Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 35 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisch liberale Leitung Dir,-Sablfch-llberalr Leituna" erscheint jeden Freitag und rostet durch die Post ober durch die GeschüftSstelle bezogen, vierteljährlich m 4.- Sinrelnummer 40 Vf. Ladlungen auf Voftfcheakomo Breslau ss3S7,2üdifchllDeroie äeftuno, Kaffenverwaltuua, «.Bayer, Breslau i nTitimTinimmmiimiiiimiiiiiii I Redaktion und SefchäftSstelke: g Breslaus g > Reue Sraupenftraße 7, i. § Annadmrschluft fttr Berichte: Montag mittag Sprechstunden der SchrtfUeltung: Montag bis Freitag 12—1 vorm, in der Geschäftsstelle. Amiahmeschlrrh für Anzeigen: Dienstag trüb Die 31/, cm breite Millimeterrriie kostet so Famtlienan»etgrn40Vf. Bet Wlederdoiung Ermäßigung lt. Tarif Nr. 32 Breslau, den 2. August 1921 1. Jahrgang vom göttlichen willen. Bon Dr. Egon Guttmann, Breslau. „Siehe, ich lege dir vor den Segen als das Leben, den Unsegen als den Tod." — „Ich nehme gegen euch zu Zeugen Himmel und Erde. Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Unsegen. Du sollst das Leben wählen, auf daß du lebest» du und deine Nachkommen." (5. Mos. 30. 15, 19.) Der Fortschritt des menschlichen 'Lebens besteht allein in der Lösung der sittlichen Probleme als der der Menschheit eigenen Bestimmung. In welcher Weise die Menschheit dieser sittlichen Aufgabe gerecht wird, lehrt uns die Bibel, indem sie uns auf den Weg des wahren Seelenheils hinwerst. Die Verantwortlichkett unseres Lebens legt sie auf unsere Schultern, da es ja in u n s e r e r Macht stehe, das Wohl oder Wehe, den Segen oder Much selbst zu »wählen. Infolge der Freiheit des Willens also, meint die Bibel, habe der Mensch das Bewußtsein der Verantwortlichkeit gegen Gott und, wenn er den höheren Antrieben zuwiderhandle, das Bewußtsein der Schuld. Haben nun die Deterministen*) recht, die einen freien Willen des Menschen in Abrede stÄen und höchstens die Entschlußfähigkeit einräumen, oder hat die Bibel recht? Dieses Problem ist eines der schwierigsten. Wie man's will, recht behalten beide: der Mensch ist frei und auch unfrei, ganz wie die jeweilige Entwickelung ihn hinstellt, wie wir bald sehen werden. Indem nach der Bibel Gott den freien Willen in uns gepflanzt hat, bleibt es uns ganz anheimgestellt, unsere Seele für das ewige Leben des Geistes oder — für den Tod, die Vernichtung des Geisteslebens, zu erziehen. Ohne den freien Willen ginge auch die Sittlichkeit in die Brüche, denn ein Spielball -seiner Triebe und Leidenschaften würde der willenlose Mensch sein. Gibt es nicht aber genug Willenlose? Hört man nicht oft: „Dieser Mensch hat keinen Willen." Gewiß, das ist bedingt richtig, denn der Wille führt dann ein eben nur verkümmertes, ein Schattendasein, weswegen wir auch einen solchen Menschen als unfrei bezeichnen, denn sein Wille ist von den sinnlichen Begierden und Trieben unterdrückt und unterjocht, also in ihren Dienst gestellt. Der Wille ist also auch bei einem „Willenlosen" noch kemchaft vorhanden, demnach der Anlage nach jedenfalls frei — und so hat die Bibel ganz recht — der Wirksamkeit nach in der Unterwerfung unter die Triebe ist er wiederum unfrei — und so haben die Deterministen recht. Mit der in uns wohnenden Entschlußfähigkeit ist in jedem Fall im Leben die Möglichkeit gegeben: entweder den Willenskeim wachsen und gedeihen zu lasten, oder ihn der Verkümmerung preiszugeben. Der erster« Fall führt uns zur Freiheit des Geistes