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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-06-10 · 27 (10.6.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
27 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Schulfrage die wichtigste. Die Zionisten vergangen nicht t nur die Mische Volksschule, sie wollen das gesamte Er- : ziehungswesen, d. h. auch Kindergärten, höhere Schulen ' und Hochschulen konfessionalisieren und hebräisieren; die , Weltgeschichte müsse vom jüdischen Standpunkt gelehrt ' werden. Die Orthodoxen erblicken in der Einrichtung von i jüdischen Schulen die einzige Möglichkeit zur Durchführung 1 der Sabbatruhe. Für Hebräisch sind acht Pflicht- und zwei i wahlfreie Stunden vorgesehen. Sogar die liberalen jüdischen Lehrer fordern die jiidische Volksschule, allerdings i nur so lange, als es auch sonst konfessionelle Volksschulen < gibt. Als hauptsächlichste Gründe für die Einführung der jüdischen Schule werden der Antisemitismus der Lehrer 1 und das schlechte Verhältnis zwischen den jiidischen und christlichen Kindern ins Feld gefiihrt. Professor Türk hält 1 diese Zustände nur für eine Folge der Revolution und daher , für vorübergehend; er ist nicht davon überzeugt, daß mit der Einführung der jiidischen Schule nun eine Gewähr dafiir geschaffen sei, daß unsere Kinder mit echt jüdischem Geist erfüllt werden, und daß sie, die in der Schule die Möglichkeit haben würden, den Sabbat zn heiligen, dies auch im späteren Leben in der von den Orthodoxen gewünschten Weise tun wiirden. Gemeinsame Erziehung mit den andersgläubigen Kindern sei schon deshalb erforderlich, weil die Gegensätze durch nichts eher ausgeglichen werden können, als durch frühzeitiges gegenseitiges Kennenlernen und Berstohenlernen. Wo sich dies nicht ermöglichen lasse, da könnten die Kinder dann schon dazrl erzogen werden, sich gegen antisemitische Anfeindungen zu wehren. Wer in Deutschland leben wolle, wolle seine Kinder auch in deutsche Schulen schicken. Die Unterstützung nationaljüdischer Wünsche und die völlige Absonderung der Juden von der Mitwelt sei Wasser auf die Mühle der Antisemiten; die Zahl der Austritte würde erschreckend zunehmen, wenn die Zionisten und die Orthodoxen die Mehrheit in der Gemeindevertretung erhalten würden. Gegen die Einführung der jüdischen Volksschule haben sich die liberale Fraktion der. Repräsentantenversamnttung und die Arbeitsgemeinschaft der jüdisch-liberalen Jugendvcreine ausgesprochen. - Im Anschluß hieran behandelte Frau Martha Henschke das Thema „Frauenarbeit und jüdische Gemeinde". Trotz aller sonstigen Fortschritte sei die Frau noch nicht zur Gemeindevertretung zugelassen. Die jüdische Frau solle aber auch, wenn ihr dies durch Aufhebung des Gesetzes von 1847 erst gelungen sei, vor allem dafür sorgen, daß ihr Haus ein wirklich jüdisches sei; dazu müsse sie im allgemeinen ihr jüdisches Wissen erweitern, sie solle sich aber auch weiter gemeinnützig betätigen und dazu helfen, daß der Jdeälisnurs wieder zu seinem Rechte komme. Der Liberale Verein müsse dazu beitragen, dgß das Gesetz von 1847 möglichst bald aufgehoben werDe. — An dritter Stelle sprach Dr. SaMlionski iiber „Aufbau und Abwehr". Nachdem die Jiidische Gemeinde durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre heruntergewirtschaftet sei, miissen die Liberalen für den Wiederaufbau sorgen; die anderen seien dazu nicht so geeignet, da die Jüdischnationaleu politische