der Freiheit »beruht und dettt Selbstbestiminnngsrecht! Auf der Freiheit itt der Auswahl dessen, was wir an äußeren Bräuchen beibehalten wollen, tmd auf dem Selbstbestinrinungsrecht, welches bchatlptet: es ist unliberal, sich in Dingen der Seele anders zu orientieren, als nach den Gesetzen der Seele und ihren Folgerungen. Diese Forderungen sind aber niemals an äußeren und äußerlichen Maßstäben zu messen, sondern nur an inneren. Die religiöse Seele fragt nicht: wie lang ist der Gottesdienst, sondern:- wieweit ergreift er mich tiefinnerlich, rührt er mich und erhebt er mich, tröstet er nach und begeistert er mich? Und dazrr genügen wenige Gebete und dazu genügen wenige Gesänge. Die religiöse Seele fragt nicht: wie alt ist der Brauch, wie alt ist das Gebet — sondern sie fragt: regt dieser Brauch, regt dieses Gebet mein religiöses Gefühl noch heute an? Die religiöse Seele fragt nicht: welche Belehrung über Tatsächliches bot mir die Andacht, sondern sie fragt: was gab mir die Andacht au Grundsätzen uiti> Anregungen für mein Leben mit; welche Kräfte hat sie in mir aufgespeichert, tvelche Gefühle hat sie ausgelöst? Wer diesen Forderungen der religiösen Seele nicht Rechnung trägt, sie garnicht anerkennt, hat vielleicht die Entwickelung als Prinzip des Liberalismus zugestanden, aber von einen: Liberalismus in der Entwickelung weiß er uichts. Doch es handelt sich rächt bloß um Formen und Bräuche, sondern es hartdelt sich auch um den Quellpunkt für diese, um die Begriffe Religion und Gott — nur um die Begriffe wohlgemerkt, nicht um das, was Religion und Gott von uns wollen. Wer hier nicht sieht,!daß die Seele lausender liberaler Inden auch in diesem Punkte nach Freiheit ruft und nach Selbstbestimmung, der weiß oder will auch hier vor: einem Liberalismus in der Entwickelung uichts wissen. So mancher würde uns nicht gleichgültig gegenüberstehen, wenn er diesen wahren Liberalismus bei uns verspürte; so mancher, der von: Kulturbewußtsein der (Gegenwart — was weit mehr als modern bedeutet — erfüllt ist, würde aufatmen und erlöst mit uns leben und arbeiten, lvenn wir entschlossen mit ihn: sagten: Religion ist Herzeusmacht — nichts anderes! Gott ist Seelenkraft — nichts weiter! Nichts außer uns, nichts über uns, sondern immer und ewig nur in uns! Und wer nun fragt: geht das nicht zu weit, dem sagen wir wieder: du kennst wohl Entwickelung als Prinzip des Libcralisntus, aber Liberalismus in der Entwickelung liegt dir noch fern! So fern, daß du nicht einmal das einsiehst, WW-libllsler IliWMllili zil Breslau. Der für Sonntag, den 14. August angekündigte Tagesausflug nach Trebnitz findet wegen des Tischo be-Aw erst am Sonntag, den 21. August statt. Montag, den 15. August 1921, abends 8 Uhr: (Mlityro BtifammtnfJin im MM. Zu allen Veranstaltungen sind Freunde und Anhänger unserer Bewegung herzlichst eingeladen. daß wir gerade „um Zions willen nicht schweigen!" Aus Liebe zu Zion! d. h. aus Liebe zum Judentum, d. h. aus Liebe zu unserer Religion! Btömanfa '" , pn Mtum. Von Ministerialrat Dr. Jöhlinger, Berlin. (Fortsetzung.) Bismarck nahm seine Helfer, wo er sie fand; Erfragte me, ivenn er sie für seine eigne Umgebung brauchte, nach ihren: Glauben oder nach ihrer Vergangenheit. Lothar Bücher (der freilich kein Jude war) ist ein Revolutionär von 1848. Dennoch hat ihn Bismarck in den Staatsdienst berufen und ihn bis zu seinem Tode bei sich behalten, trotzdem er nach seiner ganzen Vergangenheit kaum in den preußischen Staatsdienst gepaßt hätte. Ein andrer Journalist, den Bismarck an sich zog, war der einer Berliner jüdischen Familie entstammende Geheime Regiernngsrat Ludivig Hahn, der Leiter des Literarischen Kabinetts und Herausgeber der sogenannten Provinzial-Korrespondenz wurde. Er blieb lange Zeit der journalistische Berater