und damit zum währen Glücksstreben hin, der letztere zur Unfreiheit oder Knechtschaft unter die Sinne und Triebe. Diese Herrschaft der sinnlichen Triebe, der Dämonen über den Willen, ist ein für den Menschen bedauernswerter Zustand. Ein solcher Mensch gleicht dem Tier, ja steht weit unter ihm, das sich ebenfalls über seine endlich-begrenzte Sinnenwelt nicht zu erheben vermag. Diesen Typus des Tiermenschen belegten die Gnostiker mit dem Namen des Hyliker (griechisch Hyle — die rohe Materie), d. h. des Menschen, der sich aus nichts denn Fleisch und Blut begreift und welchem somit auf solcher Stufe die Erkenntnis seines - höheren Daseins völlig verschlossen ist. Wer es indes erreicht hat, sei es durch selbsttätiges Erwachen zur Selbstbesinnung, sei es durch befruchtende Anregung vorbildlicher Edelmenschen, den keimhast freien Willen sittlichen Aufgaben dienstbar zu machen und so die Triebe dem Willen unterzuordnen — in dem ist der freie Wille bereits in Kraftentfaltung getreten und der Mensch vor die Wahl hingestellt: entwä»er dem göttlichen Willen nun weiter zuzustreben öder wieder in den hylischen Zu¬ *) Anhänger der Lchre von unvermeidlicher Borherbestimmung. WW-libnaler luotnftoertin zu Man. Dienstag, den 9. August 1921, abends 8 Uhr: Mammon in WllM Gchweizerel. Voranzeige für Sonntag, den 1*. August 1921: Lagesausflug nach Trebnitz. Die ordentlichen Mitglieder werden nochmaldarauf htngewiesen, daß die Quartals-Beiträge fällig sind. Zahlungen nebst Zuschlag von Mk. 2— für Zeitungs-Abonnement erbeten auf Postscheckkonto Breslau 17443 Alfred Berger. Zu allen Veranstaltungen stnd Freunde und Anhänger unserer Bewegung herzlichst eingeladen. stand zurückzusallen. Dieses zweite Stadium des Erwachens des Willens — die Gnostiker bezeichnen diese Menschen mit P s Y ch i k e r — weist demnach Verschiedenheiten resp. Schwankungen auf, denn einmal kann, geblendet von dem ausstrahlenden Vernunftwillen, der Mensch sich ihm bald zu Beginn des Erwachens wie auch späterhin noch a-bwenden, gleichsam also kneifen und so wieder Hyliker werden, wenn „der Geist Wohl willig, das Fleisch aber zu schwach ist". Eine andere Möglichkeit ist die, daß — bildlich ausgedrückt — der Psychiär sich gelegentlich vom „lieben Gott", gelegentlich wieder vom „Teufel" reiten läßt, also einer bald aufwärts, bald abwärts steigenden Kurve vergleichbar. Oder aber der freie Wille des Menschen nimmt ständig zu an Kraft, vereinigt sich mit dem göttlichen, so daß der Geistesmensch oder der Gottmensch „geboren" wird — die wahre Wiedergeburt des Menschen. Damit ist das höchste Stadium, das des Pneumatikers der Gnostiker oder des „Adam Kadmon" der Kabbalisten (also das wahre Ebenbild Gottes), erreicht. Alsdann ist die Gottesherrschaft im Menschen vorhanden, d. i. die einzige Herrschaft, die wir über uns anerkennen und der wir uns zu unserer eigenen, von jedem Menschen ersehnten Wohlfahrt beugen sollten. Dann erst ist das Reich Gottes in uns. Aufgegangen im göttlichen Willen, hat der Mensch dann seinen Triebw'illen in die ihm zukommenden Schranken gewiesen und ist so vermöge seiner geistigenWrUensstärkeflerschlichwillen los-unfrei geworden, so wie er vorher rm Triebwillen geistig unfrei gewesen ist. Es ist eben eine Vertauschung der beiden Willen — göttlicher und irdischer — hinsichtlich ihrer Herrschaft eingetreten. So ist der Mensch jetzt unfrei hinsichtlich der Triebe, indem er ihnen nicht mehr schrankenlos, wie ehedem, nachgeben