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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-15 · 32 (15.7.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
32 (15.7.1921)
Date
1921-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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jH^.ipP»Wj||l[l„||l jpi MWWWMWWWMYMW Einstein, öer Zionist. Bon Rechtsanwalt Foerder, Breslau. Am 27. Juni hat Einstein in Berlin in einer zahlreich besuchten Versammlung für den Palästina-Aufbau gesprochen. Der Name Einstein hat Weltbedeutung. Die Worte eines Alarmes, den man den Copermcus des 20. Jahrhunderts nennt. Hecken Anspruch, weichin gehört und beachtet zu werden. Aber'damit unterliegen sie auch der Kritik, die vor dem Träger des großen Namens nicht zurückschrecken darf, gerade um der Suggestion willen, die dieser auf die Menge ausickt. Man kann ein großer Physiker sein, braucht aber nicht in gleicher Schärfe wie die physikalisch-mathematischen auch die sctzialen und politischen Probleme zu durchdringen. Auch der große Anatom Virchow war nicht groß in politischen Dingen. Was Einstein über den Palästina-Aufbau sagte und noch mehr, was er nicht sagte, kann von dem Von den Mitteln, die Einstein zur Widerlegung anführt, können wir aus vollem Herzen die Forderung nach Selbstachtung, das Bekenntnis zu unseren Vorfahren und unserer Geschichte gutheißen. Aber wenn er weiter sagt, es genüge nicht, daß wir uns an der kulturellen Entwickelung der Mienschhett beteiligen, wir müßten „als Volk" Aufgaben aus uns nehmen, welche die nationale Gesamtheit fördern, so werden wir ihm abermals widersprechen muffen. Sein eigenes Beispiel lehrt etwas ganz anderes. In Amerika, in England bewunderte man den d e u t s ch e n Gelehrten, den Mann, der als erster zwischen den bisher feindlichen Völkern neue Beziehungen knüpfte; die Ehren, die man auf ihn häufle, galten deutscher Wissenschaft und Kultur, die auch nach dem Zeugnis unserer Feinde unbesiegt geblieben sind, und sein Werk wird, schlimmstenfalls gegen seinen Willen, mit ehernen Lettern in die Tafeln der deutschen Geistesgeschichte ausgezeichnet werden, nrag auch die Wissenschaft noch so international sein. Der große Physiker stcht abseits jeder Konsession, nach seiner Nichtzionisten, mag er auch dem Gedanken der Wiederaufeigenen Aeutzerung betrachtet er sich nicht als deutscher richtung Palästinas Wohlwollen, ja Begeistermrg entgegen- ."v fa I:'v: bringen, nicht ohne weiteres untevschrr^en werden. „Der Wiederaufbau Palästinas ist für uns Ju'den die Verkörperung des wiedererwachenden nationalen Gemeinschaftsgefühls aller Jrcken." Schon diese einleitende Bemerkung zeigt, in welchem grundlegendem Irrtum Einstein sich befindet. Er weiß offenbar nicht, daß die große Mehrheit der deutschen Juden, wenn sie sich am Palästrna- Aufbau-Werk beteiligt, dies nicht aus nationalen, sondern nur aus religiösen, historischen, Humanitären Gründen tut. Es hieße aber einem Mann von der geistigen Bedeutung eines Einstein Unrecht tun, wollte man glauben, daß ihm hier die Gesinnung gleichgültig, die Wirkung Hauptsache sei. Vielmehr müßten diejenigen, die ihn informieren, doch bedenken, ob damit der guten Sache nicht eher geschadet, als genützt wird, weil viele — mehr vielleicht als man denkt — sich von der Mitarbeit fern halten, falls das Endziel ein nationales ist und die Beteiligung im nationalistischen Sinne ausgebeutet wird. Die hiergegen versprochenen Garantien «lvecken dann von vornherein ihres Wertes beraubt. Die iveiteren Ausführungen Einsteins ivaren nicht geeignet, dieses Mißtrauen zu entkräften. Wohl kann man chm beipflichten, wenn er von der auf die Emanzipation folgenden Entjudung spricht. Indes ist diese keineswegs darin zu erblicken, daß die Juden sich in Bezug aus Sprache, Umgcmgsformen, Denk- und