Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 28 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisch liberale Zeitung Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint leben Freitag und kostet durch die Post oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 4.- Ginzelnummer 40 Vf. 3at>lunoen ausVoMchelrkonioDreslau43387,2üdifchliberale Zeitung, KaffenverwaNung, E.Dayer, Dreölau i ■rem IT1111 * ri 11» n ITT rar» g nmn « 11 rrii Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenftraste 7, l. r, in nirmrrTn t n iti rm « nmimim, Annahmeschluß für Berichte. Montag mittag Sprechstunden der Schriftlettung: Montag bis Freitag 12—i vorm, in der Geschäftsstelle. Annahmeschluß für Anzeigen: Dienstag früh Die 3'/- em breite MiMmeterreiie kostet so Dl., Samilienanzeigen 4vVf Bei Wiederholung Ermäßigung «.Tarif Nr. 28 Breslau, den 17. Juni 1921 1. Jahrgang Richtpunkte zur Umgestaltung unseres Gottesdienstes. Vor, Rabbiner Dr. v. F u ch s - C hemnitz. I. Revolutionäre Zeiten verlangen, daß nicht bloß hier und da kleine oder größere Verbesserungen angebracht werden, sondern die Grundprobleme wieder zur Diskussion gestellt werden. Gewöhnliche Zeiten haben dazu selten Kraft. Die meisten, Menschen und Gemeinschaften, vertragen den Wein nur verwässert. Den Wein zu keltern, Ideale zu suchen und aufzustellen, hat deshalb doch einen Wert. Zu geeigneter Zeit wird es Pflicht. Solche scheint jetzt gekommen für das Problem des Gottesdienstes, da eine neue starke religiöse Bewegung in Fluß kommt. Daß vieles int Gottesdienst nicht ideal ist, braucht nicht lang auseinandergesetzt zu werden. Seit hundert Jahren wird an ihm herumgedoktert, ohne daß Befriedigendes geschaffen wäre. Dem einen ist er zu lang, dem andern enthält er zu viel Hebräisch; die einen vertreiben sich in ihm die Zeit mit Unfug, viele besuchen ihn überhaupt nicht! Unsere jungen Juden aber sehnen sich nach einem befriedigerrden Gottesdienst. Sie wollen nicht Antiquitäten pflegen, sondert: dort wie überall etwas für ihre Seele gewinnen. Judentum bedeutet ihnen — ohne hier Parieifragen zu berühret: — in der Hauptsache ihnet: allen ein religiöses Seeletüeben. Darum besuchen sie wieder den Gottesdienst. Wehe uns, wenn wir ihre Sehnsucht nicht befriedigen kötrnen! Dann gehet: sie ut:s verloren! Jetzt — und schnellstens — muß der Gottesdienst so gestaltet werden, daß Jung- Juda an ihm nicht die Lust verliert; sonst vegetiert er im kommende:: Geschlecht weiter seinem Absterben entgegen! Wir geistigen Führer der jüdischen Religion haben uns deshalb zu fragen: Ist hier mit Einzelreformen zu helfen, oder muß Neuacker gepflügt werden? Mit dem Gebot: „Du sollst den Gottesdienst besuchen", mit Bittet: und Ueberreden tvird für die Dauer nichts erreicht, wen:: die Menschen nicht aus inneren Gründen gern ins Gotteshaus kommet:. Die Bereitwilligkeit dazu ist jetzt vorhanden. Liegen tun: die Mißstände an der Oberfläche oder in der Tiefe? Wir erörtern deshalb drei Fragen: Welches ist der Zweck, welches sind die Mittel, und wie muß die Anordnung des jüdischen Gottesdienstes sein? Wir dürfen bei der Beantwortung t:m so eher radikal sein, als wir für diejeniget: aus die Suche gehen, die jetzt den: Gottesdienst entsren:det und deshalb tricht durch Pietät gebunden sind. I. Der Zweck des jüdischen