Ziele verfolgten und die-Orthodoxen zwischen diesen und den Liberalen hin und her Wenn uns die augenblickliche Situation nicht günstig zu sein scheine, so sei es in großen Dingen oft schon -etwas wert, das Gute gewollt zu haben. Das liberale Judentum wolle modernes, religiöses Leben erwecken, eS wolle aber nicht nur Neuerungen einführen und das abschassen, was seinen inneren Wert verloren habe, sondern auch das erhalten, was heute noch wertvoll sei. Außer auf religiösem Gebiet könne sich der Liberalismus auch sonst fördernd betätigen. Das jüdische Bildungswesen müsse durch Vereinheitlichung der Rabbinerseminare verbessert werden, das Gesetz von 1847 müsse aufgehoben werden, zahlreiche soziale Aufgaben harren ihrer Lösung. Berlin. Auswanderer nach Argentinien. Das Zent r a l b u r e a u f it n j ü d i s ch e A u s w ander u n g s a n g ele g e n h e i t en des H i l f s v e r - eins der Deutschen Juden schreibt uns: „Es kommt in letzter Zeit öfters vor, daß Emigranten mit dem Reiseziel Argentinien in unserem Bureau erscheinen, um Beistand in folgender Angelegenheit nachzusuchen. Sie können nämlich die Weiterreise nicht antreten, weil sie cs verabsäumt haben, sich die für sie notwendige R e i s e e r l a u b n i s s e i t e ns d e r argen- MM-ikliMrlilWll einer Allen im. 1. Fortsetzung. - Ich war mittlerweile in die Klelnkmderschule gekommen, vie Knaben mtd Mädchen zusammen besuchten, während meine jüngste Tante, die durchaus ein „Wunderlind" aus mir machen wollte, mich nebenher unterrichtete, sodaß ich .schon mit sechs Jahren Sätze „Subjekt und Prädikat", machen mußte. Dabet spielte ich leidenschaftlich gern mit Puppen und tat dies auch noch bis ins sechzehnte Jahr. Am 1. März 1855 starb Kaiser Nikolaus 1. von Rußland; dies las ich in der „Posenev Zeitung", die mein Vater, später die „Nationalzeitung", mit dem Nachbar hielt; bcti Luxus einer eigenen Zeitung gestattete man sich damals noch nicht. In dieser Zeit erlitten meine Eltern einen großen pekuniären Verlust. Mein Vater besuchte zum Wareneinkaus die Messe in Frankfurt a. d. O., die Ware, die er dort er- .. standen, wurde auf dem Wege zu Wasser durch den Eis- - gang der Oder arg beschädigt; aus der berühmten Fabrik . von Nasenach brachte er stets kleine bunte Holzschachteln mit Zuckerwerk gefüllt und Pfefferkuchen mit. Wenige Monate später wurde mein Bruder geboren und die Freude der Eltern und Großeltern war sehr groß. Meine Eltern waren ungemein bescheiden, fleißig, anspruchslos und aufopfernd . für ihre Kinder. Mein Vater tpar für die damalige Zeit .sehr gebildet; er hatte das Gymnasium bis 1839 besucht * und blieb für sein ganzes von geistigen Interessen und für - alle die Welt bewegenden Zeitfragen erfüllt, wie er unentwegt viel und gern las. Meine Mutter hatte die Mädchenschule des jüdischen Lehrers Bernhardt besucht, dort Französisch gelerntlas ebenfalls viel und gem und schrieb na mentlich sehr schöne Briese; auch war sie sehr geschickt ' allen weiblichen Handarbeiten und eine ausgezeichnete Hausfrau. Sie war der Liebling ihrer Eltern,, wurde topfn ihrem tinischcn E i n w a n d c r u u g s b e h ö rd e n in Buenos Aires rechtzeitig von ihren Angehörigen in Argentinien zu beschaffen. Ohne diese Einreiseerlaubnis aber erhalten sie nicht das Visum des argentinischen Konsuls. Diese Unterlassung rächt sich oft schwer. Die Emigranten sind gezwungen, sich — was sehr erhebliche Kosten verursacht — telegraphisch