Lebensweise den Völkern assimilierten, in deren Mitte sie wohnten. Diese „Assimilation in gutem Sinne" ist nichts Charakteristisches für einen dem Judentum Entfremdeten. Vielmehr war es das Schwinden des^üdischen G e i st e s, die Abkehr von den seelischen Werten oes Judentums, von den hohen Gedanken seiner Propheten urck Weisen, die den inneren Verfall und damit den Abfall verursachten. Mit Unrecht ändert sich Einstein darüber, daß trotz der äußeren Annäherung an die Umwelt das Gefühl des Fremdseins nicht erlosch. Was ein Jahrtausend gesündigt hat, kann ein Jahrhundert nicht wieder gutmachen. Zu eingefreffen ist üble Tradition und Unwissenheit über alles, was Judentum heißt, in unserer andersgläubigen Umwelt. Der auch von Einstein herbei gesehnte Friedenszustmck wlf der Grundlage gegenseitiger Achtung und Duldung kann über heute am allerwenigsten dadurch herbeigeführt werden, daß noch eine neue Schranke die besondere Nationalität, aufgenchtet wird. Das hat Einstein selbst dadurch anerkannt, daß er — wenigstens berichtet das die politische Presse — den Antisemitismus als „die Reaktion der Wirtsvölker auf die Betonung des nationalen Empfirckens durch das Judentum" bezeichne Hier verwechselt Einstein Ursache und Wirkung. Diese Auf faffuilg kommt judenfeindlichen Argumente:: entgegen Staatsbürger und fühlt nichts in sich, was man als jüdichen Glauben bezeichnen könnte. Er gehört der Berliner Mischen Gemeinde nicht an. Niemand Vars darüber Mt ihm rechten. Aber wenn er seine eigene Person mit dem Judentum nur durch das nationale Band verknüpft fühlt, o hat er sich, der im Ausland ausgewachsen, doch wohl in den Gedankenkreis des nicht (im übten Sinne) assinülierten deutschen Judentums nicht genügend eingelebt, wenn er glaubt, daß auch diesem das gleiche fromme. Auch hier iraucht er nur die Folgerungen seiner eigenen Erfahrungen zu ziehen. Jüdisches Volk, so erzählt er, habe er nicht in Berlin, ivohl aber in Amerika gesehen, wohin es aus Osteuropa eingewandert war. Was beweist dies? Daß zwar infolge der historischen Entwickelung im Osten, nicht aber im Westen Europas von einem nationalen Zusammenhang der Jrcken gesprochen werden kann. Was dort Natur ist, wäre hier Zwang und Unwahrheit. Manchen: deutschen Zionisten ist dies in den letzten Jahren zum Bewiltztsein gekommen. „Eine Revision des Nationalismus" ist bereits verkündet. Vielleicht wird sie auch bei Einstein eintretei:. Hus dem Reich. Berlin. Das Kuratorium der Friedrich-Wilhelm Biktoria-Stiftung hatte für die Zeit vom 1. Oktober 1920 bis dahin 1921 die Znschußquoten zu den Prämien der bei der „Viktoria" abgeschlossenen Lebensversicherung für die Klienten der Stiftung automatisch um 100 Prozent echüht. Da diese Frist detnnächst cckläuft und die Teue rung sich noch 'geftekjert hat, hat das Kuratorium beschlossen, vom 1. Oktober 1921 ab auf ein Jahr die Zuschüsse automatisch um 150 Prozent der zugrunde Liegen den Bewilligungen zu steigern. — Da die freiwilligen Lehrcrhilfskassen von ihren Klienten erhöhte Beiträge zu erhoben gezwungen sind, so ist auch die Gesamtsumme für Beihilfen zu den Lchrerkaffenbeiträgey verdoppelt worden erfüllen, ungeachtet der gemeinschaftlichen Blutvpfer im Weltkriege, häuft man Schmähungen gegen uns, tue ihres? gleichen suchen. Es ist, als ob der jickische Bevölkerungsteil in seiner Ehre vogelfrei wäre. Mr protestieren hiergegen feierlich und entschieden als Menschen und als deutsche Staatsbürger. Wir wenden uns aber auch an unsere Glaubensgenossen. Bewahrt auch innere Würde! Geht weiterhin ruhig, ehrlich und auftecht euren Weg! Laßt euch nicht verbittern, sondern steht trotz allem Unrecht, das nun: euch antttt, treu zur Heimat und Baterlmck. Weicht nicht zurück vor Haß und Unrecht, sondern begegnet ihnen mit der Ruhe und Würde eines reinen