Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 32 (15.7.1921)
- Date
- 1921-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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wird feit Wed Jahren der Wiederaufbau des völlig zerstörten Wirtschaftslebens unter den Juden des früheren Russischen Reiches, insbesondere Litauens und Weißruß-, lcmds, voöbereitet. Während die großen jüdischen Hilfsorganisationen des Auslandes, insbesondere Amerikas, in der Frage der konstruktiven Hilfe für den Osten noch immer nicht aus dem Stadium cheoretischer Erwägungen herausgskommen sind, entstand unter den Ostjuden selbst eine Bewegung, die von dem Drange der verarmten Bevölkerung nach einem Aufbau ihrer wirtschaftlichen Existenz auf der -Grundlage der produktiven Arbeit, getragen ist. Die Gesellschaft zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden (nach der russischen Abbreviatur „ORT" genannt), die 'bereits eine vierzigjährige Tätigkeit auf dem Territorium des ehemaligen Russischen Reiches hinter sich' hat, stellt sich die tief greifende Aufgabe, den beginnenden Gesundungsprozeß in die richtigen Bahnen zu lenken und um die Entfaltung der in diesem Prozeß liegenden Kräfte zu -erleichtern. - In den letzten Jahren machte sich bei der schwer geprüften Bevölkerung Litauens, Weißrußlands und dv Ukraine ein außeroÄentlicher Zug nach dem Lande bemerkbar. Diese Vorliebe für die Landwirtschaft, die einmal «ine romantische Ideologie gewesen ist, ist nunmehr eine ökonomische Notwendigkeit geworden. In den Zerstörungen des Krieges mußten auch die Juden oinsehen, daß nur der Ackerdauer allein allen Stürmen standhalten kann. Der Ausbreitung der ^Landwirtschaft unter den Juden ist es auch zugute gekommen, daß die deutsche Heeresverwaltung während der Zeit der Okkupation die Juden zur Bearbeitung der von den weißrussischen und litauischen Bauern, die vor dem Nahen der Deutschen nach dem Inneren «Rußlands geflüchtet waren, -verlassenen Felder gezwungen hat. Seither hat der Zug zur Landwirtschaft alle Städtchen Litauens und Weißrußlands ergriffen. Eine vom Wilnaer „ORT" im vorigen Jahre veranstaltete Enquete ergab 9000 jüdische Landwirte auf «ine Bevölkerung von 28 000 Köpfen. Im Vergleich mit der Zahl der jüdischen Landwirte, die in dieser «Gegend vor dem Kriege vorhanden «waren, liegt «hier eine Vergrößerung um das Dreifache vor. Im Gouvernement Grodno ist die Zahl der jüdischen Landwirte um das Sechsfache gestiegen. In 40 erforschten Orten sind auf eine Bevölkerung von 60 000 Köpfen 17 000 in der Landwirtschaft beschäftigt, was 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung ausmacht. Wir können «beobachten, daß in Gegenden, welche früher sehr stark industriell waren, und ein großes jüdisches Jndustrieproletarmt hatten, jetzt der größte Teil der jüdischen Bevölkerung sich mit Gemüse- und Obstbau, ja sogar mit Ackerbau beschäftigt. Die Tätigkeit «der „ORT" zugunsten der jüdischen Landwirtschaft besteht in der Gewährung ovganisationstechnischer Hilfe bei der Bildung von landwirtschaftlichen Genossenschaften, sowie in rechtlichem Beistand beim Erwerb von Gvuid und Boden, in der Beschaffung billiger Sämereien, in der Verbreitung landwirtschasllicher Kenntnisse durch populäre Literatur, agronomische Wanderkurse ufw. Der Schwerpunkt der Hilfe liegt aber darin, daß die «Gesellschaft „ORT" die Mischen Landwirte und