Bismarcks, der regelmäßig in zahlreichen amtlichen und halbamtlichen Notizen den Standpunkt seines Chefs vertrat. Eine weitere journalistische Hilfskraft, die Bismarck rechtzeitig erkannte und heranzog, war Ludivig Bamberger. Bamberger war es, der Bismarck im Kriege von 1870 journalistische Dienste leistete und von ihm ins Hauptquartier nach Frankreich berufen wurde. Er ivar es auch, der das erste deutsche Blatt auf französischen Boden herausgab. Später aber haben sich die Beziehungen zwischen Bisniarck und Bamberger gelockert, :md Bamberger wandte sich den: liberalen Flügel zu, so daß schließlich die politischen Differenzen die beiden Männer trennten. Dennoch hat Bamberger Bismarck die Treue gehalten und ihm in dem Werke Bismarck Posthumus ein schönes Denkmal gesetzt. Eine ähnliche Entwicklung nahmen auch die Beziehungen zu Laster, dem Mitbegründer der Nationalliberalen Partei. Auch hier waren sie zunächst sehr eng. Später aber kamen, beide ebenfalls politisch immer mehr auseinander. Bekannt sind die Beziehungen Bismarcks zu jüdischen Finauzmämreru. In erster Reihe lernte Bismarck den Freiherrn Anselm Mayer v. Rothschild in Frankfurt (Main) kennen, und zwar zu der Zeit, als Bismarck Bundestagsgesandter in Frankfurt war. Unstreitig hat Bismarck vor diesem Manne Hochachtung gehabt, auch wenn er zahlreiche Anekdoten von ihm erzählte, bei denen Rothschild es übrigens auch selbst liebte, über sich Witze zu machen. Rothschild lebte streng rituell, und als einmal ein Essen bei Bismarck in Gegenwart des Kronprinzen stattfinden sollte, da sandte Rothschild vorher seinen Diener zu Bismarck n:it der Bitte, sein eignes Essen, das aus koschern Speisen bestand, mitbringen zu dürfen. — Bismarck erzählt, wie ihm Rothschild Ratschläge bezüglich eines Verkaufs von Wertpapieren erteilte. Bismarck wollte nämlich spekulieren; wie er sagt, ist es das einzige Mal gewesen, wo er auf Grund seiner Kenntnis von Staatsgeheimnissen in Papieren spekuliert hat. Er erzählte Rothschild, daß er die Absicht habe, das Papier zu verkaufen. Rothschild warnte davor. Bismarck nahm den Verkauf aber trotzdem vor, und wie er erwähnt, hat er es bedauert, daß er dem Ratschlage Rothschilds nicht gefolgt war! Ein andrer Finanzmann, der zu Bismarck noch viel engere Beziehungen hatte, war Gerson v. Bleichröder, der im Hause Bismarck eine besondere Rolle spielte, vor allem, weil er das Privatvermögen des Kanzlers verwaltete. Wie bekannt, war Bleichröder der finanzielle Ratgeber Bismarcks 1871, der namentlich auf dem Gebiet der Kriegsentschädigung Bismarck hilfreich zur Seite stand. Auf Vorschlag Bismarcks wurde Bleichröder in den erblichen Adelstand erhoben, wobei die Tatsache eine Rolle gespielt haben dürfte, daß Bleichröder vielfach politische Dienste geleistet hatte, namentlich durch seine engen Beziehungen zu dem Pariser Bankhaus Rothschild; u. a. hat Bleichröder in der Zeit vor 1870 vielfach politische Informationen von Berlin nach Paris lanciert. Gerade die Beziehungen zivischen Bismarck und Bleichröder gaben Anlaß zu mehrfachen Verleumdungen Bismarcks, und ein Führer der Konservativen, Rittmeister und Landrat a. D. v. Diest-Daber, benutzte die Gelegenheit, un: zunächst Bismarck vor den Beziehungen zu Bleichröder zu warnen, schließlich sogar, um sich an den alten Kaiser zu ivenden und Bismarck zu verleumden Der Erfolg war eine Gefängnisstrafe von drei Monaten. Trotzdem hat v. Diest-Daber 1897 noch eine Schmähschrift über Bismarck und Bleichröder geschrieben. Bismarck selbst hat die v. Diest-Daberschen Behauptungen als Verleumdungen bezeichnet und oft Klage geführt, gegen die gemeine Art, wie gerade Herr v. Diest-Daber gegen ihn gehetzt hat. Er sagt selbst, daß v. Diest-Daber an „aktivem Verfolgungswahnsinn" gelitten habe, er sei gezwungen, zu