Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-06-24 · 29 (24.6.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
29 (24.6.1921)
Date
1921-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613633--0143-2617328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die jüdisch liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und »ostet durch die Vvft ober durch die lSeschüstSftellek vW»SM, vtertsljLHrNch M». 4.- Gin-einummer 40 Vf. Äadlunoen ankVVWßiiMmtaLv«»!» LSvNT-rLavIfch- Ilbrrale Leitung, KaffenverwaUung, ü. Lager, »rrstau i : IdrSrütivn und SrschSstsst eklr: i Bsesw« 3 | Reue GkaupenAraße i, r. a traiimiiMnii mm w «MumagPiMHimB Annahmeschw» für Berichter Montag mittag! Sprechstunden der vchrlfttrtwng: Montag btS Arettag 12—1 vorm, ln der Seßchansdelle. Annaymefchiust für Anzeigen: Dienstag früb^ Die 3',, cm breite Millimrterzeile »ostet 00 Vt^ FamtlirnanLetge»4chMst BMLUederbolungchema-lgpnoSt. Tarif Nr. 29 mmmmaamm Breslau, den 24. Luni 1921 1. Jahrgang KtchchmiNk M Umgestattmunseres Svttesöiechrs. Bon Rabbiner vr. H. F u ch S-Chemnitz. II. 3. Anders steht es mit derMusik! Sie hat ja schon im alten Opsertempel eine Rolle gespielt, und hat — mindestens als BokKlmusik — wohl niemals ganz gefehlt. Es ist natürlich auch unbestreitbar, daß sie die Herzen in die rechte Stimmung bringen kann, ja daß sie dazu unentbehrlich ist. Ein jüdischer Gottesdienst ist ohne Borbeter unausdenkbar; und ebenso ist es unvermeidlich, daß dieser nicht spricht, sondern singt, und dann natürlich auch, so schön er irgend kann! Ebenso ist an sich nichts dagegen zu sagen, daß Chor und Orgel die Begleitung der Einzelstimme des Borbeiers und die Führung der Gemeinde übernehmen, oder daß sie beide auch einmal selbständig in Aktion treten. Die religionsgesetzlichen Einwendungen gegen die Orgel lassen den Liberalen kalt; und die ästhetischen Einwendungen gegen sie, daß sie etwa dem Charakter der jüdischen Melodien oder dem Geist des jüdisch-religiösen Empfindens zuwider sei oder dgl., verstehe ich nicht. Schwieriger erscheint es mir, daß ein Nichtjude als Organist oder Dirigent im jüdischen Gottesdienst eine fichreude Rolle hat. Ich kann dies nur als eine Inkonsequenz und schwächliche verwerfliche Nachgiebigkeit gegen das so oft prinzipiell über Bord geworsene R e - l i gi 0 ns g e s e tz, als ein lächerliches Kompromiß mit der sogenannten Schinkonorthodoxie ansehen; ich bin überzeugt, ein jüdischer Musikleiter würde unfern Gottesdiensten einen einheitlichen Charakter geben, Und jüdische Organisten hätten längst eine wirklich innerlich jüdische Orgel-Literatur geschafsen! dtoch schlimmer ist natürlich die Mitwirkung von Nichtjuden als Sängern; sie ist absolut verwerflich! Besser kein Gesang, als ein unjüdischer! — Dies nebenbei! m Doch alles Gute hat seine Grenzen! Schon das Mttelalter, z. B. Maimomdes, beklagt sich über das zu starke Hervortreten des musikalischen Elements, damals des Borbeters. Ebenso herrscht heute bei allen wahrhaft religiös Empfindenden ein starker Verdruß, ja satirische Bitterkeit darüber, daß die Synagoge einem Konzertsaal gleicht. Der Kunstgenuß muß ja die Andacht überwuchern, und die mit jedem Kunstgenuß verbundene Kritik und Gedankenarbeit erstickt bei den meisten die eigenlichen religiösen Empfindungen, Ehrfurcht, gläubiges Vertrauen, Hingebung an das Heilige oder gar bußfertige Reue und Willenskraft zur Umkehr, — zumal die Kunst der Synagoge nur selten mit