landwirtschaftlichen Gerwssenschaften mit Kredit in Form von landwirtschaftlichen Maschinen, Saat und lebendem Inventar versorgt. Der für das letzte Jahr gewährte landwirtschaftliche KrMt betrifft dreieinhalb Millionen Mark. Die Hilfe für das Handwerk bestcht erstens in der Unterstützung fertiger Rteister und zweitens in der Heranbildung eines Nachwuchses. Die Unterstützung der Handwerker besteht darin, daß di« „ORT" ihnen Maschinen, Instrumente und Zubehör für ihre Arbeit verschafft. Ihre dringendste Aufgabe sieht die „ORT" hierin der produktiven Hilfe für die 200 000 Flüchtlinge, die während der Kviögszeit ins Innere Rußlands deportiert worden «waren und jetzt nach Litauen zurückkehren. Die Gesellschaft sucht denjenigen, die schon ein Fach beherrschen, die Möglichkeit zu produktiver Arbeit zu verschaffen. Sie unterstützt die bestehenden Handwerker-Prodlcktivgenossenschaften und genossenschaftlichen Werkstätten, aller Art und wirkt mit bei der Gründung von neuen Kooperativen. Sie stellt den privaten Handwerkern sowie den Genossenschaften Maschinen und Werkzeuge unter günstigen Abzahlungsbedingungen zur Verfügung. Zum Anlauf von Maschinen und Geräten «hat die ,;09fe" zwei technische Bureaus in Paris und in Berlin. Der für das Handwerk in diesem Jahre gewährte Kredit betragt 2 Millionen französische Francs. Ein sehr wichtiger Zweig der Tätigkeit der Gesellschaft ist die berufliche Ausbildung der kommenden Generation. Durch den Krieg hat das Lehrlingswesen außerordentlich gelitten. Vor dem Kriege gckb es 150 000 jüdische Lehrlinge; davon sind aber nur noch wenige geblieben. Dazu kommt noch die Frage der Waisen. Das Leben ist heute so teuer, daß der Handwerker nicht imstande ist, Lehrlinge zu ernähren. Die wirtschaftliche Katastrophe hat auch die Eltern zu der Ueberzeugung gebracht, daß eine produktive Existenzbasis notwendig ist. Die Gesellschaft hat eine Anzahl von Lehrwerkstätten unter der Leitung speziell vorgebildeter Instrukteure gegründet, in welchen die Schüler Fachunterricht «bekommen, in der Atmosphäre «der Arbeit aufwachsen und auch die notwendige allgemeine Bildung genießen. Die Gesellschaft ,-ORT" hat ihre Ziweigorganrsationen und Komitees in allen Städten Litauen, Weißrußlands, Polens und der von -den Polen okkupierten Gebiete, sowie in den größeren Städten Bessarabiens. Die Aufgaben der Gesellschaft „ORT" in Deutschland, welche in Berlin als eingetragener Verein registriert ist, bestehen: 1. in -der Heranziehung und Ausbildung von technischen und organisatorischen Kräften für den wirtschaftlichen Aufbau in «den Ostländern; 2. im Studium der verschiedenen Aiethoden der Berufsausbildung in Deutschland und «der hier gemachten Erfahrungen auf dem «Gebiete des Stellungswesens und dergl. zwecks entsprechender Verwendung derselben für die Arbeit der Gesellschaft zugunsten, der Juden des früheren Russischen Reiches; 3. in dem Einkauf von landwirtschaftlichen Geräten, Werkzeugen und Werkzeugmaschinen für die jüdischen Landwirte und Handwerker; 4. in der Beschaffung gewisser finanzieller Mittel, mit Rücksicht daraus, daß die amerikanischen «Gesellschaften nur dann finanzielle Hilfe leisten, wenn auch die europäischen Juden sich 'beteiligen. I. K. t)om Selbstschutz. Einer von den besonders krassen Fällen aus dem Material, das seitens des Zentralvereins durch Rechtsanwalt Foerder dem Reichskanzler und dem