kann. Es kann in einem solchen Menschen eben nur noch der göttliche Wille die Oberherrschaft haben über den Triebwillen. WMlkS Mi p ltlli. Von Ministerialrat Dr. Jöhlinger, Berlin. (Fortsetzung.) Ganz anders die zweite Periode. Hat der jugendliche Bismarck 1847 gesagt, d<-ß er den Juden alle Rechte gönne, nur nicht das, in einem christlichen Staat ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden, so führte der Ministerpräsident Bismarck 1869 die gesetzliche Festlegung der Gleichberechtigung der Juden herbei. Im Norddeutschen Bund wird das Gesetz beschlossen. Im Bundesrat stimmten nur die Vertreter der beiden Mecklenburg dagegen. Und hatte der Bismarck von 1847 scharfe Worte gegen die Zivilehe gebraucht, so war er es, der in Deutschland die Zivilehe gesetzlich einführte, und zwar in der Zeit, als Falk Kultusminister war. 1847 hatten die Deutschkatholiken im Landtag die Zivilehe verlangt. Bismarck sprach damuls, wie erwähnt, dagegen. Es wurde dann als Aushilfsmittel die sogenannte „Notzivilehe" geschaffen, indem solchen Personen, die aus irgendeinem Grunde die kirchliche Eheschließung nicht erlangen konnten, die Eingehung der Ehe vor einem bürgerlichen Beamten ermöglicht wurde. Die Zivilehe wurde gewährt durch das Reichsgesetz vom 6. Februar 1875, das die Unterschrift Bismarcks trägt, und welches unter Beseitigung aller frühem Vorschriften für das gesamte Gebiet des Deutschen Reichs die obligatorische Zivilehe einführte. Hier ist also ein starker Widerspruch zwischen dem Bismarck von einst und dem Bismarck als Staatsmann. Natürlich haben die Konservativen sich diesen Umschwung nicht entgehen lassen, und gerade der Abgeordnete v. Gerlach ist es gewesen, der Bismarck seine frühern Reden vorhielt. Damals behauptete die Germania, daß Bismarck den Widerstand des alten Kaisers gegen die Zivilehe gebrochen hätte. Bismarck bestrettet aber in seir en „Gedanken und Erinnerungen" die Richtigkeit dieser Angabe. Er gibt zu, daß eine solche Abneigung des Kaisers bestanden habe, diese sei aber überwunden worden durch den Druck, den die Mehrheit der Minister auf den Kaiser ausübte, und der so wett ging, daß Kaiser Wilhelm zu wählen hatte zwischen der Annahme des Gesetzes über die Zivilehe oder einer Neubildung des Kabinetts. Bei dieser Gelegenheit hat denn Bismarck dem König geraten, bei der Wahl zwischen obligatorischer Zivilehe und Ministerwechsel für die obligatorische Zivilehe einzutreten. In den „Gedanken und Erinnerungen" H. Bd., S. 141) heißt es alsdann wörtlich: Unzweifelhaft war seine (d. h. des Königs) Abneigung gegen die Zivilehe noch größer als die meinige. Ich hielt mit Luther die Eheschließung für eine bürgerliche Angelegenheit, und mein Widerstand gegen Anerkennung dieses Grundsatzes beruhte mehr cmf Achtung vor der bestehenden Sitte und der Ueberzeugung der Massen, als auf eignen christlichen Bedenken. Hier äußert sich also Bismarck über die Zivilehe doch etwas anders als in der Rede, die er im Bereinigten Landtag' früher gehalten hatte. Als die Konervativen, mit denen kurz vorher der Bruch erfolgt war, Bismarck den „Umfall in der Frage der Zivilehe" vor Augen hielten und, wie erwähnt, v. Gerlach Bismarck auf seine frühern Reden verwies, da antwortete Bismarck wörtlich: Ich habe mich noch niemals geschämt, eine Meinungsänderung in meiner Stellung einzuräumen, wenn die Umstände mich nötigten, entweder in etwas nachzugeben oder mich zu überzeugen, daß es so, wie ich es