Gewissens!" Unterredung mit dem Reichskanzler und dem Preußischen Minister des Innern. Reichskanzler Dr. Wirt h enchfing im Anschluß an seine bekannte Rede in der Jcchrhunderthalle zu Breslau als Vertreter des Zentralverekns deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die Herren Rechtsanwalt Foetder und Dr. Fraenkel, letzteren zugleich in seiner Eigenschaft als Vorsitzenden der Ortsgruppe des Jüdischen Frontsoldatenbundes, zwecks Besprechung der Lage, die sich aus perchiedenen, zu schweren Bedenken Anlaß gebenden Verläßen einzelner Teile der Selbstschutzorganisation ergehn hat. Der Kanzler bat, das diesbezügliche, chm von Rechtsanwalt Foerder unterbreitete Material behalten zu dürfen. Auf den Hinweis der Abordmmg, daß die Breslauer Judenheit, unbeschadet der Dankbarkeit, die sie dem opfermütigen Verhalten des Selbstschutzes in seinem Vorgehen gegen die Polen schulde, mit Rücksicht aus die Vorkommnsse beim Kapp-Pulsch besonderen Anlaß zu Besorgnis jabe, erwiderte Dr. Wirch, er werde alls tun, -was in einer Macht stehe, um Abhilfe zu schaffen. Es sei eine Kulturschcncke, wenn in der jetzigen Zeit derartige Ausschreitllngen vorkämen. Er werde sogleich mit dem Preußischen Minster des Innern darüber in Verbindung treten. Am nächsten Tage wurde Rechtsanwalt Foerder vom Minister des Innern, Dr. D o m i n i c u s, zu einer Besprechung gebeten. Auf die ihm vorgetragenen Beschwerden glaubte der Minister mit Rücksicht auf die wiederholten Erklärungen der hiesigen Presse aller Richttmgen, die Einigkeit nicht stören zu wollen, im allgemeinen einen Grurck zu besonderer Beunrichigung nicht erblicken zu können. Unter Uebcrreichnng entsprechenden Beweismaterials suchte Rechtsanwalt Foerder die Ansicht des Ministers zu widerlegen und regte als geeignetes Mittel, lun Ausschreitungen wirksamer entgegentveten zu können, eine Aenderung des § 130 Str.-G.-B. (Aufreizung zum Klaffeühaß) an. Der Münster, der sich fortlaufend Auszeichnungen über die ihn: vorgetragenen Fälle machte, versprach, den Beschlverden mit aller Gründlichkeit nachzugehen und ließ keinen Zweifel an seinen: entschiedenen Willen, das Seinige zu tm:, mn beruhigende Zustände zu schaffen. Nürnberg. Der Lmckesverbmck Bayern in: Zentral verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaübens hat auf seiner jüngsten Tagung nachstehende Entschließung gefaßt: „Seit über zwei Jahren ist in unserem Vaterland besonders in München, die organisierte antisemitische Hetze im Gang. Manche lassen sich von der nationalen Maske dieser Bewegung bestechen oder von den systematischen Ber dächtigungen gegen uns irresühren. Andere folgen ihr aus Freude am Radau. Wir bayerischen Jrcken leiden tief dar unter. Ungeachtet dessen, daß unsere Familien seit Jahr Breslau. DU W öutti) jlM.onH iit «tftllftyaft .M". „Ort", Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juven des früheren Russischen Reiches. Am Montag, den 11. d. Mts., sprach Lr. A. S i n g a l o w s k y , der Leiter und Begründer der Gesellschaft, im Schiedmayersaal über das Thema: „Der Ausbau des Mischen Wirtschaftslebens in den Ostländern." Wir geben zwecks Veranschaulichungder von Dr. Siw ^alowsky in seinem Vpsstrag .behandelten Fragen folgenden Aufsatz wieder: Mit einer erstaunlichen Energie und einem Opti hunderten im Lande leben und wurzeln und ihre Pflicht! inisnius, der i<m gesunden Lebenskern der Jacken wurzelt, MW'lkMlMvM einer alten Jean. 5. Fortsetzung. - Nun gab es auch bisweilen eine Abwechselung. Im Sommer der Schulspaziergang nach der „Neuen Welt", ein größerer bescheidener. Spazierweg .mit befreundeten Familien nach Zaborowo, Heydekrug und zwar selten, aber auch ab und zu eine Spazierfahrt nach Reisen, einer kleinen Nachbarstadt, wo das Schloß des Fürsten Sulkowski die Sehenswürdikeit darstellte. In der Schule war selbstredend