mit ihren Verwandten in Argentinieit in Verbindung zu setzen, und es vergeht eine geraume Zeit, bis Nachrichten und Papiere aus Argentinien eintreffen. In der Zwischenzeit müssen die Emigranten aber in Berlin bleiben, um auf die Papiere zu warten. Dieser nicht vorausgesehene Aufenthalt ist, insbesondere wenn es sich um Familien handelt, mit vielen Kosten und Unannehmlichkeiten für die Emigranten verknüpft. Wir sehen uns daher gezwungen, wieder ausdrücklich auf die zurzeit geltenden Bestimmungen hinzuweisen: Folgende Personen brauchen eine Spezialerlaubnis der argentinischen Einwanderungsbehörden in Bllenos Aires für die Einreise: Alleinreiseiche Kinder unter 15 Jahren, alleinrcisende Personen über 60 Jahre, alleinreisende scksivangere Frauen, alleinreisende Frauen mit Kindern unter zehn Jahren und Familien ohne Familienoberhaupt oder Vater. — Reisende nach Argentinien, die zu den vorgenannten Personen oder Kategorien gehören, müssen sich also, um sich große Unannehmlichkeiten zu ersparen, ehe sie sich in Bewegung setzen, durch ihre Verwandten in Argentinien die geforderte Einreiseerlaubnis unbedingt zuschicken lassen. Hamburg. Deutsche Sprache und Sitte bei den deutschen Juden im Mittelalter. Alls Einladung der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde, Hamburg, hielt Landesrabbiner Dr. R reger- B r a u n s ch w e i g im stark besetzten. Saal des Mlsenms für Völkerkunde einen Vortrag über den Anteil der delltschen Juden an der Geschichte der deutschen Sitte uniö Sprache, der eine wertvolle Ergänzung eines von Dr. Rieger im Oktober v. I. hier gehaltenen Vortrages iiber das Heimatrecht der deutschen Juden bot, in den: er ans die geschichtlich nachgewiesene Tatsache hingewiesen hatte, daß die Inden bereits seit 1600 Jahren in Deutschland in organisierten Gemeinden gelebt und sei wem am kulturellen Leben des delltschen Volkes den ernstesten Anteil genommen haben. In seinem weiteren Vortrag ging der Redner von dem Gedanken aus, daß die Muttersprache zu den ausbauenden Kräften der Nationalität gehört, daß mit der Einordnung in die Muttersprache auch das Einleben in die Kultur des betreffenden Volkes beginnt, und sagte dann etwa folgendes: Der geschichtliche Nachweis ist erbracht worden, daß die jüdischen Deutschen seit einen: vollen Jahrtausend in der deutschen Muttersprache gedacht und gedichtet und an der Entfaltung der deutschen Sprache tätigen Anteil genommen haben. Das Hebräische, das neben der deutschen Muttersprache von ihnen gepflegt wurde, trug den Charakter einer Kirchen- und Gelehrtensprache, während das Deutsche bei ihnen seit einem Jahrtausend durchaus als Muttersprache bezeichnet werden darf. Schon die Namengebung der Kinder bei den Juden in Deutschland zeigt, daß eigentlich so gut wie alle in Deutschland gebräuchlichen Eigennamen bei ihnen üblich waren. Die hebräischen Namen wurden durch Anpassung dem deutschen Sprachgeist so angeähnelt, daß sie nicht mehr als fremd empfunden werden konnten, ein, Vorgang, der sich auch bei der christlichen Bevölkerung Nachweisen läßt. Solche biblischen Namen, wie Hanna, Mirjam, Elischewa erhielten die Form Anna, Maria, Lisbeth. Besonders aber zeigt sich die Anteilnahme an der deutschen Sprache in den zahlreichen Uebertragungen der Gebete und der jüdischen Texte in die deutsche Landessprache. Deutsche Gebetumdichtnngen erscheinen sogar in der deutschen Fastnachtsdichtung, z. B. bei Hans Pfalz Balbirer. Sehr