wollte, im Interesse des Landes eben nicht geht... Ich treibe keine Fraktionspolttik als Minister, sondern ich habe gelernt, meine persönliche Ueberzeugung den Bedürfnissen des Staates unterzuordnen. War der Bismarck von 1843 konfessionell intolerant, so ist der spätere Bismarck bestrebt gewesen, die Duldsamkeit so wett zu üben, wie er es für möglich gehalten hat, wobei er freilich häufig in Widerspruch mit dem geriet, was von andrer Seite als tolerant angesehen wurde. Immerhin sagt er in den „Gedanken und Erinnerungen" wörtlich: Ich bin in konfessioneller Beziehung jederzeit tolerant gewesen bis zu den Grenzen, die die Notwendigkeit des Zusammenlebens verschiedener Bekenntnisse in demselben Staatsorgamsmus den Ansprüchen eines jeden Sonderglaubens zieht. Während nun Bismarck über Katholizismus, über Kulturkampf und über die Jesuiten größere Abhandlungen veröffentlicht hat, findet sich in den beiden Bänden „Gedanken und Erinnerungen" über Judentum nicht-, wohl ein Beweis, daß Bismarck in keinem Gegensatz zum Judentum stand. Hätte Bismarck 1t späterer Zeit denselben Standpunkt eingenommen wie im Vereinigten Landtag, dann hätte er sich sicher auch in den „Gedanken und Erinnerungen" mit der jüdischen Frage auseinandergesetzt. Aber das war für ihn von dem Augenblick an, wo er als Staatsmann an verantwortlicher Stelle stand, kein Problem mehr. Er ist es gewesen, der den Juden die gleichen bürgerlichen Rechte verschafft hatte, und seiner Auffassung nach hat er damit den Juder» gegeben, was zu geben war. Eine ungeheure Schwierigkeit bildete für Bismarck die Tatsache, daß Juden in der damaligen Zeit sich zu einem großen Teil im Lager der Opposition befanden, und die Opposition, die Bismarck tödlich haßte, das war der Freisinn. Mit den Konservativen hatte Bismarck einen häuslichen Streit, der, ähnlich wie Zwistigkeiten in Familien, sehr heftig war, der aber wi^d^r beigelegt wurde. Mit dem Zentrum kämpfte er den Kulturkampf, machte aber mit ihm zusammen Politik. Für die Sozialdemokratie hatte er kein Verständnis. Die Partei aber, die Bismarck dauernd Opposition machte, und die er aus den Tagen der „Konfliktszeit" 1663 in sehr übler Erinnerung hatte, das war der Freisinn. Es ist bekannt, daß er den Freisinnführer Birchow zum Duell herausgefordert hatte, daß er dauernd in einem scharfen Gegensatz zu Eugen Richter stand, und angeblich soll Bismarck — in der Neuzeit wird die Angabe bestritten — bei der Frage, ob ihm xv Frankfurt ein freisinniger Abgeordneter oder der sozialdemokratische jüdische Lehrer Sabor erwünscht sei, telegraphisch haben antworten lassen: „Fürst wünscht Sobor", worauf dieser dann auch über den freisinnigen Gegner triumphierte. Daß der Freisinn sich in semer Kampfesart gegen Bismarck taktisch gerade nicht immer sehr Lug benommen hat, nicht immer sehr weitschauend war, das wird heute niemand bestreiten. Man lese nur einmal die Reden, die die freisinnigen Führer über Bismarcks auswärtige Politik gehalten haben! Es ist kein Wunder, daß Bismarck IliöW'ltlmalrr lopMo 311 Min. Sonntag, den 7. August 1921: MMsslug ZWemoaiSe-vrrkenbrülk. Treffpunkt 7W Alexanderplatz, Stadtbahnsteig mit Fahrkarte nach Fürstenwalde (Abfahrt 7®1)* DienStag, den 9. August, abends 8 Ahr: Mtuidm WstMwstlli amid bd mm (Bahnhof Nikolassee). Sonntag, de« 14. August 1921: Vormittags-Ausflug Grunervald-Saubucht. Treffpunkt 9°o Zoologischer Garten, Stabtbahnsteig, mit Fahrkarte nach Grunewald (Abfahrt QM). ^24034