preußischen Minister des Innern bei ihrer kürzlichen Anwesenheit in Breslau unterbreitet wurde, ist folgender Vorfall, für dessen Bestätigung einwandfreie Zeugen vochanden sind, die ihre Angaben eidlich zu wiederholen «bereit sind. Am 4. d. Mts. befanden wir uns bei Abfahrt des ßvl6 Uhr nachm, vom Hauptbahnhof Breslau nach Oberschlesion abgehenden Zuges auf dem Bahnsteig. Ein jüdisches Ehepaar (der Mann war 75, die Iran 73 Jahre alt, wie ich durch Befragen seststellte) stieg in ein Abteil ein. Als dies ein am Eingänge des nächsten Wagens sichender Angehöriger des Selbstschutzes bemerkte, ein e'wa 30 Jahre alter Herr, der ein Monokel und am Arme eine Königskrone mit dem Abzeichen des Selbstschutzes trug (offenbar ein Offizier), sprang er zu dem von dem Ehepaar bestiegenen Abteil hinein und rief den Schaffner an, er solle die verfrühten Juden daran hindern, mitzufahren. Der Schaf,ner lehnte dies mit dem Hinweis av, daß beide ordnungsmäßige Fahrkarten hatten. La sprang Lev Herr set'ost in das Abteil, gao dem alten Manne einen Stotz nach dem Ausgang zu mit den Worten: „Jyr verfluchten Ju>oen dürft fttajt mttiahren, Ihr muyi raus." Aus die Einwendungen Des AngesaUenen, vatz er ihm d.och nichts getan have, schrie er immer wieder, er muffe raus, sodatz, der Alte arrsstieg. Die Frau schrie: lasten Sie doch meinen Mann fein!" Hieraus wandte er sich zu der alten Frau, gab auch ihr einen Stotz. In diesem Augenblick sprangen wir hinzu und ersuchten den Mischen Herrn, in dem Coupee zu bleiben, da ihm der andere nichts zu sagen habe. — Da wandte sich der Angreifer gegen uns und sagte: „Aya, Du bist auch ein Jude, wenn Du nicht sofort die Fresse halst, so ziehe ich Dir das Fell Mer die Ohren; Ihr Juden werdet bald alle totgeschlagen werden." Daraus mischten sich noch mehrere andere Selbstschutzangehörige hinein, die sämtlich gegen vas alte Milche Ehepaar Partei nahmen. Einer von ihnen, dessen Namen als der des Kaufmanns Werner Brode aus Pyritz, geboren den 14. August 1398, zurzeit Maschinengewehrableilung Bataillon Graf Bethush-Huck festgestellt wurde, schrie: „Du vevMchter Jude, Dir drehe ich den Kopf cum, daß Dir die Augen zum Hintern rauslausen. Ihr verfluchte Judrnbande, Euch wird allen bald das Fell vom Leibe gezogen werden. Es wird nicht laiige dauern, dann werdet Ihr Juden alle totgeschlagen." Dabei griff er immer wieder nach seinem Dolche, den er bei sich tmg. Auch dieser Brode war dem Aussehen, Anzug und seiner Sprache nach Offizier. Andere Sel'bstschutzler, denen man wiederum nach Sprache und Kleidung anscch, daß sie zu dm Mannschaften zählten, suchten sich ins Mttel zu legen, jedoch ohne Erfolg. Antisemitische Umtriebe in Bad Langenau. In Bad Langenau haben die antisemitischen Umtriebe, die durch den in der nächsten Umgegend stationierten Selbstschutz eine besondere Resonanz finden, bereits zu bedenklichen Ausschreitungen geführt. Am Sonntag, den 10. d. MtS., wurde der Herausgeber und Chefredakteur der Breslauer politischen Wochenzeitung „Die freie Meinung", Hans Hanteda- F l e i s ch m a n n, infolge einer Hetze dortiger rechtsstehender Kreise vvn etwa 25 Angehörigen des Selbstschutzes überfallen und unter Drohungen, „Schlagt den Juden tot", auf das schwerste mißhandelt, sodaß er Schäden an feiner Gesundheit davomrng. Man versuchte den Ueberfallenen in den dunklen Garten des Kurhauses zu verschleppen, wo man