bald aber gewinnen die Juden eine derartige Gewandtheit in der Behandlung ihrer Muttersprache, daß sie ganze Werke der althebräischen Literatur in oft geradezu ausgezeichnete deutsche Umdichtungen übertrugen. Ein vorzügliches Beispiel solcher dichterischen Leistungen bietet die in einer Handschrift der Hamburger Stadtbibliothek erhaltene Uebertragung der Samuelbücher in deutschen Nibelungenstrophen, deren Verfasser Lima (Lowe) von Regensburg, zu den besten deutschen Dichtern des 14. Jahrhunderts gezählt werden darf. Fast alle Bibelbücher erscheinen bald im gleichen poetischen Gewände in deutscher Sprache, entweder in der beliebten Nibelungenstrophe oder in Ottava rima (Achtgesetz). Aber auch selbständige Werke in deutscher Sprache erscheinen sehr früh. Unter ihnen ist eine Reihe von Moralschriften, das Buch von der Zucht des Simeon den Jehuda und das Gärtlein des Jsaac von Worms besonders zu rühmen. Unter den selbständigen jüdischen Dichtern verdient allerdings den ersten Platz der Minnesänger Süßkind von Trimberg, dessen Lieder zu den besten Erzeugnissen aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts gezählt werden müssen, aber neben ihm steht eine nicht unbedeutende Anzahl von Verfassern von Volks- und Gesellschaftsliedern. Von drei derartigen Sammlungen erzählte der Redner eine größere Reihe von Einzelheiten, aus denen Manne angebetet, ihre Geschwister und alle Verwandten verehrten sie, ja, die ganze Stadt, alle Frauen ohne Unterschuß von Stand und Bekenntnis priesen sie als musterhafte, vorbildliche Gattin, Mutter, Tochter, Schwester und Hausfrau, denn sie war gleichermaßen tüchtig im Geschäft wie in der Wirtschaft und hat sich namentlich ihren Eltern in verschiedenen schweren Krankheitsfällen außerordentlich bewäbrt. In ihren Mußestunden fertigte sie für ihre Kinder feine Sliaereien zum Schmucke von Kleidern und Wäsche und diese lvurden in der Schule stets als Muster von Sauberkeit t) ngestcllt. Meine Eltern lebten nur für ihre Kinder und lein Opfer schien ihnen für diese zu groß. Einen breiten Raum in meinen Erinnerungen nehmen die Freitagabende, die Sonnabende und Feiertage ein. Da tvar das Geschäft geschloffen und die weihevollste Feststim- »nung herrschte im Hause. Im Sommer wurde Nachmittags ein Spaziergang nach Löwy's Garten oder auch nach Wolssruhm gemacht; da gab es „Bierkalteschale" mit Korinthen darin, die gar herrlich schmeckte; Wochentags ging es zuweilen in die „Kirschallee" oder nach Anionshof Milch trinken. Herrlich war der Seder-Abend! Da sagte einmal mein' Vater, als er in dem weißen Gewand mit den wunderbaren Hohlsäumen und breiten Spitzen an den Aermeln verziert, dem weiß-seidenen Käppchen, mit der breiten silbernen Tresse an die weißen Kiffen gelehnt saß, mit einem verklärten Liebesblick aus die Mutter: „Kinder, heute ist d Mama eine Königin!" Und so erschien es uns in der Tcn — Noch bei weitem schöner war, wenn möglich, der große Neujahrsempfang bei den Großeltern-»in der „blauen Stube". Nach dem Abendgottesdienst, der das Neuiahrssest etngeläutet halte, 'versammelte sich die ganze Familie bis in di entferntesten Glieder dort, und die Großeltern, der Großvater, eine imposante, ehrsurchtgebieiende Erscheinung, im langen, feinen schwarzen Tuchrock mit dem schwarzen Sammetkäppchen ans dem ehrwürdigen Haupt, die Großmutter, deren Bedeutung für die deutsche Literatur hervorging. Eine nicht unbedeutende Anzahl der deutschen