der des Konzertsaales wirklich konkurrieren kann! Dieser Mißstand schreit geradezu nach Abhilfe! Er bezeugt eine Veräußerlichung des Gottesdienstes, einen Mangel an ernsthafter Herzenssrömmigkeit bei den dafür Verantwortlichen, wie er nur in einem so materialistisch-unreligiösen Geschlecht wie dem vorigen möglich war. Man muß sagen: Zur Vertiefung der Religiosität bei uns Juden in diesem und dem kommenden Geschlecht wird eine starke Zurückdrängung der Musik im Gottesdien st die erste Vorbedingung sein! Wer das nicht glaubt, der denke nur einmal an das Sündenbekenntms am Versöhnmrgstage: Wie kann auch nur die geringste Regung von Reue auskommen, während die — Volksmelodie (um keinen härteren Ausdruck zu gebrauchen) des Osehamnu das Gotteshaus erfüllt! Oder man denke an das Kaddisch vor Olenti: da hört kein Mensch, was der ob der ständigen Wiederholung verzweifelte Kantor in Prestissimo absolviert; man hört nur den in einer Minute fünf Mal von Chor und Orgel hinausgeknallten Peitschenhieb des O-ho-men, gleich schmerzhaft für Ohr wie Gemüt. Zum Empfang des Sabbat muß man 4—5 große Gesänge einen hinter dem andern über sich ergehen lassen: bis man zmn Beten kommt, ist man total erschöpft, von Anstrengung oder Langeweile. Beim Ausheben und Einheben der Tora ein Konzert, wie es kein Kaiser bei seinem Einzug und Abschied zeremonieller ausderckn kann. Beim Segen des Brautpaares, beim Einholen der Leidtragenden, selbst beim zerknirschten schauervollen Mederknien vor Gott — Musik, Musik, Musik! Wozu das? Wozu die vielen Gesänge, wozu bei jedem Borucb und Omen die Bemühung von Chor und Orgel? Jede innerliche Regung wird doch dadurch abgelenkt, medermusiziert, in Schönheit ertränkt! Es ist klar: das ist von Gemütsfaulen für Gemütsfaule erfunden, um sich und arrdere darüber hinwegzutäuschen, daß nicht die Religion sie ins Gotteshaus zieht. Da heißt es denn auch am Ende: „Es war ein schöner Gottesdienst!" Sie merken nicht, daß die Seele durch das. süße Gift der Schönheit berauscht und um die innere Läutseung und Erhebung zu ihrem Vater im Himmel betrogen worden ist, „spotten ihrer selbst und wissen nicht wie!" Bon einem Gottesdienst!, wie er sein sollte, würden sie in stiller Seligkeit muhdenllich nach Hause gehen! Da wären auch die lachenden, schwatzenden Gruppen undenkbar, die. jetzt vor den Synagogen das Staunen der. Andersgläubigensind! Me. Schuld an diesem Mßstand trägt neben der Unreügiosität der Gemeinde auch der falsche Ehrgeialler Funktionäre und der Zwang für sie, dem Publiüun den Willen zu tun. Die Besserung muß deshalb van den Gemeindebehörden ausgehen. Orgel und Chor sind anzuhalten, daß sie nur an wenigen bedeutsamen Stellen eigentlich künstlerisch Bcdeutsamss leisten dürfen, am Anfang und Ende des. Gottesdienstes und an Ruhepunkten der religiösen Empfindung, sowie beim Höhepunkt hymnischen Aufschwungs. Bon allen intimern Seelenstimmuugen gilt noch immer das Psalmwort: „Dir ist Schweigen Lobgesang!" — Wieviel Zeit und Geld könnte dadurch bei der Vorbereitung, wieviel wirkliche Frömmigkeit im Gottesdienst selbst gewonnen Werden! — Die Kantoren aber sind anzuhalten, daß sie zum Bor beten, nicht zum Singen da sind. Sie sollen sich nicht hören lassen; Sänger hören wir genug! IN demütigem Sprechgesang sollen sie ihrer eigenen Frömmigkeit Ausdruck geben und dadurch unsere Frömmigkeit wecken. Ihr Motto heiße: Stimmung, nicht Stimme! Wenn diese jene unterstützt, desto besser! Aber in etwas gilt auch hier das Wort des schönen Rabbi Jochanan den Napacha: „Wäre ich weniger schön, so wäre ich wohl noch frommer!" Ein Kunstgesang des :Ktmtors muß ein seltener Höhepunkt sein; er darf nicht, wie heute, die Regel werden, sodaß eht Stärk die Wirkung des vorhergehenden mordet. Führt so der Vorbeter die Genreinde in das allerheüigste Innere der Religion, dann wird auch die Stellung des Kantors in der Gemeinde eine ganz andere werden als bisher! 