Gottesdienstes ist nach konservativer Anschauung die Erfüllung der ihn betreffende:: Vorschriften, die Absolvierung der traditionellen Gebete. Das Wort des Weisen: „Sieh dein Gebet nicht als Pflichterfülluttg att, sondern als Herzenserguß!", bezieht sich auf die Gesinnung des Beters, nicht aber aus den Sinn der Vorschriften selbst. Diese sind eit: für alle Mal gegeben, ihre Ausführung ist Aboda, gehorsamer „Dienst", — ebenso wie bei allen Religionspflichten, einerlei ob Sabbatruhe oder Elternehrung. Nach dem Erfolg braucht der Orthodoxe nicht zu fragen; der steht bei Gott. Das sogetiannte liberale Judentum hat grundsätzlich eine andere Einstellung zum Gesamtkulttls. Er soll MW-llberaler JiipiMn 311 Breslau. Sonntag, den 19. Juni 1921, nachmittags 3 Uhr: Treffpunkt Kürassierkaserne Spaziergang nach Lohe (2—3 Stunden) Nach Rückkehr: Beisammensein im Südpark. Montag, den 20. Juni 1921, abends 8 Ahr: Geselliges Beisammensein im Südpark Voranzeige für Sonntag den 26. Juni 1921: Ganztagsausflug nach dem sogenannten Schlesischen Spreewald (nächste Umgebung von Breslau.) Zu allen Veranstaltungen sind Anhänger und Freunde unserer Bewegung als Gäste willkommen. aus dem Herzen aufsteiget: zun: Himmel, vom Menschen zu Gott. Nicht das objektiv gegebene Gesetz soll erfüllt werden, so::dern der subjektive Wunsch des Gewissens drängt aus Erfüllung. So ist auch der Gottesdienst in erster Linie nicht gesollt, sot:deru gewollt. Die Sehnsucht nach einen: stärkeren Bewußtseit: unserer Verbindung nüt Gott, stärker als wir es gewöhnlich habet: können, treibt uns zum Gottesdienst. Wir sichlet:: in: Alltag tritt eine gewisse Entfremdung von Gott ein, Versuchungen t:t:d Berufsarbeitet: trüben und schwächen die Innigkeit der Gottesliebe und lenket: vom Heiligkeitsstreben ab, die Frömmigkeit erstirbt, — wenn sie nicht genügend ernährt wird: dazu gehen wir i::s Gotteshaus! Der Sinn des Gottesdienstes ist: er ist die Mahlzeit für de:: Hunger der Seele üach Gott! — Daß Dank-, Lobt:nd Bußgebet, Belehrung und Bekennttüs unter diese:: Gesichtspunkt zu bri::get: ist, erhellt ohne weiteres. Es gilt aber auch vot: den Bittet: um die Lebensnotwendigkeiteu, Gesundheit, Nahrung, Ehre, Freiheit, Freude, Frieden etc.; auch diese sind doch ein „Herzausschütten" vor Gott. Warum geht mau zu diesem Zweck gerade ius Gotteshaus? Warun: nicht in Gottes freie Natur oder zur Kunst, Musik und Dichtung, warun: vor allen: tncht ins stille Kämmerlein, wo die Seele, mit ihren: Gott allein, sich doch viel intiruer ausschließt? Darauf antwortet man gewöhnlich: In der Gemeinde verstärkt sich die Andacht. Und daran ist viel Richtiges. Wem: in der großen alten Synagoge 500 Männer nüt dem Lulow umziehet: und der wandelnde Paltuenhain geheimnisvoll wispert tmd rauscht, — wem: in der großen neuen Synagoge 4000 Menschen eingestehet:: „Er gab ut:s die Kraft", — wem: Barmizwoh und Konfirmandin vor versammelter Gemeinde den: Gott der Väter die Treue geloben, — oder auch bloß am Sabbat die Gemeinde sich zum Sdi’ma - Bekenntnis erhebt, — da wächst etwas in der Seele herauf, was nirgend sonst erwachsen kann, da ktrüpft sich oder verstärkt sich das Band zwischen Mensch tmd Gott, — mehr als anderswo, einfach durch die mitfortreißende Gewalt, die stets von einer Masse auf de:: Eittzelnen überströmt. Aber oft genug wird