Heldensagen, Liebeserzählungen und «Schwänke hat ebenfalls schon recht frühzeitig eine selbständige Bearbeitung seitens der Juden erfahren, sodaß die Geschichte ihres Anteils am deutschen Schrifttum als nicht unwesentlich bezeichnet werden kann. Bei den Sitten der deutschen Juden läßt sich eine eigenartige Gegenseitigkeit insofern feststellen, als deutsche Sitten in jüdischen Kreisen eine Neugestaltung erfuhren und jüdische Sitten unter den Christen Ausnahme fanden. Der Redner verweist besonders auf die bemerkenswerte Tatsache, daß die deutschen Juden in allen ihren geselligen Betätigungen, vor allem aber in ihrer Freude am Waffenhandwerk von ihrer christlichen Umgebung sich nicht unterschieden haben. Streitbare Juden werden während des ganzen Mittelalters in allen Teilen Deutschlands genannt. Selbstverständlich beteiligten sich die Juden auch an allen Handwerken, bis ihnen das Zunftwesen eine weitere Betätigung auf diesen Gebieten unmöglich machte. Seit dem 11. Jahrhundert sind die Juden am Geldhandel beteiligt, nachdem sie vorher den Großhandel und vor allem die Aus- und Einfuhr aus und nach dem Orient gepflegt hatten Trotz aller Gehässigkeiten, von denen uns das Mittelalter berichtet, lassen sich doch zahlreiche Züge Nachweisen, aus denen hervorgeht, daß weite Kreise der christlichen Bevölkerung sich von jeglichem Judenhasse ferngehalten haben. Der Redner erwähnte vor allem Reuchlins Augenspiegel und Luthers klassische Schrift von 1523, daß Jesus Christus ein geborener Jude gewesen sei. Mit einem Hinweis darauf, daß die deutsche Nationalliteratur gerade dem Eintreten Moses Mendelssohns für ein deutsches Schrifttum uneMich viel zu verdanken habe, schloß der Redner seine von einem dankbaren Publikum von Anfang bis zu Ende mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten Darlegungen. Spandau. Amtliche Judenhetze. Hier erscheint das „Spandauer Tageblatt", an dessen Kopf gedruckt steht: „Amtliches Organ für ortspolizeiliche Verordnungen und Bekanntmachungen mit verbindlicher Kraft für das Publikum und sämtliche Behörden". Dies Blatt bringt in seiner Nr. 118 einen Leitartikel „Börsenfchlachten und Heldenmut", der mit dem Satze schließt: Wir fordern ein rücksichtsloses Judengesetz". Diese Forderung wird begründet mit allerlei Phantasien, wie sie wirklich nur einem kranken antisemitischen Gehirn entspringen können. U. a. wird behauptet, der englische Minister Churchill habe bei Skagerrak „die Niederlage der deutschen Flotte durch geschickte Manöver vermeiden lassen", weil er von Sir Ernest Cassel im Interesse von Börsenspekulationen bestochen gepriesen sei! Ein Blatt, das so etwas schreibt, würde sicherlich selbst bei den Insassen von Dalldorf nur teilweise auf Glauben stoßen. Aber der Spandauer Polizei erscheint es als Publikationsorgan passend. Hohenlimburg. Jüdische Schule. Die jüdische Gemeinde hat mit Rücksicht auf ihre bedeutenden Zuschüsse zu den Schullasten ihrer Privatschule den Antrag gestellt, die Stadt möge einen Zuschuß geben. Der Antrag wurde abgelehnt, aber der jüdischen Gemeinde anheimgegeben, einen Antrag zu stellen, ihren Lchrer in den Schuldienst der Stadt übernehmen zu lassen und die Kinder in >die allgemeinen Volksschulen einzugliedern. Stuttgart. Israelitische Landeskirchenversammlung Württembergs. Die verfassunggebende israelitische Landesk i r ch e n v e r s a :n m l u n g trat zur Beratung der neuen Kirchenverfassung zusammen. Präsident B a e