4. Und nun zum Wort, zum Gedankeninhalt des Gottesdienstes! Von der Dreiheit: Bekenntnis, Bildung und Gebet, die seit dem babylonischen Exil die Eigenart des jüdischen Gottesdienstes ausgemacht hat, braucht und darf selbstverständlich nicht abgegangen werden. Im Einzelnen aber sei Folgendes bemerkt: Die Frage der Sprache ist insoweit längst entschieden, daß religionsgesetzlich nichts gegen die nichthebräische Muttersprache einzuwenden ist, außer bei der Tora-Vorlesung, daß aber die Gemeinde aus allgemeinen Gefühlsgründen sich gegen die Ausmerzung des Hebräischen, hier mehr dort weniger, wehrt. Wir, die wir Führer sein sollen und wollen, haben zu fragen: Was ist im Interesse der Förderung der Religion und besonders der jüdischen Religion zu wünschen? D. h. nicht bloß: was ist heute das takttsch Richtige? sondern: was ist als Jdealzustand zu fordern? — Ich habe darauf schon früher geantwortet und habe keinen wesentüchen Einwurf dagegen gehört: Ueberall, wo die Gesamtheitreligiöses Subjektist,soll die Sprache der Gesamtheit, das Hebräische, bleiben; wo der Einzelne,die Sprache des Einzelnen, das Deutsche. NW-lAkM UMlAmi» z« Mi«. Sonntag» tat 86. fftmi 1981, früh SV« Ahr: Ganztagsausflug nach dem sog. schlesischen Spreewald (»ächste Umgt&wtg BveSkauS) Treffpunkt vor der 9ataftm8a£ii Grüneich». Zum Mittagessen wird selbst abgekocht. Dienstag, de« 28. Juni 1991, abends 8 Ahr: Gemütliches Beisammensei» im Hanptrestaurant Scheitnig. Voranzeige für Sonntag, den 8. Füllt 1921: Ganztagsausflug nach dem Schlefiertal. Zusammentreffen mit Liegnitzer und Schweidniher Ili- Mitgliedern. 8« allen Veranstaltungen sind Anhänger uud Mreund« unserer Bewegung als Säfte willkommen. ' - Ganz bestimmt glaube ich, daß der vielbeklagte Mangel an bewußter Herzensfrömmigkeit unter uns mit dadurch verschuldet wird, weil die Sprache hindert, daß unsere Gebete direkt von Herzen kommen: selbst wer sie not dürftig versteht, muß sie erst in die Sprache des Heirzen übersetzen; und da diese Anstrengung oft mttet&etW* o entsteht das unbewußte Plappern (Dabbern). Nicht, aus Bequemlichkeit, Anpassung, Faulheit zum Lernent liberalem Hochmut, — einfach zur Förderung der, Frömmigkeit ist das Deutsche zu fordern. Im Gottesdienst soll gebetet werden für Gesundheit und Wohlergehen, für Eltern und Kinder, für Seelenlüuterung und Kraft zum Guten, — wie kann man dos von Herzen in einer Sprache tun, die man nicht gewöhnlich spricht! Ans dem Gesamtzweck des Gottesdienstes ergibt sich diese Konsequenz unzweifelhaft: Man redet mit Gott nicht in einer angelernten Sprache, wie mit einem fremden Potentaten. Ist er „mein Gott", mein „Freund und Vater", so muß ich mit ihm reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist! — Anders in den Gemeinschaftsgebeten und in den Stücken, welche allgemein „Stimmung niachen" oder „Pausen füllen" od. dgl.: da spreche ich nicht persönlich, sondern die Gemeinschaft und der Einzelne als Vertreter der Gemeinschaft; selbstverständlich