verfolgen, außerdem hätte er Größenwahn gehabt. Trotzdem hat die antisemitische Schmähschriftenlileratur in der gemeinsten Weise Bismarck gerade immer wieder wegen der Beziehungen zu Bleichröder verleumdet. Es widert einen heute an, wenn man die Schriften von Gehlsen, Loe und andern durchlieft, wo in versteckter Weise Andeutungen gemocht werden, die strafrechtlich nicht faßbar ivaren. -Daß Bisinarcks Beziehungen zu Bleichröder durchaus sauber waren, bezweifelt heute kein ehrlicher Mensch; aber in den 70er Jahren hatte der Parteihaß üble Blüten gezeitigt. — Daß Bleichröder es gewesen ist, der zum Schluß noch die Unterredung zwischen Windthorst und Bismarck vermittelt hat, ist allgemein bekannt. Windthorst wollte sich nicht unmittelbar an Bismarck wenden, wußte genau, daß eine Vermittlung von Bleichröder zum Ziele führte, und er hat sich darin nicht getäuscht. Mit ausländischen Staatsmännern jüdischer Abstammung ist Bismarck oft znsammengekommen. Der bedeutendste unter ihnen ivar unstreitig Beaeonsfield (Disraeli). Bismarck schätzte Beaeonsfield, der ja auch ein Meister der Staatskunst ivar, außerordentlich hoch, unstreitig viel höher, als alle andern Staatsmänner, und namentlich die Erzählungen Bismarcks über den Berliner Kongreß zeigen uns, ivelch gewaltige Bedeutung Bismarck der Persönlichkeit Beaeonsfield beimaß. Im übrigen ivar es Beaeonsfield, der bei der ersten Zusammenkunft nüt Bismarck (lange bevor Bismarck Minister war) diesem eine große Rolle im politischen Leben Europas voraussagte — ganz im Gegenteil zu Napoleon III., der sich als ein schlechter Menschenkenner gezeigt hat! Auch bei den französischen Staatsmännern kam Bismarck mit Juden zusammen.' Hier ist es Jules Simon gewesen, der von Hause aus Gelehrter war. Jules Simon war der letzte, der an einem amtlichen Essen des Reichskanzlers Fürst Bismarck in der Reichskanzlei teilnahm. Nach Bismarcks Auffassung soll übrigens auch Gambetta jüdisches Blut gehabt haben, desgleichen Andrassy, mit den: Bismarck den Dreibundvertrag geschlossen hat. * * * Ein Kapitel für sich ist die Frage, wie sich Bismarck zur Antisemiten-Partei gestellt hat. In der ersten Periode hatte diese Frage keine Bedeutung. Damals gab es eine organisierte Partei von Judengegnern nicht. Die Konservativen ivaren keine Freunde der Juden, aber sie ivaren auch nicht die berufsmäßigen Feinde der Inden, ivie sie sich später in der cnrtisemitischen Parte: darstellen. In der zweiten Periode entsteht nun eine eigne Partei, die Antisemiten, die unter Führung von Stöcker zu gewissen Zeilen unter andern: am Hofe eine Rolle spielen. Hier wurden Bismarck Beziehungen nachgesagt, über deren Bestehen oft Unklarheit bestand, Tatsache ist jedenfalls, daß Bismarck ein Antisemit im Sinne Stöckers me geivesen ist, von Ahlwardt ganz zu schweigen. Daß im Anfang Bismarck die antisemitische Bewegung nicht so unterdrückt hat, wie von manchen Seiten gewünscht wurde, liegt in politischen Verhältnissen begründet. Bismarck hatte, abgesehen von den Freikonservativen, keine Partei, mit der er dauernd rechnen konnte. Die Nationalliberalen waren unbeständig, das Zentrum in seinen Anforderungen Bismarck nicht gefügig, und so entstand denn jene Politik der dauernd neuen Mehrheitsbildung. Entweder ging Bismarck zusammen mit den Konservativen, den Freikonservativen und den Nationalliberalen, oder gegen die Konservativen mit den Nationalliberalen und dem Zentrum, oder aber bei der Schutzzoll-Aera mit 200 Ab- MW-Iiberaler lupMn zu Berlin. Sonntag, den 11. August 1921: Vormittags-Ausflug „Grunewald-Saubucht" Treffpunkt goo Zoologischer Garten, Stadtbahnsteig, mit Fahrkarte nach Grunewald (Abfahrt 915). Dienstag, den 23. August, abends 8 Uhr: Gemütliches Beisammensein „Schloß Warmsee" bei Beelitzhof (Bahichos Mk-laSs««).