l z , der im Namen der Oberkirchenbehörde die Versammlung eröffnete, betonte, daß die Beschlüsse in wichtigen Fragen, nämlich der des Besteuerungsrechtes und des Austrittes aus der Religionsgemeinschaft, nur vorläufige sein konnten, da sie durch das im Winter zu erwartende Gesetz über die Kirchen voraussichtlich zum größten Teil entbehrlich würden. Der vorgelegte Verfassungsentwurf lehne sich weitgehend an das Jsraelitengesetz von 1921 an, das sich sehr gut bewährt habe. Die hierin verbliebenen Rechte des Staatskirchentums müßten nach der Reichsverfassung zum größten Teile wegfallen. Württemberg sei das einzige deutsche Land, das eine israelitische Landeskirchenorganisation besitze; diese solle aufrecht erhalten und zeitgemäß fortgebildet werden. Alterspräsident H e u m a n n (Laupheim) bemerkte, es sei das erstemal, daß ein Landtag der Israeliten zusammentrete, um der jüdischen Religionsgemeinschaft eine Verfassung zu geben. Bei den Wahlen wurde zum ersten Vorsitzenden Fabrikant Julius Rothschild, zum zweiten Rechtsanwalt Dr. H a y u m - Tübingen gewählt. Regierungsrat Dr. Nordlinger hob die wichtigsten Aenderungen des Entwurfs: Wahl des Vorsitzenden des Kirchenvorsteheramtes, Neuregelung der Bestellung der geistlichen Beamten, Leitung der Angelegenheiten der Religionsgemeinschaft durch die Oberkirchenbehörde und die Landeskirchenversammlung hervor. An der Gesamtorganisation der württembergischen Israeliten soll festgehalten werden. Ob die Organisation des Allgemeinen Israelitischen Gemeindebundes sich eine zarte, sanfte Frau, im seidenen Kleide, mit der Blondenhaube, die breite lila Bandschleisen zierten, hielten Cercle. Erem Jom Kippur zwischen Mincha und dem A bend gölte Menst, ehe man zu „Kol nidre" in die Synagoge : wallfahrte, ging wieder die ganze große Familie zu den Großeltern „wünschen". Im Winter 1855/56 verlobte sich wieder eine meiner Tanten; sie blieb am Erle und kam in eine Familie, die an Einbildung aus ihr „Jichus" noch die unsere bei weitem überlras. Ich wollte mich schier lotlachen, als die Großeltern und die Schwiegereltern der Tante sich „Machutten" und „Machteneste" titulierten. Mehr als fünfzig Jahre später hat der verewigte Vater unserer teuren Schwiegertochter meinen Mann und mich gleichert maßen unter Scherz und Lachen angeredet! In demselben Winter lernte ich auch schon Französisch bei meiner Tante. Der „Pluriel" der Deklination „le rot" : wollte durchaus nicht in meinen Kopf und da ein Ktnderi ball staltftnden sollte — die Schneiderin war schon bestellt, die mir eist rgsa Bar^geckleid mit Krausen und : rosa Atlasbändern machen sollte — drohte die > Tante „Du darfst nicht zum Kinderball gehen, wenn Du : den „Pluriel" nicht kannst." Vergebens bat der Großvater, . sie solle das „Kind" nicht so sehr mit dem Lernen quälen, i sie beharrte bei ihrer Drohung und diese half auch endlich, der „Pluriel" flog in meinen Kops und der Kinderball war wunderschön! Die „Großen" gingen öfters zum Ball oder Kränzchen in die „Ressource", dort wurde auch zuweilen - Theater gespielt, auch meine jüngste Tante wirkte in die , „Hochzeitsreise" von Bendix mit und dort empfing ich auch - meinen ersten Theatereindruck. Im August 1856 fand die Hochzett meiner Tante statt, bet ä»er ich ein Gedicht als . TirHlerin vortrug und im Herbst kam ich in die höhere Töchterschule von Fräulein Killer. (Fortsetzung folgt.)

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