eine Bibliothek und ich war nicht wählerisch; obgleich schon an Romanlektüre allzuviel Gefallen findend, las ich mit großen! Interesse auch die Jugendschriften von Franz Hofsmann, Gustav Nievietz, Rosalie Koch, Olga Eschenbach und Thekla von Gumpert; damals ahnte ich nicht, daß ich dereinst, kurz vor ihrem Heimgange, mit ihr in Beziehungen treten, und hierauf ein Vierteljahrhundert Mitarbeiterin ihrer Schöpfung, des .Iöchteralbum" sein würde. In einem Glasschranke, in dem Mineralien u. a. m. aufbewahrt wurden, befanden sich auch eine Anzahl konfiszierter Bücher, die wir noch nicht lesen sollten und dursten; wir fanden jedoch Mittel und Wege, diese „verbotenen Früchte" zu erlangen und so las ich damals die Schriften der früh verstorbenen Miß Grace Aguilar*) in guter Nebersetzung „Mädchenfreundschast". „Des Hauses Einfluß" und „Der Lohn einer Mutter", ebenso „Der Lampenputzer" von Miß Eummings. Wir hatten eine ideale Handarbeitlehrerin, eine Pastorswitwe, Nichte unserer Vorsteherin, die uns zuweilen „eine Geschichte" erzählte, „Mabel Vaughau" ist mir noch in Erinnerung; ihre Töchter gaben englischen Unterricht, als dieser etwas später in der Schule vorerst nur fakultativ eingeführt wurde, und Klavierstunden. Rawitsch, Kosten und Schmiege! waren unsere Reiseziele bisher gewesen. Nun, im Sommer 1860 durste ich meinen Großvater väterlicherseits nach Breslau begleiten, wo seine jüngste Tochter lebte. In demselben Hause haben wir vierzig Jahre später gewohnt! Breslau gefiel mir sehr gut, besonders die schöne Promenade; der Großvater hatte entferntere Vettvandte dort, denen ich zugeführt wurde; mit einigen dieser geistig und seelisch hochstehenden älteren Frauen habe ich später jahrzehntelang innig verkehrt und bewahre ihnen bis zur Stunde ein warmes Gedenken. Damals war der „Wintergarten" das beliebteste Bergnügungslokal; dort war „Sommettheater" und der Sonntag sah uns auch unter den Scharen der Anwesenden. Den größten Eindruck empfing ich jedoch, indem ich im Stadttheater die erste Oper hötte und dieser ist bis auf den heutigen Tag nicht verblaßt. Vetter Abraham Biberfeld führte mich zu „Die Montaechi und Capuletti" von Bellini; es war wundervoll *) 1916 widmete ich Miß Grace Aguilar anläßlich ihres 190. Geburtstages ein Gedenkblatt in der „Allg. Zig. des Jdtms.". und ich lauschte atemlos mit Auge und Ohr, nur erschien mir die Julia zu alt und zu ungraziös. Daheim erhob sich ein gewaltiger Sturm, meine Eltern und die „zärtlichen Verwandten" fanden es unverzeihlich, daß er ein zwölfjähriges Kind gerade zu dieser Oper geführt hatte. Nun, es hat mir nichts geschadet! In demselben Sommer kam ein „Vetter aus Amerika" nach Lissa, der mir, da Englisch erst etwas später in der Schule eingeführt wurive, als er einmal mit mir über den Marktplatz ging, die ersten englischen Vokabeln ins Gedächtnis prägte. Fünf Jahre Mier warb cr, der in Cincinnati lebte, um mich; meine Eltern herben mir diese Werbung einfach unterschlagen, sie waren nicht gesonnen, ihr junges Kind über j>aä große Wasser" ziehen zu lassen, fürchteten, mein romantischer Sinn könnte sich für das Außergewöhnliche begeistern, und ich erfuhr erst nach langer Zeit davon. Eine Reihe von Jahren später besuchte uns dieser abgewtesene Freier in Breslau und sagte zu meinem Manne: „Wenn Ihre Schwiegereltern nicht himverbrannte Deutsche und Kleinstädter gewesen wären, würde Ihre Frau die meine geworden sein!" Am 2. Januar 1861 evlöste der Tod König Friedrich Wilhelm IV. von seinen langen Leiden und sein Bruder, der Pttnz-Regeni, folgte ihm als König Wilhelm I. aus den Thron. Mein ungewöhnlich lebhaftes Interesse für Geschichte hatte eine hohe Begeisterung für das angestammte Herrscherhaus gezeitigt und ich begleitete alle Ereignisse in diesem schon damals wie durch mein ganzes späteres>2eben