hat das in deren Sprache zu geschehen. Im jüdischen Gottesdienst überwiegen aber diese. So 'wird auch denen Genüge geschehenwelche aus nicht religiösen Gründen das Hebräische vorgezogen sehen l wollen! : Aehnlich ist über die Belehrung zu urteilen. ^Selbstverständlich wird die hebräische Tomvorlesung im Mittelpunkte stehen bleiben müssen. Aber wie lächerlich wirkt eine Belehrung in einer Sprache, die 95- Prozent her Hörer nicht verstehen! Me unvernünftig ist außerdem die Verlosung so mancher Steklondie an sich auch für den Gelehrtesten unverständlich sind- oder die ohne religiöse Bedeutung für uns, oder die gar unstan äschetischen oder ethischen Empfinden zuwider sind! Wie unverantwortlich schließlich das Herunterlesen in einer Eike, die jede Vertiefung oder seelische Ginwirkung unmöglich macht! — Auch hier tut eine gründliche Umbildung not, die von dem Zweck des Gottesdienstes cmszugehen hat. Me alte Anschauung, daß das Bibelwort an sich, ohne Rücksicht auf Inhalt und Wirkung, heilig ist, muß energisch durch die Anschauung Werwunden werden, daß der Geist das Göttliche ist, irr der Tora wie überall. Man prüfe einmal an der Uebersetzung, was eine moderne Gesellschaft zu hören vertragen kann! Dann erhält man den Maßstab dafür was hebräisch vorgelesen werden darf! Es bleiben, genug Stücke übrig, die durch religiös-ethische Gesinnung, durch ästhetische Form, durch historische Bedeutung auch in unfern Tagen Wert haben! Und der modern-aktuelle Charakter der Tora wird durch solche Auswahl wirksamer, als wenn er vergraben bleibt unter der Gesamtheit von Stücken, die nur für den Historiker und Religionssorscher Bedeutung haben! Mehr ist auch hier Weniger! — Der aktuelle Wert muß «wer dann auch dem Hörer erschlossen werden! Das kann nicht immer durch ausführliche Predigten geschehen. Eine kurz paraphrastische U aber setzung ist vonnöten, und zwar scheint mir, daß sie vor der hebräischen Vorlesung grgöbs» werden sollte, damit nachher der Text in seiner monumentalen Hoheit desto besser gewürdigt werden kann. Damit wird auch die rituelle, fast fetischhafte Heiligkeit der Tora überwunden werden und sie wieder die lebendige ethische Heiligkeit für uns gewinnen, die ihr zukommt. Wieder etwas anders steht es mit der Hastara. Sie wird in den sogenannten liberalen Gemeinden schon jetzt meist deutsch verlesen, und manches schöne Prophetenstück wird dadurch der Gemeinde vermittelt. Aber wieviele ebenso schöne Stücke fehlen noch, welche nie gehört werden, z. B. Jer. 26; und wieviele werden noch als Ballast mitgeschleppt. Man denke nur an manche messianifche Weissagung, z. B. Jech. 38!. — Zn bedenken bleibt ferner, daß viele Haftaras nur in sehr losem Zusammenhang mit der Sidra stehen, und daß die Sidra-Ernteilung nach den oben dargekegten Grundsätzen wahrscheinlich nicht vollständig beibehalten werden kann. Schließlich darf nicht außer Acht gelassen werden, daß zwar die Propheten als Persönlichkeiten und an historischer Bedeutung größer als alle ander« biblische« Schriftsteller dastehen, daß aber der Inhalt der Hagiographien sehr oft an rellgiöser Wirttmg nicht hinter prophetischen Worten zurücksteht. Es ist daher zu überlegen, ob nicht, — wie es in manchen Gemeinde» schon üblich — Propheten und Hagiographen gemeinschaftlich in vernünftiger Auswahl, aber nicht als JahreszykluS, sondern in ihrer Gesamtheit der Gemeinde dargeboten werden sollten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.