doch auch diese Wirkung auf das Gemüt gestört und geradezu aufgehoben durch eben diese Masse, nämlich durch die wettiger andächtige:: Nachbarn; tmd manche und gerade die feinste:: religiösen Regungen werden überhaupt in der Gesellschaft gar nicht ausgelöst! Es nmß noch a::dere Gründe geben, die einen Gemeiuschafts-Gottesdienst erfordern! ' Da ist zunächst zu sagen: Was er tncht schasst, bereitet er voc! Er gibt den: religiösen Seelenleben Anregung, Belehrung und E::twicklnt:g, die Verstärkung, Verfeinerung und Vertiefung. Zwar spielt sich das eigentliche religiöse Leben iu: Gemüt, und Charakter, in Gesinnung und Tat ab, und diese wird Sache der^wollenden Einzelseele; Religion kann nicht eigentlich gelehrt oder sonstwie übergeben werden. Das Judentum verwirft ja deshalb auch das Priestertun:: Wem: nicht der Funke iu: Innern glüht, dam: kam: fein anderer ihn anzündet:. — Aber wem: er da ist — und er ist in Wahrheit in jeden: fühlenden Menschenherzen! —, so kann er zur Flamme entfacht werde::! U::d das kam: die Gemeinschaft, der die Pflege der Religion auvertraut ist, tncht dem Einzelnen und dem Zufall, dem Studium und der Erziehung durch das Schicksal überlasse::. Sie kann sich mit ihrer Arbeit auch nicht an jeden einzelt: wenden. Sie ruft also die Massen zusammen, um sie zu innerlichem Leben nüt Gott zu mahnen, Wege zu zeigen und schlummert:de Keime zur Entfaltung zu bringen. So ist der Gottesdienst nicht bloß Ausführung und Erfüllm:g, sondern auch Vorbereitung, tücht bloß Höhepunkt, sondern gleichzeitig Ausgatlgspnnkt für das Wandeln auf der Höhe! Die Gemeinschaft aber ist schließlich im Gottesdienst nicht bloß Zögling und nicht bloß Erzieher, sondern auch religiöses Subjekt. Sie hat ja a::ch ihrerseits ein eigenes Verhältnis zu Gott, wenigstens bei uns Juden, denen die Judenheit nicht bloß Mittel, Religionsgemeinschaft, sondert: ein Selbstwert ist, die Brudergemeinschaft, die durch Abstammung, Schicksal, Zukunftshoffnung u::d gewisse geistige Gemeinsamkeiten zusammengeschweißt ist: Die Judenheit hat als solche, als Massenpersönlichkeit erzogen, Beziehungen zu dem Geist der Welt und der Geschichte; sie hat ihm gegenüber Hoffnungen, Bitten, Dank- und Bußgefühl, sie sucht von Zeit zu Zeit dessen stärker inne zu werden uird bedarf der Mahnung zu stärkerer Religiosität auch selbst. Natürlich müssen das die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft besorgen; denn nur der Mensch empfindet, die Gemeinschaft empfindet nicht. Aber falsch wäre es zu sagen, die einzelnen pflegten in der Synagoge das Gemeinschaftsbewußtsein. Das hieße, die Gemeinschaft zum Gott erheben! Gemeinschaftsbewußtsein ist höchstens ein Nebenprodukt des Gottesdienstes. Vielmehr erhebt sich im Gottesdienst die Gemeinschaft selbst durch die Vermittlutrg der Einzelnen zu Gott. Wir müssen also zusammenfassend sagen: Der Zweck des jüdischen Gottesdienstes ist: Er soll die Verbindung zwischen Menschenseele und jüdischer Brudergemeinschaft eitwrseits und Gott andererseits vorbereiten und Pflegen. Er ist eine pädagogische Veranstaltung der Gemeinschaft, zur Erzielung einer höchst möglichen Religiosität bei dem Einzelne::, und gleichzeitig eine Veranstaltut:g der Einzelnen, um die Gemeinschaft in ihren heiligen Aufgaben vor Gott zu stärken. •_> T i e Mittel, durch die der