ihn, wie aus den Drohungen hervorging, umbrtngen wollte. Dem Eingreifen eines ehemaligen Offiziers ist es zu danken, daß von diesem Vorhaben Abstand genommen wurde. Als Vvrwand zu dem U«ebersall wurde ein politischer Leitartikel in der Freien Meinung angezogm. Ändere Mische Kurgäste werden durch antisemitische Redensarten Langenauer Einwohner und «durch Hakenkreuzschmierevei belästigt und gekränkt. Es empfiehlt sich kaum, daß Juden Bädev besuchen, in deren Nähe der antisemitisch orientierte Selbstschutz untergebracht ist, zumal wenn im Orte zum Schutze der Bevölkerung keine Schutzpolizei vorhanden ist. Kabarett Kaiserkrone. Das Juliprogramm ist voll aus der Höhe. Fritz Trostorsf bewies seine glanzende Gesaugstechnik und macht dem Geschmack des Publikums weitgehendste Zugeständnisse. Der Bauchredner R i v e l l o ist aus seinem Gebiete ausgezeichnet, die Klcvoierhumoristin Rosel Seledy gefällt ebenfalls allgemein. Die künstlerisch wertvollste Leistung dürste Erena Denzer bringen, deren hochentwickelte Tanz- und Körperkultur den Breslauern npch seit der Zeit, wv sie Mitglied des Balletts Ccharell war, in denkbar bester Erinnerung sein dürfte. A l b r e ch t Hoffmeister ist noch vom vorigen Monat her bekannt. Hilde Gardenia paßt sich geschickt in den Rahmen der Darbietungen ein. Die Kapelle G r e i n e r spielt in altbewährter Routine. 1921 Kalendei e 5681 Wochentag Mo Juli 31 T. nat Tunau 29 T. Sabbath- Ausgang Wochenabschnitt Prophetenabschnitt Freitag Sabbath 15. 16. 9. 10. BreSlauI" i Buch lloso Kap. Bich‘«r XI, 1-38 tiittaUoBt Id den Gemeinde-fyiagogent^ n Bratan: litiSjni. RmSfuj. Freitag Sbd. An den Woeh.- tagen 15./7. Beginn abends 7.80 U, 7.80 U. 15./7. MkgaMnt morgs. VidMtipm. n IpliNnümt — 8.15 ü. 9.00 U. » Predigt « — 9.45 ü. M Jitado*tt*sdst. Senlofl naohm. abends 8.55V. 8.55 TJ. 17./7. bia 22./?. Beginn morgs. 6.30 D. 6.45 U. M abends 7.80 U 7.80 ü. Konfirmationen, Alt« Synagoge, Sonnabend, den 16. Juli; Frans'G«flmann (Vater Alfred. Nachodstraße 13), Salo Brandt (Vater Benjamin, Friedrich Karlstrafie 23). Ls ist eine Ehrenpflicht aller jüdischen Mitbürger, der WMslhrll kMkM'verpslMW. MK Md MMflliW'WlljW ' lthMd Ksdislhsj als Mitglied beizutreten und hierdurch unser Israelitisches Krankenhaus in seiner durch den Krieg und die wirtschaftlichen Folgen herbei geführten schweren Notlage zu unterstützen. Nichttnttglieder der Lhewra Kadischa haben bei Trauerfällen für sich und ihre nicht selbständige» Haushaltung-»Angehörigen die Beerbt» gnngskosten in doppelter Höhe zu bezahlen« Beitritts«eld«ngen an daS Büro des Israelitischen Krankenhauses, Hohenzollernstr. SS (Tel. Ring 6716—18.) 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Der Versand geschieht franko. Aach in Postpaketen. Hergestellt unter Aufsicht 8 Ehrw. >***" Oberrabbiner Dr. LERNER, Altona. Es werden noch an allen Plätzen Deutschlands Vertreter geeuehtl vLrmfkutdufir Herten u. Domen £au£en Sue ^ut un3 vortetCAaft. AmftcfcJ RcsmtAoC Neue 5chu;erdnitzerstr.5 . Braucht Ihr Licht, so ruft mich! Richard Qellert Eelektrlscho Licht« and Kraftanlagen Grlbschenerstr. 39, Prelburgeratr. 17 Telefon Ring 7903 Herausgeber: Liberaler Verein der Synagoaen-Gemeinde Breslau. — Verantwortlich für den Jnhatt: Dr. Ludwig Davidsohn in Breslau, und Kommissionsverlag: Th. Schatzky, Buchdruckerei und VerlagsanstaU, v. m. b.H., Breslau lll, Neue Grauvenstraße b.