unentwegt mit höchstem Interesse. *) Wenn ich Rückschau in jene Zeit halle, so sehe ich neben den ehrwürdigen Gestalten meiner teuren Großväter eine Reihe frommer, gelehttar und über die Grenzen meiner Vaterstadt angesehener Männer, die diese mehr oder minder zu ihren Freunden und Gestnnwngsgenossen zählten, an mir vorüberziehen, Träger bekannter, ja berühmter Ramen. Ich hörte damals die „Großen" oft vom „Beth din" sprechen, endlich tagte in mir, wen sie damit bezeichneten Da war an erster Stelle Reb Hirsch Abarbanell, Red Hirsch Fraustädter genannt. Er hatte meine Eltern getraut und dies machte mir die chrsnrchtgebietende Erscheinung doppelt verchrungswürdig. Es war an einem wundervollm sonnigen Frühlingstage, am Purim, ich war wohl zwölf oder dreizehn Iah«. Purim war für unsere Kinderherzen eigentlich * ) Wenige Monate früher, am 20. November 1860, lvar die Kaiserin-Witwe Alexarckra Feodorowna von Rußland, eine Tochter der Königin Luise gestorben, für die ich a«h stets viel Teilnahme hatte. der herrlichste Festtag. Die Großeltern bekamen als „Schlachmones" alle möglichen schönen Süßigkeiten, de« be- - rühmten „polnischen Brotkuchen", ja sogar Apseismen, die . damals nicht so Mltäglich waren wie in der Folge, ddn ihren verheirateten Kindern und die gute Großmutter, die uns jederzeit reiche Gaben an Obst und Kuchen spendete — Lisia war eine Hochburg idealster Kuchettbäckerei — tomne sich namentlich Purim an Gebesreudigkeit nicht genug tun. An enem Purim 1861 versprach mir der Givßvater eine beouders große süße Belohnung, wenn ich seine Aufträge gut ansgesühri haben würde. Mit einem kleinen Geldpaketchen sandte er mich zuerst zu Reb Hirsch Abarbanell. Dieser wohnte in der Kostenerstraße, die Grphmuttsr sagte noch ^jüdische Gasse", in einem spitzen Giebelhause, eine Stiege hoch. Im Parterre wohnte sein Schwager, der „alte Moll", der mir in meiner Kinderphantasie mit seinem Samtkäppchen auch stets wie ein Rabbiner erschien. Gegenüber halten dessen beiden jüngsten Söhne, Schul- und Duz-. . freunde meines Vaters, ein Wein- und Südsruchtgeschäsi. Diese, neckten jähraus, lahrein die jüdische Schuljugend, hin- - gegen gab es cmch zu Ostem eine Apfelsine für die gute Zeusnie und das war ein Ereignis, denn eine Ahselflne -■ kostete damals 1J4 bis 2%. Silbergroschen und man bekam höchstens zu Ostern, wenn die Verwandten -um Feiertagsbesuch kamen, ein Stückchen. Ich vermeine noch den «ty* würdigen Greis vom Sonnenlicht umflossen in seinem Zim-. mer vor mir zu sehen, große Bücherregals mit mächtigen. Folianten ließen mich staunen. Nachdem ich mich meines Auftrages entledigt und Gmß und Dank für den Großvater eingeheimst hatte, hüpfte ich fröhlich und stolz einem so gelehrten und bettihmten Manne gegenüber gestanden'M haben die Treppe hinab. Der Großvater hatte mir noch. . < ein zweites, wie mir schien gewichtigeres Geldpaketchen eingehändigt, mir eingeschärft, dieses nicht zu verwechseln, um die Ejcke zu biegen und es bet Reb Liepmann Goldstmrb ' abzugeben. So vorwitzig ich auch war, rch batte doch nicht gewagt, die Geldpaketchen auf ihren Inhalt zu prüfen^ der sicherlich nicht allzmetch gewesen sein wird. Soviel yätte. ich jedoch aus den Reden dev „Großen" „ausgeschnappt^. daß diese frommen und gelehrten Herren sehr karg, besoldet. wurden, und wenngleich sie vielleicht etwas Privaipermögen - besitzen mochten, doch aus diese stetwilliigen Festgaben, der bemittelten Gemelndemttglteder angewiesen wären, was Mir in meinem Kinderkopfe eigentlich als ihrer nicht würdig er- , schien. Soviel wußte ich auch schon, daß mehrere dieser Herren in ihren Gattinnen währe nationalökonomische Gentes besaßen, die mit dem denkbar geringsten Wirtschaftsgeld Mlszlckommen verstanden. (Fortsetzung folgt.)

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