jüdische Gottesdienst seinen Zweck erreicht, sind seit älteste:: Zeiten: 1. das Wort, it. z. in 3 Inhalte::: Bekenntms, Belehrung und Gebet, 2. als Formprinzip die M::sik, und 3. rituelle Handlungen. Von den rituellen Handlungen ist seit der Zerstörung des Tempels die wichtigste, das gesamte Opferwesen, sortgefallen. Es enthielt die einzigen Kulthandlungen mit sakramentaler Bedeutung. Wir üben Kulthandlungen, im Gottesdienst wie im Leben, nur noch als symbolische:: Ausdn:ck für Gesinmlnge::. Solche, welche Gesinnunget: repräsentieren, die wir nicht heget: und hegen wollen, sind gefallen, und ebenso auch solche, welche unsere wirklichen frommen Empfit:dut:get: freilich ausdrücket:, aber in einer Weise, die uns unverständlich oder mißliebig geworden ist. Soweit aber Gesinnung und Form der Riten uns zusagt, akzeptieren wir sie gern als heiliges Vermächtms der Vergangenheit u::d als Vorschrift der erzieherischen Ge meinschaft an uns, ihre bereitwilligen Zöglinge. Solche sind Kopfbedecktmg, Tallith u::d Tefillin, Aufstehen und Kopfneigen bei bestimmten Worten, Tora-Ausheben und Aufrufen, der Blick nach den: Stammland unserer Väter und dessen religiösem Mittelpunkte Jerusalem, das Umdrehet: beim Ü6i kalloli, die Umzüge mit Tora und Lulob, Niederktüen am Versöhnungstag und at: die Brustschlagen, Kiddusch und Habdala etc. Nur ganz wenige Riten, die heute beobachtet werden, sind solcher Erklärung unzugänglich. Das Schofarblaset: hat zwar eine andere Art Sinn, aber den ebenso verständliche::, die Genwinde zur Buße aufzuforderti. Ich sehe nur den Brauch des Lulob, den: keine Empfindung it: unserer Seele direkt entgegenkommt. Aber er trägt soviel Anmut :n:d eigenartige Schönheit in die Steifheit des Gottesdienstes, soviel Naturfreude und Wirklichkeitssinn in die abstrakte Religion, daß nicht besser als durch ihn die Deutung des Wortes erfüllt werden katm: „Dies ist mein Gott, ihn will iti) durch Schönheit verherrlichen!" Gerade der Lulob zeigt besonders deutlich, was vonden herkönnnlichen rituellen Handlunget: im allgemeinen zu saget: ist: So wenig w i e i r g e n d n: ö g l i ch darf von ihnen ausgegeben werden, nur das, was wirklich unserem En:pfinden g a n z t: n e r t r ü g l i ch geworden ist (wie etwa „Schnodern", „Duchenen", „Schanesklopfen", „Zizithküssen etc.) Denn alles Sinnfällige hat eine besonders anregende Ki'aft und bereichert das fromme Denken ebenso stark wie es dem frommen Gefühlen eigene Farben leiht. Wenn in: „Resorn:"-Gottesdienft die rituellen Handlungen unnötig eingeschränkt sind, so ist das tatsächlich ein Zeichen schwacher Religiosität. Und ein Z eich et: lOIRUIberaler luoenOoereln zu Berlin. Sonntag, den 19. Juni 1921! tkagesausfiug von Zrieörichshagen nach königswusterhaufen. Treffpunkt: Stadtbahnsteig des Bahnhofes Charlvttenburg 7w, Abfahrt 722, oder: Stadtbahnsteig des Bahnhofes Alexanderplatz 722, Abfahrt 7*7. Rückkehr zwischen 7°° und 8°o abends. Die Wanderung geht über 30—35 Kilometer. Dienstag, den 21. Juni, abends 8 Ahr: Mtlld)i>9 Bcifamnwiftin MW Mnfcc de! MIWs (Bahnhof Nikolassee). Hierdurch ersuchen wir diejenigen unserer Mitglieder, die ihren Beitrag bis jetzt noch nicht bezahlt haben, dies umgehend zu tun, um dadurch Nachnahmespesen zu sparen. Der Kassenwart. Postscheckkonto Hans Adam, NW. 7. Berlin 78891. l__ ■ ■ 1